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Veröffentlicht am 03.08.2021

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen

Die letzte Bibliothek der Welt
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June Jones lebt in einem kleinen Dorf in England und betreut dort seit vielen Jahren die Gemeindebücherei. Sie geht in ihrer Arbeit auf, kümmert sich hingebungsvoll um die Wünsche der Benutzer, kennt deren ...

June Jones lebt in einem kleinen Dorf in England und betreut dort seit vielen Jahren die Gemeindebücherei. Sie geht in ihrer Arbeit auf, kümmert sich hingebungsvoll um die Wünsche der Benutzer, kennt deren Eigenheiten, weiß, wem sie welches Buch empfehlen kann. Die Arbeit ist für sie mehr als der Job, den sie von ihrer verstorbenen Mutter übernommen hat, es ist ihr Leben, definiert sie, macht sie aus. Deshalb trifft es sie umso härter, als sie erfährt, dass es Pläne in der Kreisverwaltung gibt, „ihre“ Bibliothek zu schließen.

Die Bücherei ist nicht nur ihr Refugium, sie ist auch das Zentrum des öffentlichen Lebens der Gemeinde, ein Ort der Unterstützung, an dem der Einsame Zuwendung findet, die Schülerin ihre Hausaufgaben machen kann, weil sie zuhause nicht die nötige Ruhe hat, der Migrantin geholfen wird - jeder Einzelne als Stellvertreter für die Bevölkerungsgruppen, aus denen sich ein Gemeinwesen zusammensetzt. Sie ist der Mittelpunkt nicht nur von Junes Leben, sondern das Herz der Gemeinde, eine Institution, die es zu retten gilt. Das geht aber nur dann, wenn June ihr Schneckenhaus verlässt, sich der Realität stellt und gemeinsam mit ihren engagierten Benutzern für den Erhalt der Bibliothek kämpft.

„Die letzte Bibliothek der Welt“ wartet mit zahlreichen Querverweisen zu Büchern auf, die den meisten von uns bekannt sein dürften, aber vor allem ist es ein Roman über Trauerbewältigung, persönliches Wachstum, Freundschaft und Solidarität, voll mit liebenswerten und detailreich gezeichneten Charakteren. Natürlich lässt sich das eine oder andere Klischee bei Büchern diese Genres nicht vermeiden, z.B. die Love Story zwischen June und ihrem alten Schulfreund, diese sind aber nicht so penetrant in den Mittelpunkt gerückt, dass sie die eigentliche Handlung und das Anliegen der Autorin überlagern.

Ein lesenswerter Roman nicht nur für Buchaficionados. Aber vor allem sollte man dieses Buch jedem Etat-Verantwortlichen für öffentliche Bibliotheken in die Hand drücken, vor allem denjenigen, die den Nutzen einer Bücherei lediglich an Ausleihzahlen messen und meinen, permanent den Rotstift ansetzen zu müssen.

Veröffentlicht am 30.07.2021

Fremde im eigenen Land

Die Anderen
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Wenn man sich die Ausgangssituation in Laila Lalamis „Die Anderen“ anschaut, erwartet man einen Kriminalroman: Es ist Nacht, als Driss Guerraoui vor seinem Diner überfahren wird und seinen Verletzungen ...

Wenn man sich die Ausgangssituation in Laila Lalamis „Die Anderen“ anschaut, erwartet man einen Kriminalroman: Es ist Nacht, als Driss Guerraoui vor seinem Diner überfahren wird und seinen Verletzungen erliegt. Der Fahrer flüchtet unerkannt. Unfall oder Absicht, das ist die entscheidende Frage, denn der Restaurantbesitzer ist ein marokkanischer Einwanderer. Vor 35 Jahren nach Amerika gekommen, von dem Wunsch getrieben, für sich und seine Familie eine sichere Existenz zu schaffen. Hat sich dem Leben in der neuen Heimat bis zur Selbstverleugnung angepasst, muss sich aber dennoch immer wieder mit Anfeindungen auseinandersetzen, ist seinem direkten Nachbar ein Dorn im Auge. Aber würde dieser wirklich so weit gehen und ihn töten?

