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Veröffentlicht am 20.02.2026

Die Liebe zu den Büchern ist wie die Liebe zu den Menschen – unverzichtbar

Die Buchhandlung der Exilanten
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Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band ...

Mit der Thematik Exilschriftsteller habe ich mich 2025 bereits intensiv beschäftigt, dieses neue Buch bringt mich zu einem guten Abschluss. Bereits bei Uwe Wittstocks „Marseille 1940“ und dem 11. Band der Geschichte der deutschen Literatur „Schreiben in finsteren Zeiten“ von Gerhard Kiesel habe ich über Schriftsteller, die in Frankreich Exil suchten und gleichzeitig ihre Arbeit weiterführen wollten, einiges gelesen. Uwe Neumahr wendet sich dem Thema über die Unterstützer der Exilschriftsteller zu. In diesem Fall zuerst den beiden Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach, die in Paris in der Rue de l’Odéon ihre Buchhandlungen führen. Adrienne Monnier, eine zupackende und empathische Frau, Pariserin durch und durch, nennt ihren Literaturtempel „Das Haus der Bücherfreunde“, die US-Amerikanerin Sylvia Beach findet den Namen „Shakespeare und Company“ passend. Schon kurz nach dem ersten Weltkrieg befreunden sich die beiden Frauen und es kommt zu einem regen Austausch der Gedanken; Neumahr verfolgt ihre Entwicklung über viele Jahre mit einzelnen Kapiteln, bis sich um 1943 die Geschichten vermischen. Es sind aufregende und anregende Jahre für die Buchliebhaberinnen und für die Literaten, in der Nachkriegszeit entstehen Freundschaften (aber auch Feindschaften), die sich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und danach erstrecken. Der komplizierte Umgang mit einigen Künstlern bleibt den beiden Frauen nicht erspart, besonders deutlich wird das in Bezug auf James Joyce, dessen „Ulysses“ zuerst von Sylvia Beach verlegt wird, die aber viel zu gutmütig ist und von Joyce nicht den Dank erhält, der ihr zustünde. Aber ihr ist es wohl zu verdanken, dass die Welt den 16. Juni (1904) noch immer als Blooms-Day feiert.
Als mit Beginn der Hitlerdiktatur Emigranten aus Deutschland in großer Zahl nach Frankreich, besonders nach Paris kommen, sind unter ihnen nicht wenige Schriftsteller und Künstler. Die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach werden Anlaufpunkt für viele, deren Namen bereits bekannt sind. Neumahr widmet sich diesen Exilanten mit viel Spürsinn, seine Recherchen sind atemberaubend. Monnier und Beach, die nicht nur Kolleginnen im besten Sinne sind, sondern auch Liebhaberinnen sind, müssen ihre Liebe so gut es geht vor der Öffentlichkeit verbergen, auch in Paris ist freie Liebe nicht gleich freie Liebe. Dass sie dann jedoch, zumindest was das gemeinsame Leben in der Wohnung der Monnier angeht, getrenntere Wege gehen, liegt an einer der Exilanten, Gisele Freund. Adrienne Monnier wird diese junge deutsche Jüdin nicht nur beruflich unter ihre Fittiche nehmen und ihr alle möglichen Wege zum Erfolg insbesondere ihrer Fotografien ebnen, sie wird auch ihre (mütterliche) Liebhaberin. Doch die Freundschaft zu Sylvia Beach kann das nicht zerstören.
Teil 2 und 3 beschäftigen sich mit der Zeit des Kriegsbeginns, als plötzlich vor allem deutsche Exilanten unter Generalverdacht gestellt und interniert wurden, und später im Buch mit der der Okkupation Frankreichs, mit den Repressalien nicht nur gegen Juden, auch gegen die allgemeine Bevölkerung. Als zum Beispiel Sylvia trotz aller Hilfsversuche interniert wird, zeigt sich Adriennes wahre Liebe und Freundschaft, sie unterstützt die Freundin ohne zu zögern mit allem, was sie ermöglichen kann. Aber auch andere erhalten ihre Hilfe in größter Not, Walter Benjamin, Arthur Koestler oder Siegfried Kracauer sind nur drei Namen, die ich nennen will. Dass damit nicht jedem das Leben gerettet werden konnte, dafür ist Walter Benjamin ein trauriges Beispiel, er nahm sich in Spanien das Leben, weil er keinen Ausweg mehr sah.
