Vorweg: die Illustrationen finde ich großartig! Sie sind sehr detailliert und erinnern an manchen Stellen an Wimmelbilder, das finde ich immer besonders schön, wenn man mit den Kindern viel entdecken kann. ...
Vorweg: die Illustrationen finde ich großartig! Sie sind sehr detailliert und erinnern an manchen Stellen an Wimmelbilder, das finde ich immer besonders schön, wenn man mit den Kindern viel entdecken kann. Besonders die Tiere sind herzerwärmend gezeichnet und dass die Schöpfer:innen des Buches mit einer Illustration und einem Reim vorgestellt werden ist spitze!
Der große und der kleine Bubu, flauschige Fellwesen, helfen den großen und den kleinen Menschen beim Mittagseinschlafen. Während die Erwachsenen freudig die Hilfe des großen Bubus in Anspruch nehmen, tut sich der kleine Bubu bei den Kindern schwer, partout wollen sie kein Nickerchen machen. Er plagt sich sehr und irgendwann gelingt es ihn dann doch, meistens durch Berührungen, die Kleinen in den Schlaf zu bringen.
Ich finde es wirklich sehr schön, wie die Erwachsenen liebend gerne zu mittags schlafen - und dich Kinder nicht. Allerdings finde ich, dass jetzt nicht wirklich etwas lehrreiches oder hilfreiches thematisiert wird, was die Kinder zum Schlaf animieren soll. Außerdem habe ich - besonders zu Beginn des Buches - etwas Schwierigkeiten, beim Vorlesen in das Reimschema hineinzukommen, das wirkt für mich nicht ganz stimmig. Außerdem finde ich die Reime für die Zielgruppe fast ein wenig zu lange.
Also grundsätzlich ein sehr schön und liebevoll illustriertes Kinderbuch, das mir von der textlichen Gestaltung und dem Lerneffekt nicht ganz überzeugt.
Ein Toter im Eis, der soziophobe Schibig, die Alte, Kern und dessen Mutter: das sind die Hauptfiguren in Martina Clavadetschers "Die Schrecken der Anderen". Langsam werden die Personen eingeführt und sachte ...
Ein Toter im Eis, der soziophobe Schibig, die Alte, Kern und dessen Mutter: das sind die Hauptfiguren in Martina Clavadetschers "Die Schrecken der Anderen". Langsam werden die Personen eingeführt und sachte miteinander verwoben. Die Sprache ist zwar einfach zu lesen, aber doch sehr anspruchsvoll und komplex, es bedarf einer hohen Konzentration, um dem Erzählten die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.
Gewaltig und dicht ist nicht nur die Sprache, sondern auch der Inhalt. Jede einzelne Figur bekommt einen schrägen Charakter, ist mit eigenen Besonderheiten ausgestattet. Was sie vereint, ist das Unzugängliche, das Mysteriöse das ihnen anhaftet. Jede und jeder ist etwas auf der Spur, lang ist nicht erkennbar, dass es sich um Gemeinsames handelt. Die Geschichte ist Geschichte und Ungeschichte zugleich, sie ist nicht fassbar und lässt sich deshalb auch kaum beschreiben.
Es ist ein Leseerlebnis, das man selbst erfahren muss, es hat etwas Märchenhaftes, aber doch sehr Reales, könnte vor oder in hundert Jahren spielen. Es beeindruckt und stößt ab zugleich. Schließlich geht es - wie in vielen Dingen - um das Geld, dass nicht nur Dreck am Stecken hat, sondern auch Blut - und alle gieren danach, aus unterschiedlichen Motiven. Und auch hier, in der neutralen Schweiz, tauchen abstoßende Spuren von Alt- und Neonazis auf.
Es benötigt definitiv einen zweiten Durchlauf, um dieses Buch zu verstehen und es fassen zu könne, denn es bleibt: ein Rätsel. Eines allerdings, dass es sich lohnt lösen zu wollen. Und hoffentlich gelöst werden kann.
