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Veröffentlicht am 09.05.2026

Intelligente Spannung

Sag, es tut dir leid
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Den Psychologen Joe O’Loughlin und seinen Freund, den ehemaligen Polizisten Victor Ruiz kennen wir bereits aus den vier Vorgängerbänden den Reihe. In „Sag, es tut dir leid“, dem neuen Werk aus der Feder ...


Den Psychologen Joe O’Loughlin und seinen Freund, den ehemaligen Polizisten Victor Ruiz kennen wir bereits aus den vier Vorgängerbänden den Reihe. In „Sag, es tut dir leid“, dem neuen Werk aus der Feder des Australiers Michael Robotham, arbeitet dieses Duo wieder in bewährter Manier zusammen, um Piper Hadley und Tash McBain zu finden, zwei junge Mädchen, die vor drei Jahren entführt wurden und seither vermisst werden.

Alles fängt damit an, dass O’Loughlin die Polizei bei der Aufklärung eines Doppelmordes als psychologischer Gutachter unterstützen soll. Der vermutliche Täter ist offenbar geistig behindert, und die Hinweise verdichten sich im Laufe der Befragungen, dass er die Morde nicht begangen haben kann, vor allem, als noch eine weitere Leiche auftaucht und der Psychologe die Verbindung zu den beiden Entführungsfällen herstellen kann.

Die Geschichte teilt sich in zwei unterschiedliche Handlungsstränge: Da sind zum einen die Tagebuchaufzeichnungen des Entführungsopfers Piper Hadley, zum anderen nimmt der Leser an der mühevollen Aufklärungsarbeit der Fälle aus der Sicht von Joe O’Loughlin teil, wobei er immer auf Augenhöhe mit dem Ermittlungsteam ist.

Robotham hat mit „Sag, es tut dir leid“ einen äußerst spannenden Thriller geschrieben, der tief in das Innenleben der Protagonisten blicken lässt. Man ist immer bei ihnen, kann nicht nur ihre Ängste und Zweifel, sondern auch ihre Freude über die kleinsten Teilerfolge und ihre Hoffnung fühlen.

Der Autor berührt seine Leser emotional, nicht zuletzt deshalb, weil sich sein intelligenter Plot deutlich von dem der üblichen Entführungspsychothriller unterscheidet. Er ist ein Meister, wenn es darum geht, mögliche Verbindungen und Verdächtige zu suggerieren, falsche Spuren zu legen, mit Vermutungen zu arbeiten, unerwartete Wendungen einzubauen – am Ende stellt der Leser fest, dass er grandios an der Nase herumgeführt wurde. Die Auflösung an sich hätte ich jetzt so nicht erwartet, sie ist aber allerdings absolut schlüssig und nachvollziehbar.

Und wieder einmal hat Michael Robotham mit seinem neuen Thriller bewiesen, dass er wie kaum ein anderer Autor dieses Genres Spannung bis zur letzten Zeile garantiert. Klare Leseempfehlung meinerseits!

Veröffentlicht am 09.05.2026

Besser als der Vorgänger

Erwartung
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In "Erwartung" erzählt der dänische Autor Jussi Adler-Olsen die Geschichte des Sonderdezernates Q um Carl Mørk, Assad und Rose und deren Fälle weiter. Nachdem der letzte Band meinen Erwartungen nicht wirklich ...

In "Erwartung" erzählt der dänische Autor Jussi Adler-Olsen die Geschichte des Sonderdezernates Q um Carl Mørk, Assad und Rose und deren Fälle weiter. Nachdem der letzte Band meinen Erwartungen nicht wirklich entsprach, habe ich diesen Thriller mit einer gewissen Skepsis in die Hand genommen. Zu Anfang ist der Handlungsverlauf etwas unklar, aber spätestens nach dem Auftauchen von Marco, der jugendlichen Hauptfigur, entwickelt sich die Geschichte rasant und sehr, sehr spannend.

