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Veröffentlicht am 20.11.2022

Edikt des Vergessens

Königsmörder
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1660. Der englische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des absolutistischen König Charles I. und den „Roundheads“ um den frömmelnden Puritaner Oliver Cromwell ist Geschichte. Nach der Enthauptung seines ...

1660. Der englische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des absolutistischen König Charles I. und den „Roundheads“ um den frömmelnden Puritaner Oliver Cromwell ist Geschichte. Nach der Enthauptung seines Vaters 1649 sitzt mittlerweile „The Merry Monarch“ Charles II. auf dem Thron, der 1660 den „Act of Oblivion“ (so der Originaltitel des Romans) erlässt, und damit all jene begnadigt, die gegen den König gekämpft haben. Alle, mit Ausnahme der Unterzeichner des Urteils, aufgrund dessen Charles I. geköpft wurde. Diese werden gnadenlos verfolgt, gefangen genommen und mit äußerster Brutalität hingerichtet. Doch zwei „Königsmörder“ aus den Reihen Cromwells können sich diesem Schicksal entziehen, Edward Whalley, ein Cousin Cromwells und sein Schwiegersohn William Goffe, beide keine jungen Männer, verlassen ihre Heimat, gehen an Bord eines Schiffes, verlassen ihre Heimat, fliehen nach Amerika und finden in einer puritanischen Kolonie in Neuengland Unterschlupf. Ihnen auf den Fersen ist Richard Nayler, Sekretär des Geheimen Rats, übrigens die einzige fiktive Person dieses Romans, ein verbohrter, verbitterter und traumatisierter Mann, der geschworen hat, den Königsmord zu rächen. Die Jagd beginnt.

Robert Harris, der ehemalige politische Journalist, hat für diesen Roman gründlich recherchiert, man sehe sich nur die ausführliche Literaturliste im Anhang an. Dabei richtet er seinen Fokus aber nicht ausschließlich auf die Verfolgung der beiden Flüchtigen, sondern vermittelt durch Whalleys Aufzeichnungen auch einen überzeugenden Einblick in Leben und Denkweise dieser Epoche. Royalisten und Puritaner, auf der einen Seite das Festhalten an gottgegebenen Machtstrukturen, auf der anderen Seite die religiös geprägten Überzeugungen, die in Anklängen das revolutionäre Potenzial ahnen lassen, die ihnen innewohnt. Beide Gruppen überzeugt davon, dass nur ihr Leben und Handeln gottgefällig ist und seine Berechtigung hat.

Königsmörder ist zwar ein historischer Roman, aber er spielt in einer komplett anderen Liga als das, was man üblicherweise von diesem Genre kennt. Über weite Strecken ähnelt er zwar einem Sachbuch, was aber dennoch nicht zu Lasten des Lesevergnügens geht. Allerdings sollte man weniger an amourösen Verwicklungen als an historischen Fakten, insbesondere an denen, die Großbritannien nicht nur in der Vergangenheit sondern auch in der Brexit-Gegenwart betreffen, interessiert sein. All denen kann ich diesen beeindruckenden Roman wärmstens empfehlen.

Veröffentlicht am 17.11.2022

Entlarvende Einblicke

Die Heimkehr
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John Grishams aktuelles Buch „Die Heimkehr“ beinhaltet drei Kurzromane unterschiedlicher Thematik, die aber, wie bei diesem Autor erwartet, nicht nur die dunklen Seiten des Anwaltsberufes sondern auch ...

John Grishams aktuelles Buch „Die Heimkehr“ beinhaltet drei Kurzromane unterschiedlicher Thematik, die aber, wie bei diesem Autor erwartet, nicht nur die dunklen Seiten des Anwaltsberufes sondern auch das amerikanische Rechtssystem kritisch unter die Lupe nehmen.

