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Gisel

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.10.2018

Geheimnisse und Intrigen im historischen Prag

Alchimie einer Mordnacht
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Christian Stern kommt im Winter 1599 nach Prag, um dort sein Glück zu machen. Doch der junge Gelehrte und Alchimist findet gleich am ersten Abend die Leiche einer jungen Frau auf der Straße und gerät in ...

Christian Stern kommt im Winter 1599 nach Prag, um dort sein Glück zu machen. Doch der junge Gelehrte und Alchimist findet gleich am ersten Abend die Leiche einer jungen Frau auf der Straße und gerät in das von Intrigen verseuchte Umfeld des Kaisers Rudolf. Zunächst steht er im Verdacht, die junge Frau ermordet zu haben, dann erhält er den Auftrag, ihren Mörder zu finden. Gar nicht einfach, wenn man nicht weiß, wem man überhaupt vertrauen kann…

Düster und kalt ist dieses Prag, das der Autor John Banville alias Benjamin Black heraufbeschwört. Von größter Anerkennung und Ruhm für Christian Stern ist der Weg aber auch nicht weit weg von Tod und Verderben, jederzeit kann das wackelige Glück umschlagen und Gefahr heraufbeschwören. Eine interessante Ausgangslage, und der Autor lässt seinen Protagonisten selbst erzählen, was sich daraus ergeben hat. Der Sprachstil ist an vergangene Zeiten angelehnt, das fand ich anfangs ganz nett, aber immer eher schwierig zu lesen. Dabei allerdings fehlte mir dann die Geduld, mich mit den vielerlei Intrigen am Hof des Kaisers auseinanderzusetzen, so dass ich irgendwann gar keine Lust mehr dazu hatte. Ich muss gestehen, das Buch geriet für mich so langatmig, dass ich überlegte, es abzubrechen. Meiner Meinung nach ist das Buch eher historischer Roman denn Kriminalroman, denn der Mordfall selbst und seine Lösung stehen irgendwann nur noch unter „Ferner liefen“. Auch Stern scheint gar nicht richtig den Ehrgeiz dazu zu haben, weitere Erkenntnisse herauszuarbeiten.

Insgesamt hat das Buch mich eher enttäuscht, wirklich weiter empfehlen mag ich es gar nicht. Möglicherweise ist es eher etwas für Menschen, die sich für das historische Prag interessieren, aber auch das kann ich nicht ehrlich beurteilen.

Veröffentlicht am 02.10.2018

Verkettung unglücklicher Umstände

Ein besoffener Bär im Bergwerkswald
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Bürgermeister Per ist mit seiner Familie zum Pilzesammeln im Wald, als sie von einem seltsamen Geräusch und einer Bewegung aufgeschreckt werden. Während sein Sohn mit dem Handy ein Video davon dreht, eilen ...

Bürgermeister Per ist mit seiner Familie zum Pilzesammeln im Wald, als sie von einem seltsamen Geräusch und einer Bewegung aufgeschreckt werden. Während sein Sohn mit dem Handy ein Video davon dreht, eilen alle zurück ins Auto. Als der Sohn das Handy ins Internet stellt, setzt er eine Kette von Ereignissen in Gang: Ganz Schweden rätselt, ob es ein betrunkener Bär sei, ein Elch, ein Jungelefant oder gar ein Außerirdischer. Und plötzlich finden sich haufenweise Touristen ein, eine skurrile Verschwörungstheorie toppt die vorhergehende, das Dorf erlebt einen unerwarteten Aufschwung. Doch was wird danach kommen, wenn das Rätsel gelöst ist?

Was nur schief gehen kann, geht auch schief – nach diesem Motto lässt der Autor Petteri Nuottimäki die Ereignisse immer weiter eskalieren. Es ist erstaunlich, wie pointiert er alles auf die Spitze treibt, da musste ich immer wieder vor mich hin grinsen. Sein rabenschwarzer Humor hält auch vor den peinlichsten Moment nicht inne, Bürgermeister Per wird nichts erspart. Dazu passt die Auflösung, was hinter dem schnaubenden, torkelnden, stampfenden Etwas steckt, einfach köstlich! Hinter der spannend-lustigen Erzählung steckt eine gute Prise Sozialkritik, der Autor verteilt jede Menge Seitenhiebe, die auf Anhieb sitzen. Wie überhaupt der Autor auch sehr gerne mit der Sprache spielt, hier erwarten den Leser einige auserlesene Kostbarkeiten. Man darf die Geschichte nicht ganz ernst nehmen, eher sollte man sich einfach in den Strom der Erzählung begeben und einfach auf sich wirken lassen.

Dieses Buch ist so bitterböse, rabenschwarz und völlig überdreht, dass ich es einfach nur weiterempfehlen kann.

Veröffentlicht am 02.10.2018

Warmherzige Geschichte über eine persische Familie

Als die Tage nach Zimt schmeckten
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Zod wartet jeden Tag auf einen Brief von seiner Tochter, die er vor Jahren nach Amerika geschickt hatte. Es war zu gefährlich geworden für seine Kinder Noor und Mehrdad, das alte Persien hatte sich verändert, ...

Zod wartet jeden Tag auf einen Brief von seiner Tochter, die er vor Jahren nach Amerika geschickt hatte. Es war zu gefährlich geworden für seine Kinder Noor und Mehrdad, das alte Persien hatte sich verändert, es war sicherer für sie, als Jugendliche nach Amerika zu gehen. Nach 30 Jahren nun wird Noor ihn endlich besuchen, mitsamt ihrer Tochter Lily. Noor kehrt zurück in die alte Heimat, muss jedoch nach und nach erkennen, wie viel sich verändert hat. Sie ist frisch getrennt von ihrem Ehemann, der sie mit einer anderen Frau betrogen hat. Was wird die Zukunft ihnen allen bringen?

