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Veröffentlicht am 11.07.2025

✎ Ilka Mella - Der Atem des Ozeans

Der Atem des Ozeans
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Manche Bücher findet man nicht - sie finden einen. So war es bei mir mit „Der Atem des Ozeans“ von Ilka Mella. Ich bin über @linhelest auf den Titel aufmerksam geworden, die ihn mehrfach empfohlen hat. ...

Manche Bücher findet man nicht - sie finden einen. So war es bei mir mit „Der Atem des Ozeans“ von Ilka Mella. Ich bin über @linhelest auf den Titel aufmerksam geworden, die ihn mehrfach empfohlen hat. Als das Hörbuch erschien, habe ich spontan zugegriffen - und wurde überrascht, wie schnell mich diese Geschichte gepackt hat.

Sarah Terweh als Sprecherin war ein echter Glücksgriff. Ihre Stimme passt perfekt zu Hokulani, der Hauptfigur, bringt die Atmosphäre der Unterwasserwelt eindrucksvoll zur Geltung und hat mich vom ersten Moment an abgeholt. Ihre Tonlage und die fein abgestimmten Betonungen lassen die Emotionen der Meerjungfrau lebendig werden. Besonders im Kontext der maritimen Welt fügt sich ihre Stimme atmosphärisch stimmig ein.

Ilka Mellas Schreibstil ist poetisch, fast schon musikalisch. Sie erschafft eine tiefgründige Unterwasserwelt, die nicht nur zum Träumen, sondern auch zum Nachdenken einlädt und die mehr ist als nur Kulisse - sie wird zum Spiegel für drängende Themen wie Artenschutz, Umweltzerstörung und das fragile Gleichgewicht unserer Ökosysteme. Besonders beeindruckt hat mich, wie natürlich diese Botschaften in die Handlung eingebettet sind, ohne belehrend zu klingen.

Hokulani selbst ist keine klassische Heldin. Sie ist kantig, verletzlich, oft zerrissen - und gerade deshalb glaubwürdig und greifbar. Ihre innere Entwicklung wirkt authentisch, ihre Entscheidungen (meistens) nachvollziehbar. Ich hatte das Gefühl, an ihrer Seite durch das Meer zu schwimmen und ihre Kämpfe mitzuerleben.

Was man vor dem Lesen / Hören wissen sollte: Die Geschichte ist stellenweise sehr brutal. Es gibt Szenen, die explizit und verstörend wirken können - insbesondere im Hinblick auf Gewalt und Folter. Selbst als geübte (Psycho)Thrillerleserin musste ich an einigen Stellen tief durchatmen. Wer empfindlich ist, sollte das im Hinterkopf behalten. Dennoch lohnt es sich, dran zu bleiben, denn unter der rauen Oberfläche verbirgt sich eine Botschaft voller Hoffnung.

Ein kleiner Wermutstropfen war für mich der Antagonist. Für meinen Geschmack blieb er etwas zu klar in seiner Rolle als "der Böse", ohne große Grautöne. Er wirkte ein wenig klischeehaft und eindimensional. Vielleicht war aber genau das die Intention der Autorin: ein klar umrissener Gegenpol zur komplexen Hauptfigur.

Das Ende kam für mich etwas überraschend und fast zu abrupt. Und doch hat es gepasst. Es ist nicht glattgebügelt, sondern emotional glaubwürdig. Man spürt, dass Hokulani nicht als makellose Heldin gedacht ist, sondern als Figur mit Spuren, Brüchen und Konsequenzen.

Ich könnte mir eine Fortsetzung super vorstellen. Die Geschichte ist zwar in sich abgeschlossen, aber sie hinterlässt Fragen - und vor allem das Bedürfnis, noch einmal in diese Welt einzutauchen.

„Der Atem des Ozeans“ ist kein Wohlfühlroman. Es ist ein ein emotionaler Tauchgang zwischen Magie, Schmerz und Hoffnung; ein intensives, forderndes und tief berührendes Leseerlebnis, das unter die Haut geht. Zwischen mythischer Erzählung und ökologischer Botschaft entfaltet sich eine Geschichte, die lange nachwirkt. Wer bereit ist, sich auf emotionale Tiefe, unbequeme Themen und poetisches Erzählen einzulassen, wird am Ende mit etwas Kostbarem belohnt: echter Hoffnung.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 07.07.2025

✎ Martin Horváth - Mein Name ist Judith

Mein Name ist Judith
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Ich hatte richtig Lust auf dieses Buch. Familiengeschichten mit historischem Tiefgang, vor allem rund um den Holocaust, lese ich viel - vorausgesetzt, ich bin in der passenden Stimmung. Und die war definitiv ...

