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Veröffentlicht am 19.06.2025

Mehr als ein Kochbuch

Porto - Das Kochbuch
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Wie bereits in dem Vorgänger „Lissabon“ bietet Sylvie Da Silva (Tochter portugiesischer Eltern, in Frankreich geboren und aufgewachsen) mit „Porto“ wesentlich mehr, als man von einem Kochbuch erwartet. ...

Wie bereits in dem Vorgänger „Lissabon“ bietet Sylvie Da Silva (Tochter portugiesischer Eltern, in Frankreich geboren und aufgewachsen) mit „Porto“ wesentlich mehr, als man von einem Kochbuch erwartet. Einmal mehr hat sie mit dieser Mischung aus authentischen Rezepten, Impressionen und Geschichten aus der zweitgrößten Stadt Portugals genau meinen Geschmack getroffen.

Nach einer kurzen Einleitung schaut die Autorin in fünf thematischen Blöcken mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf die Besonderheiten, die nicht nur die Küche Portos, sondern auch ganz Portugals, ausmachen: Petiscos, die raffinierten kleinen Mahlzeiten, vorzugsweise in Tabernas genossen. Nach eigener Erfahrung würde ich sie nur bedingt mit dem, was wir als Vorspeisen kennen, vergleichen, da sie sehr vielfältig und oft vollwertige Mahlzeiten sind. Die ländliche Küche, die von nahrhaften, bodenständigen Fleischgerichten, oft in Eintöpfen, geprägt ist. Die Meeresküche, die mehr zu bieten hat als Pastéis de Bacalhau (frittierte Klößchen aus getrocknetem Stockfisch), sondern den jeweilige Fang des Tages verarbeitet. Nicht zu vergessen die Desserts, die oft ihren Ursprung in der mittelalterlichen Klosterküche haben und sich, wie im Fall der berühmten Pastéis de nata, durch den exzessiven Einsatz von Eiern auszeichnen.

Zu jedem der Rezeptblöcke gibt es einleitend thematisch passende Textpassagen, in denen auf die jeweiligen Besonderheiten eingegangen wird. Diese sind über das gesamte Buch verteilt und liefern sowohl Informationen zur Herkunft und Zubereitung der Gerichte als auch zur Historie der Hafenstadt am Douro. Last but not least die ganzseitigen Fotos. Hierbei beschränkt sich die Autorin nicht nur auch solche, die die Rezepte bebildern, sondern zeigt uns auch in einer gelungenen Auswahl die vielen Facetten Portos, sodass man am liebsten gleich die Koffer packen und sich auf den Weg machen möchte.

Sylvie Da Silvas „Porto“ ist eine gelungene Verbindung aus den Rezepten der traditionellen portugiesischen Küche und interessanten Informationen zu Land und Leuten. Zusätzlich gibt es aber auch noch hilfreiche Tipps für den Aufenthalt vor Ort sowie den Einkauf der für Porto typischen kulinarischen Mitbringsel, d.h. es ist sowohl ein superschönes Kochbuch mit tollen Rezepten, die Urlaubsfeeling auf den heimischen Teller bringen, gleichzeitig aber auch sehr gut vor Ort bei einem Streifzug durch die portugiesische Hafenstadt geeignet. Große Empfehlung!

Veröffentlicht am 14.06.2025

Gelungenes Setting, aber altbekannte Themen

Die Hummerfrauen
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Vor vielen Jahren haben wir auf unserem Roadtrip durch die Neuengland-Staaten unter anderem auch einige Küstenstädte in Maine besucht, in denen ein Großteil der Bewohner vom Hummerfang lebt. Allerdings ...

Vor vielen Jahren haben wir auf unserem Roadtrip durch die Neuengland-Staaten unter anderem auch einige Küstenstädte in Maine besucht, in denen ein Großteil der Bewohner vom Hummerfang lebt. Allerdings haben wir damals keine Frauen bei der Arbeit gesehen, aber das mag mittlerweile wohl anders sein.

