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Veröffentlicht am 03.05.2026

Langatmige Mogelpackung

Home Before Dark
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Die „Mörderisches Island“ Reihe habe ich mit Ausnahme von Band 4 „Verlassen“ sehr gerne gelesen, und gerade deshalb hätte ich gewarnt sein sollen, denn genau das, was ich bei diesem kritisiert habe, treibt ...

Die „Mörderisches Island“ Reihe habe ich mit Ausnahme von Band 4 „Verlassen“ sehr gerne gelesen, und gerade deshalb hätte ich gewarnt sein sollen, denn genau das, was ich bei diesem kritisiert habe, treibt die Autorin in „Home Before Dark“ auf die Spitze.

Aber first things first. 1977, zehn Jahre sind vergangen, seit Kristin (Stina) spurlos verschwunden ist. Und noch immer leidet die Familie, insbesondere ihre Schwester Marsibil (Marsi), unter dem Verlust, insbesondere, da offenbar niemand, weder die Eltern noch die Polizei, großes Interesse daran hatte, diesem Vermisstenfall nachzugehen. Was ist damals geschehen? Und hat der geheimnisvolle Brieffreund Marsis, mit dem sie damals im Namen der Schwester, etwas mit dem Verschwinden dieser zu tun? Hat er sie während seines angekündigten Besuchs getötet? Diese Fragen stellt sich Marsi und lässt die damaligen Ereignisse während des Besuchs bei ihren Eltern Revue passieren. Marsibil und Kristin, 1977 und 1967, zwei Zeitebenen, zwei ich abwechselnde Perspektiven, die Licht ins Dunkel bringen sollen.

Gelabelt ist „Home Before Dark“ als Psychothriller, wird als „atemberaubender Nordic Noir“ bezeichnet, was natürlich hohe Erwartungen weckt. Aber leider werden diese nicht erfüllt. Anstelle eines Thrillers bekommt man das Porträt einer dysfunktionalen Familie, in der jede/r bemüht ist, die Realität auszublenden bzw. zu verleugnen. Über 300 Seiten nichtssagende Nabelschauen und Wiederholungen, durch die man sich durchquälen muss, in denen die Handlung auf der Stelle tritt, bevor das letzte Viertel an den Haaren herbeigezogenen Erklärungen gewidmet ist, die leider durch die Vielzahl unglaubwürdiger Twists ad absurdum geführt werden.

Fazit: Eine langatmige Mogelpackung, über weite Strecken ermüdend, die die Erwartungen nicht erfüllt und mit „Nordic Noir“ noch nicht einmal in Ansätzen etwas zu tun hat. Das Einzige, was gelungen ist, sind die Naturbeschreibungen, aber das ist definitiv zu wenig, als das man „Home Before Dark“ als gelungenen Thriller bezeichnen bzw. empfehlen könnte.

Veröffentlicht am 18.04.2026

Hard Boiler aus Nordirland

Die kalte Kralle
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Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat ...

Eines Morgens liegt, fein säuberlich abgetrennt, eine Hand vor der Haustür des Privatdetektivs Karl Kane, über deren Herkunft er nur spekulieren kann – entweder will ihm jemand drohen, oder die Katze hat sie aus einem Müllcontainer geholt und vor die Tür gelegt. Als kurze Zeit später ein zweites Exemplar in der Stadt auftaucht, sind Karl und sein Freund, der Pathologe Tom Hicks alarmiert, denn das scheint dann doch ein Zufall zu viel zu sein. Und als dann auch noch eine fünfstellige Belohnung für die Ergreifung des Täters ausgesetzt wird, gibt es für ihn kein Halten mehr.

