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Veröffentlicht am 04.11.2018

Schmöker für trübe Herbsttage

Die Tochter des Uhrmachers
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Romane, in denen ein Geheimnis aus der Vergangenheit gelüftet werden will, haben Konjunktur. Dafür verknüpfen die (üblicherweise) Autorinnen Gegenwärtiges mit Vergangenem, was mal mehr, mal weniger gut ...

Romane, in denen ein Geheimnis aus der Vergangenheit gelüftet werden will, haben Konjunktur. Dafür verknüpfen die (üblicherweise) Autorinnen Gegenwärtiges mit Vergangenem, was mal mehr, mal weniger gut gelingt. Ein erfolgreiches Konzept, zumindest für die Australierin Kate Morton, deren Schmöker sich regelmäßig in den Bestsellerlisten etablieren.

In ihrem neuen Roman „Die Tochter des Uhrmachers“ sichtet Elodie, Archivarin und die zukünftige Braut, anlässlich ihrer bevorstehenden Hochzeit Familienfotos und stößt dabei auf das Bild eines Hauses, das Erinnerungen an die Gute Nacht-Geschichten hervorruft, die ihr ihre verstorbene Mutter allabendlich erzählt hat. Und es ist dieses Haus, hinter dessen Mauern sich im Lauf der Jahre so viel ereignet hat und das deshalb zum Dreh- und Angelpunkt des Romans wird.

Und daraus resultiert auch das große „Aber“, dessen ich mich während des Lesens nicht erwehren konnte. Es war einfach zuviel von allem, was dazu führte, dass die Geschichte immer nur an den verschiedenen Oberflächen gekratzt hat: vier verschiedene Zeitebenen (eigentlich drei: Gegenwart, Ende neunzehntes Jahrhundert, Zweiter Weltkrieg) mit vier unterschiedlichen Protagonistinnen, deren Schicksal samt und sonders mit dem Herrenhaus Birchwood Manor verknüpft ist. Jede hat ihre eigene Geschichte, und die Verknüpfungen bekommt Morton auch gut hin, aber die Personen bleiben flach, erreichen den Leser nicht.

Dennoch, wer einen Schmöker für die trüben Herbsttage sucht, den man trotz des Umfangs zügig herunterlesen kann, kann hier unbedenklich zugreifen.

Veröffentlicht am 04.11.2018

Über gesunde Ernährung mit prophylaktischem Nutzen

Klugen Appetit!
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Dass unser Essen Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat, dürfte mittlerweile ja hinlänglich bekannt sein. Wer sich ausschließlich von Fastfood und industriell hergestellten Nahrungsmitteln ernährt, spielt ...

Dass unser Essen Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat, dürfte mittlerweile ja hinlänglich bekannt sein. Wer sich ausschließlich von Fastfood und industriell hergestellten Nahrungsmitteln ernährt, spielt mit seiner Gesundheit und muss sich nicht wundern, wenn im Laufe der Jahre ernährungsindizierte Krankheiten auftreten. Es bilden sich Plaques in den Arterien, die zu Minderdurchblutung führen und Infarkte auslösen können. Diabetes, die neue Volkskrankheit, breitet sich immer weiter aus. Demenz und Alzheimer nehmen zu.

Dennis Wilms, Wissenschaftsjournalist, Autor und „Lehrling“ bei der Sterneköchin Cornelia Poletto, hat sich mit diesen Phänomenen auseinandergesetzt, nachdem seine Mutter an Alzheimer erkrankte. Sein Ausgangspunkt ist die Frage danach, was jeder einzelne von uns aktiv dafür tun kann, um kognitive Degenerationen zu verhindern. Daraus entstand sein Buch „Klugen Appetit. Kochen für mehr Power im Kopf“, ein Kompendium aus Informationen und Rezepten für Besser-Esser. Wilms räumt mit Ernährungsmythen auf und gibt Tipps, mit denen wir den geistigen Verfall aufhalten und die Neurogenese (d.h. die Bildung neuer Nervenzellen im Gehirn) mit dem, was auf unsere Teller kommt, fördern können.

Eiweiß, Körner, Gemüse und Kräuter, Hülsenfrüchte, Fisch und Meeresfrüchte, Geflügel und mageres Fleisch – das ist die Unterteilung, mit der er arbeitet. Die jeweiligen Abschnitte leitet er mit einem Theorieteil ein, es folgt pro Doppelseite ein Rezept, wobei er sich den jeweiligen „Brain-Factor“ der Zutaten anschaut. Die Rezepte sind klar strukturiert, die Zubereitung detailliert beschrieben, so dass sie auch von Ungeübten realisiert werden können. Informationen zur Nährstoffzusammensetzung sind selbstverständlich, ebenso ein schönes Foto des vorgestellten Gerichts. Die Zutaten sollten überall erhältlich sein, lediglich bei Frischfisch könnte es Probleme mit der Beschaffung geben, aber dann kann man ja immer noch auf TK-Ware ausweichen.

