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Veröffentlicht am 04.10.2019

Der Ball ging ins Aus...

Der Manndecker
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Der Lektüre von „Der Manndecker“ war ich von Anfang an nicht allzu euphorisch entgegengetreten; eine erste Leseprobe vom Romananfang hatte mich kaum für sich einnehmen können, aber da mein Bruder (wie ...

Der Lektüre von „Der Manndecker“ war ich von Anfang an nicht allzu euphorisch entgegengetreten; eine erste Leseprobe vom Romananfang hatte mich kaum für sich einnehmen können, aber da mein Bruder (wie diverse weitere Anverwandte) ein großer BVB-Fan ist, hatte ich darauf spekuliert, hiermit einen Buchtipp für ihn (und eben diverse Angehörige mehr) aufgetan zu haben. Selbst war ich dann allerdings wegen des scheinbaren westfälischen Lokalkolorits auch auf das Buch gespannt, da Westfalen für mich ein großes Stück Heimat bedeutet. Letztlich werde ich allerdings definitiv davon absehen, dieses Buch weiterzuempfehlen geschweige denn mein Exemplar an meinen Bruder weiterzureichen, der ohnehin nicht die größte Leseratte ist und dem dieses Buch vermutlich eher nochmals veranschaulichen würde, wieso er eher selten liest.

Ich könnte nun nichtmals sagen, was hier Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sein soll. Klar, der Achim, eine reichlich verkrachte Existenz: mit Ende 40 kann seine Schauspielkarriere getrost als gescheitert betrachtet werden, seine Ehe besteht auch nur noch pro forma, zu seinem Sohn aus einer vorherigen Partnerschaft hat Achims Frau eine engere Bindung als er (was allerdings wenig überraschend ist, da er als Vater ebenso wie als Ehemann vornehmlich durch Abwesenheit glänzt) und Achim tingelt mit seiner Einmannshow als „Der Manndecker“ über das Land und tritt dort in jeder noch so kleinen Dorfkneipe auf, verdient im Grunde genommen nix, denn das, was er verdient, versäuft er zumeist direkt vor Ort gleich wieder. Seine Show, in der er einen alternden Ex-Fußballer mimt, ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten; viele Szenen aus seinem Programm werden hier im Buch geschildert und für mich hatte das gemeinhin nur einen „Ist das Kunst oder kann das weg?“-Anstrich; für mich bleibt es auch unerklärlich, wieso man für eine derartige Darbietung Eintritt bezahlen wollen sollte: Mir scheint es da weitaus unterhaltsamer zu sein, sich an einem Donnerstagabend mal neben einen typischen Stammtisch in der kleinen (Dorf)Kneipe nebenan zu setzen und die dortige Gesprächsrunde still zu verfolgen. In diesem Sinne: gut, dass im Klappentext bereits erwähnt wurde, dass Achim später für ein BVB-Fest engagiert werden sollte, denn ohne diesen Hinweis würde ich den Roman wahrscheinlich nicht zu Ende gelesen haben, aber so war für mich die spannendste Frage die, wieso zum Geier irgendein Verantwortlicher beim BVB diesem belanglosen „Manndecker“-Geblabbel genug Showpotential für das vereinsinterne Saisonabschlussfest zugestehen würde: Verlöre so jemand in der hinterletzten Kaschemme eine Runde Skat gegen Achim und der gewänne so einen Auftritt; gäbe es beim BVB eventuell eine Art Wettstreit, wer den miesesten Künstler anschleppen kann…? Den „Manndecker“ würde doch wohl niemand als echten Hit für das Fest sehen?! (Mein Bruder hat mich übrigens vor vielen, vielen Jahren einmal zur Saisoneröffnung beim BVB mitgeschleppt, die mit einem großen öffentlichen Fest gefeiert wurde – und wenn ich überlege, was damals dort für ein Programm für Jedermann aufgefahren wurde: Da müsste man den Verein schon echt hassen, wenn man für ein internes Betriebsfest dann wen wie den „Manndecker“ zur Unterhaltung buchen würde.)