Zur gleichen Zeit sucht ihn eine neue Klientin auf. Jemma Doyle ist auf der Suche nach ihrem seit vielen Jahren spurlos verschwundenen Onkel, denn ihr Vater hat nur noch den einen Wunsch, nämlich die Streitereien aus der Welt zu schaffen und sich mit ihm zu versöhnen. Und so beginnt Karl Kane zu ermitteln…

Nach „Die Bestien von Belfast“ und „Die satten Toten“ ist „Die kalte Kralle“ der dritte Teil der Thriller-Reihe des nordirischen Schriftstellers Sam Millar. Hauptfigur ist Karl Kane, der knorrige Privatdetektiv, ein Zyniker mit dem Herz aus Gold, der an chronischem Geldmangel leidet und deshalb immer ein offenes Ohr für eventuelle Aufträge hat, wobei er aber nie seine moralischen Grundsätze verkaufen würde.

Kane ist ein sympathischer, ehrlicher Typ. Bei ihm gibt es kein Drumherumgerede, und jeder, der mit ihm zu tun hat, weiß sofort was Sache ist. Die Fälle, mit denen er zu tun hat sind schon etwas ungewöhnlich – da werden die Opfer gemästet oder gehäutet - und die Ursachen für die verübten Verbrechen liegen meist in der Vergangenheit. So auch hier, denn Millar erzählt in „Die kalte Kralle“ die Geschichte einer Schuld, die gesühnt werden muss.

Aufgeteilt ist dieser hochspannende Roman in zwei Teile, die passenderweise mit „Citizen Kane“ und „Kane kann’s“ überschrieben sind. Den einzelnen Kapiteln sind jeweils Filmtitel – ausnahmslos cineastische Highlights, die ich sehr schätze – sowie zur Handlung passende Zitate aus der Bibel, Filmen und Literatur (hier auffallend viel Chandler) vorangestellt und treiben durch ihre Kürze die Handlung stetig voran.

Ich schätze den trockenen Humor und Sarkasmus des Autors ebenso sehr wie seine ungeschminkte Sprache – Sam Millar ist ein mitfühlender, aber auch streitbarer Zeitgenosse, der dafür verantwortlich ist, dass „Scumbag“ mittlerweile zu meinem aktiven Wortschatz gehört

Und wem die Wartezeit auf den vierten Band mit Karl Kane zu lange wird, sollte die Autobiografie Sam Millars „On the Brinks“ lesen, die spannender als jeder Krimi ist!

Veröffentlicht am 18.04.2026

Private Eye in Belfast

Die Bestien von Belfast
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Schon die Vita des Autors würde genügend Stoff für einen Thriller liefern: IRA-Terrorist mit zig Gefängnisaufenthalten und verantwortlich für einen der größten Raubüberfälle der amerikanischen Geschichte, ...

Schon die Vita des Autors würde genügend Stoff für einen Thriller liefern: IRA-Terrorist mit zig Gefängnisaufenthalten und verantwortlich für einen der größten Raubüberfälle der amerikanischen Geschichte, den Überfall bei Brinks, bei dem er und sein Komplize über 7 Millionen Dollar erbeuten. Es folgt wieder Gefängnis, und nach der Entlassung beginnt Millar zu schreiben.

"Die Bestien von Belfast" ist der erste Band der Reihe um den irischen Privatdetektiv Karl Kane. Handlungsort ist, wie bereits der Titel vermuten lässt, die nordirische Hauptstadt Belfast. Und zukünftige Leser seien vorgewarnt: hier sind starke Nerven gefragt!

Bereits der Prolog verlangt dem Leser einiges ab, schildert der Autor doch in direkter und unmissverständlicher Ausdrucksweise die Vergewaltigung einer jungen Frau durch eine Gruppe Jugendlicher. Und der Leser ahnt bereits, dass dieses Verbrechen im weiteren Verlauf der Dreh- und Angelpunkt für einen Rachefeldzug sein wird. Nach zwanzig Jahren taucht im Stadtpark eine männliche Leiche auf und PI Karl Kane soll herausfinden, warum der Mann ermordet wurde. Der Fall wird immer undurchsichtiger, als weitere Männer tot aufgefunden werden und Kane nicht mehr weiß, wem er überhaupt noch trauen kann.

