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Veröffentlicht am 20.12.2025

✎ Brigitte Werner - Kotzmotz der Zauberer

Kotzmotz der Zauberer
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„Kotzmotz der Zauberer“ habe ich zunächst selbst gelesen und anschließend als Hörbuch gehört. Dass Brigitte Werner den Text selbst eingesprochen hat, ist kein nettes Extra, sondern ein echter Mehrwert. ...

„Kotzmotz der Zauberer“ habe ich zunächst selbst gelesen und anschließend als Hörbuch gehört. Dass Brigitte Werner den Text selbst eingesprochen hat, ist kein nettes Extra, sondern ein echter Mehrwert. Im Hörformat werden feine Bedeutungsverschiebungen hörbar, die beim stillen Lesen leichter übergangen werden. Figuren und Stimmungen gewinnen an Tiefe, ohne überzeichnet zu wirken.

Dieses Buch richtet sich nicht an eine klar abgegrenzte Altersgruppe. Es arbeitet gleichzeitig auf der Ebene von Kindern und Erwachsenen. Genau darin liegt seine Stärke. Nach der letzten Seite ist es kein Titel, der kommentarlos verschwindet. Der Text bleibt präsent, weil er Denkprozesse auslöst und Gespräche erzwingt.

Anfangs wirkt die Geschichte wie ein klarer Seitenhieb auf Erwachsene. Erwartungen und erzieherische Abkürzungen werden sichtbar gespiegelt. Im Verlauf wird jedoch deutlich, dass Kinder nicht bloß Projektionsfläche sind. Sie werden ernst genommen, emotional abgeholt und in ihrer inneren Logik respektiert. Diese Verschiebung macht den Text glaubwürdig.

Thematisch geht es um soziale Grundfragen: Höflichkeit als Ausdruck innerer Stabilität, Freundschaft als Beziehung, die weder erzwungen noch besessen werden kann, Sprache als Werkzeug mit verletzendem Potenzial, den Umgang mit Missverständnissen, den Unterschied zwischen Wutabbau und Selbstüberforderung sowie die Verbindung von Angst und Aggression. Freundschaft wird nicht als äußere Struktur, sondern als innere Haltung beschrieben.
Es gibt jedoch noch sooo viel mehr, was man direkt erlesen oder zwischen den Zeilen finden kann.

Auffällig ist, dass diese Aspekte nicht additiv nebeneinandergestellt werden. Hinter Gefühlen wie Zorn oder Rückzug werden Ursachen sichtbar gemacht: Unsicherheit, Überforderung, fehlende Selbstzufriedenheit. Emotionen erscheinen nicht als Fehlverhalten, sondern als Signale. Diese Perspektive unterscheidet das Buch von vielen moralisch verkürzten Kindertexten.

Die Themenfülle für jüngere Kinder könnte überfordernd wirken. Zu Beginn des Lesens dachte ich auch, dass Erwachsene von der Lektüre stärker profitieren als Kinder. Aber ich finde, diese Kritik greift zu kurz. Die Geschichte funktioniert nicht als schnelle Unterhaltung, sondern als Anlass zur gemeinsamen Reflexion.

Beim Lesen haben wir mehrfach bewusst pausiert und einzelne Situationen besprochen. Dabei wurde deutlich, wie konkret Kinder die dargestellten Konflikte auf ihr eigenes Erleben übertragen. Besonders bei meiner siebenjährigen Tochter waren diese Momente spürbar. Einsichten entstanden nicht durch Belehrung, sondern durch Wiedererkennen.

Trotz der inhaltlichen Dichte wirkt das Buch nicht überladen. Die Themen sind sprachlich reduziert und klar eingebettet. Es bleibt zugänglich, ohne banal zu werden. Wer ein Kinderbuch sucht, das nicht beruhigt, sondern klärt, findet hier einen Text, der langfristig wirkt und Gespräche ermöglicht, die sonst oft vermieden werden oder vielleicht auch schwer zu erklären sind.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 16.12.2025

✎ Eva Plaputta - Finn Flosse räumt das Meer auf

Finn Flosse räumt das Meer auf
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In „Finn Flosse räumt das Meer auf“ von Eva Plaputta begleiten wir einen Meerjungen, der aus Versehen Abfall statt einer Seegurke isst und dadurch unmittelbar mit den Folgen der Meeresverschmutzung konfrontiert ...