Warum seine Frau, die Achim ohnehin auch ständig betrogen hat, noch mit ihm zusammen war und ihn nicht längst vor die Tür gesetzt hatte bzw. sich selbst abgesetzt hatte, blieb mir ebenso unerklärlich, wieso dann auch noch ganz vorsichtig eine Zufallsbekanntschaft näher mit ihm (und umgekehrt) anbändeln sollte, wobei es sich bei jener Dame um eine absolut gestandene, selbstbewusste und sehr resolute Frau handelte, von der ich eher erwartet hätte, dass sie Achim als armseligen Wicht betrachten würde, den man vielleicht mal für einen Helferjob anstellen könnte, wohlweislich bereits damit rechnend, dass er nach spätestens zwei Monaten eh hinschmeißt und auf Nimmerwiedersehen verschwindet.
Ich habe eigentlich damit gerechnet, dass der Roman letztlich abrupt damit enden würde, dass Achim irgendwo totgesoffen in einer Ecke liegt – und ein richtig tragisches Ende hätte ich auch weitaus glaubwürdiger gefunden, als den Schluss, der letztlich geboten wurde, wobei ich den allerdings auch als lediglich halbgar empfunden habe.

Für mich persönlich fand ich es halt allerdings ganz nett, dass diverse Käffer aus meiner Heimatgegend Erwähnung fanden, wobei ich den Lokalkolorit ansonsten aber eher schwach eingefärbt fand: Ohne diese „ha, den Ort kenn ich; und in dem bin ich auch schon gewesen; ha, da bin ich mal zur Schule gegangen…!“-Ortsnamen hätte ich vermutlich kaum mal das Gefühl gehabt, diese Geschichte müsse in Westfalen spielen. Irgendwie verströmte die Handlung mehr die Aura von Spielorten irgendwo in den hinterletzten Wäldern, in denen die Zeit vor 30 Jahren stehengeblieben zu sein scheint; das hätte nichtmals in Deutschland sein müssen. Wenn man neben den Ortsnamen diese BVB-Referenz außen vor lässt, hätte ich auch glauben können, „Der Manndecker“ spiele irgendwo in der abgelegensten Ecke der Karpaten. Damit kann der lokale Faktor des Romans allerdings auch weithin außer acht gelassen werden; der Fußballfaktor ist nun auch nicht so enorm; ich hatte da generell mehr Euphorie und Leidenschaft erwartet, weswegen ich den „Manndecker“ nun definitiv auch nicht als must read für Fußballfans ansehen würde. In meinen Augen war das insgesamt in erster Linie Larifarilangeweile und ohne mir wohlvertraute Ortsnamen könnte ich hier eigentlich nichts wirklich auf der Plusseite verbuchen. Außer vielleicht, dass sich das Ganze nicht ganz zäh lesen lies, obschon sich eigentlich ständig alles nur wiederholte.


[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 28.08.2019

Viel Hype um (etwas) Weniger!

Drei
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Noch ehe ich „Drei“ zu lesen begann, war ich tatsächlich auch schon an drei verschiedenen Stellen verlagsseitig darum gebeten worden, bitte jedweden Spoiler zu vermeiden, wenn ich von diesem Roman erzähle ...

Noch ehe ich „Drei“ zu lesen begann, war ich tatsächlich auch schon an drei verschiedenen Stellen verlagsseitig darum gebeten worden, bitte jedweden Spoiler zu vermeiden, wenn ich von diesem Roman erzähle – letztlich wird auch der Klappentext mit „Der Sensationsbestseller aus Israel, über den man eigentlich nichts verraten darf. Spoiler-Gefahr!“ eingeläutet, wobei mich das alles schon ein wenig verwunderte, denn der Diogenes-Verlag ist immerhin nicht grade dafür bekannt, die gaaaaaaanz große Werbemaschinerie anzuschmeißen und zu Übertreibungen zu neigen bzw. Sachen aufzubauschen.
Um es vorwegzunehmen: Ich fand „Drei“ soweit gut, ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen, aber „sensationell“ würde ich ihn nun nicht nennen. Wenn dann noch wer zitiert wird, der sagt, dass es rund um „Drei“ einen Hype gibt, als ginge es um die nächste Staffel Game of Thrones: Dann weiß ich auch nicht. Vielleicht ist Mishani in Israel so etwas wie Fitzek in Deutschland: Ich weiß es nicht. Der GoT-Vergleich hinkt in meinen Augen jedenfalls gewaltig; und zwar so sehr, dass das Hinkebein eigentlich schon amputiert ist.