Die beiden Buchhändlerinnen waren aber nicht nur praktisch veranlagt, besonders Adrienne Monnier schrieb auch selbst, verlegte Bücher und Zeitschriften, machte sich für viele literarische Ereignisse stark. Sylvia Beach übersetzte und zeigte eine große Liebe zu englischsprachigen Autoren, die bei ihr Hilfe fanden. Einer ist hervorzuheben: Ernest Hemmingway.
Es ist nicht nur die Breite der Informationen über diese beiden Buchhändlerinnen und ihren Lebensweg, die mich beeindruckt hat, es ist auch die Tiefe, mit der Neumahr seine durch umfangreichste Recherchen ermittelten Details darbietet. Zeitweise läuft er aber Gefahr, dass die Informationen zu ausufernd wirken und ich beim Lesen hoffte, er würde bald wieder zu den Wurzeln, zu den beiden Frauen, zurückkehren. Nun bin ich aber kein Literaturwissenschaftler oder Historiker, ich bin nur ein interessiert lesender Rezipient seiner Arbeit. Und die ist famos!
Der umfangreiche Anhang sollte nicht übersehen werden, die Anmerkungen bergen einige zusätzliche Details, unabhängig von den vielen Quellen. Die Literaturverzeichnisse sind ebenso reichhaltig wie das Personenverzeichnis.
Fazit: ein Buch, das schon zu Jahresbeginn bei mir auf das oberste Treppchen der Sachbücher 2026 steigt. Selten habe ich eine solche Fülle an Informationen so gut lesbar aufbereitet erlebt. Ein Muss für Literatur- und Geschichtsliebhaber. 5 Sterne!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Großer Künstler und ewiger Optimist

Wolfgang Kohlhaase
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Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für ...

Für mich ist Wolfgang Kohlhaase so etwas wie ein guter Verwandter, der mich durch meine Kindheit und Jugend begleitete. Als er 1954 seinen ersten Film dreht, werde ich gerade geboren, deshalb folgt für mich zuerst „Berlin Ecke Schönhauser“, ganz in der Nähe habe ich gewohnt. Meine Mutter arbeitete in der Filmbranche, so kam ich früh mit vielen Filmen auf Tuchfühlung, das hier im Kapitel „Denken ist wie Licht, es geht in jede Richtung“ von Bastienne Voss beschriebene Jahr 1966, das für Kunst und Kultur verheerende 11. Plenum des ZK der SED, verbotene Filme und kampfesmutige Filmemacher, all das ist mir lebhaft in Erinnerung. Auch, dies: „Für viele, vor allem politisch Denkende und Künstler, war die Bundesrepublik mit der gerade erst vergangenen Adenauer-Ära, mit den nur unbefriedigend aufgearbeiteten Verbrechen des Nationalsozialismus, mit ihrem Konservatismus und Katholizismus und dem ganzen verstaubten Heimatkitsch, keine Alternative.“ Das änderte sich erst nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann drastisch.
Der Film, der meine Jugend geprägt hat, wird hier in diesem Buch sehr ausführlich behandelt, „Ich war neunzehn“. Gedreht hat ihn Konrad Wolf, das war ein geniales Duo, der Dramaturg Kohlhaase und der Regisseur Wolf! In den 1980er Jahren folgte von beiden der legendäre Film „Solo Sunny“, und mit dem Regisseur Frank Beyer „Der Aufenthalt“ nach dem Roman von Hermann Kant. Kohlhaase dazu, Zitat: »Man darf sich nicht vorstellen, dass die Leute sich damals nur Unterhaltungsware ansehen wollten«, erzählt er. »Es gab ein Bedürfnis, wenigstens im Nachhinein zu verstehen, was mit den Deutschen passiert war. Wir suchten nach Geschichten, die nicht vergessen werden sollten.« Ja, genauso war es. So viele und ähnliche Erinnerungen habe auch ich an diese Kinozeiten vor 1989. Aber die Wende hat einiges durcheinandergewirbelt.
