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Veröffentlicht am 04.08.2023

Stille Wasser sind tief

Bei euch ist es immer so unheimlich still
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Wie in Alena Schröders erstem Roman geht es auch in ihrem zweiten Werk „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ um generationenübergreifende Familiengeheimnisse, unausgesprochene Konflikte und die Beziehung ...

Wie in Alena Schröders erstem Roman geht es auch in ihrem zweiten Werk „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ um generationenübergreifende Familiengeheimnisse, unausgesprochene Konflikte und die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern.
Die Romanhandlung spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen ist da Silvia Borowski, die vor einigen Jahren ihre spießige schwäbische Heimat verlassen und einen alternativen Lebensstil gepflegt hat. Nun kehrt sie 1989 überraschend mit ihrer neugeborenen Tochter Hannah nach Hause zurück, da sie nicht recht weiß, wie es für sie weitergehen soll und Unterstützung bei ihrer Mutter Evelyn zu finden hofft. Doch unausgesprochene Konflikte erschweren die Beziehung zwischen den beiden und Silvia versucht hinter die Geheimnisse zu kommen, die schon lange das Familienleben belasten.
Die andere Zeitebene spielt in den 50er-70er Jahren und beleuchtet die Vergangenheit der Familie Borowski. Evelyn könnte als junge Ehefrau und Mutter glücklich sein, doch sie sehnt sich danach, sich als Ärztin zu verwirklichen und nicht nur als Hausfrau am Herd zu stehen. Ihre Schwägerin Betti führt dagegen ein eher unangepasstes Leben, kümmert sich wenig um das Gerede anderer Leute und ist für Silvia eine größere Vertrauensperson als ihre Mutter. Somit ist Konfliktpotenzial innerhalb der Familie vorhanden und wie beide Handlungsstränge am Ende ineinandergreifen erzählt Alena Schröder auf emotionale, teils erschütternde Weise.
Beim Lesen hat mich der Roman oft bedrückt und traurig gestimmt, da alle Charaktere irgendwie unzufrieden sind und mit ihrem Leben hadern. Es herrscht vor allem in der ersten Hälfte eine melancholische, fast schon hoffnungslose Stimmung und einzig Silvia scheint trotz ihrer nicht ganz einfachen Lebenssituation die Welt etwas positiver zu sehen. Vor allem ihre kleine Tochter Hannah ist ein Lichtblick, der Glück in Silvias aber auch Evelyns Leben bringt. Obwohl der Roman sehr emotional ist, ist Alena Schröders Schreibstil dennoch nicht kitschig-sentimental. Sie schreibt flüssig und verfasst die Gedankengänge der Charaktere in einem authentischen Ton. Wörtliche Rede gibt es passend zur Thematik des Romans eher wenig. Die LeserInnen lernen die Figuren vor allem durch die Innenperspektive kennen, wenn diese in Gedanken versunken ihre Probleme reflektieren. Gerade weil man dadurch so nah an den Charakteren ist, schafft es die Autorin, die LeserInnen emotional mitzunehmen.
Allerdings fand ich manchmal das Verhalten oder die Reaktionen der Charaktere unlogisch. Zum Beispiel wurde mir Silvia zu schnell wieder in ihrem Heimatdorf Ildingen willkommen geheißen, von der Mutter ins Haus aufgenommen und von den alten Schulfreunden und Bekannten eingeladen. Nachdem Silvia jahrelang verschwunden war, hätte ich da mehr Skepsis oder Nachfragen erwartet. Ebenso fragwürdig ist in der zweiten Hälfte des Romans das Auftauchen des Charakters Georg. Er spielt zwar bei der Zuspitzung der Konflikte eine entscheidende Rolle, aber die Art, wie er eingeführt wird, dabei alle anderen Personen so rasch um den Finger wickelt und wie Silvia und Georg am Ende wieder zufällig aufeinandertreffen, war für mich doch etwas unglaubwürdig.
Außerdem wurde das kleinbürgerliche Leben in Ildingen sehr stereotyp dargestellt. Dies wurde zu oft mit typischen Klischees betont, sodass diese am Ende redundant wirkten. Auch mit weniger Beschreibungen der engen, spießigen Atmosphäre der schwäbischen Kleinstadt, hätte die Autorin die Stimmung des Ortes einfangen können ohne ständig ähnliche Stereotype zu wiederholen.
Nichtsdestotrotz hat mir alles in allem der Roman gut gefallen. Vor allem nach etwa er Hälfte der Lektüre wurde es durch überraschende Wendungen richtig spannend und man wollte hinter die Familiengeheimnisse kommen. Alena Schröder verknüpft in ihrer Geschichte dabei zahlreiche Themen wie z.B. Selbstverwirklichung und -ermächtigung von Frauen, Homosexualität, Flucht aus dem bürgerlichen Leben, Emanzipation von den Erwartungen anderer Leute oder Mutterschaft. Treibend bei all diesen konfliktträchtigen Themen ist die Diskrepanz zwischen der scheinbar perfekten Fassade und den im Stillen dahinter verborgenen Wahrheiten, die manchmal wahre Abgründe sind. Dass solche Geheimnisse aber ausgesprochen werden sollten, da sie sonst ganze Leben und Beziehungen zerstören können, zeigt die Familiengeschichte der Borowskis hier in eindringlicher Weise.