Ich hatte richtig Lust auf dieses Buch. Familiengeschichten mit historischem Tiefgang, vor allem rund um den Holocaust, lese ich viel - vorausgesetzt, ich bin in der passenden Stimmung. Und die war definitiv da.

Trotzdem fiel mir der Einstieg überraschend schwer. Der Erzählstil ist sehr ausschweifend, fast schon sperrig. Ich fand lange keinen echten Zugang zur Handlung oder den Figuren. Mehr als einmal stand ich kurz davor, das Buch abzubrechen. Und dennoch: Etwas hielt mich - vielleicht die Hoffnung auf eine unerwartete Wendung, vielleicht einfach die Neugier. Auch wenn ich ehrlich sagen muss: Das Ende hat mich nicht überrascht.

Was das Buch aber durchaus interessant macht, sind die Zeitsprünge. Sie fordern Aufmerksamkeit, belohnen aber mit tieferen Einblicken in die Lebenswirklichkeit der Personen - damals wie heute. Diese Struktur kann für manche Lesende verwirrend wirken, trägt aber zur Komplexität der Geschichte bei.

Die Thematik - jüdische Identität, Erinnerung, Verlust, Vergangenheit und Gegenwart - wird mit einer gewissen Tiefe behandelt, bleibt aber für meinen Geschmack streckenweise zu distanziert. Das Erzählerische bleibt mir manchmal zu verkopft.

„Mein Name ist Judith“ ist eine anspruchsvolle Familiensaga, die sich mit wichtigen Themen auseinandersetzt, mich persönlich aber emotional nicht ganz erreichen konnte. Es ist kein Holocaust-Roman, der mir lange im Gedächtnis bleiben wird - auch wenn er definitiv Denkanstöße liefert.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 27.06.2025

✎ Dr. Julia Freudenberg & Matthias Feldmann - WAS IST WAS Naturwissenschaften easy! 9 Logisch, genial, digital! Abenteuer Informatik

WAS IST WAS Naturwissenschaften easy! Logisch, genial, digital! Abenteuer Informatik
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In unserer Schulbibliothek haben die klassischen WAS-IST-WAS-Bände schon lange einen festen Platz. Sie gehören definitiv zu den meistgelesenen Sachbüchern bei uns. Die Reihe „Naturwissenschaften easy!“ ...

In unserer Schulbibliothek haben die klassischen WAS-IST-WAS-Bände schon lange einen festen Platz. Sie gehören definitiv zu den meistgelesenen Sachbüchern bei uns. Die Reihe „Naturwissenschaften easy!“ war mir hingegen neu - ein modernerer Ableger, der komplexe Themen kindgerecht erklärt.

Zum Einstieg haben wir uns direkt für den Band rund ums Thema Informatik entschieden. Nicht ganz uneigennützig, denn bei uns zuhause ist Informatik quasi Dauerpräsenz - Papa ist schließlich ITler. Umso spannender war es zu sehen, wie dieses Fachgebiet fundiert und verständlich erklärt wird.

Das Buch gliedert sich in vier große Bereiche:
- Die digitale Welt entdecken
- Hardware und Software
- So steuerst du deinen Computer
- Zukunft der Computertechnologie

Für uns war besonders das Kapitel zur Computersteuerung spannend. Hier wird auf anschauliche Weise erklärt, wie Programme funktionieren und welche Programmiersprachen existieren. Auch externe Tools wie W3Schools werden erwähnt - eine gute Ergänzung für Interessierte, die direkt erste Schritte im Coden machen möchten.

Als Mutter fand ich das Kapitel über Sicherheit und Datenschutz besonders wertvoll. In Zeiten von Social Media, Tracking und Chatbots ist es wichtiger denn je, dass Kinder verstehen, wie sie ihre Daten schützen können.