Bewusst habe ich Kohlhaase dann erst wieder wahrgenommen, als „In Zeiten abnehmenden Lichts“ erschien, auch auf diesen Film, der 18 Jahre nach der Wende entstand, trifft ja das im letzten Absatz erwähnte Zitat auch zu. Unterdessen sind auch die DDR-Bürger um einiges klüger geworden, denn die inhaltlichen Beschränkungen der DDR-Zeit waren vorbei. Zumindest auf mich trifft das zu. Zitat: „Die Zeit“ schreibt (zu diesem Film): »Es gibt nicht so viele Filme, die den Osten mit seiner Steifheit, Verträumtheit, seinen Hoffnungen, seiner Sauffreude und leisem Humor glaubwürdig abgebildet haben. Dieser gehört definitiv dazu.«
Was mich im ganzen Buch sehr erstaunt hat, ist der Optimismus von Kohlhaase und seine Unerschütterlichkeit, was die DDR anbelangt. Vielleicht war er durch seinen Status doch etwas weiter weg von den „Mühen der Ebene“ (siehe Brecht).
Kohlhaase war mit Emöke Pöstenyi verheiratet, auch sie kannte ich, vom Berliner Friedrichstadtpalast und aus dem Fernsehen, dass sie seine Ehefrau war, hatte ich wohl vergessen. Erst im Buch habe ich wieder darüber gelesen. Sehr berührend beginnt es nämlich mit dem völlig unerwarteten Tot von Kohlhaase nach einem wunderbaren und gelungenen Abend. Da war er bereits 92 und hatte eigentlich noch viel vor.
Das Buch wird vielleicht nicht jeden interessieren, aber ich empfehle es trotzdem jedem. So gebündelt findet man nicht viele, gut lesbare Sachbücher über die DDR-Kunst- und Kulturgeschichte. Wer diese Zeit miterlebt hat, kann einiges auffrischen, wer nicht viel davon weiß, lernt eine Menge dazu. Der Autorin Bastienne Voss spreche ich meinen Dank aus für die liebevolle Umsetzung ihrer sicher nicht einfachen Recherchen und (Er)-Kenntnisse. Und einen zusätzlichen Dank dafür, dass ich mich mit ihrer Hilfe an so viele, meist schöne Filmerlebnisse erinnert habe.
Fazit: Eine interessante und aufschlussreiche Biografie zu einem hoffentlich noch lange in Erinnerung bleibenden Dramaturgen und den mit ihm entstandenen Filmikonen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Mischung aus Cosy- und Regiokrimi

Mörderisches Therapieren: Krimikomödie aus Bayern
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Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin ...

Im abgelegenen und sonst eher ruhigen bayrischen Dorf Fackenreuth passieren merkwürdige und schlimme Dinge. Der Dorfpolizist Dorfpolizist Xaver Gottwald ist schnell etwas überfordert, eine Kriminalpolizistin hängt tot im Wald, ein Psychotherapeut gibt komische Ratschläge, ein geistig etwas gestörter junger Mann wechseln sein Sammelgebiet usw. Hinzu kommen Probleme mit einer verschwundenen Undercoverfrau und zwei Damen namens Petra und Anna. Es gibt reichlich Abwechslung im Krimi, aber er ist auch leicht zu durchschauen. Auch wenn es dem Xaver beinahe an de Kragen geht, bleibt der Krimi eher cosy.
Mir hat die Stimme von Michael A. Grimm und ihr bayrische Klang gefallen, ich fühlte mich vor Ort und inmitten des Dorftrubels wohl. Einfach gute Unterhaltung, fürs Putzen, Bügeln, Autofahren. Und deshalb empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Ad infinitum oder eine Liste von Verlusten

Im ersten Licht
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Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches ...