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Veröffentlicht am 16.07.2023

Wellen des Lebens

Sylter Welle
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„Sylter Welle“, der erste Roman des Autors, Musiker und Podcasters Max Richard Leßmann, ist eine autobiografisch inspirierte Familiengeschichte mit sowohl liebevollen, als auch schmerzhaften Erinnerungen. ...

„Sylter Welle“, der erste Roman des Autors, Musiker und Podcasters Max Richard Leßmann, ist eine autobiografisch inspirierte Familiengeschichte mit sowohl liebevollen, als auch schmerzhaften Erinnerungen. Wie die Wellen der Nordsee bewegt sich das Leben zwischen Aufs und Abs: manchmal schwimmt man obenauf, manchmal reißt einen die Strömung mit. Diese Erfahrungen machen auch der Autor und seine Familie und trotz aller Verluste und Widrigkeiten steht Oma Lore als Matriarchin wie ein Fels in der Brandung und trotzt jedem Sturm.
Erzählt wird all dies von Max Richard Leßmann in einem lockeren, ironischen und lakonischen Stil, der erkennen lässt, dass er als Podcaster und Instagramer aktiv ist. Wie im Plauderton mit einem alten Freund berichtet er unterhaltsame Episoden aus der Familienhistorie sowie vom gegenwärtigen Urlaub mit Oma Lore und Opa Ludwig auf Sylt. Dadurch hat der Roman keine stringente Handlung, sondern reiht eher assoziativ verschiedene Szenen aneinander, sodass der Erzählfluss auch der titelgebenden Wellenbewegung entspricht.
Die Erzählzeit erstreckt sich über drei Tage, die der Enkel mit seinen Großeltern auf Sylt verbringt. Allerdings wird dort kein „Schicki-Micki“-Urlaub gemacht: der Enkel muss, um Geld zu sparen, auf dem Boden des Hotelzimmers schlafen und Kaffee und Kuchen wird nur „To Go“ am Strand auf den Knien verspeist. Solche Widersprüche ziehen sich durch den gesamten Roman. Schon nach den ersten Seiten wird trotz des lustigen Erzähltons deutlich, dass es bei Weitem nicht nur heitere Momente im Familienleben gab und gibt, sondern dass auch manche Schicksalsschläge verkraftet werden mussten. Welche das sind, wird im Laufe des Buches teils sehr überraschend enthüllt, wodurch immer deutlicher wird, dass das Leben helle und dunkle Seiten hat und es wie in Wellen auf und ab geht.
Weitere Beispiele, die diese Widersprüchlichkeiten des Lebens im Roman widerspiegeln, sind das universell von Opa Ludwig gebrauchte Schimpf- und Kosewort „Lerge“ aus dem Niederschlesischen, das sowohl abwertend als auch liebevoll gemeint sein kann. Oma Lores selbstangebaute Kartoffeln ernähren die ganze Familie und sind Leibspeise des Opas, haben aber unappetitliche schwarze Augen, die ungenießbar sind. Wohl am besten symbolisieren für mich Oma Lores saure Apfelringe, zu denen Erzähler Max eine Hassliebe hegt, das paradoxe Leben. Obwohl er sie nicht wirklich mag, gehören sie doch untrennbar zum Urlaub mit den Großeltern für ihn dazu und besonders mag er die saure Süßigkeit, wenn sie in der geöffneten Tüte steinhart geworden ist. Dieses passt wiederum genau zur Charakterisierung von Oma Lore selbst, die von außen hart und rau wie die Nordsee wirkt, aber im Inneren unter ihrer „Teflonschicht“ ein weicheres Herz verbirgt. Zwar kann sie ihre Emotionen selten offen zeigen, aber seit Jahren kümmert sie sich unerschütterlich um das Familienwohl und zeigt so indirekt ihre Zuneigung. So deckt sie Enkel Max nachts auf dem Hotelzimmerfußboden noch liebevoll mit einem zusätzlichen Handtuch zu - allerdings mit einem rauem Froteehandtuch. Trotzdem weiß der Enkel die Geste seiner Oma zu schätzen.
Am Ende des Urlaubs überwiegt für den Erzähler immer mehr das Nachdenken über Abschied und Vergänglichkeit. Er schärft das Bewusstsein dafür, dass alles sein Ende hat, aber dennoch wird es nicht allzu melancholisch. Dass man an den Widersprüchen des Lebens und den Schicksalsschlägen nicht verzweifeln muss, beweist schließlich Oma Lore, die sich stets wie ein Fels in der Brandung allen Herausforderungen entgegengestellt hat und nicht untergegangen ist.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, vor allem aufgrund des unterhaltsamen Erzählstils und der versteckten Symbolik. So hat das Buch eine zusätzliche Tiefe bekommen, die ich so im ersten Moment von dem Autor nicht erwartet hätte. Er trifft für mich das richtige Mittelmaß zwischen Unterhaltung und Reflexion und hat „Sylter Welle“ so zu einer kurzweiligen, aber dennoch zum Nachdenken anregenden Sommerlektüre gemacht.