Im Mittelpunkt des fünften Bandes der Reihe steht Marco, ein fünfzehnjähriger Osteuropäer, der sich mit seinem Familienverbund seit geraumer Zeit in Dänemark aufhält. Dieser Clan ist streng hierarchisch organisiert – an der Spitze steht Zola, Marcos Onkel, und am untersten Ende der Pyramide sind die Kinder und Jugendliche zu finden, die von diesem auf Bettel- und Diebestour geschickt werden und um deren "Erträge" zu steigern, schreckt die Bande auch nicht davor zurück, die diese zu Krüppeln zu schlagen. Aber wehe dem, der sich widersetzt, oder gar, wie im vorliegenden Fall Marco, aussteigen möchte. Auf seiner Flucht wird er per Zufall in seinem gewählten Versteck mit einem Leichenfund konfrontiert, und genau um diesen Ermordeten geht es auf Betreiben von Mørks Assistentin Rose in dem neuen Fall des Sonderdezernates.

Wie immer menschelt es in Adler-Olsens Thriller ganz gewaltig, wobei ich gestehen muss, dass mich das Schicksal des Jungen weitaus mehr interessiert, als das Geplänkel zwischen Rose und Gordon, dem Neuzugang im Dezernat, oder der Schlagabtausch zwischen Assad und Carl. Auch die Ausflüge in Mørks Privatleben finde ich nicht sonderlich erquicklich, vor allem deshalb, weil diese absolut nichts zum Fortgang der Handlung beitragen. Aber leider geht auch bei den skandinavischen Autoren der Trend in die Richtung, jeden Protagonisten mit möglichst vielen privaten Problemen auszustatten. Schade, denn gerade durch diese Passagen wird die Handlung immer wieder ausgebremst, was die Spannung reduziert.

In der Konstruktion des Kriminalfalles allerdings beweist Adler-Olsen seine Klasse, denn dieser ist unglaublich spannend. Gerade dann, wenn er Marcos Überlebenskampf beschreibt. Oder die korrupten Verflechtungen zwischen Bankern und Politikern und deren Skrupellosigkeit, wenn es darum geht, sich mit Geldern, die eigentlich für humanitäre Projekte gedacht sind, die eigenen Taschen zu füllen - das erzeugt Spannung auf höchstem Niveau und stellt den Thriller-Leser fast rundum zufrieden.

Veröffentlicht am 09.05.2026

Spannende Medienschelte

Der Verrat
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„Der Verrat“ von Val McDermid ist der neueste Thriller aus der Feder der Erfolgsautorin, mit dem sie einmal mehr beweist, dass Spannung nicht zwangsläufig mit Mord und Totschlag einhergehen muss.

Die ...

„Der Verrat“ von Val McDermid ist der neueste Thriller aus der Feder der Erfolgsautorin, mit dem sie einmal mehr beweist, dass Spannung nicht zwangsläufig mit Mord und Totschlag einhergehen muss.

Die Schriftstellerin Stephanie Harker ist mit ihrem Adoptivsohn Jimmy auf dem Weg zu einem Amerika-Urlaub und wird bei dem Sicherheitscheck am O’Hare Airport in Chicago zur gründlichen Kontrolle in eine Glaskabine geführt. Von dort muss sie mit ansehen, wie ein Unbekannter den fünfjährigen Jungen an die Hand nimmt und mit diesem in der Menschenmenge verschwindet. Daraufhin stürmt sie aus der Kabine, wird aber sofort von dem Sicherheitspersonal überwältigt und unter Terrorismusverdacht verhaftet. Ihre Aussagen werden mit Skepsis betrachtet, lediglich FBI Special Agent Vivian McKuras hört Stephanie zu, die den Grund für die Entführung in der Herkunft des Jungen vermutet.

