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Veröffentlicht am 06.09.2022

Unterhaltsames zur Lage der Nation

London Rules
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Was haben ein abgelegenes Dorf in den East Midlands, tote Pinguine, eine Bombe in einem Zug nach Paddington und die Entführung von Roddy Ho gemeinsam? Haben sie, oder haben sie nicht? Zufall oder Masterplan? ...

Was haben ein abgelegenes Dorf in den East Midlands, tote Pinguine, eine Bombe in einem Zug nach Paddington und die Entführung von Roddy Ho gemeinsam? Haben sie, oder haben sie nicht? Zufall oder Masterplan? Terrorismus? Natürlich gilt es herauszufinden, wer hinter all diesen Aktionen steckt. Die Beantwortung dieser Fragen ist die Aufgabe, die die Slow Horses lösen müssen, wenn sie ihren nerdigen Mitstreiter wiedersehen möchten. Obwohl man durchaus leise Zweifel anmelden könnte, ob sie das überhaupt wollen, denn weder ist Ho beliebt noch gibt es einen Teamspirit innerhalb dieser sich ständig im Fluss befindlichen Gruppe von kaltgestellten Geheimdienstlern Ihrer Majestät. Aber er ist einer der Ihren, von daher alles im grünen Bereich.

Anfangs tappen sie im Dunkeln, alle, bis auf J.K. Coe, den psychopatischen Neuankömmling mit den Kopfhörern aus dem vorherigen Band. Zum einen ist er davon überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen gibt, sie ergo von ein und demselben Team verübt worden sind, zum anderen erkennt er, dass sich die Vorgehensweise an ein altes Dossier des Geheimdienstes anlehnt, das Anweisungen zur Destabilisierung unterentwickelter Staaten gibt. Aber wer hat ein Interesse daran, es ausgerechnet jetzt zum Einsatz zu bringen und warum?

Das Original der „London Rules“ ist 2018 erschienen, also zwei Jahre nach dem Brexit-Referendum. Und wie immer verkneift es sich Mick Herron nicht, den Zustand der Nation höchst ironisch und mit Seitenhieben auf die realen politischen Zustände im Land in diesen fünften Fall der Slow Horses einzuarbeiten. Herrlich, die satirische Beschreibung des tumben Europa skeptischen Abgeordneten, der nach dem Posten des Premiers schielt und seiner ehrgeizigen Ehefrau, die in ihren Kolumnen in einer Boulevardzeitung seinen Konkurrenten in wenig subtiler Art an den Pranger stellt.

Auch wenn ich die Dialoge liebe, die erfrischenden und respektlosen, politisch inkorrekten Aussagen, ist es für mich ein eher schwächerer Band der Reihe. Zu oft wird die Handlung durch endlose Diskussionen und Wiederholungen ausgebremst, was Längen generiert und Kernaussagen verwässert. Dennoch tut dies meiner Liebe für die Lahmen Gäule von Slough House keinen Abbruch, den jede/r einzelne dieser Agenten auf dem Abstellgleis hat mehr Ehre im Leib, als inkompetente Politiker wie der Premier (ein kritischer Blick auf die neugewählte Premierministerin Liz Truss sei gestattet) und die verschlagenen Handlanger vom Geheimdienst, allen voran Claude Whelan, dessen gesamtes Handeln an der ersten London Rule „Rette deinen A...h“ ausgerichtet ist. Und diese Menschen maßen sich an, über Wohl und Wehe der Nation zu entscheiden?

Veröffentlicht am 04.09.2022

So wie es jetzt ist

Stunde der Flut
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Charlie Dreavin, Protagonist in „Stunde der Flut“ (Originaltitel "The way it is now), ist der Neue im Disher-Universum. Wegen einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten wird der langjährige Polizist ...