In „Finn Flosse räumt das Meer auf“ von Eva Plaputta begleiten wir einen Meerjungen, der aus Versehen Abfall statt einer Seegurke isst und dadurch unmittelbar mit den Folgen der Meeresverschmutzung konfrontiert wird. Die Geschichte zeigt nachvollziehbar, warum Meeresbewohner Müll mit Nahrung verwechseln, wie Netzreste sie verletzen oder gefangen halten können und welches Leid daraus entsteht. Plaputta verbindet eine kindgerecht erzählte Handlung mit Umweltwissen und macht ökologische Zusammenhänge verständlich, ohne belehrend zu wirken.

Besonders überzeugend ist die handwerkliche und gestalterische Umsetzung des Themas Meer und Umwelt. Die Scherenschnitt-Illustrationen schaffen einen deutlichen Kontrast zwischen der fragilen Welt unter Wasser und der allgegenwärtigen Bedrohung durch Abfall und verstärken so die inhaltliche Aussage der Geschichte.

Die Sachinformationen bleiben stellenweise recht kurz und vereinfacht, so dass ältere Kinder oder Erwachsene mehr Tiefgang vermissen könnten, auch wenn das Buch als Einstieg gut funktioniert. Die Idee, den Müll symbolisch zu den Menschen zurückzuschieben, ist eingängig, greift die Problematik aber stark vereinfacht auf, da reale Lösungen deutlich komplexer sind als diese Metapher.

Die typografische Gestaltung mit wechselnden Schriftgrößen, -farben und -richtungen hat meine 7 Jährige besonders fasziniert und macht das Lesen für junge Kinder kurzweiliger, gerade in Kombination mit den Scherenschnitt-Bildern, die Handlung und Emotionen klar transportieren.

Inhaltlich wird der Ernst des Themas einem jungen Publikum nahegebracht, aber das Ende wirkt im Kontext einer Geschichte für Kinder ab etwa sechs Jahren etwas abrupt und weniger ausgearbeitet. Ein stärker reflektiertes Schlussbild hätte die Wirkung noch vertiefen können.

Trotz kleiner Kritikpunkte regt das Buch zum Nachdenken und zu Gesprächen über Meeresverschmutzung und menschliches Verhalten an und bietet gute Ansatzpunkte für weiterführende Diskussionen über Ursachen und mögliche Lösungen.

Aus persönlicher Sicht ist „Finn Flosse räumt das Meer auf“ ein wertvoller Beitrag zur Umweltbildung im Vorschul- und Grundschulalter. Es eignet sich gut für den Einsatz im Unterricht, sowohl zur Auseinandersetzung mit der Technik des Scherenschnitts als auch zur Sensibilisierung für Umweltverschmutzung. Die Verbindung von Geschichte, Gestaltung und Sachthema macht das Buch für Kinder besonders zugänglich, auch wenn Erwachsene die inhaltliche Tiefe ergänzen müssen.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 09.12.2025

✎ Selma Noort - Das kleine Haus am Fluss

Das kleine Haus am Fluss
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Ich hatte mich auf die Lektüre des Kinderromans „Das kleine Haus am Fluss“ gefreut, weil der Klappentext eine dichte, gefühlsnahe Handlung versprach.

Der Einstieg liefert die erwartete Wucht. Der LKW-Unfall ...

Ich hatte mich auf die Lektüre des Kinderromans „Das kleine Haus am Fluss“ gefreut, weil der Klappentext eine dichte, gefühlsnahe Handlung versprach.

Der Einstieg liefert die erwartete Wucht. Der LKW-Unfall spielt direkt eine zentrale Rolle, doch die Erwähnung dessen nimmt dem Moment die notwendige Fallhöhe. Die Szene bleibt intensiv, verliert für mich aber sofort ihren Nachhall.