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Veröffentlicht am 28.05.2023

Es brennt!

Blue Skies
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T.C. Boyles Romane greifen häufig aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftlich drängende Themen auf wie z.B. Migration („America“), die Besiedlung des Mars („Terranauten“) oder Tierversuche („Sprich ...

T.C. Boyles Romane greifen häufig aktuelle wissenschaftliche und gesellschaftlich drängende Themen auf wie z.B. Migration („America“), die Besiedlung des Mars („Terranauten“) oder Tierversuche („Sprich mit mir“). Doch in seinem neuen Werk „Blue Skies“ behandelt er nun ein Problem, das im wahrsten Sinne des Wortes brennender nicht sein könnte: den Klimawandel und dessen Konsequenzen für Mensch und Natur.
Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in den USA. Während es in Kalifornien aufgrund des drastischen Temperaturanstiegs und der vom wolkenfreien Himmel glühenden Sonne brennt, kämpft die Bevölkerung Floridas mit Überschwemmungen und Hurrikans. Inmitten dieser klimatischen Dystopie findet sich die Familie Cullen wieder, in der Sohn Cooper das Verhalten seiner Eltern und seiner Schwester gegenüber der Natur kritisiert und scheinbar als einziger die Bedrohungen der Umwelt wahrnimmt.
Schockierend ist dieser grandiose und brandaktuelle Roman vor allem aufgrund der Tatsache, dass die dystopische Handlung in eine nahe Zukunft versetzt wird, die vom Autor äußerst realistisch dargestellt ist. Viele der angesprochenen Erneuerungen oder Erfindungen gibt es so bereits und dürften in den kommenden Jahren immer alltäglicher werden, wie etwa das Essen von Insekten oder Elektroautos mit Solardächern. Doch ebenso wie die positiven Innovationen realistisch anmuten, sind es auch die katastrophalen klimatischen Veränderungen, die der Autor eindringlich beschreibt. Das gelingt ihm so gut, dass man die Hitze der sengenden kalifornischen Sonne oder die schwülfeuchte Luft in Florida beim Lesen fast schon fühlen kann.
Und obwohl es bereits „brennt“, scheinen die meisten Protagonisten im Roman die warnenden Anzeichen der klimatischen Apokalypse zu ignorieren. Sie ändern kaum oder nur innerhalb ihrer persönlichen Komfortzone ihren Lebensstil. Die Kalifornier nehmen mehr oder weniger naiv das schöne Wetter und den strahlend blauen Himmel wahr und Schwester Cat, die in Florida lebt, sieht die Natur eher als Spielzeug und verkennt, dass die Umwelt nicht nach Belieben vom Menschen dressiert werden kann. Es rüttelt bei der Lektüre auf, dass man sich teilweise in den Handlungen der Charaktere wiedererkennt und realisiert, dass man selbst auch schon längst hätte anfangen müssen, etwas