Was verrät der Klappentext vom Roman? Drei Frauen suchen Unterschiedliches und finden denselben Mann; keine Frau verrät ihm alles, er verrät auch keiner alles. Warum diese Geheimnisse tatsächlich essentiell sind, wird erst zum Ende des Romans im Gesamten hin deutlich – in „Drei“ werden die Geschichten der verschiedenen Frauen übrigens nacheinander erzählt; grob gerechnet macht jeder der drei Teile auch ca. 110 Seiten des Romans aus, das ist also sehr gleichmäßig. Gefühlt schien mir der erste Teil aber am Längsten zu sein: Hier trifft man auf Orna, deren Mann sie und den gemeinsamen Sohn zugunsten einer anderen Frau, mit der er nach Nepal gezogen ist, verlassen hat und die sich nun langsam ans Online-Dating heranwagen will, weil sie selbst auch endgültig diesem „Scheidungstief“ entkommen will, in dem sie bislang alleine für sich gekämpft hat, während ihr Sohn Eran längst psychologische Hilfe in Anspruch nimmt. Da fragte ich mich eigentlich noch die ganze Zeit, worauf diese Geschichte eigentlich nun hinauslaufen würde, was da nun so „ohjehmine, ach du meine Güte, Spoilergefahr, Spoilergefahr – Spoilergefahr!!!“ sein sollte und dann endete dieser Strang mit einem richtig fetten Knall. Was war denn das?! (Klar, die Spoilergefahr.)
Relativ fassungslos fuhr ich dann mit dem Lesen des zweiten Teils fort – da wusste ich ja schon, worin in Ornas Fall das Mysterium gelegen hatte und da wurde es dann spannend, weil man zum Einen damit rechnete, dass auch dieser Erzählstrang auf ein ähnliches Ende zulaufen würde und zum Anderen aber noch mit einem alternativen Schluss rechnete: Mishani würde es doch nicht nochmals derart knallen lassen? Nein, ich spoilere nicht und mit dem dritten Teil wurde also das große Finale eingeläutet: Frau Nummer Drei betrat die Bühne – und „Drei“ endete schließlich damit, dass ich irgendwann „Oh!“ dachte, weil es schon ein klitzekleines bisschen mindf****mäßig war.

Ich schrieb bereits, dass ich „Drei“ sehr gerne gelesen habe, aber: Den Hype, den es um diesen Titel geben soll, kann ich nach wie vor nicht recht nachvollziehen, und gehe tatsächlich davon aus, dass der im (mutmaßlichen) Ruhm des Autors und weniger in dieser Erzählung begründet ist. Der erste Teil schien mir eben länger als die Anderen zu sein, und auch etwas zäher, wobei die Geschichte der zweiten Frau auch vor Allem deshalb spannender war, weil man die Geschichte der ersten Frau, die „denselben Mann gefunden“ hatte, ja bereits kannte, und ihre Person zudem auch hier noch ab und an durchschien.

„Drei“ ist ein eher ruhig wirkender Roman, der quasi plötzlich explodiert; die Dramatik bleibt dabei bis dahin immer sehr unterschwellig und das ganze Erscheinungsbild des Romans sehr literarisch. Der Diogenes-Verlag hat hier seine altbewährten Pfade auch nicht verlassen; das ist so ein Roman, wie man ihn dort auch im Verlagsprogramm erwarten würde; mir war Dror Mishani als Autor bislang völlig unbekannt, aber meiner Meinung nach ist „Drei“ definitiv ein Buchtipp für alle Leser, die beispielsweise die Werke von Ian McEwan schätzen. An dessen Stil hat mich die Gangart von „Drei“ nämlich durchaus erinnert.



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 13.08.2019

Holocaustopfer, oder doch Naziverbrecher?

Hannah und ihre Brüder
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„Hannah und ihre Brüder“ ist der erste, in sich geschlossene Band, rund um die Anwältin Catherine Lockhart und den Privatdetektiv Liam Taggart, die sich schon von Kindesbeinen an kennen. Dabei halten sich ...

„Hannah und ihre Brüder“ ist der erste, in sich geschlossene Band, rund um die Anwältin Catherine Lockhart und den Privatdetektiv Liam Taggart, die sich schon von Kindesbeinen an kennen. Dabei halten sich diese beiden „Serienprotagonisten“ zumindest im Falle von „Hannah und ihre Brüder“ stark im Hintergrund; im Vordergrund steht ganz eindeutig der betagte Ben Solomon, der im hohen Alter in Elliot Rosenzweig, einem schwerreichen und hochangesehenen Bürger, ausgerechnet jenen Otto Piontek zu erkennen sicher ist, der bei seiner Familie aufgewachsen ist und ihm wie ein Bruder war – bis der Zweite Weltkrieg ausbrach und Otto von seinen deutschen Eltern von Bens Familie fortgeholt wurde und einen Posten bei den Nazis zugeschustert bekam. Obschon Otto diesen zunächst nur widerwillig antrat; und zwar nur, um seinen jüdischen Freunden und ganz besonders seiner „Ersatzfamilie“ Hilfe zuteil werden lassen zu können; läuft er bald mehr und mehr zur Nazi-Ideologie über; und der jüdische Ben muss ebenso wie all die Anderen, die Otto zuvor sehr nahegestanden haben, nicht nur diesen Verrat verkraften, sondern auch irgendwie das Grauen des Holocaust überstehen zu versuchen…