In „Die Heimkehr“ (155 Seiten) gibt es ein Wiederlesen mit zwei alten Bekannten, Harry Rex und Jake Brigance. Letzterer wird von Mack Stafford kontaktiert, einem ehemaligen Anwaltskollegen, der vor drei Jahren ohne Spuren zu hinterlassen verschwunden ist. Aber nicht, ohne vorher seine Reisekasse üppig mit Geld aufzufüllen, das eigentlich seinen Mandanten aus einem Vergleich zugesprochen wurde. Nun meldet sich sein Gewissen. Er würde gerne wieder zurückkommen, und Jake soll das für ihn möglich machen. Leider gestaltet sich die Heimkehr nicht so problemlos wie gedacht, zu viele offene Rechnungen warten darauf, beglichen zu werden.

„Erdbeermond“ (63 Seiten) ist die beeindruckende Momentaufnahme der letzten drei Stunden im Leben des Cody Wallace, 29jähriger Insasse des Todestrakts, bevor er seinen letzten Gang antreten muss. Er hat seinen Frieden gemacht, wartet auf die bestellte TK-Pizza und führt letzte Gespräche mit dem Geistlichen, seinem Anwalt und einer unverhofften Besucherin. Bleibt nur noch die Erfüllung des letzten Wunsches, bevor sein Leben beendet wird. Grisham ist Vorstandsmitglied von Innocence Project, einer gemeinnützigen Organisation, die für die Entlassung und Rehabilitation von unrechtmäßig Verurteilten einsetzt, und er ist ein erklärter Gegner der Todesstrafe. So verwundert es nicht, dass er in dieser Geschichte einmal mehr kritisch auf das barbarische und zutiefst rassistische Strafrechtssystem der Vereinigten Staaten schaut. Wie kann es möglich sein, dass ein Vierzehnjähriger, der lediglich Schmiere stand und nicht geschossen hat, zum Tode verurteilt wird und jedes Anrecht auf Begnadigung verwirkt?

Aller guten Dinge sind drei, und „Sparringspartner“ (155 Seiten) hätte, wenn an den richtigen Stellen „aufgefüllt“, in der Tat das Zeug zu einem Roman, wie wir ihn von Grisham kennen. Die Kanzlei Malloy & Malloy wird von zwei Brüdern betrieben, die sich spinnefeind sind. Sie haben sie von ihrem Vater geerbt, der eine längere Haftstrafe absitzt, aber auf seine Begnadigung hofft. Eine höchst dysfunktionale Familie, in der keiner dem Gegenüber etwas gönnt. Einig sind sie sich nur dann, wenn es um das Geld geht, das der Buchhalter seines Vaters auf eine kreative Reise um die Welt geschickt hat. Hier fährt der Autor nochmal alles auf, was wir aus seinen Büchern kennen: Steuerhinterziehung, Betrug, Bestechung, politische Korruption und Verrat, alles vorhanden und schlüssig mit der Story verwoben. Aber wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte…

Trotz der Kürze sind die Geschichten realistisch, spannend, unterhaltsam und sehr geradlinig aufgebaut. Und glücklicherweise wird auf die ausufernden Beschreibungen von juristischen Verfahren verzichtet, die in den Romanen teilweise für Langatmigkeit sorgen. Somit ist „Die Heimkehr“ die ideale Lektüre für Grisham-Fans, um die Wartezeit bis zum Erscheinen seines neuesten Roman „Feinde“ (ET 29.03.2023) zu verkürzen.

Veröffentlicht am 14.11.2022

Eine melancholische Geschichte, vollgepackt mit persönlichen Tragödien

Feldpost
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Wer die Romane von Mechtild Borrmann kennt, weiß um die ganz besondere Fähigkeit dieser Autorin, Einzel- oder Familienschicksale mit zeitgeschichtlichen Themen zu verbinden, wobei ihr besonderes Interesse ...

Wer die Romane von Mechtild Borrmann kennt, weiß um die ganz besondere Fähigkeit dieser Autorin, Einzel- oder Familienschicksale mit zeitgeschichtlichen Themen zu verbinden, wobei ihr besonderes Interesse nicht nur der Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg sondern auch den Auswirkungen gilt, die Kriegseinsatz oder Flucht oder Alltag im Nationalsozialismus auf die junge Generation haben. Für ihren neuen Roman „Feldpost“ hat sie im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen recherchiert, in dem seit 1998 private Lebenserinnerungen (aktuell ca. 25.000 Zeitzeugnisse von über 5.000 Menschen) aus der Zeitspanne 18. Jahrhundert bis hin zur Gegenwart aufbewahrt werden.

