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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.04.2026

Unersetzlich…

Pina fällt aus
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…ist Pina im Leben ihres autistischen Sohnes Leo. Sie sorgt dafür, dass sein Alltag organisiert wird und kämpft unermüdlich für seine Inklusion und Akzeptanz in der Gesellschaft. So kommt es ...

…ist Pina im Leben ihres autistischen Sohnes Leo. Sie sorgt dafür, dass sein Alltag organisiert wird und kämpft unermüdlich für seine Inklusion und Akzeptanz in der Gesellschaft. So kommt es einer kleinen Katastrophe gleich, als Pina eines Tages zusammenbricht und für Wochen ins Krankenhaus muss. Was soll nun mit Leo geschehen? Keiner scheint sich so richtig verantwortlich zu fühlen und so sind es plötzlich die Nachbarn, die sich um Leo kümmern müssen. Die 86-jährige Inge, das rebellierende Teenagermädchen Zola und der zurückgezogen lebende Wojtek sind jedoch auch alle auf ihre Art „komische Vögel“ und müssen erst langsam zu einer Gemeinschaft zusammenfinden. Am Ende wachsen aber alle bei der Bewältigung der Aufgabe über sich hinaus und es zeigt sich, dass jeder einen wertvollen Beitrag zu einer Gemeinschaft beitragen kann - so anders er/sie auch sein und denken mag! Ein Appell für Diversität und Inklusion!

UNERSETZLICH finde ich es aufgrund dieser wichtigen Botschaft somit auch, diesen wunderbaren Roman zu lesen. Nicht nur inhaltlich sondern auch sprachlich stellt die Autorin ihr Feingefühl an den Tag und schildert sensibel die alltäglichen Herausforderungen, mit denen Betroffene im Umgang mit Behinderten konfrontiert sind. Trotz all der Belastungen strahlt das Buch dennoch Optimismus aus, denn die Figuren haben eine optimistische Willenskraft und beweisen Durchhaltevermögen ohne dabei verbissen und verzweifelt zu agieren. All das und besonders auch die herzergreifende Beziehung zwischen Mutter und Sohn haben mich sehr berührt und mir das Buch ans Herz wachsen lassen.

Die Charaktere habe ich im Laufe der Handlung richtig lieb gewonnen, da sie alle ihre eigenen Marotten haben und von der Autorin differenziert und realistisch dargestellt werden. Die Figuren bleiben nicht flach und durchlaufen einen individuellen Entwicklungsprozess, wobei besonders Zola in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Die Wahrnehmung dieser Figur hat sich bei mir während der Lektüre ganz besonders verändert. Dadurch, dass die Kapitel aus wechselnden Perspektiven geschrieben sind, lernt man die Protagonisten in der Innen- und Außensicht kennen und kann sich ein umfassendes Bild von ihnen machen.

Die positiven Durchhalteparolen dieses Romans habe ich als bestärkend empfunden. Scheinbar beiläufig streut Vera Zischke so viele ermutigende Lebensweisheiten ein und einiges muss man auch zwischen den Zeilen herauslesen. Man sollte mit offenen Augen durch die Welt gehen, auch das scheinbar Alltägliche und Normale wert schätzen und sich an Kleinigkeiten erfreuen - sei es „nur“ ein warmer Kaffee oder die Vorfreude auf die Abendserie. Was aber überhaupt „normal“ ist stellt die Autorin durch Pinas und Leos Schicksal ja auch immer wieder in Frage und sie zeigt am Ende, dass man nicht den Konventionen entsprechen muss und sich Träume verwirklichen lassen, wenn man den Mut hat alternative Weltbetrachtungen zuzulassen.

„Pina fällt aus“ ist also wirklich ein Buch für Herz und Hirn! Es hat nicht nur eine wichtige Botschaft, sondern punktet auch mit einer feinfühligen, sensiblen Sprache, liebenswerten und skurrilen Charakteren sowie herzergreifenden Szenen. Dabei vergisst die Autorin aber auch nie ein Augenzwinkern oder den nötigen Galgenhumor, den es wahrscheinlich braucht, um so manche heikle Situation zu „wuppen“. Eine UNERSETZLICHE Lektüre wie ich finde.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Beklemmende Dystopie

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Meine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich ...