Selma Noort legt zahlreiche gesellschaftliche und familiäre Belastungen übereinander. Die älteren Figuren tragen die Folgen eines langen Lebens, welches sie teilweise zunehmend überfordert. Die nachfolgende Generation navigiert Migration, komplexe Familienstrukturen und psychische Krisen. Juss und Amber stehen als Kinder im Zentrum eines Geflechts aus Verlust, Übergang und stillen Brüchen, das sich in Gegenwart und Vergangenheit spiegelt. Diese thematische Fülle wird handhabbar erzählt, aber der erzählerische Zug bleibt gedämpft, weil es sehr viel auf engem Raum ist.

Die Szenen zwischen Juss und Amber bilden den lebendigsten Teil. Ihre impulsive Art wirkte auf mich stellenweise jünger, aber gerade diese Unmittelbarkeit bringt Energie und erinnert an eine Kindheit, die noch ohne ständige Selbstinszenierung auskommt. Ihre Freiheit wirkt nicht künstlich, sondern wie ein Rückgriff auf ein kindliches Erleben, das heute meiner persönlichen Erfahrung nach in städtischer Umgebung selten geworden ist.

Der Roman vermittelt trotz ernster Themen ein Gefühl von Zusammenhalt. Die leise Hoffnung, die zwischen den Zeilen aufscheint, entsteht nicht aus Dramatisierung, sondern aus der Beobachtung alltäglicher Verletzlichkeit. Verlust und Neubeginn liegen oft nah beieinander …

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 04.12.2025

✎ Stefanie Taschinski - Funklerwald

Funklerwald
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Der Klappentext von „Funklerwald“ hat mich direkt angesprochen. Themen wie Toleranz und Anderssein sind allgegenwärtig und genau diese Werte möchte ich meinem Kind mit auf den Weg geben.Mit der Geschichte ...

Der Klappentext von „Funklerwald“ hat mich direkt angesprochen. Themen wie Toleranz und Anderssein sind allgegenwärtig und genau diese Werte möchte ich meinem Kind mit auf den Weg geben.Mit der Geschichte um das Luchsmädchen Lumi und den Waschbärenjungen Rus hat Stefanie Taschinski in meinen Augen etwas sehr Lesenswertes geschrieben. Anfangs war ich skeptisch, weil die Figuren sprechende Tiere sind. Doch das Konzept funktioniert: Die Tiere werden nicht märchenhaft vermenschlicht, sie tragen keine übersinnlichen Kräfte, sondern erleben Konflikte und Gefühle, die nachvollziehbar bleiben.

Lediglich das Ereignis mit den Früchten passt für mich nicht ins Gesamtkonzept. Ich finde, da hat es sich die Autorin ein bisschen leicht gemacht und die Situation etwas zu bequem gelöst. Ansonsten haben Lumi und ihre Freund*innen einfach eine Stimme bekommen.

Die Handlung ist packend: Rus und seine Familie fliehen und hoffen, im Funklerwald eine neue Heimat zu finden. Viele Bewohner lehnen sie ab - Angst, Misstrauen und Vorurteile bestimmen das Zusammenleben. Stefanie Taschinski schafft mit Lumi eine Figur, die neugierig bleibt, sich empathisch zeigt und bereit ist, Unbekanntes zu hinterfragen. Die Reise von Lumi und Rus zum geheimnisvollen Wandelbaum verdeutlicht eindrucksvoll, wie wichtig Mitgefühl und Zusammenhalt sind.

Freundschaft, Respekt und Mut, sich gegen Diskriminierung zu stellen, sind lobenswerte Aspekte. Die Parabel auf Migration und Ausgrenzung ist sehr gelungen. Das Buch erlaubt es Kindern und Erwachsenen gleichermaßen, über Toleranz nachzudenken.

Die Schwarz-Weiß-Illustrationen von Verena Körting wirken stimmungsvoll und fügen sich dezent ein, dennoch hätte ich mir farbige Bilder gewünscht, da manche Details im monochromen Stil verloren gehen.

Die kurzen Kapitel machen das Buch ideal für Kinder im Grundschulalter, gerade wenn sie noch nicht lange am Stück lesen. Die dramatischen und spannenden Szenen fesseln, ohne zu überfordern. Gleichzeitig kann das Werk Anlass zu Gesprächen über Andersartigkeit, Gerechtigkeit und Empathie sein - so wie ich es mir vorgestellt habe. Ich finde, das Buch eignet sich gut für gemeinsames Lesen oder als Klassenlektüre in einer 4. Klasse.

