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Veröffentlicht am 24.04.2026

✎ Sara Jin Li & Camila Rivera - Rebel Girls, Growing up powerful 4 Alles über Freundschaft

Rebel Girls - das Original. Growing up powerful: Alles über Freundschaft
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„Rebel Girls - Growing Up Powerful: Alles über Freundschaft“ von Sara Jin Li und Camila Rivera hat mich anders getroffen, als ich es erwartet hätte. Wer nach einem klassischen Ratgeber sucht, der klare ...

„Rebel Girls - Growing Up Powerful: Alles über Freundschaft“ von Sara Jin Li und Camila Rivera hat mich anders getroffen, als ich es erwartet hätte. Wer nach einem klassischen Ratgeber sucht, der klare Regeln vorgibt, wird hier nicht fündig. Stattdessen entsteht das Gefühl, einem offenen, ehrlichen Austausch zu folgen - stellenweise tröstlich, stellenweise unangenehm nah an eigenen Erfahrungen.

Das Buch entfaltet seine Gedanken entlang verschiedener Aspekte von Freundschaft: vom Kennenlernen über das Wachsen miteinander bis hin zu Konflikten, Verlust und dem bewussten Pflegen von Verbindungen. Diese Struktur wirkt nicht starr, sondern eher wie ein roter Faden, an dem man sich orientieren kann, während man sich durch die unterschiedlichen Perspektiven bewegt. Besonders eindrücklich ist, wie viele Stimmen hier Raum bekommen. Neben persönlichen Erlebnissen der Autorinnen tauchen Fragen von Kindern und Jugendlichen auf, die direkt und unverstellt sind. Dazu kommen Impulse von Fachpersonen und bekannten Persönlichkeiten sowie Szenarien aus dem Alltag, die vertraut wirken.

Was hängen bleibt, ist dieses Gefühl von Echtheit. Sara Jin Li und Camila Rivera scheuen sich nicht davor, auch ihre eigenen Schwächen offenzulegen. Sie sprechen darüber, dass sie selbst nicht immer fair oder loyal waren. Genau das relativiert diesen oft unausgesprochenen Anspruch, immer alles richtig machen zu müssen. Freundschaft wird hier nicht als Idealbild präsentiert, sondern als etwas, das sich entwickelt, scheitert, neu beginnt und manchmal auch einfach wehtut.

Gleichzeitig fordert das Buch dazu auf, die eigene Haltung zu hinterfragen. Es geht nicht nur darum, gute Freundinnen zu finden, sondern auch darum, selbst eine zu sein - ohne sich dabei zu verlieren. Leserinnen werden ermutigt, ihre Grenzen zu setzen und für sich einzustehen, aber ebenso, Unterstützung anzunehmen, wenn sie gebraucht wird. Diese Balance wird nicht belehrend vermittelt, sondern durch viele kleine Denkanstöße. Gerade für Mädchen entsteht so ein Zugang, der Selbstbehauptung und Hilfesuche gleichwertig nebeneinanderstellt.

Auch formal unterstützt die Gestaltung das Lesen. Der Textfluss wird immer wieder durch visuelle Elemente aufgelockert, kleine Einschübe oder hervorgehobene Gedanken geben Raum zum Innehalten. Das wirkt weniger wie ein durchgehender Textblock und mehr wie ein Buch, in dem man blättern, verweilen und auch zurückspringen darf.

Ich habe das Buch nicht nur als Mutter gelesen, sondern auch als Frau und Freundin - und in jeder dieser Rollen etwas daraus mitgenommen. Obwohl die Altersempfehlung bei etwa zehn Jahren liegt, habe ich Inhalte bereits mit meiner achtjährigen Tochter besprochen. Gerade weil Freundschaften bei ihr seit dem Schulstart nicht immer stabil verlaufen, waren viele Beispiele direkt greifbar. Daraus haben sich Gespräche entwickelt, die sonst wahrscheinlich nicht in dieser Offenheit entstanden wären.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 22.04.2026

✎ Sarah Wade - Mein Diamant-Stickerheft 1 Meerjungfrauen

Mein Diamant-Stickerheft – Meerjungfrauen
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Dieses Stickerheft kam als Geschenk bei uns an und sorgte zunächst für echte Begeisterung. Die Idee, es bei Restaurantbesuchen als kleine Beschäftigung einzusetzen, klang alltagstauglich - etwas Ruhiges ...

