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Veröffentlicht am 13.10.2025

Midlife Crisis eines Schäfers

Insel am Rand der Welt
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James Rebanks betreibt mit seiner Frau und den vier Töchtern einen Bauernhof in Cumbria im Nordosten des Lake District, der seit Generationen in der Familie ist. Eine wunderschöne, aber auch unwirtliche ...

James Rebanks betreibt mit seiner Frau und den vier Töchtern einen Bauernhof in Cumbria im Nordosten des Lake District, der seit Generationen in der Familie ist. Eine wunderschöne, aber auch unwirtliche Landschaft, was jede/r bestätigen wird, der die Gegend kennt. Aber er ist auch ein Bestsellerautor, der mit seinen ersten beiden Büchern „Mein Leben als Schäfer“ und „Mein englisches Bauernleben“, beides Alltagsbeschreibungen des bäuerlichen Lebens, große Erfolge feiern konnte.

Die „Insel am Rand der Welt“ liegt in der Nähe des Polarkreises und gehört zu Norwegen. Dort hatte er von einem Boot aus in der Ferne eine alte Frau gesehen. Unwirklich, windzerzaust, archaisch. Fast so, als hätte sich eine Tür zur Vergangenheit aufgetan. Ein Bild, das ihn nicht loslässt, und in seine Erinnerungen eingebrannt scheint.

Er nimmt zu ihr Kontakt auf und begleitet sie zur Insel Fjærøy, wo sie während der Brutzeit der Eiderenten die Familientradition fortsetzt. Sie richten deren Nester her, sammeln die verbliebenen Daunen ein, die später verkauft werden, und leben während dieser zehn Wochen ein Leben ohne die Errungenschaften der modernen Welt. Dieses tägliche Einerlei auf dem windumtosten Eiland samt den gelungen Beschreibungen der Umgebung ist zweifelsohne gelungen. Wenn er sich nur darauf beschränkt hätte.

Was mich allerdings immens gestört hat, waren die Selbstreflexionen des Autors. Der 51jährige sinniert nicht nur über den erbarmungswürdigen Zustand der Welt als auch über seine eigene Rolle innerhalb der Familie und darüber, was die Zukunft wohl für den Hof und das Familienerbe bringen wird. Das wirkte eher wie Midlife Crisis Gejammer, vollgepackt mit Klischees und ist mir ziemlich auf die Nerven gegangen.

Veröffentlicht am 08.10.2025

Unkomplizierte Rezepte für die gesunde Alltagsküche

Eat Yourself Healthy
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Jamie Oliver ist ein Koch, der wahrscheinlich durch seine mediale Dauerpräsenz auch hierzulande den meisten bekannt ist. Ganz gleich, ob One Pot, Air Fryer oder Quick and Easy – er erkennt Food Trends ...

Jamie Oliver ist ein Koch, der wahrscheinlich durch seine mediale Dauerpräsenz auch hierzulande den meisten bekannt ist. Ganz gleich, ob One Pot, Air Fryer oder Quick and Easy – er erkennt Food Trends und hat sogleich die dazu passenden Kochbücher auf dem Markt. Aber eh hier ein falscher Eindruck entsteht, ich bewerte das nicht negativ. Im Gegenteil, ich freue mich darüber, denn Jamie Oliver ist einer der Köche, dessen Rezepte sich auch im Alltag ohne dickes Portemonnaie und mit überschaubarem Zeitaufwand realisieren lassen.

Nun also „Eat yourself healthy“, ein Thema, das uns alle angeht, für Jamie Oliver aber eine Herzensangelegenheit ist, was er ja bereits vor Jahren mit seiner Kampagne für besseres Schulessen in England hinreichend bewiesen hat.

Neben 120 Rezepten und – das ist neu bei ihm – einem detaillierten und nährstoffreichen 2-Wochen-Kickstarter, der auf den Grundpfeilern der gesunden Ernährung nach den neuesten ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Zusätzlich versorgt er uns mit jeder Menge Informationen zu den benötigten 7-an-einem-Tag und gibt uns 50 Tipps und Tricks an die Hand, mit denen wir unserem Körper ohne großen Aufwand Gutes tun können. Ergänzt wird dies durch vier Seiten mit konkreten Ratschlägen, deren Thema insbesondere Einkauf, Ersatz und Lagerung der Lebensmittel ist. Nicht zu vergessen, die ausführlichen Nährwerttabellen für sämtliche Gerichte am Ende des Kochbuchs.

Die Einteilung der Rezepte birgt keine Überraschung: Frühstück, Mittag, Abend, Wochenende, Süß & Gesund und Getränke. Alle sind durch die Bank weg alltagstauglich, selbst die etwas ausgefallenen Zutaten in jedem Supermarkt erhältlich, und, da Gemüse und Hülsenfrüchte die Hauptdarsteller sind, sogar recht preiswert. Tierische Produkte werden in Maßen eingesetzt, können aber durchaus durch vegane Varianten ausgetauscht werden. Die Zubereitungen sind unkompliziert, also der gewohnte Jamie Oliver-Style und vom zeitlichen Rahmen her, wie wir es von ihm kennen, absolut im Rahmen.