Ein Wahnsinnsbuch! Der Österreicher Norbert Gstrein hat mich so sehr gepackt, ich konnte das Buch kaum für die Nacht zur Seite legen. War es zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig für mein preußisches Lesegehirn, zog mich das Buch mit jeder Seite mehr in seinen Bann. Und es war tatsächlich das erste, das ich von diesem Autor überhaupt las. Dabei wohnt er gar nicht weit entfernt von mir (es heißt, an der dänischen Grenze), das hätte ich doch merken müssen!
Zu Beginn ein kleines Zitat: „Adrian Reiter, Sohn eines Postbeamten und seines Zeichens Student mit den Fächern Englisch und Geschichte, und das war die große Wiener Gesellschaft, in der er endlich angekommen war, nur um ihr gleich wieder entfliehen zu wollen.“ Der Roman beginnt um 1914 in Österreich, Kriegsbeginn, später der Große Krieg genannt, noch später Erster Weltkrieg, die Perspektiven änderten sich mit den Jahren, die Größe des Landes auch, der Kaiser perdu, das Meer auch. Adrian, Hauptfigur par excellence in diesem Roman ist von seinem Vater, dem k.uk.-Postbeamten, kriegsunfähig geschlagen mit einer Axt und wird sein Leben lang hinken, und doch dem Vater dankbar sein, der ihm jegliche Teilnahme auch am nächsten Krieg damit unmöglich machte. Adrian, der nach Ende des Krieges in einem Hotel arbeitet, alles von der Rezeption bis zum Kellner zur Zufriedenheit ausführt, lernte die Familie Eller kennen, als er noch sehr jung war, jetzt, nach dem Krieg, in den die beiden Söhne notgedrungen mussten, fehlt der eine, Ernest, offiziell für tot erklärt, was der Familie ein Verhängnis wird. Für Adrian war Ernest sein Leben lang „der junge Herr“, und die Erinnerung an die Verluste der Familie begleitet ihn ein Leben lang. Die alte Frau Eller aber findet Gefallen an dem schweigsamen Adrian, beginnt ihn zu mögen und auch zu achten, gibt ihm die Chance seines Lebens. Er kann studieren, sie schiebt ihn in Richtung Englisch und Geschichte, sie ist eine Engländerin ohne ihr England, ohne ihre Downs, sie sieht in Adrian die Zukunft – als Lehrer, als Gast Englands, und ein wenig als Ersatz für den toten Sohn.
Der zweite Sohn der Ellers (der geborene Unsympath in diesem Buch) ist mit Ildiko verheiratet, die ursprünglich dem jungen Herrn Ernest versprochen war. Ihre Tochter Ernestine wird in Adrian die Onkel sehen, auch wenn sich ihre Wege erst sehr viel später noch einmal kreuzen. Adrian hat auch eine Freundin, aber es gelingt ihm nicht, sein Studium und seinen Charakter in Einklang mit ihrem Leben und ihrem Wesen zu bringen.
Im Ersten Teil des Romans, der „Ernest Eller“ heißt, wird die Familie Eller nach dem Krieg in einer Villa eine Art von Versehrtenheim betreiben, in dem vom Krieg verstümmelte und entstellte Männer eine Zuflucht finden. Die grausamen Verunstaltungen sind eine harte Probe für mich gewesen, die Vorstellung, wie der zartbesaitete Adrian mit diesen Männern die Zeit verbringt, ihre Sorgen, Nöte, Ängste miterlebt, sind so realistisch beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dabei. Diese Nähe, die Gstrein vermittelt, zieht sich durch das ganze Buch, ist aber nie wieder so hart, so existentiell wie in der Villa.