Dieses Stickerheft kam als Geschenk bei uns an und sorgte zunächst für echte Begeisterung. Die Idee, es bei Restaurantbesuchen als kleine Beschäftigung einzusetzen, klang alltagstauglich - etwas Ruhiges und Kreatives, das Wartezeiten überbrückt. Mit genau dieser Erwartung sind wir gestartet.

Die Ernüchterung kam schnell. Schon nach der ersten Seite war das Interesse praktisch verschwunden. Der Ablauf ist sehr schlicht: Steinchen werden auf vorgegebene Punkte gesetzt, ohne großen Anspruch. Was anfangs noch neu wirkt, verliert dadurch rasch seinen Reiz.

Einige Motive sind wirklich niedlich gestaltet, die Illustrationen haben durchaus Charme. Gleichzeitig fällt die einseitige Darstellung auf. Auf den 16 Seiten dominieren fast ausschließlich weiblich gelesene Meerjungfrauen, ergänzt durch nur eine männlich gelesene Figur. Auch optisch ähneln sich die Charaktere stark: lange Haare, ähnliche Körperbilder, kaum Unterschiede. Vielfalt, wie man sie heute erwarten würde, fehlt hier nahezu komplett. Gerade bei Kinderprodukten wirkt das wie eine verpasste Chance.

Praktisch ist immerhin, dass die Seiten perforiert sind und sich herauslösen lassen. Nur bleibt offen, wofür genau. Als einzelne Bilder erfüllen sie für uns keinen wirklichen Zweck. In einem kleineren Format, etwa als Postkarten, hätte man ihnen vielleicht noch eine zweite Funktion geben können. So wirken sie nach dem Bekleben eher wie lose Einzelteile ohne echte Funktion.

Auch die Stickeranzahl überzeugt nicht. Insgesamt gibt es 891 runde Sticker und 60 Blumensticker, was rechnerisch auf etwa 59 Elemente pro Seite hinausläuft. In der Praxis reicht das jedoch nicht aus, da viele Motive deutlich mehr Punkte vorgeben. Am Ende fehlen Sticker und Bilder bleiben unvollständig - das sorgt schnell für Frust.

Im Gesamtbild bleibt für uns wenig Substanz. Die anfängliche Freude weicht schnell Langeweile, die eingeschränkte Gestaltung schmälert den Eindruck zusätzlich, und auch der praktische Nutzen überzeugt nicht. Die Idee ist nett, die Umsetzung bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Für uns ist klar, dass wir diese Reihe nicht weiterverfolgen werden. Es fehlt der Mehrwert, der über e einen kurzen Beschäftigungseffekt hinausgeht.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.04.2026

✎ Anja Reumschüssel - Über den Dächern von Jerusalem

Über den Dächern von Jerusalem
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Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ...

Ich habe lange gezögert, bevor ich „Über den Dächern von Jerusalem“ überhaupt aufgeschlagen habe. Nicht aus Desinteresse, sondern weil mir klar war, welches Gewicht dieses Thema mitbringt. Der Nahostkonflikt ist kein Thema, welches man nebenbei konsumiert. Er verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten.

Der Einstieg erfolgt abrupt. Man befindet sich sofort im Geschehen, zunächst in der Gegenwart bei Karim und Anat, anschließend in einer anderen Zeitebene mit Tessa und Mo. Meine anfängliche Befürchtung, dauerhaft zwischen vier Perspektiven wechseln zu müssen, löst sich schnell auf. Stattdessen entscheidet sich Anja Reumschüssel für eine klarere Linie: Erst entfaltet sich die Vergangenheit, danach folgt die Gegenwart. Vieles lässt sich erst durch dieses Fundament wirklich einordnen.

