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Veröffentlicht am 17.06.2022

Konventionell gestrickter Krimi

Mörderisches Madeira (Ein Madeira-Krimi 2)
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Madeira, das schroffe Kleinod im Atlantik, früher ein Geheimtipp, mittlerweile fest in touristischer Hand. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Verfasser von Urlaubskrimis dieses Eiland ...

Madeira, das schroffe Kleinod im Atlantik, früher ein Geheimtipp, mittlerweile fest in touristischer Hand. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Verfasser von Urlaubskrimis dieses Eiland als Handlungsort für sich entdeckt haben. Aber ist eine quasi exotische Lokalität ein Garant für einen spannenden Kriminalroman? Und hat der Autor die Fähigkeit, die besondere Atmosphäre diese Insel zum wesentlichen Bestandteil der Handlung zu machen?

Es ist Frühling, und Laura Fleming, die wir bereits aus dem Vorgänger „Tod auf Madeira“ kennen, hat ihre Koffer gepackt. Der Abgabetermin für ihren neuen Krimi steht ins Haus, und sie hofft, auf Madeira Ruhe zum Schreiben zu finden. Aber sie freut sich auch auf ein Wiedersehen mit einem Freund, Comissário Mauricio Torres, den sie bei ihrem letzten Aufenthalt auf der Insel kennengelernt hat. Aber ehe sie sich versieht, steckt sie mitten in einem Mordfall, in dem Mauricio die Hände gebunden sind, denn der Hauptverdächtige ist sein Bruder.

Bereits der Vorgänger war ein mehr als konventionell gestrickter Krimi, weder atmosphärisch noch sonderlich spannend. Und auch „Mörderisches Madeira“, der zweite Band der Reihe, ist voller Klischees, die nur jemand verbraten kann, der auf den ausgetretenen Pfaden der Pauschaltouristen wandelt. Das fängt bereit bei der Auswahl des Handlungsortes an. Prazeres? Wirklich? Natürlich wieder in der Nähe des touristischen Hotspots Calheta. 700 Einwohner, landschaftlich schön gelegen, aber jede Menge Ferienwohnungen, Hotels und Apartmentanlagen, die dem Ort die Einzigartigkeit genommen haben. Und auch die Rumbrennerei, hier der Tatort und das nächste Alleinstellungsmerkmal der Story, hat auf der Insel längst an Bedeutung verloren.

Auch bei der Beschreibung der Protagonisten ist kein Fortschritt festzustellen. Klar, alles läuft darauf hinaus, dass Laura und Mauricio ein Paar werden. Aber braucht es dazu die gebetsmühlenhaften Wiederholungen? Laura hat Eheprobleme, Mauricio trauert noch immer um seine tote Frau, beides ist hinlänglich bekannt und trägt nicht zum Fortgang der Krimihandlung bei. Genau so wenig wie die das Erwähnen von Saudade und Fado. Nein, die Madeirer sind kein Volk von lebensmüden Melancholikern, offenbar hat der Autor noch nie die ausgelassene und lebensfrohe Atmosphäre bei einem Dorffest auf der Insel erlebt.

Weder zeugt dieser Kriminalroman von Ortskenntnis noch bietet er eine spannende und unterhaltsame Lektüre. Und Werbung für die Blumeninsel ist er schon zweimal nicht, dafür uninspiriert und langatmig. Ein Ärgernis!

Veröffentlicht am 13.06.2022

Allzumenschliches

Milde Gaben
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Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass sich nicht nur die Touristen sondern auch die Kriminellen aus Venedig zurückgezogen haben. Tote Hose in der Questura, lediglich Kleinkram ohne besondere Relevanz. Kein ...

Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass sich nicht nur die Touristen sondern auch die Kriminellen aus Venedig zurückgezogen haben. Tote Hose in der Questura, lediglich Kleinkram ohne besondere Relevanz. Kein Grund für den Commissario einzugreifen. Doch dann taucht eine Besucherin aus der Vergangenheit in seinem Büro mit einem etwas seltsamen Anliegen auf. Elisabetta Foscarini, die ehemalige Nachbarstochter, fordert einen Gefallen von Brunetti ein. Sie ist besorgt und vermutet, dass ihr Schwiegersohn in zwielichtige Geschäfte verwickelt ist. Zumindest hat er ihrer Tochter gegenüber Andeutungen gemacht, dass auch sie in Gefahr sein könnte.

Der Commissario zögert, denn solche inoffiziellen Überprüfungen könnten ihn in große Schwierigkeiten bringen. Elisabettas überhebliche Art aus Teenagertagen ist ihm noch unangenehm in Erinnerung, aber auch die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit ihrer Mutter, die ohne großes Aufhebens in der Vergangenheit immer wieder seine Mutter unterstützt und dafür gesorgt hat, dass auch in Zeiten, in denen das Geld knapp war, ein ordentliches Essen auf dem Tisch der Brunettis stand. Glücklicherweise ist der Vice Questore aushäusig und so willigt der Commissario schließlich ein, die Geschäfte des Schwiegersohns etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Unterstützt wird er dabei wie immer von seinen üblichen Mitarbeitern Griffoni, Vianello und natürlich Signorina Elletra, die bei der Informationsbeschaffung wieder einmal jenseits der Legalität agiert.

„Milde Gaben“ präsentiert mit Venedig ein vertrautes Setting, auch wenn sich dieses im Lauf der Reihe verändert hat. Und nicht zum Besten. Die klassischen Geschäfte für den täglichen Bedarf der immer weniger werdenden Bewohner sind verschwunden, an ihrer Stelle gibt es jetzt Touristenkitsch aus Fernost. Palazzi wurden an zahlungskräftige Investoren verhökert, die bei ihren Umbaumaßnahmen deren historische Relevanz ignorieren. Geblieben ist die Gewissheit, dass das Venedig der Vergangenheit unaufhaltsam im Verschwinden begriffen ist. Und so, wie die alte Serenissima verschwindet, verlieren auch die alten Werte immer mehr an Bedeutung und/oder werden nur noch zum eigenen Vorteil genutzt.

Im Zentrum des Geschehens stehen einmal mehr die dehnbaren italienischen Gesetze samt der Lücken, die Betrügereien Tür und Tor öffnen und die Grenzen zwischen kriminellem und nicht-kriminellem Verhalten verwischen. Im speziellen Fall Brunettis wird dies ergänzt durch das vage Gefühl der persönlichen Verpflichtung, das ihn mit der gegebenen Zusage hadern lässt, wenn er wider besseres Wissen moralische Grenzen überschreitet und Regeln beugt, um einen eingeforderten Gefallen zu erweisen.

Die Frage nach Tat oder Täter rückt in den Hintergrund, ist in Leons Romanen eh meist nebensächlich. Sie konzentriert sich eher auf die individuellen und/oder die gesellschaftliche Auswirkungen, will Denkprozesse anstoßen.

Ein leiser Roman, wehmütig und fern jeder Hektik, der die richtigen Fragen stellt. Beantworten muss sie jeder selbst - nach bestem Wissen und Gewissen.

Veröffentlicht am 08.06.2022

Reflexionen aus dem Jenseits

Was die Nacht verschweigt
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Üblicherweise mache ich einen großen Bogen um Romane, deren wesentlicher Bestandteil das Übernatürliche ist. Im Fall von Louise Doughtys neuem Roman „Was die Nacht verschweigt“ haben jedoch sowohl der ...

Üblicherweise mache ich einen großen Bogen um Romane, deren wesentlicher Bestandteil das Übernatürliche ist. Im Fall von Louise Doughtys neuem Roman „Was die Nacht verschweigt“ haben jedoch sowohl der Klappentext als auch die Besprechung in einer englischen Tageszeitung mein Interesse geweckt: Eine Nacht im November, ein verlassener Bahnsteig im Osten Englands, ein Mann, der im Begriff ist, sein Leben zu beenden, und eine Frau, die keine Möglichkeit sieht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Warum? Gibt es einen Grund dafür, dass Selbstmörder exakt diese Stelle auswählen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen? Mysteriös, oder?