Lalami lässt verschiedene Personen zu Wort kommen, von denen jede/r auf die einen oder andere Weise in den Todesfall involviert ist. Sei es die Tochter des Opfers, der Nachbar, der Veteran, die ermittelnde Polizeibeamtin oder der Passant, der sich illegal im Land aufhält. Alle kommen abwechselnd zu Wort, konzentrieren sich in ihren sauber getrennten Abschnitten aber nur bedingt auf die Fahrerflucht. Wir erfahren Einzelheiten aus ihrem Leben, lernen ihre Ängste kennen, erfahren, was sie umtreibt.

Diese wechselnden Perspektiven legen entlarvend den Zustand der Gesellschaft bloß, richten den Blick auf die „anderen Amerikaner“, die in Amerika Geborenen mit Brüchen in der Biografie, die nicht dazugehören. Die polizeilichen Ermittlungen bilden zwar den Rahmen, aber dieser Plot hat mehr zu bieten. Damit hat die Autorin das Rad zwar nicht neu erfunden, aber dennoch einen Roman mit Substanz abgeliefert. Eine Familiengeschichte, ein Memoir, ein Gesellschaftsporträt, die Geschichte einer großen Liebe und ein bisschen Krimi. Sie erzählt stimmig von Aufbruch und Ankommen, Erwartungen, Enttäuschungen und Vorurteilen, von Ausgrenzung und vom Fremdsein im eigenen Land.

Veröffentlicht am 28.07.2021

Exotisches Setting ist kein Garant für die Qualität

Wild Card
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Der afrikanische Handlungsort von Tade Thomspons „Wild Card“ (im Original „Making Wolf“) ist ungewöhnlich, aber leider ist ein exotisches Setting noch lange kein Garant für die Qualität eines Thrillers. ...

Der afrikanische Handlungsort von Tade Thomspons „Wild Card“ (im Original „Making Wolf“) ist ungewöhnlich, aber leider ist ein exotisches Setting noch lange kein Garant für die Qualität eines Thrillers. Dazu bedarf es gerade dann, wenn man eine Story in Afrika ansiedelt, auch einen kritischen Blick auf die gesellschaftspolitischen Probleme des Kontinents.

Weston Kogi ist mit seiner Schwester während des Bürgerkriegs aus Westafrika geflohen und hat sich mittlerweile eine neue Existenz in London aufgebaut. Als seine Tante stirbt, reist er zu ihrer Beerdigung zurück in die alte Heimat. Das Wiedersehen mit alten Bekannten wird zum riskanten Unternehmen, woran er nicht unschuldig ist. Um zu renommieren und seinen Status aufzupolieren, ändert er nämlich kurzerhand seine Profession vom Supermarkt-Wachmann zum Detective bei der Londoner Mordkommission. Und schon erwartet ihn ein Auftrag, denn der allseits geachtete Papa Busi wurde ermordet, und Weston soll den Fall aufklären. Keine gute Idee, wie er bald feststellen muss, denn mit diesem Auftrag gerät er zwischen alle Fronten.

Die Story kommt im Gewand eines Hardboilers daher und weckt Assoziationen zu den Filmen Tarantinos. Blut fließt reichlich, mit roher Gewalt und Sex wird auch nicht gegeizt. Zwar werden immer wieder Passagen zur afrikanischen Realität eingestreut, diese gehen aber in dem Meer der brutalen Gewaltdarstellungen unter. Ich hatte mir mehr erwartet. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Veröffentlicht am 26.07.2021

Wirres Konstrukt

Die Verlorenen
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Wenn der Klappentext eines Buches vollmundig den „atemberaubenden Auftakt einer neuen Thrillerserie“ verspricht, sind die Erwartungen hoch. Um so enttäuschender für den/die Leser/in, wenn diese der Überprüfung ...

Wenn der Klappentext eines Buches vollmundig den „atemberaubenden Auftakt einer neuen Thrillerserie“ verspricht, sind die Erwartungen hoch. Um so enttäuschender für den/die Leser/in, wenn diese der Überprüfung nicht standhalten.

