Beklemmende Dystopie
Ich, die ich Männer nicht kannteMeine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich ...
Meine Erwartungen an dieses Buch sind voll erfüllt worden: eine beklemmende Zukunftsdystopie à la „Report der Magd“, die sich dennoch durch einen eigenen Charakter davon absetzt. „Ich, die ich Männer nicht kannte“ hat mich atemlos und einem leichten Schauer zurückgelassen und war sehr lesenswert.
Inhaltlich geht es darum, dass 40 Frauen in einem Kellergewölbe gefangen gehalten werden und sie weder wissen, wie sie dort hingekommen sind, noch wo sie sich genau befinden oder wie die Gesellschaft in der Außenwelt aussieht. Einzig die Erzählerin, die vermutlich durch ein Versehen als Kind mit den Frauen gefangen genommen wurde, kennt keine andere Welt als die im Kellergewölbe und ihr sind die Erinnerungen der andere Frauen fremd. Als durch einen mysteriösen Zwischenfall ein Alarm ausgelöst wird und die Bewacher der Frauen verschwinden, gelingt es den Frauen aus dem Keller zu entkommen, doch die Welt, die sie draußen vorfinden, ist leer und wie von einem anderem Planeten. Jahrelang ziehen sie umher, um zu erfahren, wo sie sich befinden und was passiert ist, doch alles bleibt ein unbefriedigendes Rätsel, bis zuletzt nur die Erzählerin auf der Suche nach Gemeinschaft und Zivilisation zurückbleibt - ein Ziel, das sie weiterhin verfolgt, obwohl sie weder Männer noch andere Formen der Gesellschaft je kannte.
Thematisch befasst sich der Roman wie erwähnt mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragen unter einer feministischen Perspektive. Es geht u.a. um Sexualität und Kulturgenese und erinnert stark an einen Bildungsroman. Von umherstreifenden Nomaden werden die Frauen zu einer sesshaften Gemeinde und beginnen sich wieder mehr für nicht existenzielle Dinge wie Mode, Sprache und Spiel zu interessieren. Im Großen und Ganzen ist der Roman die Geschichte einer weiblichen Emanzipation.
Da lediglich in der ersten Person erzählt wird, lernen die LeserInnen aber nur die eingeschränkte Sicht der namenlosen Protagonistin kennen, was sie einem sehr nah bringt, zugleich aber von Anfang an viele Leerstellen lässt. Dadurch wird der Roman sehr mysteriös und spannend, weil so viele Fragen unbeantwortet bleiben und man ständig versucht, sich einen Reim auf die Ereignisse zu machen. Zusätzliche Spannung kommt dadurch auf, dass die Erzählerin zurückblickend auf die Geschichte schaut und viele Andeutungen macht, die man auch aufgeklärt haben möchte.
Gegliedert ist der Roman in drei Teile, vergleichbar mit Exposition, Hauptteil und Schluss wie in einem Drama. Im ersten Teil wird das Leben der Gefangenen im Keller beschrieben, der zweite Teil handelt von ihrem Leben in der fremden Außenwelt, die aufgrund der begrenzten Möglichkeiten und dem Fehlen von menschlicher Zivilisation jedoch einem zweiten Gefängnis gleicht. Im finalen Teil ist dann die Erzählerin nach dem Tod aller anderen Frauen auf sich allein gestellt und sucht weiterhin nach dem Sinn ihrer Existenz. Obwohl sie keine Verbindung zu der alten Welt, wie die anderen Frauen sie kannten, hat, sehnt sie sich dennoch nach der Gemeinschaft anderer Menschen und wird zunehmend hoffnungsloser, je länger ihre Suche erfolglos bleibt.
Diese düstere, hoffnungslose Atmosphäre prägt den ganzen Roman und es sei gewarnt, dass einige Szenen richtig gruselig sind. Ebenso schonungslos und radikal ist die Sprache und es wird z.B. offen über Sexualität gesprochen. Man sollte also nicht zu zart besaitet sein, wenn man sich dieser Dystopie aussetzt. Außerdem muss man damit klarkommen, dass der Roman viele Leerstellen hat und es nicht auf jede Frage eine Antwort gibt. Wie im wahren Leben auch ist es quasi unmöglich hinter das Rätsel des menschlichen Lebens zu kommen.
Dass am Schluss ein runder Abschluss fehlt, ist auch ein Grund für mich, einen Stern abzuziehen. Zwar mag ich offene Enden, aber hier bleibt doch zu vieles mysteriös und unlogisch, sodass es schwerer wird, die Aussageabsicht zu deuten. Außerdem fand ich einige Aspekte an der Entwicklung der Erzählerin unlogisch; beispielsweise, dass sie sich so mühelos Lesen und Schreiben beibringt oder plötzlich Begriffe für Dinge kennt, die sie noch nie gesehen hat und sich alles wie von selbst erschließt. Das wirkte auf mich dann doch etwas zu wenig durchdacht.
Nichtsdestotrotz hat mich „Ich, die ich Männer nicht kannte“ ziemlich begeistert und ich habe das spannende Buch fast am Stück durchgelesen. Die düstere, teils grausame Dystopie lässt einen nicht los und veranlasst zum Nachdenken über Sinnfragen der menschlichen Existenz. Auf jeden Fall eine Empfehlung wert, auch wenn es kein einfaches Buch ist.