Meine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich Männer nicht kannte“ hat mich atemlos und einem leichten Schauer zurückgelassen und war sehr lesenswert.

Inhaltlich geht es darum, dass 40 Frauen in einem Kellergewölbe gefangen gehalten werden und sie weder wissen, wie sie dort hingekommen sind, noch wo sie sich genau befinden oder wie die Gesellschaft in der Außenwelt aussieht. Einzig die Erzählerin, die vermutlich durch ein Versehen als Kind mit den Frauen gefangen genommen wurde, kennt keine andere Welt als die im Kellergewölbe und ihr sind die Erinnerungen der andere Frauen fremd. Als durch einen mysteriösen Zwischenfall ein Alarm ausgelöst wird und die Bewacher der Frauen verschwinden, gelingt es den Frauen aus dem Keller zu entkommen, doch die Welt, die sie draußen vorfinden, ist leer und wie von einem anderem Planeten. Jahrelang ziehen sie umher, um zu erfahren, wo sie sich befinden und was passiert ist, doch alles bleibt ein unbefriedigendes Rätsel, bis zuletzt nur die Erzählerin auf der Suche nach Gemeinschaft und Zivilisation zurückbleibt - ein Ziel, das sie weiterhin verfolgt, obwohl sie weder Männer noch andere Formen der Gesellschaft je kannte.

Thematisch befasst sich der Roman wie erwähnt mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragen unter einer feministischen Perspektive. Es geht u.a. um Sexualität und Kulturgenese und erinnert stark an einen Bildungsroman. Von umherstreifenden Nomaden werden die Frauen zu einer sesshaften Gemeinde und beginnen sich wieder mehr für nicht existenzielle Dinge wie Mode, Sprache und Spiel zu interessieren. Im Großen und Ganzen ist der Roman die Geschichte einer weiblichen Emanzipation.
Da lediglich in der ersten Person erzählt wird, lernen die LeserInnen aber nur die eingeschränkte Sicht der namenlosen Protagonistin kennen, was sie einem sehr nah bringt, zugleich aber von Anfang an viele Leerstellen lässt. Dadurch wird der Roman sehr mysteriös und spannend, weil so viele Fragen unbeantwortet bleiben und man ständig versucht, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen. Zusätzliche Spannung kommt dadurch auf, dass die Erzählerin zurückblickend auf die Geschichte schaut und viele Andeutungen macht, die man auch aufgeklärt haben möchte.
Gegliedert ist der Roman in drei Teile, vergleichbar mit Exposition, Hauptteil und Schluss wie in einem Drama. Im ersten Teil wird das Leben der Gefangenen im Keller beschrieben, der zweite Teil handelt von ihrem Leben in der fremden Außenwelt, die aufgrund der begrenzten Möglichkeiten und dem Fehlen von menschlicher Zivilisation jedoch einem zweiten Gefängnis gleicht. Im finalen Teil ist dann die Erzählerin nach dem Tod aller anderen Frauen auf sich allein gestellt und sucht weiterhin nach dem Sinn ihrer Existenz. Obwohl sie keine Verbindung zu der alten Welt, wie die anderen Frauen sie kannten, hat, sehnt sie sich dennoch nach der Gemeinschaft anderer Menschen und wird zunehmend hoffnungsloser, je länger ihre Suche erfolglos bleibt.
Diese düstere, hoffnungslose Atmosphäre prägt den ganzen Roman und es sei gewarnt, dass einige Szenen richtig gruselig sind. Ebenso schonungslos und radikal ist die Sprache und es wird z.B. offen über Sexualität gesprochen. Man sollte also nicht zu zart besaitet sein, wenn man sich dieser Dystopie aussetzt. Außerdem muss man damit klarkommen, dass der Roman viele Leerstellen hat und es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Wie im wahren Leben auch ist es quasi unmöglich hinter das Rätsel des menschlichen Lebens zu kommen.
Dass am Schluss ein runder Abschluss fehlt, ist auch ein Grund für mich, einen Stern abzuziehen. Zwar mag ich offene Enden, aber hier bleibt doch zu vieles mysteriös und unlogisch, sodass es schwerer wird, die Aussageabsicht zu deuten. Außerdem fand ich einige Aspekte an der Entwicklung der Erzählerin unlogisch; beispielsweise, dass sie sich so mühelos Lesen und Schreiben beibringt oder plötzlich Begriffe für Dinge kennt, die sie noch nie gesehen hat und sich alles wie von selbst erschließt. Das wirkte auf mich dann doch etwas zu wenig durchdacht.
Nichtsdestotrotz hat mich „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ziemlich begeistert und ich habe das spannende Buch fast am Stück durchgelesen. Die düstere, teils grausame Dystopie lässt einen nicht los und veranlasst zum Nachdenken über Sinnfragen der menschlichen Existenz. Auf jeden Fall eine Empfehlung wert, auch wenn es kein einfaches Buch ist.