Beide Zeitebenen tragen die Erzählung, jede setzt eigene Akzente. Besonders die historische Ebene rund um die Staatsgründung Israels hat bei mir Wissenslücken geschlossen, ohne belehrend zu wirken. Die wechselnden Perspektiven israelischer und palästinensischer Figuren schaffen ein vielschichtiges Bild, das Nähe erzeugt, wo zuvor Distanz war.

Gleichzeitig zeigt der Roman Schwächen in der Verdichtung. Wiederholungen in Gedanken und Szenen verlangsamen den Verlauf spürbar. Eine stärkere Straffung hätte die Wirkung verdichtet, ohne Inhalte zu verlieren.

Problematischer wird es für mich bei der inhaltlichen Gewichtung. schreibt die Autorin: „Auch wenn ich versucht habe, beiden Seiten zuzuhören, fällt es mir nicht leicht, beide Seiten gleichermaßen als Opfer und Täter zu sehen.“ (S. 327) Genau hier entsteht eine Spannung zwischen Anspruch und Umsetzung. Ein Roman, der sich als historisch fundiert und zugleich gegenwartsbezogen versteht, trägt Verantwortung in seiner Darstellung. Wenn diese Balance nicht gelingt, entsteht schnell ein Ungleichgewicht in der Wahrnehmung.

Ich hatte stellenweise das Gefühl, dass diese Differenziertheit nicht konsequent durchgehalten wird. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass Lesende bestimmte Schlussfolgerungen übernehmen, ohne die gesamte Komplexität zu erfassen. Gerade bei einem Thema wie diesem ist das nicht unproblematisch, weil Narrative schnell politisch aufgeladen sind und Interpretationen weitreichende Konsequenzen haben können.

Unstrittig bleibt die sorgfältige Recherche. Die Autorin bringt einen journalistischen Hintergrund mit, hat in Israel gelebt und vor Ort gearbeitet. Diese Hintergrundarbeit ist in den Beschreibungen und historischen Bezügen deutlich spürbar und verleiht dem Text Authentizität.

Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck. Der Roman öffnet Zugänge zu einem schwierigen historischen Kontext und macht Zusammenhänge greifbar. Gleichzeitig hinterlässt er Fragen zur Gewichtung und zur erzählerischen Balance.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 07.04.2026

✎ Kathrin Schrocke - Freak City

Freak City
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Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft ...

Bücher über gehörlose Menschen standen für mich lange kaum im Fokus. Vielleicht auch, weil ich mir nur schwer vorstellen konnte, wie sich ein solches Thema erzählerisch tragen lässt, ohne klischeehaft oder oberflächlich zu wirken. Genau hier setzt „Freak City“ von Kathrin Schrocke an und überrascht. Die Autorin rückt das Leben eines gehörlosen Mädchens in den Mittelpunkt, ohne ins Dramatische abzurutschen oder künstlich Emotionen zu erzwingen. Stattdessen entsteht ein ruhiger, respektvoller Blick auf eine Lebensrealität, die im Alltag oft übersehen wird.

Im Kern erzählt der Roman von ersten Gefühlen, Unsicherheiten und dem schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens. Es geht um Verliebtheit, Herzschmerz, das Erkennen eigener Grenzen und das Loslösen von Menschen, die einem nicht guttun. Diese Themen sind vertraut, doch durch die besondere Perspektive erhalten sie eine zusätzliche Tiefe. Mika als Ich-Erzähler macht seine Gedanken unmittelbar zugänglich, sodass man sehr nah an seinen inneren Konflikten bleibt. Gleichzeitig gelingt es der Geschichte, auch andere Sichtweisen einzubinden und verschiedene Haltungen gegenüber Gehörlosigkeit sichtbar zu machen.

Der Umgang von Leas Familie mit ihrer Situation hat mich besonders irritiert. Ihre Reaktionen wirken kühl und teilweise abweisend, was ein starkes Gefühl von Unverständnis hinterlässt. Überforderung mag eine Rolle spielen, erklärt für mich aber nicht, warum so wenig Bereitschaft da ist, sich wirklich auf Lea einzulassen. Gerade weil Zeit vorhanden gewesen wäre, wirkt dieses Verhalten umso befremdlicher. Dieses Spannungsfeld wird im Roman nicht beschönigt, sondern nüchtern dargestellt, was lange nachwirkt.