Millars Thriller ist ein klassischer Hardboiler mit einem Protagonisten, der im Laufe seines Lebens schon sehr viel Gewalt gesehen und erlebt hat. Natürlich wird dadurch sein Verhalten beeinflusst, aber er ist trotz allem ein umgänglicher Mensch geblieben, der Gewalt ablehnt. Ganz anders die Kreise, in denen er sich im Zuge seiner Ermittlungen bewegt.

Der Autor beschreibt das Milieu ungeschönt, seine Wortwahl ist drastisch und teilweise recht derb, aber absolut passend und stimmig für diese rabenschwarze Rachegeschichte, in der Gewalt immer Gewalt nach sich zieht. Die Geschichte ist gut geplottet, das Erzähltempo von Anfang an hoch und zieht sich auf diesem Niveau auch bis zum Ende durch. Atmosphärisch dicht, sehr spannend und mit einer sympathischen Hauptfigur – ich freue mich schon auf den zweiten Teil der Serie, die im Oktober unter dem Titel „Die satten Toten“ im Atrium Verlag erscheinen wird.

Veröffentlicht am 18.04.2026

Erinnerungen eines Überlebenden

True Crime
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Auf Sam Millar wurde ich durch die Karl Kane-Reihe aufmerksam und musste feststellen, dass die Lebensgeschichte des nordirischen Autors wesentlich spannender als so mancher Thriller ist. Niedergeschrieben ...

Auf Sam Millar wurde ich durch die Karl Kane-Reihe aufmerksam und musste feststellen, dass die Lebensgeschichte des nordirischen Autors wesentlich spannender als so mancher Thriller ist. Niedergeschrieben hat er diese in seiner Autobiographie „On the brinks“, die unter dem Titel „True Crime“ in deutscher Übersetzung vorliegt.

Geboren 1955 in Belfast, Mutter katholisch, Vater protestantisch. Die Religion an sich spielt keine große Rolle in seinem Leben, aber deren politische Auswirkungen (Nordirland-Konflikt) auf das tägliche Leben in seiner Heimatstadt schon. Die Schule verlässt er zum frühestmöglichen Zeitpunkt und jobbt fortan im Schlachthof. Seine Freizeit verbringt er mit seinen Kumpels in einer Jugendgruppe der IRA. Am 30. Januar 1972 nimmt der Siebzehnjährige an einer Demonstration für Bürgerrechte in Derry teil, die völlig aus dem Ruder läuft, als britische Soldaten in einem katholischen Stadtteil in die Menge schießen und 13 Menschen töten. Die Erlebnisse am „Bloody Sunday“ prägen Sam Millar nachhaltig und radikalisieren ihn.

Seine Beteiligung an Aktionen der IRA bringt ihm 1973 den ersten Gefängnisaufenthalt ein, 1976 folgt der zweite, den er in „Her Majesty’s Prison Maze“, auch Long Kesh genannt, mit einer Vielzahl politischer Gefangener absitzen muss. Er schließt sich den „Blanket Men“ an und überlebt den Hungerstreik von 1981, der zehn Freunde das Leben kostet. Demütigungen, Misshandlungen und Folter sind an der Tagesordnung, Long Kesh ist die Hölle, hier herrschen Zustände wie in Guantanamo – die Gefangenen sind aller Rechte beraubt und werden wie Tiere behandelt.

1983 werden die Proteste eingestellt und ein Ausbruch vorbereitet, bei dem schlussendlich 38 Mithäftlingen die Flucht gelingt. Im gleichen Jahr wird Sam Millar entlassen und reist 1984 mit der Hilfe seines Freundes Tom über Kanada in die USA ein. Er verschafft sich eine falsche Identität und fängt an, sich ein neues Leben aufzubauen. Es sind die verschiedensten Jobs, legal und illegal, die er ausübt, und die ihm den Lebensunterhalt sichern.