Ida hat nichts mehr, außer sich selbst und ein paar Klamotten in dem Hartschalenkoffer ihrer Mutter. Nach deren selbstgewählten Tod flüchtet sich die junge Frau auf die Insel Rügen, ohne Plan und ohne ...
Ida hat nichts mehr, außer sich selbst und ein paar Klamotten in dem Hartschalenkoffer ihrer Mutter. Nach deren selbstgewählten Tod flüchtet sich die junge Frau auf die Insel Rügen, ohne Plan und ohne Ziel. Sie landet bei dem älteren Ehepaar Marianne und Knut, das ihr schnell zu einer neuen Familie wird. Doch der Tod ihrer alkoholkranken Mutter hat ein tiefes Trauma in ihr hinterlassen und treibt Ida immer wieder in die Verzweiflung. Von ihrer Schwester Tilda will sie sich nicht helfen lassen, aber auf Rügen kann sie wieder etwas zur Ruhe kommen. Und sich schließlich selber finden.
Was für ein wunderbarer Roman! Viele Rezensionen sagen, dass ihnen der Vorgänger "22 Bahnen" besser gefallen haben - aber nein: Windstärke 17 ist intensiver, authentischer, aufgeregter, echter! Die Autorin hat ihr Schreibtalent mit diesem, ihrem zweiten Roman, weiterentwickelt, sie konnte mich ab der ersten Zeile mitnehmen, schafft es perfekt die innere Zerrissenheit der Protagonistin mitfühlbar darzustellen. Nicht nur der Tod ihrer Mutter geht Ida nahe, auch die schambehaftenden Vorwürfe, die sie ihrer Schwester macht, sie allein gelassen zu haben, genauso wie die unbegreiflichen Gefühle die sie gegenüber Leif hegt, den sie auf der Insel kennenlernt, hat, der so unzuverlässig ist, aber doch immer für sie da ist. Und dann die schöne, unhinterfragte Vertrautheit, die ihr Marianne und Knut gegenüberbringen, die sie aufnehmen, ohne Fragen zu stellen und sie einfach sein lassen wie sie ist.
Ida übt sich in Selbstverletzungen, indem sie sich Vorwürfen hingibt, für den Tod ihrer Mutter verantwortlich zu sein; sich ins Meer stürzt und bis zur Erschöpfung zu schwimmen, egal bei welchem Wetter; sich von ihrer Schwester mit aller Gewalt fernhält und die Gefühle für Leif negiert. All das ist ein Prozess, der ihr letztendlich zur langsamen Selbstheilung verhilft.
Windstärke 17 ist emotionaler als der Vorgänger, macht es besser verständlich, was es heißt, mit einem alkoholkranken Elternteil zu leben, in einer Phase, in der man doch eigentlich alle Kraft braucht, um sich selbst zu finden. Ida kann sich selbst nicht vertrauen und somit keinem anderen - trotzdem lässt sie sich auf andere Menschen ein und kann sich fallen lassen.
Caroline Wahls zweiter Roman ist ein bewegendes Portrait einer trauernden jungen Frau, die trotz ihrer innerlichen Zerrissenheit und dem weltabgewandten Misstrauen sich selbst und Vertrauen zu anderen findet. Ein mitreißendes, großartiges Buch, das man auf alle Fälle gelesen haben sollte!
Ella ist sechzehn und lebt mit ihrer Bobofamilie in Dortmund. Ihre Eltern kümmern sich hauptsächlich um sich selbst und so denken sie sich auch nichts dabei, als ihr vierzehnjährige Luis plötzlich nicht ...
Ella ist sechzehn und lebt mit ihrer Bobofamilie in Dortmund. Ihre Eltern kümmern sich hauptsächlich um sich selbst und so denken sie sich auch nichts dabei, als ihr vierzehnjährige Luis plötzlich nicht mehr da ist. Ella jedoch macht sich Sorgen, auch wenn sie ihren Bruder - genau wie den Rest der Welt - eigentlich gar nicht ausstehen kann. Angepisst von ihren gleichgültigen Eltern zieht sie kurzerhand in den Schrebergarten ihres dementen Kumpels Eckard und begibt sich auf die Suche nach dem kleinen Bruder. Tatkräftige Unterstützung erhält sie von der Werkkursleiterin Oksana und einem sprechenden Fisch...