Adrian Reiter wird später Lehrer in Salzburg, das Englisch, das er lehrt, stellt sich als etwas antiquiert heraus, aber das wissen die Schüler ja nicht, und er begreift es erst im Alter. Was aber in seinem Geschichtsunterricht passiert, das lässt Schlimmes ahnen. Er wird seinen Schülern den Großen Krieg, das k.u.k-Kriegsheldentum und jegliche Schlacht erklären, genauestens über alle kriegstechnischen Details belesen, macht er den Eindruck eines echten Kriegsteilnehmers, wenn nicht Kriegshelden. Die Zeit geht auf 1938 zu, wie Gstrein so wunderbar schreibt „1938 das Jahr, wie gesagt, er (Adrian) siebenunddreißig, drei Wochen nach dem Einmarsch, und zuerst tat niemand, als hätte sich viel geändert, …“
Aber da ist ein ganz besonderer Schüler, Martin Baumgartner, Zitat: „Ein selbstbewusster junger Mann, sehr aufgeschlossen, sehr wach, vielleicht nicht ganz in der Zeit lebend, …“ und für diesen gibt es ein eigenes Kapitel, das aber bei weitem mehr bietet als nur dieses Baumgartners Geschichte. Adrian wird heiraten, es wird einen neuen Krieg geben, man wird von „Leuten wie ihnen“ sprechen, wenn man Juden meint, später wird man von nichts gewusst haben.
Die Geschichte des Adrian Ritter ist aber noch lange nicht vorbei, ich habe sie sehr gern gelesen, ich konnte mich einfühlen in einen vollkommen fremden Menschen, seine Gedanken und Ängste, die ihn bis zum letzten Atemzug begleiten. Seine Erfahrungen, seine Verluste sind spürbar in jedem Satz, ich war mit ihm in den Downs und habe den kalten Nebel gespürt. Ich habe mit ihm auf das Bild vom Engel geschaut, der er vielleicht gern gewesen wäre, aber niemals zu spät.
Mehr kann man doch von einem Roman nicht verlangen, als dass er einen einspinnt in einen Kokon aus Fantasie, den man nie verlassen möchte.
Fazit: Lesen! Unbedingt, wer anfängt, kann nicht mehr aufhören und wird dieses Buch lieben und auf ein Treppchen ganz oben stellen.
Nachtrag: Ich lese fast ausschließlich E-Books, so auch dieses. Dementsprechend weiß ich leider nicht, wie das gedruckte Buch auf dem Ladentisch oder in meiner Hand wirken würde. Das Cover erinnerte mich sofort an Lázár von Nelio Biedermann, das ich auch zuerst ignorierte, weil Pferde, naja, nicht mein Metier sind. Erst eine Rezension brachte mich auf die Spur und ich hörte das Hörbuch. Beim Anblick vom Cover „Im ersten Licht“ sah ich auch zuerst das Pferd, aber ich war ja vorgewarnt, es könnte mehr dahinterstecken als ein Pferdebuch. Und der Titel las sich schon geheimnisvoll. Dass er eine Metapher ist für Dinge, die im ersten Licht geschehen, das findet man heraus beim Lesen. Die Annotation des Buches machte es für mich dann noch klarer, dass das etwas für mich sein würde. Meine Interessen beim Lesen liegen vorrangig im 20. Jahrhundert, besonders in der ersten Hälfte, Weimarer Republik, Nazideutschland, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Nachkrieg. Bei Gstrein beginnt alles im Ersten Weltkrieg, der ist bisher etwas kurz gekommen bei meiner Buchauswahl. Norbert Gstrein war mir zumindest vom Namen her bekannt, Österreich und k.uk.-Monarchie erinnern mich an Joseph Roth, Lemberg an Philip Sands, Wien an den jüdischen Hitler-Arzt Bloch oder Isidor von Sally Kupferberg. Auch darüber hinaus nicht sehr viel Österreichisches in meinem Bücherschrank. Zum Ersten Weltkrieg fallen mir jetzt Ernst Jünger und Erich Maria Remarque ein, beide Deutsche, nicht Österreicher. Mein Interesse war jedenfalls trotz des wenig aussagenden Covers geweckt und ich wurde nicht enttäuscht.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Diese Biografie ergänzt die Romane von Lotte Paepcke eindrucksvoll

Lotte Paepcke
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Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen ...

Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans „Unter einem fremden Stern“, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen biografische Skizze sowie des zweiten Romans von Lotte Paepcke „Ein kleiner Händler, der mein Vater war“, beides auch im 8 grad verlag erschienen. Dem Verleger Matthias Grüb und auch den Nachfahren von Lotte Paepcke sei Dank! Mich packte das Lesefieber wie selten: die berührende Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin, die mit viel Glück den Holocaust überlebte und danach voller innerer Kraft und mit hohem Intellekt das neue Leben im Nachkriegsdeutschland und dann in der noch jungen BRD meisterte, auch wieder ein echtes Familienleben haben konnte, das alles fordert mir höchsten Respekt ab.
Die Autorin Gisela Hack-Molitor, die sich bereits mehrfach mit biografischen Arbeiten verdient machte (z. B. über den Verleger Bruno Hauff oder den Neurologen Kurt Goldstein), hat sich intensiv mit den publizierten und veröffentlichten Arbeiten und Interviews der Lotte Paepcke auseinandergesetzt. Offensichtlich hat das Lesen des ersten Romans bei ihr ähnliche Gefühle verursacht wie bei mir. Ich hatte meiner Rezension den Titel "Der Tod hatte mich nicht genommen." gegeben, sie hat ihrem Buch mit dem Untertitel „Es wurde nicht wieder gut“ emotionalen Nachdruck verliehen. Beides ist die Quintessenz aus Lotte Paepckes Leben. Trotzdem kann sie auf Fotos ein zauberhaftes Lachen zeigen, das mich sehr an meine Mutter erinnert, die als Halbjüdin den Holocaust ebenfalls überlebte.
Das „Lebensthema jüdischer Existenz in Deutschland“ wird Lotte Paepcke bekannt machen, sie vertritt vehement ihre Ansichten, Hack-Molitor scheibt dazu „Die Interviews mit Lotte Paepcke sind von ihrer ausgesprochen zurückgenommenen, rational-nüchternen Art geprägt, auch in Bezug auf emotional aufwühlende Erlebnisse.“
Die Biografie zeichnet mit kurzen, prägnanten Passagen das Leben von Lotte Paepcke nach, ihre Jugendjahre, ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, dass sie trotz dieser nach einem Aufenthalt im Ausland mit ihrem Mann Ernst August wieder zurück nach Deutschland kommt, nicht ahnend, dass sie das beinahe das Leben kosten wird. Der Leser erfährt von ihrer Ehe, vom kleinen Sohn Peter, der mit drei Jahren kurz vor den Novemberpogromen getauft wird, trotzdem als Mischling herabgewürdigt wird, von schwierigen (Über-)Lebensbedingungen, von Flucht und zuletzt vom Verstecken in einem Kloster. Es war harte Kost für mich, auch wenn das Buch nicht dick ist, hat es mich sehr berührt und traurig gemacht. Daran konnte auch der gute Ausgang nichts ändern, das beständige Denken und Erinnern fiel sicher auch Lotte Paepcke nicht leicht.
Lotte Paepcke hat nach dem Krieg eine sehr bestimmte, feministische Haltung eingenommen, ob sie es aber wegen der „Geschlechtergerechtigkeit“ für notwendig erachtet hätte, mit häufigen Doppelnennungen den Lesefluss oder in Interviews den Redefluss zu stören, das wage ich zu bezweifeln. Leider kann man die Interviews nicht nachhören, es sei denn, man begibt sich in die Archive des SWR und SR. Nachbarinnen und Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Jüdinnen und Juden, Mitarbeitende (1938 hat wohl niemand so gesprochen), Leserinnen und Leser etc. Über sich selbst schreibt Lotte Paepcke nämlich „… Ich werde nach Deutschland zurückkehren und dort leben als ein Jude.“ Schade, dieses Buch wäre mit Verwendung des generischen Maskulinums weitaus lesbarer geworden.