Bis er eines Tages seinen Kumpel Tom auf der Arbeit besucht – und dieser arbeitet bei Brinks, dem Unternehmen, das Geldbeträge in unglaublicher Höhe befördert. Die Sicherheitsvorkehrungen der Firma sind mangelhaft, was Millar sofort registriert. Und so reift der Plan, der im Januar 1993 mit dem Raub mehrerer Millionen Dollar endet. Aber lange können sich Sam und seine Komplizen nicht an dem Geld freuen, denn das FBI ermittelt fix und verhaftet ihn im November des gleichen Jahres. Allerdings kann man ihm den Raub nicht zweifelsfrei nachweisen, und so geht er „nur“ für den Besitz des Geldes ins Gefängnis, wobei er einen Teil der fünfjährigen Haftstrafe in den USA, und den Rest in Belfast verbüßt. 1997 wird er entlassen, baut sich dann eine Existenz als Schriftsteller auf und wurde mittlerweile mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Im Innersten berührt haben mich vor allem die Beschreibungen seiner Jahre in Long Kesh. Ich bin gleichaltrig und erinnere mich noch gut an die Berichterstattung in den Medien, die Mitglieder und Sympathisanten der IRA als skrupellose Kriminelle bezeichneten, aber kein Wort über das Verhalten der britischen Truppen in Nordirland verlauten ließen. Und über die Haftbedingungen in „Her Majesty’s Prison“ wurde schon überhaupt nicht berichtet.

Ich habe große Hochachtung vor Sam Millar, den das Ausgeliefertsein, die bitteren Erfahrungen, die er damals machen musste, nicht gebrochen haben. Er hat überlebt und ist Mensch geblieben, sensibel, wenn Unrecht geschieht, aber auch zornig gegenüber jenen, die ihre Ideale für einen politischen Posten verkauft haben. Militant ist er nur noch im übertragenen Sinn, denn mittlerweile sind Worte seine stärksten Waffen, auch wenn er dafür regelmäßig in den Facebook-Knast verbannt wird.

Veröffentlicht am 09.04.2026

Der blanke Horror

Yesteryear
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Wir kennen es aus den Sozialen Medien: Das Bild eines weitläufigen, irgendwo im Nirgendwo gelegenen Bauernhofs, der aussieht, als wäre er das Top-Objekt aus dem Verkaufsprospekt des Immobilienmaklers. ...

Wir kennen es aus den Sozialen Medien: Das Bild eines weitläufigen, irgendwo im Nirgendwo gelegenen Bauernhofs, der aussieht, als wäre er das Top-Objekt aus dem Verkaufsprospekt des Immobilienmaklers. Die heimelige Küche auf dem Land, deren Einrichtung blitzt und blinkt, in der die junge, bildhübsche Hausfrau mit Rüschenschürze Brote backt und/oder Mahlzeiten aus dem selbstangebauten Gemüse für ihre Großfamilie zubereitet. Um sie herum eine vielköpfige Kinderschar und der gutaussehende „Pater familias“. Eine harmonische Familie, die die „alten“ Werte lebt und in der alle glücklich und zufrieden sind. Aber ist das wirklich so?

Zeigen die Reels der „Tradwives“ deren Realität oder lediglich ihr gefaktes Leben für die Millionen Follower, das sich in klingender Münze auszahlen soll? Und was macht das auf lange Sicht mit den Beteiligten, insbesondere mit den Kindern? Wie wirkt sich dieses permanente „Vorführen“ auf deren Entwicklung aus?

Und was sagt der Erfolg eines solchen nach rückwärts gerichteten Formats, das traditionelle und religiös geprägte Werte, vor allem im Hinblick auf Geschlechterrollen und Mutterschaft, ohne kritisches Hinterfragen in die Welt schickt, über den Zustand der jeweiligen Gesellschaft aus?

Das sind einige der Fragen, die mir bei der Lektüre von Caro Claire Burkes „Yesteryear“ in den Sinn kamen. Mich hat dieser Roman nicht unterhalten. Er hat mich gefordert, war anstrengend zu lesen, hat zum Nachdenken genötigt. Und nein, das war weder eine Satire noch ein Thriller, sondern in erster Linie der blanke Horror.