Insbesondere, wenn man Beatrix Gerstenberg glauben mag, die in ihrem Roman „Die Hummerfrauen“ Leben, Arbeit und die persönlichen Hintergründe dreier Frauen schildert, für die leben und arbeiten in Stone Harbor im Laufe der Zeit zum Rettungsanker wurde. Drei Frauen, drei Generationen, denen das Leben tiefe Wunden geschlagen hat. Ann (72), Julie (54) und Mina (28), starke Frauen, die miteinander in Beziehung stehen und ihren Lebensunterhalt als Hummerfischerinnen verdienen. Eine herausfordernde Arbeit, die im Fall der drei Frauen verschüttete Stärken wieder ans Licht bringt.

Ich bin kein großer Fan von Unterhaltungsromanen, die sich wie hier ausdrücklich an Leserinnen richten. Da ich die Gegend kenne, hat mich das Setting interessiert. Und das ist durchaus gelungen. Leider bietet die Handlung kaum Überraschungen, sondern orientiert sich an den üblichen Themen orientiert, die aktuell in sehr vielen Romanen mit entsprechenden Variationen verarbeitet werden: Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupten wollen/müssen, Rückkehr an einen Ort aus und mit Vergangenheit, alte Geheimnisse, die noch immer schwelen, Verluste, die persönlichen Stärken hervorbringen, Rückblicke und Neuanfänge, hier in einem männlich dominierten Umfeld, das die persönlichen Stärken der Frauen hervortreten lässt und dafür verantwortlich ist, dass die Frauen Altes hinter sich lassen und Neues wagen.

Eine nette Urlaubslektüre, die man vorzugsweise in Maine genießen sollte

Veröffentlicht am 12.06.2025

Rundum gelungener Reihenauftakt

Ein Mord im November - Ein Fall für DI Wilkins
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Oxford, das College Barnabas Hall. Im Arbeitszimmer von Provost Osborne wird am späten Abend die Leiche einer unbekannten jungen Frau gefunden, allem Anschein nach eines gewaltsamen Todes gestorben. Also ...

Oxford, das College Barnabas Hall. Im Arbeitszimmer von Provost Osborne wird am späten Abend die Leiche einer unbekannten jungen Frau gefunden, allem Anschein nach eines gewaltsamen Todes gestorben. Also ein Fall für die Thames Valley Police.
DI Wilkins hat Bereitschaft, wird telefonisch informiert und macht sich sogleich auf den Weg. Zu dumm nur, dass versehentlich der falsche Wilkins alarmiert wurde, denn mit diesem Nachnamen gibt es gleich zwei DIs auf der Dienststelle, Ryan Wilkins und Ray Wilkins, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Ryan, aufgewachsen in einem Problemviertel. Der Vater Alkoholiker, ein brutaler Schläger. Eine Kindheit und Jugend, die Spuren hinterlassen hat. Ryan ist impulsiv, handelt bevor er denkt, was auch dafür verantwortlich ist, dass er nach einem Ausraster, in den der Bischof von Salisbury involviert war, von Wiltshire nach Oxford wechseln musste. Mit seiner schlampigen Jogginghose, den offenen Sneakern und seinem ruppigen, oft aggressivem Auftreten ähnelt er eher einem Jugendlichen aus der Hood als einem Kriminalbeamten. Aber, ein großes Aber, er ist ein Ermittler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Instinkten, auch wenn er dazu neigt, übers Ziel hinauszuschießen, wenn es darum geht, einen Verdächtigen festzunageln. Aber er ist auch ein hingebungsvoller, alleinerziehender Vater, der nach dem Drogentod seiner Frau sich liebevoll um den kleinen Ryan, seinen zweijährigen Sohn, kümmert.
Sein Kollege Ray hingegen ist langweilig, Typ Karrierist. kommt aus gutem Haus, ist Oxford-Absolvent, immer gut und teuer gekleidet, weiß sich zu benehmen, eckt nie an und lebt in gesicherten Verhältnissen Also das genaue Gegenteil von Ryan, auf den er während der Ermittlungen ein Auge haben soll. Spannungen und Probleme sind also von Beginn an vorprogrammiert.
Simon Masons Krimi lebt von diesen beiden Gegensätzen, aber da es der Auftakt einer Reihe ist, lässt der Autor sich sehr viel Zeit, um die dieProtagonisten einzuführen und auszuleuchten. Dabei gerät der eigentliche Kriminalfall zwar ins Hintertreffen, wird immer wieder von Ryans unüberlegten Aktionen überlagert, sodass man förmlich auf die nächste Eskalation wartet. Mich hat das allerdings nicht weiter gestört, aber es gibt mit Sicherheit Leser/innen, die daran Anstoß nehmen werden.
Aber schaut man genauer hin, hat „Ein Mord im November“ wesentlich mehr als der übliche Kriminalroman zu bieten, in dem es darum geht, den Täter zu entlarven. Er setzt sich mit Klassengegensätzen auseinander, vernachlässigt aber auch die dem Verbrechen zugrunde liegenden Themen Migration, Fremdenfeindlichkeit, Islamismus, Menschenhandel und Missbrauch nicht, auch wenn er hier nur an der Oberfläche kratzt.
Dennoch, ein erfrischender, rundum gelungener Reihenauftakt (und ein ausdrückliches Nein zu dem Vergleich mit Lynley und Havers), den ich sehr gerne gelesen habe und auf dessen Fortsetzung ich schon sehr gespannt bin. Aber da das bestimmt noch länger dauert, habe ich mir vorsichtshalber schonmal Band 2 im englischen Original besorgt.