Alles beginnt mit einer alten Aktentasche, voll mit vergilbten Fotos, Briefen und einem unleserlichen Kaufvertrag, zurückgelassen von einer Unbekannten, die sich in einem Café an den Tisch der Anwältin Cara Russo setzt und kurz darauf spurlos verschwindet. Deren Bemühen, die Tasche samt Inhalt dem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, lässt sie tief in die tragische Geschichte zweier Geschwisterpaare in den Kriegs- und Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkriegs eintauchen. Eine Geschichte, die geprägt von einer großen Liebe ist, die nicht sein darf und im Verborgenen gelebt werden muss. Von einer Liebe, die zurückgewiesen wird und deshalb Schuld auf sich lädt. Von einem Freundschaftsdienst, der schmählich verraten und ausgenutzt wird, der letztendlich nur Mittel zum Zweck der eigenen Bereicherung ist. Eine Geschichte, die zeigt, welches Leid solche Erfahrungen den Menschen zufügen.

Borrmann erzählt wie immer sehr feinfühlig auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen, wobei die Gegenwart nur einen kleinen Raum einnimmt. Durch kurze Kapitel und wechselnde Erzählperspektiven taucht man tief in Leben und Fühlen der Protagonisten ein, ist an Cara Russos Seite und setzt wie diese Stück für Stück das Puzzle dieser melancholischen Geschichte voll persönlicher Tragödien zusammen. Aber es gibt auch einen Wermutstropfen, denn alles in allem entwickelt sich der Plot doch recht vorhersehbar in eine Richtung, die man so (oder so ähnlich) schon mehrfach gelesen hat. Schade.

Veröffentlicht am 10.11.2022

Politisch, spannend und unterhaltsam – wie erwartet eine gute Mischung

Die dunkle Spur des Blutes
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Vorbemerkung: „Die dunkle Spur des Blutes“ des schottischen Autors Stuart MacBride ist der zwölfte Band in der McRae-Reihe, und natürlich kann man diesen Tartan Noir ohne Vorkenntnis der anderen Bücher ...

Vorbemerkung: „Die dunkle Spur des Blutes“ des schottischen Autors Stuart MacBride ist der zwölfte Band in der McRae-Reihe, und natürlich kann man diesen Tartan Noir ohne Vorkenntnis der anderen Bücher lesen. Aber um die persönlichen Hintergründe sowie die Interaktionen der verschiedenen Personen besser einordnen zu können, empfehle ich die chronologische Lektüre.

DI Logan McRae ist nach einjähriger Rekonvaleszenz zurück im Job. Eigentlich hat er für die Wiedereingliederung auf einen einfachen Job gehofft, aber dieser Wunsch soll nicht in Erfüllung gehen, da seine Chefin andere Pläne mit ihm hat. Ein umstrittener Verfassungsrechtler, der seine Meinung zu den schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen immer wieder lautstark in den sozialen Medien kundgetan hat, ist spurlos verschwunden. Nicht der übliche Vermisstenfall, denn die Blutspuren auf seinem Küchentisch und das Päckchen mit brisantem Inhalt, das wenig später BBC Schottland erhält, sprechen eine andere Sprache.

Verantwortlich für den Fall ist DI King. Dieser ist nicht unumstritten, da ihm Kontakte zu nationalistischen Terroristen nachgesagt werden und eine Enthüllungsstory droht. McRae soll dies überprüfen und ihn gleichzeitig während der Ermittlungen im Auge behalten. Eine mehr als undankbare Aufgabe, die auch seinen Kopf kosten könnte.