gegen den Klimawandel zu tun und die Bedrohung ernster zu nehmen. T.C. Boyle erschafft dieses hohe Identifikationspotenzial in „Blue Skies“ nicht nur thematischer, sondern auch in literarischer Hinsicht, indem er die Leser in einer Art „Stream of Consciouness“ direkt in die Köpfe, Gedanken und Gefühle der Protagonisten schauen lässt. So wird wie bereits oben erwähnt, nicht nur die Natur sehr plastisch beschrieben, auch die Romanfiguren wirken sehr lebensecht und lassen die Leser das Geschehen hautnah mitfühlen.
T.C. Boyle macht in seinem Roman deutlich, dass zwar die Natur mit all ihren Gewalten, sei es Feuer, Wasser, Wind oder die Fauna, eine Bedrohung für die menschliche Existenz darstellt. Aber ebenso ist der Mensch eine Bedrohung für die Umwelt und hat die dramatischen Konsequenzen seines Eingreifens in die Natur selbst zu verschulden. Beispielhaft lässt sich das am Thema „Insekten“ veranschaulichen, die zum einen im Roman als Fleischersatz eine Nahrungsgrundlage der Zukunft sind und somit Überleben sichern, andererseits aber die Menschen durch Krankheiten „vernichten“ können. Sie sind scheinbar klein und unbedeutend, können sich aber bereits über Millionen oder Milliarden von Jahren auf der Welt behaupten. Dagegen scheint die menschliche Existenz nichtig und sein Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, arrogant. Als Fazit ließe sich ein Songtitel von Björk mit einer Ergänzung anführen: „Nature is ancient – humans not.“ Die Natur schlägt zurück.
Meiner Meinung nach hat T.C. Boyle mit „Blue Skies“ seinen wichtigsten, da so brandaktuellen Roman geschrieben. Sowohl literarisch als auch thematisch fesselt die Lektüre und schockiert zugleich. Eindringlich führt der Autor vor Augen, dass die Natur erbarmungslos zurückschlägt und wir die warnenden Anzeichen nicht länger ignorieren oder verdrängen dürfen, wie es die Charaktere im Roman tun, wenn wir die Dystopie in „Blue Skies“ nicht Realität werden lassen wollen. Wohin es führen kann, wenn man nur eitel Sonnenschein und den blauen, wolkenlosen Himmel sieht und entgegen aller Vernunft die Fassade eines scheinbar normalen Lebens aufrechterhält, zeigt sich anhand der Schicksale der Familie Cullen und all ihrer Mitmenschen. Ich brenne für diesen Roman und empfehle ihn unbedingt zu lesen!

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Veröffentlicht am 25.04.2023

Von einem Held, der keiner sein wollte…

Unsichtbar
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„Unsichtbar“ ist ein unglaublich bewegender Roman zum Thema Mobbing, der jugendliche und auch ältere Leser eindringlich darauf aufmerksam macht, die Augen nicht vor diesem Problem zu verschließen, sondern ...