Veröffentlicht am 04.06.2025

Unterhaltsam und spannend im richtigen Verhältnis

Die Sommergäste
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Wenn die Tage länger werden, ist es vorbei mit dem gemächlichen Alltag in Purity, Maine, dann droht Ärger. So die Erfahrung von Jo Thibodeau, der kommissarischen Polizeichefin der verschlafenen Kleinstadt. ...

Wenn die Tage länger werden, ist es vorbei mit dem gemächlichen Alltag in Purity, Maine, dann droht Ärger. So die Erfahrung von Jo Thibodeau, der kommissarischen Polizeichefin der verschlafenen Kleinstadt. Nur gut, dass sie diesmal nicht allein auf verlorenem Posten steht, bekommt sie doch, wenn auch ungebeten, Unterstützung vom Martini-Club, einer Freundesclique mit besonderen Fähigkeiten, bei der Suche nach Zoe, Stieftochter von Ethan Conover, die vom Schwimmen im Maiden Pond nicht nach Hause zurückgekehrt ist.

Ist sie ertrunken? Nahezu unmöglich, ist sie doch eine gute Schwimmerin. Davongelaufen? Dafür gibt es keinen Grund. Bleibt nur noch eine Möglichkeit. Die Conovers sind vermögend. Wahrscheinlich wurde sie entführt, so Jos Vermutung. Aber dann sollte es eine Lösegeld-Forderung geben, die aber ausbleibt. Was also ist mit Zoe geschehen?

Diese Frage stellen sich auch die Freunde vom Martini-Club, Maggie, Declan, Ben, Ingrid und Lloyd, allesamt Spione im Ruhestand, die sich trotz des Widerstands von Jo nicht davon abhalten lassen, sich an den Ermittlungen zu beteiligen und ihre im früheren Berufsleben erworbenen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Insbesondere dann, als von der Suchmannschaft ein weibliches Skelett aus dem See geborgen wird.

Eine vermögende Familie, deren unsympathischen Mitglieder wegen ihres Status überzeugt davon sind, über dem Gesetz zu stehen. Hat man schon oft gelesen, zuletzt in Liz Moores „Der Gott des Waldes“. Was Tess Gerritsens „Sommergäste“ Band 2 der Reihe) davon unterscheidet ist zum einen die straffere Erzählweise und zum anderen die Konzentration auf die äußerst gelungene Charakterisierung der beteiligten Personen, wie Jo, die Conovers und die Nachbarn. Nicht zu vergessen das liebenswerten Senioren-Ermittlerteam mit all seinen Schrullen und Facetten.