Ein Minuspunkt sind für mich allerdings die industriell hergestellten Milchprodukte, die er als Alternative in einigen der Eiweißrezepte verwendet. Hier verwende ich dann doch lieber Herkömmliches (Buttermilch, Magerjoghurt) mit geringerem Fettanteil.

Wer sich mit gesunder Ernährung, die auch einen prophylaktischen Nutzen hat, auseinandersetzt, ist mit diesem Wissenskochbuch bestens bedient. Ich habe es auf Herz und Nieren getestet und kann es trotz der oben genannten kleinen Einschränkung jedenfalls empfehlen.

Veröffentlicht am 03.11.2018

Intelligenter Krimi mit unorthodoxem Ermittler

Zuletzt gesehen in Kidlington
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Die beiden TV-Serien „Lewis – Der Oxfordkrimi“ und „Endeavour – Der junge Inspektor Morse“ nach Motiven der Kriminalromane des leider im Vorjahr verstorbenen Colin Dexter, haben mit Sicherheit bei einigen ...

Die beiden TV-Serien „Lewis – Der Oxfordkrimi“ und „Endeavour – Der junge Inspektor Morse“ nach Motiven der Kriminalromane des leider im Vorjahr verstorbenen Colin Dexter, haben mit Sicherheit bei einigen Zuschauern das Interesse an den zwischen 1985 und 1999 erschienenen literarischen Vorlagen geweckt (in der deutschen Übersetzung), die in der Zwischenzeit aber leider nur noch zu horrenden Preisen antiquarisch zu haben waren. Umso erfreulicher ist es, dass der Unionsverlag sich entschieden hat, die Inspector Morse-Reihe neu aufzulegen und so ein Lesen bzw. Wiederlesen zu ermöglichen.

Gestartet wird mit „Zuletzt gesehen in Kidlington“ (erstmals 1985 unter dem Titel „…wurde sie zuletzt gesehen“ veröffentlicht), dem zweite Band der Reihe, in dem sich Morse und sein Sidekick Lewis mit einem alten ungelösten Fall auseinandersetzen müssen. Die siebzehnjährige Valerie Taylor verschwand vor zwei Jahren spurlos, und noch immer gibt es keine Spur von ihr. Gemeinsam mit DS Lewis macht sich Morse an die Aufklärung des Falls und kann nach einigen Umwegen die Verschwundene ausfindig machen und die Lösung des Rätsels präsentieren.

Morse ist (und war) eine willkommene Abwechslung nach all den schießwütigen Ermittlern mit Superman-Qualitäten und Hobby-Detektiv/innen, denn hier betritt ein Polizeibeamter die Bühne, der über eine umfassende geisteswissenschaftliche Bildung verfügt und mit einem scharfen Verstand gesegnet ist (ja natürlich, der Bezug zu Sherlock Holmes muss sein). Er denkt um die Ecke und stellt Verbindungen her, die seinen Kollegen entgehen, und genau das ist es, was ihn so erfolgreich in seinem Beruf macht. Aber neben diesen Stärken hat er auch jede Menge Schwächen: als Single ist er sehr empfänglich für die Flirtversuche seiner „Klientinnen“, von denen er sich ablenken lässt, er raucht zu viel und spricht auch dem Alkohol in größeren Maßen zu. Aber all das macht ihn nur menschlicher, sympathischer.

Dexter lässt den Leser hautnah an der Ermittlungsarbeit teilhaben. Das macht er gut, obwohl es manchmal etwas ermüdend ist, wenn Morse die zigste mögliche Auflösung präsentiert. Aber durch diese unterschiedlichen Möglichkeiten beleuchtet er gleichzeitig sämtliche Aspekte des Falls und führt uns tief in die Gedankenwelt seines Protagonisten.

„Zuletzt gesehen in Kidlington“ ist ein intelligent komponierter Kriminalroman mit einem unorthodoxen Ermittler, der neben der Aufklärung eines spannenden Vermisstenfalls jede Menge Atmosphäre transportiert. Ich freue mich bereits auf die nächsten Bände der Reihe!

Veröffentlicht am 03.11.2018

Ein Lesevergnügen, das seinesgleichen sucht!

Der Lärm der Fische beim Fliegen
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Dass kommerzielles Fischen nichts mehr mit dem geruhsamen Angeln an einem idyllischen Flüsschen zu tun hat, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Und da mittlerweile die Wildfischbestände dramatisch zurückgegangen ...

Dass kommerzielles Fischen nichts mehr mit dem geruhsamen Angeln an einem idyllischen Flüsschen zu tun hat, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Und da mittlerweile die Wildfischbestände dramatisch zurückgegangen sind, gibt es rund um den Globus immer mehr kommerzielle Fischzuchtbetriebe. So auch in Norwegen, dem Land, mit dem wir unverbrauchte Natur und glasklare Fjorde verbinden. Dem Land, aus dem der leckere Räucherlachs kommt, der überall auf der Welt in riesigen Mengen verzehrt wird und mit dessen Verkauf die Produzenten fette Gewinne einsacken.