Die Story wird behutsam aufgebaut und zeigt in der Konsequenz das gesamte Spektrum einer toxischen Beziehung. Zuerst führt sie die Umgebung und die Akteure anhand von alltäglichen Begebenheiten ein, danach fokussiert sie den Blick auf das vergangene Leben der mittlerweile toten Protagonistin, beschreibt nicht nur ihr unglückliches Dasein sondern auch rückblickend die Unfähigkeit, diesem mit heiler Haut zu entkommen. Trotz dieser „dunklen“ Thematik schafft es Doughty glücklicherweise immer wieder, kleine Momente des dringend benötigten Durchatmens zu integrieren, indem sie sich augenzwinkernd auf banale Alltagssituationen konzentriert, die Distanz schaffen.

Doughty ist nicht Stephen King, bei ihr hausen keine Monster im Schrank, vor denen man sich fürchten muss, sie verstecken sich in den dunklen Ecken der Psyche. Ihr Interesse gilt den Brüchen innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen und den Konsequenzen, die schließlich daraus erwachsen. Dass die Erzählerin im vorliegenden Fall bereits tot ist, gibt der Autorin die Möglichkeit, tragische Ereignisse reflektierend und mit Abstand unter die Lupe zu nehmen. Ein erzählerisches Mittel, das zwar halbwegs funktioniert, meiner Meinung nach aber nicht zwingend nötig gewesen wäre.

Veröffentlicht am 03.06.2022

Flanieren mit Herz und Hirn

Ein Bauch spaziert durch Venedig
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Was tun Touristen, wenn sie zum ersten Mal in einer Stadt sind, die sie noch nicht kennen? Bestenfalls schauen sie in dem Reiseführer nach Highlights, die man unbedingt gesehen haben muss, hetzen dann ...

Was tun Touristen, wenn sie zum ersten Mal in einer Stadt sind, die sie noch nicht kennen? Bestenfalls schauen sie in dem Reiseführer nach Highlights, die man unbedingt gesehen haben muss, hetzen dann von einem Ort zum anderen, machen ein Foto für die Daheimgebliebenen und das war‘s dann schon. Ein Flaneur hingegen spaziert entspannt durch die Straßen, schaut, riecht, hört, beobachtet, genießt mit allen Sinnen, bekommt ein Gefühl für das Drumherum, die Kultur, das Leben, die Menschen und verliebt sich vielleicht sogar leidenschaftlich in diese Stadt. So ist es zumindest mir mit London bei unzähligen Besuchen ergangen.

Vincent Klink, Sternekoch und Flaneur, hat diesen Herzensplatz für Venedig reserviert. Wer aber glaubt, dass sich ein Küchenchef nur für das interessiert, was auf dem Teller liegt, ist hier auf dem falschen Dampfer…ähm, auf dem falschen Vaporetto. Das heißt, wer Klinks Buch über Paris und/oder Wien nicht kennt und einen kulinarischen Reiseführer erwartet, sollte die Finger von „Ein Bauch spaziert durch Venedig“ lassen. Alle anderen sind zu einem sinnenfreudigen, informativen und von einem Kenner geführten Besuch der Lagunenstadt eingeladen.

Natürlich kommt auch die „Cucina Veneziana“ mit ihren typischen Gerichten nicht zu kurz, im Anhang gibt es dazu ein eigenes 11-seitiges Kapitel, sowie diverse in den Text eingestreute Rezepte. Aber der Großteil des Buches widmet sich der Baukunst und der Malerei, kenntnisreich durch Hintergrundinformationen ergänzt. Und auch die kritischen Anmerkungen zu dem überbordenden Tourismus mit seinen negativen Folgen und den dubiosen Praktiken der Verwaltung, die historische Kleinode an den Meistbietenden verschleudern, kommen zu ihrem Recht. Abgerundet werden die Stadtspaziergänge im Anhang durch eine separat aufgeführte Auswahl von Kirchen mit Kunst sowie einem ausführlichen Quellen- und Literaturverzeichnis für die vertiefende Lektüre.