„Funklerwald“ hinterlässt bei mir den Eindruck einer klugen und sensiblen Erzählung: eine Geschichte, die Einfühlungsvermögen weckt, Mut macht, Freundschaft groß schreibt und zeigt, wie wertvoll Offenheit gegenüber Fremden ist. Taschinski hat ein erschreckend genaues Bild unserer Gesellschaft gezeichnet und hält somit allen einen Spiegel vors Gesicht.

©2025 Mademoiselle Cake

Veröffentlicht am 01.12.2025

✎ Yvonne Kuschel - Gelber Hund, grüne Katze

Gelber Hund, grüne Katze
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„Gelber Hund, grüne Katze“ von Yvonne Kuschel ist bei uns eher zufällig gelandet. Eine Freundin brachte es vorbei, es wanderte erst auf den Stapel ungelesener Bücher und wartete dort geduldig auf seinen ...

„Gelber Hund, grüne Katze“ von Yvonne Kuschel ist bei uns eher zufällig gelandet. Eine Freundin brachte es vorbei, es wanderte erst auf den Stapel ungelesener Bücher und wartete dort geduldig auf seinen Moment. Der kam, als meine 7-Jährige vom Cover fasziniert war und endlich die Geschichte hinter dem ungewöhnlichen Duo entschlüsseln wollte. Also Buch geschnappt, ab auf die Couch und lesen im Teammodus gestartet.

Als ich sie am Schluss fragte, wie ihr das Buch gefallen hat, konnte sie - genau wie ich - keine richtige Meinung dazu abgeben. Wir haben versucht, zu analysieren, um was es in und zwischen den Zeilen geht, doch so wirklich ist uns das nicht gelungen. Wir hatten verblüffend wenig Handfestes, um das Gelesene klar einzuordnen.

Was blieb, war vor allem ein Gefühl für den Hund. Zwischendurch tat er uns richtig leid, gegen Schluss war die Stimmung dann deutlich heller - und ja, wir haben uns ehrlich mit ihm mitgefreut, als sein Weg doch noch einen guten Dreh bekam. Die Katze hingegen blieb bis zum letzten Bild eine Figur, zu der wir keinen echten Zugang fanden. Diese Distanz lag weniger am Charakter selbst als daran, dass sie kaum emotionale Brücken baut. Sie ist präsent, aber nicht greifbar.

Inhaltlich steckt zwischen den Seiten eine spannende Botschaft, die gerade für Kinder wertvoll sein kann, auch wenn sie nicht laut ausgesprochen wird. Der Hund zeigt, dass Umwege oft Türen öffnen, die man auf der ursprünglichen Route nie entdeckt hätte. Gleichzeitig erzählte das Buch uns leise, dass Persönlichkeitsentwicklung kein abgeschlossenes Kapitel ist. Man trägt immer ungehobene Facetten in sich, die erst in neuen Momenten sichtbar werden. Ein Bilderbuch, das nicht belehrt, sondern wach macht für Wandel, Einsicht und Wachstum.

Die künstlerische Umsetzung mit Filztiften ist handwerklich interessant, aber bei uns nicht ins Herz gewandert. Die Illustrationen wirken oft wie Collagen, mit sichtbaren Kanten zwischen Bildelementen, einer eher groben Farbharmonie und bewusst einfacher Detailtiefe. Die Seiten bieten optisch wenig Such- oder Entdeckungsanlässe, arbeiten stark mit Reduktion und skizzenhafter Komposition.

Trotz aller Unschärfe sorgt „Gelber Hund, grüne Katze“ dafür, dass man ins Gespräch kommt. Nicht darüber, was man verstanden hat, sondern darüber, wie Geschichten jenseits klarer Antworten wirken können - auf Kinder wie auf Erwachsene. Genau dieser Effekt könnte das Buch relevant machen, auch wenn es bei uns kein klassischer Lieblingstitel wird.

©2025 Mademoiselle Cake