Kindsentführung, Traumatisierung, Polizeikorruption, Migranten, Bandenkriminalität, Zwangsprostitution, Mord mit und ohne Leiche und natürlich die ansatzweise Lovestory – alles Teil der Handlung, und genau da liegt das Problem. In einer derart wirren Konstruktion werden hier neben jeder Menge nichtssagender Füllmaterialien unzählige Klischees verwurstet, die weder Spannung noch Tempo generieren. Der Protagonist ist zwar angeblich Angehöriger einer Spezialeinheit der Londoner Metropolitan Police, agiert aber dermaßen unprofessionell, dass er ebenso Briefträger oder Autoverkäufer sein könnte, aber mit Sicherheit kein Elitepolizist. Null Überblick in kritischen Situationen, jede Aktion ausnahmslos unüberlegt. so dass man bereits im Vorfeld weiß, dass sie in die Hose geht. Gleich zu Beginn erleidet er eine schwere Knieverletzung, die eine Operation nach sich zieht, was ihn aber nicht daran hindert, sich mit den Krücken bei unzureichender Beleuchtung schnellen Schrittes über Kopfsteinpflaster zu bewegen. Und einer Prügelei geht er natürlich auch nicht aus dem Weg. Ein wahrer Superheld!

Aber offenbar hat er auch eingesehen, dass er für diesen Job nicht der Richtige ist, denn am Ende des Buches quittiert er den Dienst. Und da „Die Verlorenen“ der Auftaktband einer neuen Reihe ist, steht eine Karriere als Privatdetektiv zu erwarten. Allerdings werde ich diesen Werdegang mit Sicherheit nicht weiterverfolgen.

Eine kurze Bemerkung zum Schluss: Es scheint, als wäre Deutschland Becketts erfolgreichster Markt, denn das Original erscheint in Großbritannien erst Ende November. Nicht weiter verwunderlich, gibt es doch genügend englischsprachige Autoren, die ihr Handwerk weit besser beherrschen.

Veröffentlicht am 21.07.2021

Ein feiner "Rural Noir"

Unbarmherziges Land
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Im Zentrum der Handlung steht Mick Hardin, ein Militärpolizist, der auf Anraten seiner Schwester Linda zurück in seine Heimat, das östliche Kentucky, kommt, um private Angelegenheiten zu klären. Seine ...

Im Zentrum der Handlung steht Mick Hardin, ein Militärpolizist, der auf Anraten seiner Schwester Linda zurück in seine Heimat, das östliche Kentucky, kommt, um private Angelegenheiten zu klären. Seine Frau hatte eine Affäre, und nun ist sie schwanger. Von ihm oder ihrem Liebhaber, wer weiß? Aber noch bevor die klärende Aussprache stattfindet, wird er von Linda, die der erste weibliche Sheriff des Countys ist, um Hilfe in einem Mordfall gebeten. Ein alter Mann hat beim Ginseng sammeln in den Hügeln eine weibliche Leiche entdeckt. Unfall oder Mord, schnelle Aufklärung ist gefordert, ehe die Dinge außer Kontrolle geraten, denn im Hinterland von Kentucky ticken die Uhren anders.

„Unbarmherziges Land“ kommt im Gewand eines Thrillers daher und kann mit sämtlichen Attributen des Genres aufwarten, aber gegenüber dem Setting sind diese absolut zweitrangig und machen nicht die Qualität dieses Buches aus. Offutt ist mit der Gegend vertraut, seine Naturbeschreibungen sind mehr als bloße Dekoration, denn sie vermitteln ein Gefühl dafür, wie die Abgeschiedenheit sich auf das Leben der Menschen auswirkt. Wenn man Elmore Leonards „Raylan“ (literarische Vorlage für „Justified“) kennt, hat man schon eine ungefähre Vorstellung, was einem erwartet. In den Hügeln sind Familienbande wichtiger als Recht und Gesetz, das alttestamentarische Auge um Auge bestimmt das Handeln. Mick ist damit vertraut, er ist hier aufgewachsen, kennt die Bräuche, weiß, wen er wie ansprechen muss, um an Informationen zu gelangen, um die Hintergründe des Todesfalls aufzuklären und zu verhindern, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Ein feiner „Rural Noir“, der hoffentlich in Serie geht!