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Veröffentlicht am 20.10.2025

Fabula magnifica

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
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„Fabula Rasa“ ist eine „Fabula magnifica“ und eines meiner diesjährigen Lesehighlights! Ich habe mich selten in Büchern so klug, abwechslungsreich und skurril unterhalten gefühlt wie in Vea Kaisers ...

„Fabula Rasa“ ist eine „Fabula magnifica“ und eines meiner diesjährigen Lesehighlights! Ich habe mich selten in Büchern so klug, abwechslungsreich und skurril unterhalten gefühlt wie in Vea Kaisers neuem Buch. Deswegen: Einchecken ins Hotel Frohner (Schauplatz des Romans) und sich mit luxuriösem Lesegenuss verwöhnen lassen!
Mittelpunkt der Geschichte ist Angelika Moser, deren turbulente Lebensgeschichte von ihrer frühen Erwachsenenzeit in den 80er-Jahren bis in die Gegenwart erzählt wird. Geboren in eher ärmlichen, aber ordentlichen Verhältnissen in Wien, schafft sie es mit Fleiß, Durchhaltevermögen und Disziplin sich bis zur Ableitungsleiterin im Luxushotel Frohner hochzuarbeiten. So strukturiert und gründlich Angelika bei der Arbeit auch ist, so wild ist dagegen aber ihr Privatleben und ihre Bekanntschaften aus der Wiener Partyszene, sodass es bei ihr daheim teilweise recht turbulent zugeht. Ein Wendepunkt in ihrem Leben ist dann die Geburt ihres Sohnes, doch das macht alles natürlich nicht einfacher und Angelika muss viele Hürden in ihrem Leben nehmen. Als gewiefte Buchhalterin im Hotel kommt sie schließlich auf die Idee, sich heimlich Geld vom Frohner auf das eigene Konto als „Kredit“ zu überweisen und hinterzieht so über die Jahre mehrere Millionen. Am Ende fliegt der Schwindel auf, aber bis dahin ist es zum Glück kein gradliniger Weg und man darf Angelikas Geschichte über viele unterhaltsame Episoden mitverfolgen.
Vea Kaiser schreibt so leicht und lebhaft, dass man nur so über die Seiten fliegt und gar nicht merkt, wie viel man gelesen hat! Der Schreibstil ist spritzig wie Angelikas Lieblingsgetränk „Roter Spritzer“. Dabei strotzt die Handlung von überraschenden und lustigen Wendungen, kreativen Einfällen und originellen Charakteren, was der ganzen Romanwelt eine Tiefe verleiht, in die man richtig eintauchen und verloren gehen kann. Überall gibt es eine neue Facette zu entdecken! Beeindruckend fand ich, wie viel Wert Vea Kaiser bei den Beschreibungen, Charakterisierungen oder ähnlichem Wert auf Details gelegt hat, was für mich dem ganzen Werk eine hohe Plastizität gegeben hat, die man so nicht in vielen anderen Romanen findet. Angelikas Geschichte mag vielleicht nicht „lebensnah“ sein, aber durch Vea Kaisers Fabulierkunst ist sie auf alle Fälle glaubhaft und authentisch dargestellt. Hinzu kommt viel typisch österreichisches Flair und ein schwarzhumoriger Wiener Schmäh, der Fabula Rasa seine Einzigartigkeit verleiht. Äußerst gelungen!
Trotz aller Unterhaltung gibt es aber auch einige problematischere Themen, die im Roman thematisiert werden z.B. Altersdemenz und Pfelegebedürftigkeit, soziale Herkunft, Geldsorgen oder Drogenprobleme. Das zeigt, dass es der Autorin wichtig war, auch ein ernstzunehmendes Buch mit Botschaft zu schreiben und keine bloße, oberflächliche Unterhaltungsliteratur. Meiner Meinung nach ist ihr das wunderbar gelungen, bei mir wird diese „Fabula magnifica“ noch lange nachklingen.
Also, Koffer packen, auf nach Wien, im Hotel Frohner einchecken und sich von Angelika und Vea spritzig, klug und einfallsreich unterhalten lassen!