Charlie Dreavin, Protagonist in „Stunde der Flut“ (Originaltitel "The way it is now), ist der Neue im Disher-Universum. Wegen einer Tätlichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten wird der langjährige Polizist vom Dienst suspendiert und in Zwangsurlaub geschickt. Also schnappt er sich sein Surfbrett und macht sich auf zu seinem Elternhaus nach Menlo Beach, einer Halbinsel vor Melbourne. Nicht nur der Ort, an dem er aufgewachsen ist, sondern auch der Ort, an dem er vor zwanzig Jahren Traumatisches erlebt hat, das ihn bis heute verfolgt. Zuerst verschwand ein kleiner Junge, und kurz danach war Charlies Mutter wie vom Erdboden verschluckt. Sämtliche Nachforschungen nach den beiden blieben ergebnislos. Sowohl Charlie als auch sein Bruder waren und sind davon überzeugt, dass sie tot ist und entweder ihr Vater, ebenfalls Polizist, oder der ehemalige Untermieter der Mutter mit deren Verschwinden etwas zu tun hat. Zurück in Menlo wird er von der Vergangenheit eingeholt, als bei Erdarbeiten unter einer Betonplatte die Überreste zweier Leichen gefunden werden. Es stellt sich heraus, dass es sich um seine Mutter und den verschwundenen Jungen handelt. Die Ermittlungen werden wieder aufgenommen und Charlie setzt alles daran, herauszufinden, was damals passiert ist.

Ein weniger talentierter Autor würde aus dieser Story einen simplen Whodunit-Krimi stricken. Nicht so Disher, der sich vor allem auf seine verschiedenen Charaktere konzentriert, insbesondere natürlich auf Charlie mit seiner traumatischen Vergangenheit. Aber Disher hat auch einen Blick für den gesellschaftlichen Alltag und zeigt exemplarisch an einem Gerichtsverfahren die Missstände und Schikanen auf, denen Frauen durch Polizei und Rechtsprechung ausgesetzt waren und sind, wenn sie sich gegen Männergewalt wehren. Doch es gibt ansatzweise Hoffnung. Privilegien, Macht und toxische Männlichkeit sind ein Auslaufmodell, als Gegenentwurf dazu dient ihm die persönliche Entwicklung Charlies, der seine Rolle und sein Verhalten reflektiert und um Veränderung bemüht ist, denn wie sein Vater wollte und will er nie werden. Lesen. Unbedingt!

Veröffentlicht am 01.09.2022

Michael Connelly, eine sichere Bank für Polizeikrimis

Glutnacht
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Michael Connelly, der Spezialist für Polizeikrimis, hat mit LAPD Detective Renée Ballard und dem pensionierten Harry Bosch von der Hollywood Division ein Dream Team geschaffen, dessen Fälle immer wieder ...

Michael Connelly, der Spezialist für Polizeikrimis, hat mit LAPD Detective Renée Ballard und dem pensionierten Harry Bosch von der Hollywood Division ein Dream Team geschaffen, dessen Fälle immer wieder spannende Lesestunden garantieren. Mit ein Grund dafür ist die besondere Dynamik, die sich zwischen ihnen entwickelt, und, nicht zu vergessen, die abwechslungsreiche Beschreibung der Ermittlungen, die sich in der Regel aus drei unterschiedlichen Verbrechen ergeben, die manchmal, aber nicht immer, miteinander verbunden sind. Diese Fälle beanspruchen die Aufmerksamkeit und das Knowhow der beiden Protagonisten, die ihre Ergebnisse teilen, zusammenführen und am Ende mit einer für den Leser zufriedenstellenden und nachvollziehbaren Auflösung aufwarten.