Sehr einfühlsam und mit viel Hintergrundwissen erzählt die Autorin Donia Bijan von den Geschehnissen rund um das Café Leila, über vier Generationen der Familie Yadegar: über die russischen Einwanderer, die das Café gegründet und dabei selbst zu Persern geworden sind, über deren Kinder, von denen Zod das Café übernommen und mit viel Herzblut weitergeführt hat, bis hin zu Noor und deren Tochter Lily, die in diesem Sommer zu Besuch kommen. Das Buch selbst scheint nach Zimt und Kardamom und all den feinen Gerüchen der persischen Küche zu riechen, die das Café über Jahre hinweg einhüllen und auch über die schweren Zeiten der Ajatollahs tragen. Wie ein Kokon scheint das Café Leila seine Bewohner zu schützen, doch der Schein trügt, gab es doch schon den Tod von Zods Frau zu verkraften. Sehr gut wird Noors Zerrissenheit gezeigt zwischen den beiden Kulturen, in denen sie steckt, der persischen Kultur ihrer Kindheit wie auch der amerikanischen Kultur, die ihr Erwachsenenleben bestimmte. Sachlich beschreibt die Autorin die heutige Situation in Teheran, so dass der Leser sich sowohl im zeitlichen Rahmen wie auch in den örtlichen Gegebenheiten gut zurechtfinden kann.

Diese warmherzige Geschichte hat mich sehr berührt, sehr gerne empfehle ich sie weiter und vergebe alle fünf möglichen Sterne.

Veröffentlicht am 01.10.2018

Prosecco zum Hören

Ich hab's auch nicht immer leicht mit mir
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Anne Vogd ist Kabarettistin. Sie erzählt aus ihrem Leben, nimmt sich dabei selbst auf die Schippe. Vielerlei Themen streift sie dabei, aus ihren verschiedenen Lebensabschnitten. Manche Anekdote kommt bekannt ...

Anne Vogd ist Kabarettistin. Sie erzählt aus ihrem Leben, nimmt sich dabei selbst auf die Schippe. Vielerlei Themen streift sie dabei, aus ihren verschiedenen Lebensabschnitten. Manche Anekdote kommt bekannt vor, insbesondere beim Einstieg in das Hörbuch dachte ich sehr oft: Kenn ich, abgehakt. Doch es lohnt sich, weiter dabei zu bleiben, da kommen die Abschnitte, die originelle Ideen einbringen. Vieles davon erkennt man wieder von sich selbst, ihre Anekdoten kommen sehr pointiert und messerscharf daher. Da kamen dann bei mir auch die Lacher, die ich anfangs ein bisschen vermisst hatte.

Das Hörbuch ist eine gekürzte Lesung, von der Autorin selbst gelesen. Das gibt ihr die Möglichkeit, ihre Pointen selbst genau zu setzen, und das tut sie gekonnt mit ihrem rheinischen Sprachkolorit. Ihre Selbstironie bringt ihre Geschichten gut auf den Punkt. Da perlt tatsächlich der „Prosecco zum Hören“.

Ein vergnügliches Hörabenteuer aus dem Alltag der Frau ab 40, witzig-spritzig zum Gute-Laune-Gewinnen.

Veröffentlicht am 01.10.2018

Rasanter Thriller

Bösland
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1987 wird der 13jährige Ben verhaftet, weil er seine Freundin mit einem Golfschläger totgeschlagen hat. 30 Jahre später hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Mit seiner Therapeutin hat er vieles aufgearbeitet, ...

1987 wird der 13jährige Ben verhaftet, weil er seine Freundin mit einem Golfschläger totgeschlagen hat. 30 Jahre später hat er sich ein neues Leben aufgebaut. Mit seiner Therapeutin hat er vieles aufgearbeitet, sie ermutigt ihn, sich seinen Erinnerungen zu stellen. Denn er kann sich nicht daran erinnern, wie er seine Freundin ermordet haben soll. Doch dann wird seine Therapeutin mit einem Golfschläger erschlagen, genau zu dem Zeitpunkt, als Ben einen Termin bei ihr hatte…

Mit viel Spannung erzählt der Autor Bernhard Aichner die Geschichte von Ben, dem es nach 30 Jahren gelingt, seine Erinnerungen wieder zu finden, was sein Leben völlig auf den Kopf stellt. Dabei gerät er in größte Gefahr, immer wieder und scheinbar ohne etwas dazuzulernen. Das steigert die Dramatik ungemein, während der Leser sich sehr gut mit ihm identifizieren kann. Die kurzen Kapitel und die unerwarteten Wendungen bringen zusätzliche Hektik in die Erzählung. Die Einblicke in Bens Seelenleben wie auch in seine Erkenntnisse lassen den Leser mit ihm mitfiebern und sich mit ihm solidarisieren. Auch wenn man bald ahnt, was damals geschehen ist, bleibt die Spannung durch den Gefahrenmoment wie auch die rasante Erzählweise bis zum Schluss erhalten. Und „Bösland“, dieser Raum auf dem Dachboden, in dem sein Vater ihn wiederholt misshandelt hat, bleibt bis zum Schluss voller Gefahren für Ben, auch wenn er schon längst erwachsen ist.

„Bösland“ ist ein faszinierender Thriller, der seinen Protagonisten durch eine harte Schule schickt. Das ist mega-spannend zu lesen, die Geschichte entwickelt ihren eigenen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Deshalb eine unbedingte Leseempfehlung von mir!