Dass schottische Autoren gerne gesellschaftspolitisch relevante Themen in ihre Kriminalromane einarbeiten, weiß jeder, dessen Interesse den Vertretern des Tartan Noir gilt. McIlvanney, Rankin, Mina, Brookmyre und wie sie alle heißen mögen, aber kaum eine/r beherrscht diese unnachahmliche Mischung aus Dunkel und Licht, brutalem Verbrechen und schwarzem Humor, wie MacBride. Mit dieser Fähigkeit ausgestattet, kann er auch ein solch emotionales und politisches Thema wie die polarisierenden Debatten und ihre hässlichen Auswirkungen rund um die schottische Unabhängigkeit zur Sprache bringen.

Politisch, spannend und unterhaltsam – wie erwartet eine gute Mischung.

Veröffentlicht am 08.11.2022

Der Anfang ist gemacht

Felix Blom. Der Häftling aus Moabit
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Alex Beer ist eine der ersten Adressen, wenn es um historische Kriminalromane geht, die die jeweilige Zeitgeschichte stimmig in die Handlung einarbeiten, was sie bereits mit den beiden vorliegenden Reihen ...

Alex Beer ist eine der ersten Adressen, wenn es um historische Kriminalromane geht, die die jeweilige Zeitgeschichte stimmig in die Handlung einarbeiten, was sie bereits mit den beiden vorliegenden Reihen um Inspektor August Emmerich (Handlungsort: Wien / Handlungszeitraum: nach dem Ersten Weltkrieg) und Antiquar Issak Rubinstein (Handlungsort: Nürnberg / Handlungszeitraum: 1942) bewiesen hat. Dritter im Bunde ist nun Felix Blom, der Meisterdieb, der für einen Einbruch, den er nicht begangen hat, drei Jahre Haft abgesessen und nun in die Freiheit entlassen wird. Die Inspiration zu diesem Protagonisten liefert, wie die Autorin im Nachwort mitteilt, Eugène François Vidocq, einstmals Krimineller, später Begründer und erster Direktor der Sûreté nationale und gemeinhin als Vater der modernen Kriminalistik bezeichnet.

Berlin 1878, „Felix Blom. Der Häftling aus Moabit muss sich gezwungenermaßen recht schnell mit seinen neuen Lebensumständen arrangieren. Er braucht eine Unterkunft und, noch wichtiger, eine Arbeitsstelle. Wenn er beides nicht vorweisen kann, werden sich in kürzester Zeit die Tore der Haftanstalt wieder hinter ihm schließen. Doch wie es der Zufall will, kommt ihm ein alter Bekannter zur Hilfe, was zumindest das Wohnungsproblem löst. Und dann ist da noch Mathilde Voss, eine ehemalige Prostituierte, die in der Nachbarwohnung wenig erfolgreich eine Detektei betreibt. Vielleicht könnte ein männlicher Kompagnon sie endlich auf die Erfolgsspur bringen? Zähneknirschend stimmt sie Bloms Vorschlag zu und stellt ihn als Mitarbeiter ein. Allerdings hat dieser aber mittlerweile ganz andere Sorgen. Nicht nur, dass er endlich seine Unschuld beweisen möchte, da ist auch noch diese Nachricht, die er anonym erhalten hat und in der sein Tod angekündigt wird…

Keine Frage, die Autorin versteht es, nicht zuletzt durch gründliche Recherchearbeit, Zeit und Umgebung, in denen ihre historischen Kriminalromane spielen, detailliert und darum auch überzeugend zu präsentieren. Reale historische Ereignisse werden mit dem Alltagsleben der Menschen verbunden und schaffen so eine stimmige Atmosphäre. Aber dennoch, im Vergleich mit der Emmerich-Reihe zieht Felix Blom eindeutig den Kürzeren, was mit Sicherheit dem Umstand geschuldet ist, dass Ersterer von Beginn an mit diversen Handicaps sowohl physischer als auch psychischer Natur, zu kämpfen hat, die die Sympathien des Lesers wecken. Blom hingegen konnte mich bisher nicht überzeugen, und das gilt in gleichem Maß für Mathilde. Beide wirken noch zu glatt, sind kaum zu greifen, wecken keine Emotionen, weder Mitgefühl noch Abneigung. Bleibt zu hoffen, dass sich das im Laufe der Reihe ändern wird.