Zuallererst entwickelt Val McDermid mit der Entführungsgeschichte die Rahmenhandlung für ihren Thriller, der eher leise daherkommt. Sie verwendet viel Zeit auf die Ausleuchtung des Familienhintergrundes des Adoptivsohns sowie auf die Beschreibung des Verhältnisses zwischen der leiblichen Mutter Scarlett Higgins, einer Reality TV Blondine, und Stephanie Harker, die als Ghostwriterin für diese tätig war.

Hier zeigt sich das große Talent der Autorin, die mit psychologischem Fingerspitzengefühl die unterschiedlichen Charaktere und deren Beziehungen so detailliert entwickelt und darstellt, dass man als Leser gar nicht anders kann, als höchst emotional auf diese Personen zu reagieren. Sympathie, Fremdschämen, Wut, Mitgefühl – die ganze Palette der Empfindungen klopfen hier während der Lektüre bei dem Leser an.

McDermid spart aber auch nicht mit Kritik an Auswüchsen des öffentlichen Lebens im Medienbereich, ob das nun Reality Shows und Boulevardpresse oder der gesamte Wirbel ist, der sich um Pseudoberühmtheiten entfaltet, bei der Autorin bekommen alle ihr Fett weg.

Aber über all dem verliert die schottische „Queen of Crime“ nie die Story aus den Augen und bietet dem Leser mit „Der Verrat“ einen Thriller mit unerwarteten Wendungen und einem konstant ansteigenden Spannungsbogen. Sehr empfehlenswert!

Veröffentlicht am 09.05.2026

Vielschichtig

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
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Dass Juristen mit Sprache umgehen können und von daher beste Voraussetzungen mitbringen, wenn es ums Schreiben geht, wissen wir seit den Romanen Ferdinand von Schirachs. So auch der Schweizer Autor Joël ...

Dass Juristen mit Sprache umgehen können und von daher beste Voraussetzungen mitbringen, wenn es ums Schreiben geht, wissen wir seit den Romanen Ferdinand von Schirachs. So auch der Schweizer Autor Joël Dicker, ebenfalls studierter Jurist (obwohl er nie in diesem Beruf gearbeitet hat), der mit seinem Roman „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ die Bestsellerlisten in Frankreich stürmte und für zahlreiche Literaturpreise nominiert war.

Ist „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ denn nun ein gutes Buch? Die Frage kann ich uneingeschränkt bejahen, vor allem dann, wenn man ein Zitat heranzieht, das der Autor seiner Figur Harry Quebert in den Mund legt: „Ein gutes Buch (…) ist ein Buch, bei dem man bedauert, dass man es ausgelesen hat“. Und genau so ging es mir, denn obwohl dieser Roman die volle Konzentration des Lesers fordert und ein dicker Wälzer ist, habe ich mich während der Lektüre jederzeit bestens unterhalten gefühlt.

Die Ausgangssituation der Geschichte ist typisch für einen Kriminalroman: Auf dem Grundstück des arrivierten Schriftstellers Harry Quebert wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Die Nachforschungen der Polizei ergeben, dass es sich um Nola Kellergan handelt, mit der Quebert eine geheime Affäre hatte. Und schon steht der Mordverdächtige fest.

Markus Goldmann, ein junger Schriftsteller, eilt seinem Freund zu Hilfe, verspricht er sich doch durch die Ereignisse in Aurora Ideen für einen neuen Roman. Er sieht sich nämlich von seinem Verlag genötigt, nach dem Erfolg seines Debüts schnellstens ein neues Manuskript abzuliefern, hat jedoch seit geraumer Zeit eine Schreibblockade.
In New Hampshire angekommen stellt Goldmann schnell fest, dass ihn in der Kleinstadt an der Ostküste eine Vielzahl dunkler Geheimnisse erwartet und so beginnt er mit seinen Nachforschungen, die schlussendlich nicht nur die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ans Licht bringen.