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Nicht märchenhaft…

Prinzessin Alice
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… ist „Prinzessin Alice“ in mehrerlei Hinsicht. Zum einen führt Alice von Battenberg, eine historisch reale Person des britischen Königshauses, kein traumhaftes Adelsleben in Glanz und Gloria, ...

… ist „Prinzessin Alice“ in mehrerlei Hinsicht. Zum einen führt Alice von Battenberg, eine historisch reale Person des britischen Königshauses, kein traumhaftes Adelsleben in Glanz und Gloria, sondern muss verstoßen und von der Familie für verrückt erklärt ihr Dasein in Nervenkliniken fristen.
Da wie gesagt dieses Schicksal keine reine Fiktion ist, ist das der zweite Grund, warum der Roman keine Märchen erzählt; Geschichtsinteressierte können hier noch einiges über die historischen Hintergründe des britischen Königshauses dazulernen.
Drittens fand ich „Prinzessin Alice“ aber auch keine märchenhafte Lektüre, weil es teilweise seine Längen hatte und wenig Spannung aufgekommen ist. Ich hatte mir mehr von dem Roman versprochen, da ich etwas Ähnliches wie „Sissi“ von Karen Duve erwartet hat, doch dieses Buch konnte mich leider nicht gleichermaßen begeistern.
Der Roman gliedert sich in drei Teile. Gerade den ersten Teil fand ich nach einem ganz guten Einstieg aber anstrengend, da in mehreren unzusammenhängenden Episoden von verschiedenen Begebenheiten aus der kompliziert verzweigten Familie erzählt werden. Zum einen kamen mir viele Anekdoten überflüssig vor, zum anderen war es schwer den Überblick über die Personen und Verwandtschaftsverhältnisse zu behalten. Teilweise kam es mir eher so vor, als wenn die Autorin möglichst viel Recherchewissen mit einfließen lassen will ohne dass dieses die Handlung merklich voranbringt.
Der zweite Teil war für mich unterhaltsamer. Alice befindet sich darin in einer Nervenklinik und die Leser nehmen an ihrem Alltag aus der Sicht dieser „Verrückten“ war, da der Roman durchgängig in der ersten Person erzählt wird. Die außergewöhnliche, skurrile Erzählstimme einer Wahnsinnigen, wodurch man die Welt aus einem anderen Blickwinkel wahrnimmt, ist unterhaltsam und mal etwas anderes. Es hat mich an den Roman „Pavillon 44“ erinnert. Die Handlung an sich ist auch etwas interessanter, jedoch entwickelte sich für mich immer noch kein großer Spannungsbogen…
Der dritte Teil hat dann auch wieder nachgelassen und wirkte auf mich wie ein Zwischending aus Teil 1 und 2. Vor allem lernen die Leser Alice und ihr Innenleben kennen, weswegen das Buch eher eine Art Charakterstudie für mich ist.
Diese ist insofern gelungen, da Alice eine skurrile, außergewöhnliche Person des britischen Königshauses ist und man mal nicht nur etwas über die royale Prominenz erfährt, sondern auch über die verkannten „schwarzen Schafe“ des Stammbaums. Ich habe zwischen Mitleid mit Alice (wegen des Verstoßes von der Familie) und Befremden (wegen der offensichtlichen Verrücktheit und Alice‘ übersteigerter religiöser Verklärung) geschwankt. Die Erzählung in der 1. Person ist gut und flüssig umgesetzt und die Autorin schafft es so trotz allen Befremdens die Protagonistin den Lesern nahbar zu machen. Mit einer Erzählung in der dritten Person wäre das sicher nicht so möglich gewesen.
Als Fazit fand ich es besonders lehrreich und interessant, das der Roman auf realen Personen und historischen Tatsachen beruht, sodass man sein Wissen bei der Lektüre erweitern kann und einen neuen Blick auf das britische Königshaus gewinnt. Jedoch war trotz der gelungenen Charakterstudie der Person Alice von Battenberg der Roman keine märchenhafte Lektüre für mich, da es mir eindeutig an Spannung und mitreißenden Szenen bzw. Personen gefehlt hat. Da war „Sissi“ von anderer Art…