Inhaltlich hat die Lektüre bei uns definitiv gepunktet. Die Texte sind sehr informativ und klar strukturiert. Für ein Kindersachbuch ist es allerdings recht textlastig, was für manche (junge) Lesende abschreckend wirken könnte. Uns persönlich hat die klare Gliederung geholfen - wir haben kapitelweise gelesen, viele Fragen gestellt und gemeinsam reflektiert.

Was uns etwas gefehlt hat, war ein Begriffsregister. Gerade bei vielen neuen Fachbegriffen wäre es hilfreich gewesen, schneller nachschlagen zu können, wo was ausführlicher erklärt wird. (ein Glossar ist vorhanden) Eine einfache Hervorhebung im Fließtext hätte da schon viel bewirkt.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass der Sprachstil stellenweise noch mehr auf die Zielgruppe ab 11 Jahren abgestimmt sein könnte. Ich bin jedoch ebenso der Meinung, dass, wenn ein Elternteil mitliest oder begleitet, es wunderbar klappt.

„Logisch, genial, digital!“ hat uns nicht nur neues Wissen vermittelt, sondern auch Lust auf mehr gemacht. Das Buch bietet einen fundierten Einstieg in die Welt der Informatik, ohne zu überfordern. Trotz kleinerer Schwächen bei der Nutzerführung ist es ein gelungenes Sachbuch, das moderne Themen altersgerecht aufbereitet. Informatik wird hier auf Augenhöhe erklärt.

Mein Fazit: Absolut empfehlenswert - und ein Must-have für jede gut sortierte Schulbibliothek.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 24.06.2025

✎ Hayley Kiyoko - Girls like girls: Sag mir nicht, wie ich mich fühle

Girls like girls – Sag mir nicht, wie ich mich fühle
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„Girls Like Girls“ von Hayley Kiyoko ist eher zufällig auf meinem Lesestapel gelandet. Ich hatte keine Vorkenntnisse zur Autorin - weder ihre Musik noch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit waren mir vertraut. ...

„Girls Like Girls“ von Hayley Kiyoko ist eher zufällig auf meinem Lesestapel gelandet. Ich hatte keine Vorkenntnisse zur Autorin - weder ihre Musik noch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit waren mir vertraut. Entsprechend unvoreingenommen habe ich das Buch aufgeschlagen.

Was ich erwartet hatte, war eine zarte queere Liebesgeschichte mit emotionaler Tiefe und authentischer Charakterentwicklung. Bekommen habe ich leider vor allem eines: viel Drama ohne echten Fortschritt.

Die Handlung pendelt zwischen romantischen Tagträumen, Selbstzweifeln und unausgesprochenem Schmerz - was an sich Potenzial hätte, wäre es nicht so oberflächlich geblieben. Die Figuren treten lange auf der Stelle, entwickeln kaum neue Facetten, und das emotionale Auf und Ab wirkt eher ermüdend als bewegend. Vor allem die Protagonistin verharrt in einem Zustand zwischen Trotz, Schwärmerei und stillem Kummer, der einen trotzdem irgendwie immer anschreit.

Ich habe mich oft gefragt, ob ich einfach nicht (mehr) zur Zielgruppe gehöre. Das Buch wird ab 13 Jahren empfohlen, obwohl die Hauptfigur bereits 17 ist.
Es dominiert eine sehr jugendliche Sichtweise. Viele Konflikte wirken wie aus der frühen Pubertät entlehnt, begleitet von einem Mangel an Selbstreflexion bei fast allen Beteiligten.

Was mir persönlich gefehlt hat, war eine klare Einordnung heikler Themen. Besonders der Umgang mit Alkohol wird meiner Meinung nach zu sorglos dargestellt - gerade in einem Jugendroman ein Punkt, der mehr Sensibilität verdient hätte.

Inhaltlich bleibt die Geschichte leider vorhersehbar. Überraschende Wendungen oder emotionale Aha-Momente? Fehlanzeige. Die große Entwicklung - sei es in der Liebesbeziehung oder im Selbstbild der Figuren - bleibt aus.

Die Story bietet wenig Tiefe und setzt eher auf das Setting als auf die psychologische Entwicklung der Figuren.

Man könnte zwar die Repräsentation queerer Gefühle loben, doch die Umsetzung empfinde ich als klischeehaft und wenig überzeugend.

