Synästhesie, scharfer Verstand, weiches Herz
Die KryptografinEine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ...
Eine ungewöhnliche Mischung ist der Autorin Hanna Aden nach ihren beiden Fräulein-Lena-Romanen, die ich noch nicht gelesen habe, gelungen. Der Roman Die Kryptografin spielt 1953/1954 in München, Hauptperson ist die zwanzigjährige Margot, die ihren Lebenstraum von einer Mathematikprofessur wahrmachen will. Schon das ist ein ungewöhnlicher Wunsch für eine Vertriebene aus Pommern, aber zu ihrem scharfen mathematischen Verstand gesellt sich ihre Synästhesie, von der sie insgeheim vermutet, es könnte eine psychische Erkrankung sein. Es handelt sich jedoch um ein seltenes neurologisches Phänomen, bei dem die Betroffenen die Verschmelzung von verschiedenen Sinneseindrücken erleben. Kürzlich las ich über den isländischen Star-Pianisten Víkingur Ólafsson, dass er z. B. die Töne E und F mit den Farben Gün und Blau in Verbindung bringt, er sieht sozusagen seine gespielten Töne farblich. Ein sehr seltenes Phänomen, dass mir in einem Roman in der Intensität und Ausführlichkeit noch nie begegnet war. Die Protagonistin Margot ist so sensibel, dass sie z. B. Charaktereigenschaften und Ereignisse mit farblichem Empfinden spürt, und auch Bedrohungen empfindet sie farblich. Einher geht das mit einem hohen mathematischen Verständnis und Talent, so dass es für mich kaum nachvollziehbar war, wie sie ihre Aufgaben löste.
Begleitet wird Margot auf dem Weg von und zur Uni von einem Studenten aus der Nachbarschaft, Jasper, der sich im Laufe des Romans als egozentrischer und besitzergreifender Narzisst herausstellt. Eine der unangenehmen Figuren im Roman. Die sensible Margot tut sich schwer damit, ihn wieder abzuschütteln.
Hinzu kommt ihr Trauma aus Kriegstagen, das immer nur angedeutet wird, nie erzählt sie jemandem davon, auch nicht ihrer Mutter. Ganz am Ende des Romans wird Margot vielleicht begreifen, dass das Verschweigen und Verdrängen jener Erinnerungen nicht hilfreich für eine Beziehung zu einem Mann sind. Vielleicht hilft er ihr?
Aber es gibt auch Freunde und Bekannte, die ein Pendant bilden, Sue, eigentlich Susanne, im gleichen Alter wie Margot, aber in einer prekären Situation, sie ist Waise, kümmert sich um zwei jüngere Schwestern und einen mit nur einem Bein aus dem Krieg heimgekehrten Bruder. Diese Sue träumt von mehr als eine Nähstelle bei Madame Palach, sie möchte Journalistin werden, eine, die den berufstätigen Frauen eine Stimme gibt und von den Ungerechtigkeiten ihres Lebens berichtet. Ihr Bruder, der nach neun Jahren der Lethargie plötzlich wieder zum Leben erwacht, will ihr helfen. Aber Sues linksgerichtete Art der journalistischen Arbeit, die sie versucht allein auf die Beine zu stellen, ist bei Zeitungen und Zeitschriften nicht gefragt. Sie wird sich anpassen müssen, um einmal in dieser Umgebung zu bestehen. Sue wird ein großer Raum gegeben in diesem Roman, eigentlich ist das ein zweiter breiter Handlungsstrang, der sich durchs ganze Buch zieht.
Margot und Sue befreunden sich, aber diese Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt, denn Margot lässt sich zum Geheimdienst, dem späteren BND, anwerben und nimmt die Geheimhaltungsklausel nach einem ersten Ausrutscher so ernst, dass sie sich wie in ein Schneckenhaus zurückzieht. Wie sie sich aus dieser Situation befreit, was sie erlebt, beschreibe ich hier nicht. Margot und Sue machen ihren Weg. Einige Längen in Szenen oder Dialogen bergen die Gefahr, etwas zu überspringen, das vielleicht für den Handlungsverlauf wichtig ist. Auch die politischen Diskussionen, die mich sehr an heutige erinnern, haben mir nicht besonders gut gefallen, aber das ist sehr subjektiv betrachtet. Gefallen hat mir aber die Figur der Elsa, die als Schwester von Sue mit 13 Jahren mittendrin ist in der Pubertät, der Selbstfindung und der Zukunftsplanung. Eine Lieblingsfigur konnte ich für mich in diesem Roman nicht ausmachen, aber ich konnte mich gut in Margots Mutter hineinversetzen; Margot und Sue hingegen blieben mir beide fremd.
Wer sich jedoch erhofft, einen tieferen Einblick in die Arbeit eines Geheimdienstes der 1950er Jahre zu erhaschen, der wird vielleicht enttäuscht sein. Nach der Anwerbung, die sehr echt beschrieben wird, ist die Geheimdiensttätigkeit nur am Rande erwähnt. Es sind mehr die persönlichen Aspekte, die im Roman in Pullach zum Tragen kommen. Und Kryptografin ist nicht gleich Agentin. Aber Margot hat vielleicht tatsächlich Chancen, eine zu werden.
Das Cover ist aus meiner Sicht etwas zu glatt geraten, das Bild der jungen Frau, die gezeigt wird, hat für mich nichts mit der im Roman geschilderten Margot zu tun. Die Typografie nimmt das Thema Kryptografie auf, kryptische Überschriften, unleserliche Seitenzahlen und ein schwaches Schriftbild haben mein Lesevergnügen etwas getrübt.
Fazit: Ein Roman, der den Leser in die Nachkriegsjahre in München mitnimmt und auf authentische Weise die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Protagonisten schildert. Der Roman von Hanna Arden birgt viel Interessantes und liest sich spannend und gut.