In „Hannah und ihre Brüder“ bekommen weithin Catherine und Liam seine Lebensgeschichte von Ben erzählt, der stur darauf beharrt, dass Elliot Rosenzweig als der Naziverbrecher Otto Piontek enttarnt werden muss, während in einem erzählten Nebenstrang jener Elliot Rosenzweig darauf beharrt, das Opfer einer Verwechslung geworden zu sein, wobei er zugleich (angeblich aus Rücksicht auf den seiner Meinung nach verwirrten Ben) ein Gerichtsverfahren unter allen Umständen vermeiden will – das ist hingegen das, was Ben auf jeden Fall erreichen will: Die Welt soll wissen, wer Elliot Rosenzweig wirklich ist. Dabei ist die Konstellation Solomon/Rosenzweig ähnlich David/Goliath: Ben war ein kleiner Arbeiter, während Rosenzweig ein Milliardenimperium besitzt und über Kontakte verfügt, die ihm, zusammen mit seinem Vermögen, quasi alles möglich machen… doch Ben lässt sich weder einschüchtern noch bestechen noch… und das obschon die Beweislage hauchdünn ist. Bens Kampf scheint aussichtslos zu sein, aber nichtsdestotrotz bleibt er optimistisch und überzeugt davon, Elliot Rosenzweig stürzen zu können, der selbst behauptet, einst Opfer der Nazis gewesen und in Auschwitz inhaftiert gewesen zu sein, was die Vorwürfe noch heikler macht.
Es bleibt sehr lange offen, ob Elliot Rosenzweig Otto Piontek wirklich nur, auch von der Stimme her, ähnelt oder ob sich hier ein Nazi-Verbrecher seit Kriegsende als ein Opfer der Nazis ausgibt; wie gesagt: die Beweise sind rar, ohnehin eher Indizien, und bis kurz vor Schluss bleibt einem als Leser also nur übrig, Ben entweder zu glauben, an ihm zu zweifeln oder auch zu denken, die Kriegstraumata hätten ihn nun endgültig übermannt…
„Hannah und ihre Brüder“ konzentriert sich aber eben sehr darauf, dass Ben seine Lebensgeschichte erzählt bzw. seine Erlebnisse während des Nationalsozialismus wiedergibt und das ist so ungemein packend, dass man ihm einfach wie gebannt zuhören möchte und es für einen als Leser schon fast unwichtig wird, ob Ben Rosenzweig nun verwechselt hat oder nicht; ja, für Ben bleibt das das zentrale Thema, aber für mich als Leserin geriet diese Frage bald ein wenig ins Hintertreffen, obschon ich die richtige Antwort darauf selbstverständlich auch kennenlernen wollte.
Ben war eine sehr beeindruckende Figur, die eben viel Raum einnahm und ich war ehrlich gesagt etwas verblüfft, dass mit diesem Roman eine Lockhart/Taggart-Serie starten sollte, denn jene beiden Figuren fielen eben gar nicht groß weiter auf; es war nicht so, dass ich dachte, ich würde mir weitere Romane mit Catherine Lockhart und Liam Taggart wünschen. Aber es war definitiv so, dass ich mir weitere Romane in dieser Lesart, diesem Erzählstil, wünschte, wo alte Menschen aus ihrer spannenden Biografie erzählen und eben im Hintergrund vielleicht ein wenig recherchiert, ermittelt… wird, ohne den Fokus vom berichtenden Menschen, um dessen Vergangenheit es letztlich geht, zu nehmen.
Zumindest der zweite Band der Reihe, „Karolinas Töchter“, ist ebenfalls bereits erschienen und jenen Roman werde ich mir sicherlich auch noch durchlesen, um herauszufinden, ob die Reihe den in „Hannah und ihre Brüder“ gezeigten Stil weiterhin beibehält. „Hannah und ihre Brüder“ fand ich nun jedenfalls eine tolle Geschichte!