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Veröffentlicht am 13.08.2025

Kein Ausweichen möglich

Die Ausweichschule
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Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am ...

Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am Gutenberg-Gymnasium aufarbeitet, kommt man nicht umhin, sich von der ehrlichen Erzählung ergreifen zu lassen. Dazu beweist der Autor auch literarisches Talent und schreibt seinen Text nicht wie einen bloßen Tatsachenbericht o.ä. herunter.
In verschiedenen Episoden reflektiert er abwechselnd darüber, wie der Amoklauf sich ereignet hat und welche Nachwirkungen er hatte, wie er das dramatische Ereignis selbst als Fünftklässler erlebt hat und wie er nun als Erwachsener sich diesem nun selbst literarisch zur Aufarbeitung nähren will. Ob das überhaupt möglich ist, inwiefern er anderer Leute Perspektive einnehmen darf oder ob sein Roman alte Traumata aufreißen würde, ist Thema der „Ausweichschule“.
Dass ein objektiv verstellter Blick auf die Tat nicht möglich sein kann, zeigt Kaleb Erdmann sehr ergreifend auf. Ich habe durch die Lektüre noch einmal viel neues über den Amoklauf und vor allem, wie die Opfer damit umgehen (müssen) gelernt. Man denkt ganz neu über solche schrecklichen Taten, Opfer und Täter nach und da man hier von jemanden liest, der selbst in das Geschehen involviert ist, ist der Text und die Erfahrungen absolut authentisch! Sehr beeindruckend!
Trotz der Schwere des Themas schreibt Kaleb Erdmann aber auch Lustiges und bietet dem Leser so Momente des Durchatmens und Schmunzels. Sein ironischer, nonchalanter, manchmal flapsiger Ton hat mir sehr gefallen und ich konnte mir dadurch den Charakter des Autors gut vorstellen und mich in ihn hineinversetzen.
Es wird beim Lesen klar, dass der Amoklauf Kaleb Erdmann immer noch verfolgt und er sich selbst manchmal gar nicht im Klaren ist, wie tief und subtil psychische Wunden sein können. „Die Ausweichschule“ steht für seinen Versuch, in einen normalen Alltag zurückzufinden, den Amoklauf hinter sich zu lassen und den posttraumatischen Belastungen „auszuweichen“. Doch das scheint eben so Unmöglich, wie der Stärke dieses Romans auszuweichen.

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