Hack-Molitor schreibt ja auch, „Die sprachliche Palette Lotte Paepckes ist breit.“ Ich freue mich, dass so in der Biografie auch von ihren Gedichten zu lesen ist! Diese sind nicht Reime im eigentlichen Sinne, sie sind Ausdruck ihres ganzen Denkens und Fühlens, sie bringt damit alles auf einen „Nenner“. Romane werden zu kleinen Kunstwerken der Lyrik ohne Reim. Ich verweigere mich jeglichem Vergleich zu anderen jüdischen Dichtern, Lotte Paepcke hat ihre eigene Sprache, sie muss nicht zu den anderen passen oder sich abheben.
Lotte Paepcke fühlte sich oftmals im Nachkriegsdeutschland nicht wohl, sprach von Angst, wollte trotzdem in der Heimat bleiben, obwohl es nicht mehr „die“ Heimat ist, die sie in ihrer Jugend als solche empfand. Hochspannend die Ambivalenz, die Möglichkeit, Israel als neue, jüdische Heimat zu wählen, schlägt sie aus.
Am Ende beschäftigt sich Hack-Molitor noch einmal mit dem eingangs genannten Roman über Paepckes Vater. Auch dieses Buch lohnt einen zweiten Blick! Und am Ende kann man den Brief des Großvaters Max Mayer an seinen dreijährigen Enkel Peter lesen, den er 1938 kurz vor dessen Taufe schrieb. Es ist kein Brief an ein Kind, sondern an den erwachsenen Peter, es ist das gesamte Lebensvermächtnis dieses kleinen, hoch intelligenten Mannes. „… Erinnerung gehört zum Wesen des Judentums.“ Dieser Satz umfasst alles, was ich empfinde, die Erinnerung an die eigene Familie und ihre Geschichte, an die Juden und ihre Geschichte, begleiten mich unendlich.
Hack-Molitor geht auch auf die aktuelle Lage der Juden in Deutschland und in der ganzen Welt ein. Dieses Buch erschien rund 14 Tage vor dem 7. Oktober 2023, das Massaker der Hamas hat seitdem die Welt noch einmal mehr verändert, die Lage der Juden im ganz alltäglichen Leben verschlechtert, sie werden wieder öffentlich beschimpft und bespuckt, weitere Attentate sind seitdem gefolgt. Für mich ist das die schrecklichste Entwicklung, die die Welt nehmen kann. Meinetwegen muss niemand „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“, die Erinnerungswellen sind ja gut und schön, aber ich erwarte von der Politik einfach eine klare Haltung für die Juden und pro Israel und hoffe, dass ich nicht wie Lotte Paepcke eines Tages auch Angst haben muss um mein Leben und meine Familie. Gerade das Kapitel „Memento“ ist deshalb besonders wichtig für die heutigen Leser.
Ein letztes Zitat, das sich wie ein Vermächtnis und wie eine Warnung liest, will ich noch anfügen: „Ihre [Paepckes] Bücher machen am individuellen Schicksal begreiflich, wie der nationalsozialistische Staatsterror seine Rassenideologie in kürzester Zeit umzusetzen und ein funktionierendes staatsbürgerliches Miteinander zu zerschlagen imstande war.“
Zur Gestaltung und Typografie: Beides gefällt mir sehr, besonders das Cover ist gut gelungen. Die Wahl der Schriften ist vorzüglich, die unterschiedlichen Überschriften, Unterüberschriften und der Text sind eine gute Symbiose eingegangen, für mich eine Freude beim Lesen der schwierigen Thematik. Da hätten auf den Inhaltsseiten aus ästhetischer Typografensicht die Fußnoten sicher gestört. Trotzdem hat es mich etwas gestört, so oft nach hinten blättern zu müssen, denn die Fußnoten (sie heißenF im Buch ja Anmerkungen) auf der Seite mit dem zugehörigen Text wären hilfreich und würden das Lesen nicht ständig unterbrechen. Am Ende ein Dank für die Literaturangaben, ich suche jetzt vor allem noch nach den Gedichten.
Fazit: Die Veröffentlichung dieser Biografie und der Bücher von Lotte Paepcke macht mich sehr froh, aber auch nachdenklich. Ich empfehle die Lektüren allen Geschichtsinteressierten, egal welchen Alters.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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