Charlotte Brandi zeichnet in "Fischtage" ein Portrait einer Teenagerin, die an beängstigenden Wutattacken leidet, umgeben von einer Familie der alles gleichgültig ist. So kümmert sie es nicht groß, dass ihr Junge verschwunden ist, genauso wenig, dass Ella in die Gartenhütte zieht und die Mutter fremdgeht. Ellas Wesen ist geprägt von Gewalt, nicht augenscheinlich aus ihrem Elternhaus - außer natürlich die Ego-Zentriertheit der Eltern, sondern von der Stadt, den Begegnungen, die sie hat und denen sie nur Wut entgegenbringen kann. So wird sie ein ums andere Mal verprügelt und schließlich auch vergewaltigt. Auszumachen scheint es der derben Sechzehnjährigen nur wenig. Nur wenn es um ihren vermissten Bruder geht, zeigt sie verletzliche Gefühle, die sie mitnehmen, die Sorge um ihn lässt sie zittern. Ellas neue Freundin Oksana ist ihr sehr wichtig und sie wird von ihr magisch angezogen. Als Leserin ist diese Figur aber sehr uneinsichtig und nervig und irgendwie wird angedeutet, dass auch eine sexuelle (oder romantische?) Anziehungskraft die beiden verbindet - das wird einem aber irgendwie nur vor die Füße geworfen, ohne dass man es spüren kann.
Vorwiegend zeichnet sich "Fischtage" durch eine derbe, vulgäre Sprache der Protagonistin und die bereits erwähnte Gleichgültigkeit und Gewalt aus. Was die Story eigentlich aussagen will, bleibt offen und wenn man dazu Lust hat, kann man darüber spekulieren. Das Positive ist, dass die Kapitel meist sehr kurz gehalten sind und man so recht schnell die notwendigen Pausen einlegen kann. Die Geschichte mit dem sprechenden Fisch, der gerne großspurige Ratschläge erteilt, ist mitunter erheiternd, auch wenn ihr es gut getan hätte, wenn er eine größere Rolle eingenommen hätte. Dieses fantastische Element und einige anderen schräge Ideen hätten das Buch zu einem modernen, wortgewaltigen Teenager-Werk werden lassen können. Die Lieblosigkeit, das Fallenlassen von Figuren (z.B. Eckard) und Handlungssträngen und das Martialische lassen einen aber nur mit vielen Fragezeichen im Kopf zurück. Kann man lesen, muss man aber nicht.
Fabien leitet einen Entminungstrupp, der einen Küstenabschnitt in Südfrankreich von den tödlichen Fallen befreien soll. Eines Tages stößt Vincent zu ihnen, der dem Leiter erst suspekt, dann aber schnell ...
Fabien leitet einen Entminungstrupp, der einen Küstenabschnitt in Südfrankreich von den tödlichen Fallen befreien soll. Eines Tages stößt Vincent zu ihnen, der dem Leiter erst suspekt, dann aber schnell zum Vertrauten wird. Doch Vincent hat nur eins im Sinn: die Wahrheit über den Verbleib seiner Geliebten Ariane herauszufinden. Dafür muss er Kontakt mit den deutschen Kriegsgefangenen aufnehmen, die in der Truppe unfreiwillig mitarbeiten. Er findet einen Deutschen, Lukas, der etwas über Ariane herausfinden kann. Doch im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass Lukas seine eigenen Ziele verfolgt...