[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 12.08.2019

Spannende Thematik zu diffus umgesetzt

Du gehörst mir
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Eine Leseprobe vom Romananfang hatte mich im Vorfeld schwer beeindruckt und obschon mich die Täterperspektive zwar faszinierte, aber auch relativ verängstigte, wollte ich diesen Roman dann doch sehr gerne ...

Eine Leseprobe vom Romananfang hatte mich im Vorfeld schwer beeindruckt und obschon mich die Täterperspektive zwar faszinierte, aber auch relativ verängstigte, wollte ich diesen Roman dann doch sehr gerne lesen, auch um zu erfahren, ob sich der eher nüchterne, knochentrockene Ton der erzählenden Hauptfigur weiterhin so durch die gesamte Geschichte halten würde oder ob er noch deutlich emotionaler werden würde.
Tja, nun habe ich den Roman gelesen; die Thematik finde ich immer noch ungewöhnlich, die Perspektive krass gewählt: Die hinter dieser Erzählung steckenden Idee finde ich absolut spannend, aber die Umsetzung hat mich letztlich doch eher enttäuscht.
Dereinst hatte ich die englischsprachige Novelle „Harmony, USA“ von Lewis Bryan gelesen, welche auch von einem (sogar Mehrfach)Mörder selbst erzählt ist, auch wenn die dortigen Taten und ihre Hintergründe sich total vom Verbrechen in „Du gehörst mir“ unterscheiden, aber das war ein eBook, was mich sehr in seinen Bann gezogen und begeistert hat; im Falle von Middendorps Werk hatte ich eben aber auf ein vergleichbar positives Leseerlebnis gehofft.

Mir blieb Tille allerdings viel zu diffus; ja, der trockene Erzählstil wurde beibehalten, man spürte auch nie Gewissensbisse, Reue oder überhaupt nur ein Bewusstsein für die begangene Tat; für mich hätte er genauso gut sagen können, dass es gestern geregnet hat. Auch innert der eigenen Familie war eine große Distanz spürbar; lediglich die Tochter wurde immer als „Papa-Kind“ genannt, so dass ich letztlich das ungute Gefühl hatte, dass Tilles tatsächliches Opfer für ihn zudem nur eine Projektion seiner Tochter gewesen sein könnte… (und eben nicht den Eindruck gewann, dass er von seiner Tat heimgesucht werde, je mehr sich seine Tochter ans Alter seines Opfers annäherte)
Das Ganze ist zudem achronologisch erzählt, und zwar fließend: Es gibt also keine klaren Abgrenzungen, die verschiedenen Zeitstränge fließen häufig ineinander über und hier habe ich teils wirklich nicht gewusst, ob Tille nun von seinen Kindern spricht, etwas aus seiner Kindheit erinnert, ob „jetzt“ vor dem Mord oder danach ist… Es war definitiv alles sehr verschwommen, was die Handlung nicht weniger diffus erscheinen ließ. Manchmal wirkten einzelne Absätze in meinen Augen auch völlig zusammenhanglos, was ihr direktes Drumherum betraf, so dass ich mich an vier oder fünf Stellen wirklich fragte, ob der Erzähler nun quasi einfach nur irgendetwas brabbelte oder ob die Übersetzung da so holperig war, dass aus dem Original irgendetwas nicht richtig übertragen worden war.
Wenn es an anderen Stellen heißt, „Du gehörst mir“ sei ein verstörender Roman: definitiv. Aber ich empfand ihn da wohl als anders verstörend, als es in jenen Fällen vermutlich gemeint war.