Ein vielschichtiges Werk, das Dicker hier geschrieben hat, denn er schildert nicht nur einen Kriminalfall, sondern erzählt gleichzeitig eine Liebesgeschichte. Dazu beschreibt und kommentiert er aktuelle politische Ereignisse und zu guter Letzt hält er dem Literaturbetrieb gleichzeitig einen Spiegel vor. Und diese unterschiedlichen Genre ergeben eine höchst lesenswerte und komplexe Melange mit den verschiedensten Drehungen und Wendungen, so dass das Spannungsniveau sich konstant auf einem hohen Level bewegt.

Joël Dicker wollte einen großen Roman schreiben – ein ambitioniertes Vorhaben, das dem jungen Autor rundum gelungen ist!

Veröffentlicht am 09.05.2026

Keine Herz-Schmerz-Schmonzette

San Miguel
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Seit Mitte der neunziger Jahre T.C. Boyles genialer Roman über Kalifornien und seine mexikanischen Einwanderer „América“ erschienen ist, bin ich ein großer Fan dieses Autors, dessen Bücher immer hervorragend ...

Seit Mitte der neunziger Jahre T.C. Boyles genialer Roman über Kalifornien und seine mexikanischen Einwanderer „América“ erschienen ist, bin ich ein großer Fan dieses Autors, dessen Bücher immer hervorragend recherchiert sind, vor allem dann, wenn sie sich an historischen Quellen orientieren.

So auch im Falle seines neuesten Werkes „San Miguel“, in dem der, ausgehend von der Historie der Santa-Barbara-Inseln vor Südkalifornien und Tagebuchaufzeichnungen, auf die Boyle im Zuge seiner Recherchen gestoßen ist, die Schicksale dreier Frauen auf diesem unwirtlichen Eiland schildert.

Es beginnt mit Marantha Waters, die im Jahre 1888 mit ihrem Mann Will und der Adoptivtochter Edith auf San Miguel ankommt, getrieben von dem Glauben an ein besseres Leben und der Hoffnung, dass die Meeresluft die Schwindsucht, an der sie erkrankt ist, heilen wird. Der Leser ahnt schon bei der Schilderung der Ankunft, dass sich diese Wünsche nicht erfüllen werden, denn die Insel ist Ödland, auf dem es außer Schafen und einer heruntergekommenen Behausung nichts gibt. Und so zerstört dieses entbehrungsreiche Leben schlussendlich nicht nur die Ehe, sondern auch das Leben von Marantha.

Edith, die adoptierte Tochter, wird sechzehnjährig nach dem Tod der Mutter von ihrem tyrannischen Vater gezwungen, das Internat auf dem Festland zu verlassen und nach San Miguel zurückzukehren. Dort soll sie als Dienstmagd für den Vater und die Arbeiter der Schaffarm putzen, waschen und kochen – nicht gerade das, was sich eine junge Frau von dem Leben erhofft. Sie hasst ihr Leben auf der Insel und greift in ihrer Verzweiflung nach jeder sich bietenden Möglichkeit, um dieser Hölle zu entfliehen.

1930 kommen Elise und Herbie Lester voller Optimismus nach San Miguel. Dem Ehepaar werden zwei Töchter geboren und anfänglich scheint in ihrem neuen Leben alles im Lot zu sein. Aber auch sie müssen bald feststellen, dass man nicht nur von Luft und Liebe leben kann. Und als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Soldaten auf der Insel stationiert werden, spitzt sich die Lage zu.

Meisterhaft versteht es T.C. Boyle die Stimmung dieses kargen Lebensraumes zu beschreiben, in dem Träume zerschellen und Leben zerstört werden. Fast schon im Stil einer Sozialreportage schildert er das tägliche Leben seiner Protagonisten sowie die allmähliche Veränderung ihrer Persönlichkeit. Fast könnte man glauben, dass jeder, der auf San Miguel ankommt, dem Untergang geweiht ist und die Insel ihren Tribut in Form von Leben fordert.

Ein großartiger historischer Roman, der mit den in diesem Genre üblichen Herz-Schmerz-Schmonzetten, nichts, aber auch gar nichts gemeinsam hat!