Die Handlung schreitet zügig voran, Längen sind kaum vorhanden, da immer wieder neue Aspekte und Wendungen die Vermutungen der Leser befeuern und so keine Langeweile aufkommt. Hier zeigt die Autorin einmal mehr ihr Können und findet die richtige Balance zwischen Unterhaltung und Spannung (vergleichbar Richard Osmans Donnerstagsmordclub-Reihe).

Ein Kriminalroman, der auch gut als Stand alone funktioniert und den ich gerne gelesen habe. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung der Reihe.

Veröffentlicht am 31.05.2025

Leichte Lektüre zu gewichtigem Thema

Beeren pflücken
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Amanda Peters, Autorin mit Mi'kmaq-Wurzeln, beschäftigt sich in ihrem Debüt mit einem Thema, das insbesondere in Kanada, aber auch in den Vereinigten Staaten relevant ist. Indigene Kinder wurden ihren ...

Amanda Peters, Autorin mit Mi'kmaq-Wurzeln, beschäftigt sich in ihrem Debüt mit einem Thema, das insbesondere in Kanada, aber auch in den Vereinigten Staaten relevant ist. Indigene Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und in Pflegefamilien oder in den von der katholischen Kirche betriebenen Residential Schools untergebracht. Beides geleitet von dem Ziel, ihnen ihre Sprache, ihre Kultur, ja ihre Identität zu nehmen.

In „Beeren pflücken“ setzt sie diese Thematik zumindest in Ansätzen um. Die vierjährige Ruthie, Kind einer Mi'kmaq-Familie, die als Erntehelfer zur Blaubeer-Ernte nach Maine gekommen sind, verschwindet spurlos, wird im Vorübergehen einfach so von einem kinderlosen Paar mitgenommen und in eine Familie verschleppt, die peinlich darauf achtet, die Herkunft zu verschleiern. Stellt sich die Frage, was macht das a) mit dem Kind und b) dessen Eltern und Geschwistern über die Jahre? Soweit die Ausgangssituation, die Peters für ihren Roman nutzt.

Die Herkunftsfamilie leidet jahrzehntelang unter diesem tragischen Verlust. Insbesondere Ruthies Bruder Joe ist traumatisiert, damals sechs Jahre alt und der letzte, der seine Schwester am Rand der Blaubeerfelder gesehen hat. Er liegt im Sterben, ist nicht nur ein seelisches sondern auch ein körperliches Wrack, versucht Schuldgefühl und Trauma mit Alkohol zu betäuben, das Verschwinden der Schwester aus dem Kopf zu bekommen. Es gelingt ihm nicht. Ruthie hingegen wird zu Norma, die als Einzelkind eines kinderlosen, weißen, wohlhabenden Paares aufwächst, die ihre Fragen nicht hören, geschweige denn beantworten wollen. Erst nach dem Tod ihrer „Mutter“ wird das Geheimnis ihrer Herkunft gelüftet.

Fünfzig Jahre folgen wir in abwechselnden Kapiteln Joes und Normas. Wir machen Bekanntschaft mit ihrer Trauer, ihren Schuldgefühlen, aber auch ihrem Hoffen und Sehnen. All das zeichnet Peters zwar eindrücklich und mit feinem Strich, aber vermeidet eindeutige Positionierungen z.B. zu den Diskriminierungen, mit denen Indigene in Kanada noch immer zu kämpfen haben.

Eine leichte Lektüre zu einem gewichtigen Thema. Dennoch ist dieser Roman nicht schlecht, eignet sich durchaus für alle, die einen Überblick zur Situation der Indigenen in Kanada bekommen möchten. Aber wer sich umfassender in Romanform informieren möchte, sollte Richard Wagamese und Tommy Orange lesen.