Ein rundum gelungenes Kochbuch mit leckeren, unkomplizierten Rezepten für die gesunde Alltagsküche, das inspiriert und in keiner Küche fehlen darf. Große Empfehlung!

Veröffentlicht am 01.10.2025

Back on track

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code (Die Mordclub-Serie 5)
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Es gibt Neues von den scharfsinnigen Senioren aus Coopers Chase. Zu Beginn war ich skeptisch, denn Band 4 der Donnerstagsmordclub-Reihe konnte mich nicht überzeugen. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft ...

Es gibt Neues von den scharfsinnigen Senioren aus Coopers Chase. Zu Beginn war ich skeptisch, denn Band 4 der Donnerstagsmordclub-Reihe konnte mich nicht überzeugen. Ich hatte das Gefühl, dass die Luft raus wäre, aber mit dieser Fortsetzung „Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code“ hat Richard Osman zweifelsfrei bewiesen, dass er wieder in der Spur ist.

Elizabeth ist noch immer in Trauer, Ron mit einem familiären Notfall konfrontiert und Ibrahim noch immer bestrebt, die kriminelle Connie auf den Pfad der Tugend zurückzuholen. Und Joyce? Sie geht völlig in ihrer Rolle als Mutter der Braut auf, hat doch ihre Tochter endlich den Mann fürs Leben gefunden.

Für einen Kriminalroman wäre allein das allerdings zu wenig, und da kommt Nick, Trauzeuge des Schwiegersohns, ins Spiel, der Elizabeth um Hilfe bittet. Seine Geschäftspartnerin Holly ist spurlos verschwunden und er ist der festen Überzeugung, dass auch ihm jemand nach dem Leben trachtet, um an den Code für den Tresor zu gelangen, auf dem ein unfassbar hoher Betrag an Krypto-Währung festliegt. Ein Betrag, für den Kriminelle zweifelsfrei auch vor Mord nicht zurückschrecken würden. Aber um Zugang zu gelangen, wird ein Code benötigt, den nur er und Holly kennen…

Osman hat sich diesmal dagegen entschieden, Elizabeth ins Zentrum des Geschehens zu stellen. Diesmal tragen die empathische Joyce, die immer das Wohlergehen ihrer Freunde im Blick hat, und der hemdsärmelige Ron, der üblicherweise erst handelt und dann denkt, die Ermittlungen. Und das hat der Story zweifelsfrei gut getan, schafft dies doch mehr Nähe zu den Protagonisten, insbesondere zu Ron, der sich rührend seines gewitzten Enkels annimmt. So, wie man es von einem Opa erwartet.

Der Kriminalfall hätte zwar etwas mehr Spannung vertragen können, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich diese Cosy Crime Reihe lese. Ich mag diese Senioren, die der Zufall zusammengeführt hat. Mag es, wie sie sich in Krisensituationen gegenseitig unterstützen. Mag es, wie Osman die altersgemäßen Unzulänglichkeiten augenzwinkernd, aber immer mit dem gebotenen Respekt beschreibt, wodurch er die plumpen Schenkelklopfer, die man so oft bei den deutschsprachigen Autoren des Genres findet, vermeidet. Und diesmal hat er es sich auch überraschenderweise nicht nehmen lassen, en passant die eine oder andere ironische Bemerkung zur politischen Realität in England einzufügen.

Gut gemacht, Mr Osman!

Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein Roman fürs Herz

Samstagabend im Lakeside Supper Club
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Nach „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ und „Die Bierkönigin von Minnesota“ ist „Samstagabend im Lakeside Supper Club“ der dritte Roman des in Minnesota geboren und aufgewachsenen J. Ryan ...

Nach „Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens“ und „Die Bierkönigin von Minnesota“ ist „Samstagabend im Lakeside Supper Club“ der dritte Roman des in Minnesota geboren und aufgewachsenen J. Ryan Stradal, der sich vor der Autorenkarriere seine Sporen als Editor und Produzent für Fernsehshows verdiente.

Seine Romane sind im Mittleren Westen verortet, er ist dessen Chronist, erinnert in seinen Romanen an ein Amerika, in dem noch alles möglich war, auch einfache Leute auf ehrliche Weise ihr Glück machen konnten, wenn sie nur hart genug arbeiteten. Stradal lässt uns die Bekanntschaft von Familien machen, in denen geliebt, gelacht, gestritten, getrauert und getröstet wird, die zusammenhalten, ganz gleich, was geschieht.

Wir kehren ein im Lakeside Supper Club, in dem seit vier Generationen die Frauen Miller-Frauen das Heft in der Hand haben. Supper Clubs sind am ehesten unseren Gastwirtschaften auf dem Land vergleichbar, in denen es gute und ehrliche Hausmannskost zu günstigen Preisen gibt.