Unterm Strich ist „Girls Like Girls“ wohl eher ein Buch für Leser:innen, die gerade erst beginnen, sich mit queerer Literatur auseinanderzusetzen. Oder für Fans von Hayley Kiyoko, die den emotionalen Vibe ihrer Songs wiederfinden wollen. Wer jedoch eine durchdachte Coming-of-Age-Geschichte mit echtem Wachstum erwartet, könnte sich eher enttäuscht wiederfinden. Für mich persönlich hat sie nicht gezündet.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 20.06.2025

✎ Fatma Aydemir - Dschinns

Dschinns
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Wer bei „Dschinns“ eine klassische Gegenwartserzählung erwartet, wird überrascht: Die Handlung spielt Mitte der 1990er Jahre - ein Setting, das mir persönlich nah ging, da ich diese Zeit selbst bewusst ...

Wer bei „Dschinns“ eine klassische Gegenwartserzählung erwartet, wird überrascht: Die Handlung spielt Mitte der 1990er Jahre - ein Setting, das mir persönlich nah ging, da ich diese Zeit selbst bewusst miterlebt habe. Der Roman wirkt dadurch beinahe vertraut, wie ein Echo aus der eigenen Vergangenheit.

Fatma Aydemir gelingt es, Figuren zu entwerfen, deren Lebensrealitäten vielen aus migrantisch geprägten Umfeldern vertraut vorkommen dürften. Ich konnte mich in einige Situationen direkt hineinfühlen, da sie Erinnerungen an Gespräche und Menschen meiner Jugend weckten. Die Charaktere wirkten auf mich glaubwürdig - nicht konstruiert, sondern menschlich, widersprüchlich, verletzlich, echt.

Was mich zunächst forderte, war die Dichte an gesellschaftlichen Konflikten. Rassismus, Religion, sexuelle Identität, psychische Gesundheit, familiäre Gewalt - jede Figur trägt eine individuelle Last. Das wirkte zu Beginn fast klischeehaft.

Doch je weiter ich las, desto klarer wurde: Diese Überzeichnung ist bewusst gesetzt. Aydemir nutzt die Überlagerung von Konflikten, um zu verdeutlichen, wie komplex das Leben zwischen Kulturen und Generationen wirklich ist. Sie hält der Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor. Sie verweigert einfache Erklärungen, stellt unbequeme Fragen - und trifft oft schmerzhaft genau ins Zentrum gesellschaftlicher Widersprüche.

Zwischen Identitätssuche, familiären Bruchlinien und der Wucht unausgesprochener Wahrheiten erzählt „Dschinns“ die Geschichte von sechs Menschen, die irgendwie eine Familie bilden - und doch einander oft fremd sind. Es ist ein Familienroman ohne Harmonie - geprägt von Schweigen, Schuld und Sehnsucht.
Trotz dieser erzählerischen Kraft blieb bei mir ein gewisses Gefühl der Unvollständigkeit zurück. Viele Erzählfäden verlaufen scheinbar ins Leere, Perspektivwechsel erfolgen abrupt. Gerade wenn ich mich auf eine Figur eingelassen hatte, wurde die Stimme gewechselt - was die emotionale Tiefe stellenweise verwässerte.

Die Autorin vertraut stark darauf, dass man zwischen den Zeilen liest - und tatsächlich liegt vieles im Subtext. Dennoch hätte ich mir an manchen Stellen mehr Raum für einzelne Themen gewünscht. Weniger Figuren, mehr Tiefe - das wäre für mich stimmiger gewesen.

Am Schluss hätte ich mir ein kurzes Glossar oder einen sprachlichen Anhang gewünscht, in dem zumindest die Aussprache der türkischen Begriffe erklärt wird. Für Lesende ohne Sprachkenntnisse wäre das sicher hilfreich - und ein schöner Brückenschlag zur sprachlichen Tiefe des Romans.

Fatma Aydemirs „Dschinns“ ist kein Buch, das sich leicht konsumieren lässt. Es fordert Konzentration, Mitdenken und emotionale Offenheit. Und obwohl es für mich erzählerisch nicht ganz rund wirkte, bleibt es ein bedeutender, vielschichtiger Gesellschaftsroman über Zugehörigkeit, Schweigen und das, was zwischen den Generationen oft unausgesprochen bleibt.

©2025 Mademoiselle Cake