Ein interessanter Aspekt ist der Einblick in die Gebärdensprache. Er bleibt eher oberflächlich, was einerseits verständlich ist, andererseits Fragen aufwirft. Dass innerhalb weniger Wochen spürbare Fortschritte möglich sind, erscheint jedoch wenig überzeugend.

Unterm Strich bleibt „Freak City“ für mich ein zugänglicher Einstieg in eine Welt, die vielen fremd ist. Kein allumfassendes Abbild, sondern ein Annähern, das zum Nachdenken anregt. Bereits in „Weiße Tränen“ - mein erstes Buch der Autorin - hat Kathrin Schrocke gezeigt, wie sie gesellschaftliche Missstände sichtbar macht, ohne belehrend zu wirken. Diese Stärke zeigt sich auch hier: Sie schreibt nah an der Lebensrealität Jugendlicher, mit einer Sprache, die direkt trifft, verständlich bleibt und dennoch unbequem sein kann. Ihre Geschichten konfrontieren und machen sichtbar, was oft ausgeblendet wird.

©2026 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 06.04.2026

✎ Leonie Ossowski - Die große Flatter

Die große Flatter
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„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig ...

„Die große Flatter“ von Leonie Ossowski ist ein Buch, welches unter die Haut geht.

Als ich den Klappentext gelesen habe, hatte ich keine klare Vorstellung davon, was mich erwartet. Ich war eher vorsichtig neugierig als wirklich vorbereitet. Rückblickend war genau das der richtige Ausgangspunkt, denn diese Geschichte trifft ungebremst.

Schocker und Richy, zwei Jugendliche aus einer Berliner Obdachlosensiedlung, wollen nur eines: raus. Weg aus den Baracken, weg aus der Enge, weg aus einem Leben, das ihnen längst keine Perspektive mehr bietet. Was zunächst wie ein vertrauter Fluchtgedanke klingt, entwickelt sich schnell zu einer Erzählung, die sich festsetzt. Alkohol, Gewalt und zerbrochene Familien prägen den Alltag, und Ossowski schildert das mit einer Nüchternheit, die kaum Raum zum Ausweichen lässt. Nichts wird abgefedert, nichts romantisiert. Gerade diese Direktheit macht den Roman so eindringlich.

Beim Lesen hatte ich immer wieder Momente, die mich getroffen haben. Nicht, weil bewusst auf Schock gesetzt wird, sondern weil sich vieles erschreckend real anfühlt. Ossowskis Erfahrung als Sozialarbeiterin verleiht dem Ganzen eine Glaubwürdigkeit, die man nicht ignorieren kann. Statt einfache Antworten zu liefern, rückt sie Verständnis in den Mittelpunkt und zwingt dazu, genauer hinzusehen.

Trotz dieser Schwere halte ich den Roman für besonders geeignet im schulischen Kontext. Nicht als Pflichtprogramm, sondern als echte Auseinandersetzung mit einer Lebensrealität, die vielen fremd ist. Gerade für Jugendliche, die in stabilen Verhältnissen aufwachsen, entsteht hier ein Perspektivwechsel, der hängen bleibt und zum Nachdenken zwingt. Dass das Buch auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen nichts an Relevanz verloren hat, spricht für sich.

Es ist kein Stoff für entspannte Lesestunden. Die Sprache ist rau und der Ton schonungslos - nah an der Lebenswelt der Figuren. Für mich hat diese Nüchternheit dazu beigetragen, dass das Gelesene lange nachwirkt.

Am Ende habe ich das Buch zugeklappt und brauchte einen Moment, um das Gelesene einzuordnen. Leonie Ossowski formuliert ihr Anliegen im Nachwort selbst: »Ich schrieb das Buch für Jugendliche über Jugendliche unseres Landes, damit statt Vorurteilen das Fragen nach dem „Warum“ gelernt wird.« (S. 206, Nachwort der Autorin, 1977)
Nicht urteilen, sondern verstehen. Das ist es, was den Roman bis heute relevant macht.

©2026 Mademoiselle Cake