Alles fängt mit Betty an, die in den 30er Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion gemeinsam mit ihrer Tochter Florence ihr Zuhause verlässt. Eine Reise ins Ungewisse. Sie sind mittellos, fahren per Anhalter, werden bestohlen. Doch dann hält Floyd Muller an, der kürzlich ein Restaurant am Bear Jaw Lake geerbt hat. Sie kommen ins Gespräch und er bietet ihnen eine Unterkunft an. Was nur als Interimslösung gedacht war, markiert den Anfang einer Zukunft, in der Schicksale und Emotionen der Miller-Frauen (zuerst Betty und Florence, später dann Mariel, Florence‘ Tochter, und am Ende deren Tochter Julia, die den Schlusspunkt setzt) eng mit dem Supper Club verknüpft sind, der ihnen Hoffnung schenkt, aber auch in Zeiten der Trauer Trost bietet.

Der Autor behandelt seine Protagonistinnen mit Verständnis, Sympathie und Liebe. Und ja, der Vergleich mit Kent Harufs Romanen drängt sich auf, denn das, was für ihn die Bewohner seiner Kleinstadt Holt, Colorado sind, nämlich gute, hart arbeitende Menschen, finden wir auch in Stradals Romanen aus dem Mittleren Westen. Wir dürfen bei ihnen zu Gast sein, mit ihnen an einem Tisch sitzen, einen Blick auf ihr Leben werfen. Berührend erzählt. Ohne Wenn und Aber ein empfehlenswerter Roman, ein Roman fürs Herz, der die großen Themen des Lebens behandelt.

Veröffentlicht am 10.09.2025

Nie wieder!

Die Dolmetscherin
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„Die Dolmetscherin“, ein Titel, der auf den ersten Blick eher unscheinbar daherkommt. Aber der Schein trügt, denn es ist kein leichter sondern ein gewichtiger Stoff, den sich Titus Müller, wie wir es von ...

„Die Dolmetscherin“, ein Titel, der auf den ersten Blick eher unscheinbar daherkommt. Aber der Schein trügt, denn es ist kein leichter sondern ein gewichtiger Stoff, den sich Titus Müller, wie wir es von ihm kennen, für seinen neuen historischen Roman ausgesucht hat.

Die Handlung ist in den Jahren 1945/46 verankert, Hauptthema sind die Innenansichten auf die Nürnberger Prozesse, in denen die führenden Vertreter des NS-Regimes für ihre Verbrechen wider die Menschlichkeit zur Rechenschaft gezogen werden. Allesamt Unsympathen ohne Schuldbewusstsein, was in ihren Verhören deutlich zum Ausdruck kommt.

Die titelgebende Dolmetscherin ist (die fiktive) Asta Maschner, eine in Deutschland geborene junge Frau, ausgewandert nach Amerika und jetzt, getrieben von dem Wunsch nach Vergeltung, zurückgekommen. Neben ihrer Muttersprache beherrscht sie das amerikanische Englisch perfekt und übersetzt anfangs im Kurhotel im luxemburgischen Mondorf-les-Bains, dem „Internierungslager“ der prominenten Nazi-Größen, deren Verhöre. Doch damit nicht genug. Von Rachedurst für die Folter und dem Mord an ihrer Lieblingstante getrieben, setzt sie alles daran, auch bei den Nürnberger Prozessen als Simultandolmetscherin eingesetzt zu werden. Es gelingt. Aber was hat es mit ihren Verbindungen zum russischen Geheimdienst auf sich? Warum spielt sie ein doppeltes Spiel und setzt sich permanent der Gefahr aus, enttarnt zu werden? Und welche Rolle spielt Leo, ein Kriegsheimkehrer, der den Kontakt zu ihr sucht und offensichtlich auch an allen möglichen Informationen interessiert ist? Ist sie für ihn nur Mittel zum Zweck oder ist da mehr?

Die Handlung des Romans ist eingebettet in realistische Beschreibungen des Nachkriegsalltags. Die Städte sind von den Bomben zerstört, die Menschen leben in provisorischen Unterkünften. Die Kälte ist unbarmherzig, aber Brennmaterial kaum zu bekommen. Hunger ist ein ständiger Begleiter, man verkauft oder vertauscht das, was man in den Trümmern findet, für eine Rübe oder einen Kanten Brot, um den ärgsten Hunger zu stillen. Familien sind zerbrochen, was die Männer, die aus dem Krieg heimkehren, schmerzlich feststellen müssen. Bis zur Normalität ist es noch lange hin.

Ein beeindruckender Roman, der der insbesondere durch die Schilderungen der Verbrechen von Göring und seinen Kumpanen schmerzhaft zu lesen ist und nicht nur Astas Wunsch nach Vergeltung nachvollziehbar macht.