So auch in „Glutnacht“, dem zweiten Band, in dem Ballard und Bosch gemeinsam in einem Cold Case ermitteln. Und hier ist es wieder einmal Boschs Credo „ Jedes Opfer zählt, oder kein Opfer zählt“, das dafür sorgt, dass er sich in einen ungeklärten Mordfall verbeißt, der bereits Jahrzehnte zurückliegt und ihm quasi als Vermächtnis von seinem verstorbenen Mentor vererbt wird (Fall Nr. 1). Den Zugang zu den internen Informationen ermöglicht Ballard, die selbst aktuell im Fall einer Brandstiftung ermittelt, der ein Obdachloser zum Opfer gefallen ist (Fall Nr. 2). Womit aber niemand rechnet, es gibt eine Verbindung zwischen diesen beiden Fällen, und es ist ja allseits bekannt, dass das Wecken schlafender Hunde selten gut ausgeht. Und dann ist da noch Fall Nr. 3, der dem Lincoln Lawyer Mickey Haller, ein weiterer Bekannter aus dem Connelly-Universum, einen gelungenen Auftritt verschafft. Haller setzt mit der Hilfe seines Halbbruders alles daran, die Unschuld seines Klienten zu beweisen, der des Mordes an einem Richter angeklagt ist.

Connelly ist ein Profi und hat in der Vergangenheit ja bereits hinlänglich gezeigt, dass er es den Aufbau von spannenden Stories aus dem Effeff beherrscht. Er hat ein Gespür für Tempowechsel, die verschiedenen Perspektiven, die die Handlung verschränken, vorantreiben und das Interesse des Lesers binden. Und ja, es war ein cleverer Schachzug, der „Neuen“ Harry Bosch zur Seite zu stellen, den uns vertrauten Ermittler, der sich nur seiner persönlichen Moral und dem Opfer verpflichtet fühlt und sich einen Dreck um Hierarchien schert. Damit hat er den Boden für die Einzelgängerin Ballard optimal bereitet, die mit ihrer unkonventionellen Art die passende Nachfolgerin für Bosch ist.

Nachbemerkung: Der Einstieg in die Reihe ist auch dann problemlos möglich, wenn man die Vorgänger nicht gelesen hat, denn es gibt, ohne aufdringlich zu wirken, im Text immer wieder kurze Verweise auf die Vergangenheit der beiden Protagonisten.

Veröffentlicht am 31.08.2022

Überkonstruierte Story

SCHNEE
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Winter in Island. Der Schnee liegt meterhoch, der Wind pfeift. Nicht die beste Zeit, um eine Wanderung zu unternehmen. Doch davon lassen sich die beiden Paare nicht abhalten, haben sie doch jemanden kennengelernt, ...

Winter in Island. Der Schnee liegt meterhoch, der Wind pfeift. Nicht die beste Zeit, um eine Wanderung zu unternehmen. Doch davon lassen sich die beiden Paare nicht abhalten, haben sie doch jemanden kennengelernt, der den Eindruck vermittelt, dass er sich mit der Gegend auskennt und den Unbillen des Wetters trotzen kann. Doch es kommt anders als erwartet, denn die Gruppe kommt nicht zurück. Ein Such- und Rettungsteam wird losgeschickt, das in einer Berghütte Hinweise darauf findet, dass sie dort vorübergehend Unterschlupf gesucht haben. Die weitere Suche verläuft ergebnislos, bis…ja, bis das Team im Schnee einen Leichnam findet. Unbekleidet. Der dritte unerklärliche Fund während ihres Einsatzes. Zuerst der Kinderschuh, dann die Blutlache und jetzt die Leiche. Äußerst mysteriös, und es dauert auch einige Zeit, bis die Autorin Hinweise einstreut, die weniger der Klärung dienen, sondern leider eher für zusätzliche Verwirrung sorgen.

Und genau hier liegt mein Problem mit „Schnee“, dem neuen Buch der isländischen Autorin Yrsa Sigurdardóttir, das als Thriller beworben wird, aber besser in den Bereichen Mystery-/Gruselroman aufgehoben wäre. Denn es gibt kaum Vorkommnisse, die sich rational erklären lassen. Vergangenheit und Gegenwart werden verwoben, selbst die betroffene Person hat die Erinnerung verloren. Allem, was geschieht oder geschehen ist, haftet der Hauch des Übernatürlichen an. Mir war das unterm Strich zu viel Lärm um nichts.