Fazit: Eine rundum gelungene Liebeserklärung an Venedig.

Veröffentlicht am 02.06.2022

Zurück an die Oberfläche

Das versunkene Dorf
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Dreißig Sekunden, eine Kugel…und plötzlich ist alles anders. Diese leidvolle Erfahrung muss Noémie Chastain machen, als ein Einsatz des Pariser Drogeneinsatzkommandos aus dem Ruder läuft. Der Verdächtige ...

Dreißig Sekunden, eine Kugel…und plötzlich ist alles anders. Diese leidvolle Erfahrung muss Noémie Chastain machen, als ein Einsatz des Pariser Drogeneinsatzkommandos aus dem Ruder läuft. Der Verdächtige schießt um sich, eine Kugel trifft die Kommissarin mitten ins Gesicht. Sie kann gerettet werden, doch trotz Operation bleibt die linke Seite entstellt. Zwar kämpft sie sich mit Hilfe eines Therapeuten ins Berufsleben zurück, muss aber nach ihrer Rückkehr feststellen, dass sie vorerst den Platz in ihrem Team verloren hat. Übergangshalber soll sie für einen befristeten Zeitraum im okzitanischen Département Aveyron eine Dienststelle überprüfen, die vor der Schließung steht. Die dortige Verbrechensrate tendiert gegen Null, die Personalkosten stehen in keinem Verhältnis dazu. So weit, so gut.

Doch kurz bevor ihre Zeit dort abgelaufen ist und die Rückkehr nach Paris ansteht, treibt in dem nahegelegenen Stausee von Avalone ein Plastikfass an die Oberfläche, in dem die verweste Leiche eines Kindes liegt. Und schon ist Noémie Chastain mitten in einem Fall, der nie aufgeklärt wurde. Als vor fünfundzwanzig Jahren das alte Dorf geflutet wurde, verschwanden drei Kinder spurlos, ob tot oder entführt, konnte nicht geklärt werden. Es gab zwar einen verdächtigen Wanderarbeiter, aber keine Beweise für seine Beteiligung, und das Schicksal der Kinder konnte nicht geklärt werden. Bis jetzt, auch wenn die Kommissarin gegen den Widerstand der Dörfler ermitteln muss, die eine Mauer des Schweigens um die Vergangenheit errichtet haben. Aber noch weiß sie nicht, dass sie sich damit in große Gefahr begibt.

Das titelgebende „versunkene Dorf“ als Schauplatz für diesen gleichnamigen Kriminalroman zu wählen, bringt eine ganz besondere Atmosphäre mit sich. Packende Spannung, mit jeder Menge falscher Fährten. Geheimnisvoll und etwas gruselig, wenn man darüber nachdenkt, welche Geschichten, welche Schicksale mit den Wasserfluten untergegangen sein könnten. Norek fängt dies mit stimmungsvollen, aber nie banalen Beschreibungen ein, macht oft nur Andeutungen und überlässt es der Fantasie des Lesers, die Leerstellen zu füllen. Bei der Beschreibung der Polizeiarbeit hingegen ist er sehr präzise und realitätsnah, was nicht weiter verwundert, da er ausgebildeter Polizist ist und auch achtzehn Jahre in diesem Beruf gearbeitet hat.

„Surface“, so der Originaltitel dieses Kriminalromans, wurde verdientermaßen mit dem Prix Maison de la Presse, dem Prix Relay, dem Prix Babelio-Polar und dem Prix de l'Embouchure ausgezeichnet. Nachdrückliche Leseempfehlung!