Vor diesem Hintergrund hat der norwegische Profi-Fliegenfischer, Rockmusiker und Autor Lars Lenth einen bitterbösen Öko-Krimi/-Roman geschrieben, der dem Leser wegen seines durchgängig schwarzen Humors die Lachtränen in die Augen treibt.

„Der Lärm der Fische beim Fliegen“ erzählt die Geschichte von Leo und Axel, Freunde seit Kindheitstagen. Leo, der Loser mit Jurastudium, wird von Axel, dem Lachszuchteigner mit der dicken Geldbörse darum gebeten, auf dessen Fischfarm im Norden nach dem Rechten zu sehen. Dort haben nämlich Öko-Aktivisten Anschläge auf die Zucht verübt und zweihundertausend Zuchtlachse befreit. Eher widerwillig macht sich Leo auf gen Norden, aber der von Axel in Aussicht gestellt Lohn kommt dem ewig klammen Leo gerade recht. Vor Ort muss er aber schnell erkennen, dass diese ganze Geschichte nicht so harmlos ist, wie es den ersten Anschein hatte, sind doch viel zu viele dubiose Personen in diese involviert. Und so hat er es bald nicht nur mit den Umweltaktivisten sondern auch mit den drei skrupellosen Vega-Brüdern zu tun, die alles daran setzen, ihre Pfründe zu sichern. Und irgendwann muss er sich entscheiden, auf welcher Seite er schlussendlich steht…

Hohes Tempo, eine Sprache, die Spaß macht ( danke an den Übersetzer Frank Zuber), überraschende Wendungen, jede Menge Information zu diesem unappetitlichen Gewerbe und vor allem der trockene Humor des norwegischen Autors machen dieses Buch zu einem Lesevergnügen, das die Augen öffnet und seinesgleichen sucht!

Zum Schluss noch ein Hinweis: ich kann Ihnen versprechen, dass Sie den norwegischen Lachs auf dem Kalten Büffet zukünftig mit anderen Augen sehen werden.

Veröffentlicht am 03.11.2018

Lost zum Zweiten - Unterhaltung mit ernsten Untertönen

Lost in Fuseta - Spur der Schatten
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Die „Lost in Fuseta-Reihe“ ist eine erfrischende Ausnahme unter den momentan gehypten Urlaubskrimis. Zum einen liegt das mit Sicherheit an der Region. Portugal bietet zwar viele interessante Ecken, aber ...

Die „Lost in Fuseta-Reihe“ ist eine erfrischende Ausnahme unter den momentan gehypten Urlaubskrimis. Zum einen liegt das mit Sicherheit an der Region. Portugal bietet zwar viele interessante Ecken, aber meist werden als Handlungsorte die Hotspots Lissabon bzw. Algarve gewählt. Gil Ribeiro hingegen verortet seine Stories in deren Hinterland, das touristisch kaum erschlossen ist und sich noch seine Ursprünglichkeit bewahrt hat.

Zum Zweiten ist da der unkonventionelle Leander Lost, zwangsausgetauschter Kommissar aus Hamburg, Asperger und dadurch der Mann mit den besonderen Eigenschaften, der das Team der Policia Judiciária unter Leitung der taffen Subinspektorin Rosada ergänzt und bereichert. In weiten Teilen ist es dieser Protagonist, der durch seine unkonventionelle, erfrischend unverstellte ehrliche Art diese Krimis so lesenswert macht.

Aber auch – und jetzt kommen wir zum dritten Punkt, sind es die Themen aus Portugals Gegenwart und Vergangenheit, die Gil Ribeiro (offenes Pseudonym des erfolgreichen Drehbuchautors Holger Karsten Schmidt) als Ausgangspunkt für seine spannenden Kriminalromane ausgesucht hat. Ging es in dem ersten Band um die portugiesische Wassermafia und ihre schmutzigen Geschäfte, taucht er in „Spur der Schatten“, dem aktuellen Band der Reihe, tief in die portugiesische Geschichte ein und thematisiert einen unrühmlichen und ach so gern verdrängten Aspekt der Historie dieser ehemaligen Kolonialmacht.

Im Vergleich zu Band eins kommt diese Story allerdings etwas schwerfälliger daher. Die erläuternden Passagen sind zwar informativ, aber stellenweise einfach zu lang geraten, so dass sie den Fortgang der Handlung bremsen. Doch sie sind notwendig, um die Zusammenhänge verstehen zu können. Unter dem Strich ist „Spur der Schatten“ dennoch ein spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen mit ernsten Untertönen – und nicht nur Portugal-Fans empfohlen. Continue assim, Gil Ribeiro!