Ich will nicht ausschließen, dass es mit Sicherheit Leser/innen gibt, denen unerklärliche Phänomene Gänsehaut verursachen. Hat bei mir leider nicht geklappt, ich fand die Story langatmig, überkonstruiert und an den Haaren herbeigezogen. Und die Kirsche auf der Sahne war das völlig überzogene Ende, das von hinten durch die Brust ins Auge zielt, keine Auflösung anbietet, stattdessen zu Spekulationen auffordert.

Veröffentlicht am 30.08.2022

Ein Denkmal für Sylvia Beach

Die Buchhändlerin von Paris
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Wer Paris besucht und ein Herz für Bücher hat, kommt an „Shakespeare and Company“ nicht vorbei. Allerdings kennen wahrscheinlich die wenigsten Besucher die Geschichte dieser besonderen Buchhandlung am ...

Wer Paris besucht und ein Herz für Bücher hat, kommt an „Shakespeare and Company“ nicht vorbei. Allerdings kennen wahrscheinlich die wenigsten Besucher die Geschichte dieser besonderen Buchhandlung am linken Ufer der Seine, die in der Vergangenheit wesentlich mehr als bloß ein Laden war, in dem man englischsprachige Bücher kaufen konnte.

Drehen wir die die Zeit zurück in die zwanziger Jahre. Der Krieg ist vorbei, als Sylvia Beach nach ihrem Einsatz beim Roten Kreuz nach Paris kommt, in die französische Metropole, in der das Leben so ganz anders als in ihrem Heimatland Amerika ist. Und sie ist begeistert von der Offenheit, auf die sie in den Kreisen der Bohème trifft, von der Liberalität, der Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen. Das ist der Ort, an dem sie leben und arbeiten will. Die Bekanntschaft mit der Buchhändlerin Adrienne Monnier, aus der eine große Liebe erwächst, inspiriert die bibliophile Amerikanerin dazu, die Buchhandlung „Shakespeare and Company“ zu eröffnen, in der man ausschließlich englischsprachige Bücher kaufen und/oder ausleihen kann. Eine Marktlücke, zumal es in diesen Jahren in Paris nur so von amerikanischen Exilanten wimmelt, die ihre Jugend, ihr Leben genießen wollen und vor den Einschränkungen in ihrer Heimat (z.B. Prohibition) nach Paris flüchten.

Bald geben sich in der Buchhandlung bekannte und unbekannte Schriftsteller die Klinke in die Hand, wird der Ort wird in kürzester Zeit zum Zentrum der englischsprachigen Literatur in Europa. Freundschaften entwickeln sich, insbesondere die zwischen Sylvia und James Joyce, dessen Jahrhundertwerk Ulysses in den USA noch immer auf der Schwarzen Liste steht. Sylvia, überzeugt von der Qualität dieses Werkes, fasst den Entschluss, den Roman über ihre Buchhandlung zu veröffentlichen. Allerdings hat sie aber nicht mit den Schwierigkeiten und Problemen gerechnet, die dieses wagemutige Unterfangen für sie bereithält.

Mit ihrem Roman „Die Buchhändlerin von Paris“ setzt die Autorin Kerri Maher der Gründerin von „Shakespeare and Company“ ein Denkmal und würdigt deren Leben und Wirken für und mit der Literatur. Gleichzeitig ist es aber auch eine Liebeserklärung an den Buchhandel, die an längst vergangene Zeiten erinnert, in denen Bücher mehr als bloße Ware waren und es nicht in erster Linie um Verkaufszahlen und die daraus erwachsenen Profite ging. Sehr empfehlenswert und allen Buchmenschen ans Herz gelegt!