„Unsichtbar“ ist ein unglaublich bewegender Roman zum Thema Mobbing, der jugendliche und auch ältere Leser eindringlich darauf aufmerksam macht, die Augen nicht vor diesem Problem zu verschließen, sondern ein geschärftes Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie man helfend einschreiten kann und sollte. Anhand der Leidensgeschichte des namenlosen Protagonisten in diesem Buch erfährt man als Leser unmittelbar, was es für Konsequenzen für die Mobbingopfer haben kann, wenn solche Unterstützung fehlt, was mich bei der Lektüre sehr mitgenommen hat. Aufgrund der Wichtigkeit und Aktualität des Themas Mobbing halte ich „Unsichtbar“ für eine wichtige Lektüre, die auch in Schulen gelesen werden sollte.
Wie gesagt, ist der Protagonist dieses Romans namenslos, wodurch seine Geschichte leicht übertragbar auf andere Personen ist. Er ist ein relativ normaler Teenager, interessiert sich zwar sehr für Mathe und ist eher ein „Nerd“ als der coolste Typ der Schule, aber trotz allem hat er gute Freunde, kommt mit seinen Mitschülern gut zurecht und lebt in einer Durchschnittsfamilie mit Vater, Mutter und kleiner Schwester. Doch eines Tages lässt er einen Mitschüler nicht bei einem Mathetest abgucken, woraufhin das Drama seinen Anfang nimmt. Aus Rache wird der Protagonist fortan von dem vermeintlich „starken“ Mitschüler und seinen Freunden gemobbt. Die Demütigungen werden immer schlimmer und offensichtlicher, doch anstatt zu helfen, verschließen die besten Freunde des Mobbingopfers, Lehrer, Mitschüler und Familie die Augen vor der Wahrheit und schreiten aus verschiedenen Gründen nicht ein: sei es Selbstschutz aus Angst, selbst Opfer zu werden, sei es Mitläufertum oder sei es einfach Ignoranz. Um mit seinem Leid fertig zu werden und zu verstehen, warum er so allein gelassen wird, flüchtet sich der Protagonist in eine fiktive Welt, in der zum Superhelden wird und in seinen „Superkräften“ eine Erklärung für seine schreckliche Lage findet. So wird er zum Helden, der eigentlich keiner sein wollte…
Während der Protagonist namenslos bleibt, sind alle anderen Charaktere namentlich bekannt und multiperspektivisch wird von verschiedenen Positionen aus über die Mobbingsituation berichtet. Dabei erzählt aber nur das Opfer selbst aus der ersten Person, alle anderen Figuren lässt der Autor in der dritten Person auftreten. So ist man als Leser besonders nah am Opfer und nimmt unmittelbar an seinem Leid teil. Es ist erschreckend, wie leicht jemand in diese Rolle fallen kann und welche Dynamik die Demütigungen entwickeln. Der Autor schildert alles sehr plausibel und bringt den Lesern durch kurze, emotionale Sätze die Erfahrungen der Charaktere äußerst nah. Mich hat der Roman bestürzt, weil er so authentisch ist und auch, weil er alle Seiten – Opfer, Täter, Mitläufer – zu Wort kommen lässt, wodurch ich mich permanent fragen musste, ob ich eingeschritten wäre oder mich auch von der Gruppendynamik hätte mitreißen lassen. Man entwickelt Verständnis für alle involvierten Charaktere, versteht ihre Beweggründe, aber dennoch leidet man mit dem Protagonisten mit. Aufgrund dieser reflektierten, multiperspektivischen Herangehensweise des Autors sollte das Roman in Schulen diskutiert werden, da das Thema Mobbing nicht unter den Tisch gekehrt werden darf, wie durch die Lektüre allzu deutlich wird!
Ob es am Ende des Buches noch einen echten Held oder eine echte Heldin gibt, der oder die dem Mobbing ein Ende setzt, will ich hier nicht verraten. Der namenlose Superheld der Geschichte wäre sicher lieber keiner geworden und hätte sein normales Teenagerleben weitergelebt. „Unsichtbar“ ist jedenfalls ein Appell an jeden von uns, zum Helden zu werden, wenn es die Situation erfordert, indem man Mobbing und anderen Schikanen ein Ende setzt. Und dafür braucht es nicht einmal übernatürliche Kräfte, sondern nur ein bisschen (Helden-)Mut!

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