Die Historikerin Claire Deya beschreibt in "Eine Welt nur für uns" ein Kapitel Zeitgeschichte, dass nur wenig Aufmerksamkeit bekommt: den fatalen Gefahren der Minen. Dabei zeigt sie aus unterschiedlichen Perspektiven mehrere Protagonisten, die alle mit ihren eigenen Traumata zurecht kommen müssen. Vincent musste mehrere Jahre als Kriegsgefangener in einem Lager in Deutschland verbringen und versucht mit all seiner Kraft seine große Liebe wiederzufinden. Fabien hat seine Geliebte verloren und stellt sein Können - dem Minenentschärfen und seine Führungskraft - dem Wohle aller zur Verfügung. Lukas, der deutsche Kriegsgefangene, der ausbrechen will, um seine Geliebte wiederzusehen. Und schließlich Saskia, eine Jüdin, deren Familie im Holocaust umgekommen ist und die Elternhaus von anderen Menschen bewohnt vorfinden muss - sie sucht nach Gerechtigkeit. Ihrer aller Leben ist auf ungewisse Weise miteinander verwoben, was sich erst im Laufe der Geschichte mit aller Klarheit zeigt.
Die Sprache des Romans ist kurzweilig, was den Roman schnell lesbar macht. Allerdings ist sie oft auch pathetisch und neigt zum Schwülstigen, was besonders zu Beginn und am Ende wahrnehmbar ist. Teilweise werden die unterschiedlichen Minen in einer Detailliertheit beschrieben, die für den Fortgang der Geschichte unnötig erscheint und auch etwas langweilt. Nichtsdestotrotz ist es sehr lehrreich, über die Aufwändigkeit der Minenentschärfung, mit all ihren katastrophalen Konsequenzen zu erfahren. Allerdings weiß man nie so genau, ob man jetzt einen Liebesroman, einen Roman über den Schrecken des zweiten Weltkrieges oder ein Buch über all die verborgenen Geheimnisse der einzelnen Figuren liest. Hinzu kommt, dass die persönlichen Geschichten der einzelnen Figuren recht umfangreich geschildert werden, man allerdings etwas den Überblick über die Charaktere verliert. Die geschilderten Beziehungen bleiben größtenteils oberflächlich und nicht immer glaubhaft bzw. nachvollziehbar. Die inneren Konflikte der Protagonist:innen werden zwar beschrieben, über weite Teile konnte ich sie aber nicht mitfühlen, was vermutlich an der verschnörkelten Sprache lag. Mir hat einfach das gewisse literarische Etwas gefehlt. Was mir aber eindringlich in Erinnerung bleiben wird, ist die Schilderung einer missglückten Minenentschärfung; dieses Kapitel ist der Autorin wirklich sehr gut gelungen.
Aufschlussreich war das Nachwort der Autorin, das uns wissen lässt, das einige familiäre, aber auch ihr erzählten Geschichten in den Roman eingeflossen sind, was im Nachgang zu einer größeren Glaubhaftigkeit führt. Trotzdem wurden einige Plottwists zu kurz abgehandelt und nicht immer schlüssig auserzählt, was einen unbefriedigenden Nachgeschmack hinterlässt. Nichtdestotrotz zeigt sie aber auch die Menschlichkeit, die trotz all der Grausamkeit immer wieder hervorblitzt. Einige großartige, philosophisch anmutende Sätze kann das Buch auch aufweisen.
Mein Fazit: "Eine Welt nur für uns" ist ein in großen Teil kurzweiliger Roman, der sich schnell lesen lässt. Er gibt aufschlussreiche Informationen über ein Kapitel in der Geschichte, das nur wenig Aufmerksamkeit erlangt: der gefährlichen Tätigkeit der Minenräumung. Leider fehlt es für meinen Geschmack der Sprache an dem gewissen literarischen Etwas und wirkt oft schwülstig und pathetisch. Die Auflösung der aufgebauten Spannungselemente passieren recht schnell und meines Erachtens öfters unbefriedigend, Zudem bleiben die Charaktere recht oberflächlich und unzugänglich. Trotzdem ist das Buch lesenswert für alle, die mehr über die Alltagsgeschichte des Endes des Zweiten Weltkriegs wissen wollen und die es nicht stört, dass vielleicht nicht alles so schlüssig und unpathetisch erzählt wird.