Ich hatte auch nie das Gefühl, dass Tille sich irgendwie unter Druck fühlte; wurde in seinem Umfeld über Täter spekuliert, blieb er eher zurückhaltend und schon nahezu teilnahmslos. Seine Frau war sehr engagiert bzw. neugierig; jene verfolgte den Fall ganz genau, aber das wurde mir von Tille halt auch einfach mal so hingenommen – obschon ich aufgrund der Schilderungen Tilles später selbst den Eindruck gewann, dass seine Frau ihn durchaus eventuell gar längst selbst verdächtigte… insgesamt war mir die tatsächliche Handlung nun noch relativ weit von der Buchbeschreibung entfernt; tatsächlich endet der Roman auch bereits kurz nach Tilles Inhaftierung, also von der Wucht der „überwältigenden Wahrheit“ erfährt man kaum mehr etwas. Alles in Allem steckt man im Kopf eines Vergewaltigers und Mörders, der seiner Tat scheinbar eher gleichgültig gegenübersteht; für mich hatte das so ein bisschen von „na, wenn sie mich kriegen, okay – wenn nicht: sei’s halt drum“… die Tat wurde auch eher sporadisch erwähnt (was ich angesichts des Protagonisten und des von ihm begangenen Verbrechens, das ja eigentlich der zentrale Punkt der Erzählung ist zugegeben erstaunlich fand: Dieser Roman hat in diesem Zusammenhang auffallend wenig Triggerpotential) und die einzigen Verschiebungsmechanismen, die für mich da erkennbar waren, war, dass er die Tatumstände zunächst „beschönigte“. Die Verdrängung kam bei mir als solche gar nicht wirklich an, auch nicht die störenden Erinnerungen: Auf mich wirkte Tille wie ein sehr introvertierter Typ, der viel grübelte, aber sein eigenes Tun weder reflektierte noch sich sonderlich um sich selbst scherte. Eher so der Typ „brummiger Eigenbrötler von nebenan“, von dem man überzeugt ist, dass er zwar ein wenig seltsam ist, aber keiner Fliege etwas zuleide tun könnte.
Ein Einblick in eine Täterseele wurde angekündigt, der entpuppte sich meiner Ansicht nach aber wiederum als absolut spekulativ. Da es ja hier nun um einen ganz spezifischen Mensch ging, war mir das schließlich einfach zu wenig deutlich und zu sehr den Analysen des Lesers überlassen.

Wer gerne selbst Romanfiguren analysiert, zumindest für den ist „Du gehörst mir“ ein wahrer literarischer Glückstreffer!


[Vorab: Ein Rezensionsexemplar war mir, via Vorablesen, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]

Veröffentlicht am 09.08.2019

Holterdipolter: Genre über Genre

Kalte Wasser
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Das Erste, was ich noch vor der Veröffentlichung von „Kalte Wasser“ zu lesen bekam, war der Beginn eben dieses Romans, der mir auf Anhieb sehr reizvoll erschien, wobei ich stark gemutmaßt habe, dass die ...

Das Erste, was ich noch vor der Veröffentlichung von „Kalte Wasser“ zu lesen bekam, war der Beginn eben dieses Romans, der mir auf Anhieb sehr reizvoll erschien, wobei ich stark gemutmaßt habe, dass die Mysteryschiene in einer Sackgasse enden würde – ich bin von Anfang an eher davon ausgegangen, dass Lauren unter postnatalen Depressionen leidet, die sie halluzinieren lassen. Tatsächlich wird bei Lauren auch schnell eine psychische Belastungsstörung diagnostiziert und hernach zeigte sich für mich das grundsätzliche Problem dieses Mysterythrillers: Er will tatsächlich alle Genres; Mystery, Thriller und Krimi; abdecken; dazu kommt noch ein großer Schuss semi- bis unglücklicher Liebesroman (denn Laurens Mann Patrick ist eher distanziert und hat auch so seine Geheimnisse; im Allgemeinen kam da auch nicht das Gefühl eines liebevollen und glücklichen, frischgebackenen Elternpaares auf) zu dem, was ohnehin schon ein Familiendrama war.
Dann gibt es noch diesen Strang rund um die ambitionierte Polizistin Jo(anna) Harper, deren eigentlich nicht vorhandenes Privatleben ständig explizit behandelt wird; da gibt es ein angeblich wichtiges Detail aus der Vergangenheit, weswegen sie sich Lauren angeblich so nahefühlt: Diese Argumentation schien mir allerdings reichlich an den Haaren herbeigezogen; so sehr ähnelten sich die persönlichen Erfahrungen dann doch nicht. Auch ihre persönlichen Beziehungen wurden derart herausgestellt, dass man hätte vermuten können, „Kalte Wasser“ ist der Auftakt zu einer Krimireihe rund um diese Ermittlerin.
Mir fehlte da ganz klar die direkte Konzentration; klar, wenn ein Buch ganz strikt und konsequent linear lediglich einen Erzählstrang verfolgt, wirkt das sehr eintönig, aber dieser Roman glich statt einer Einbahnstraße auf dem platten Land dann direkt dem Frankfurter Kreuz.
Ich mag Mysteryromane, ich mag Thriller, ich mag Krimis, ich lese auch gerne mal was Dramatisches, aber in diesem Fall war es mir einfach zu viel und von Autorenseite zu unentschlossen: Hatte grad alles klar darauf hingedeutet, dass dieser Roman ein Psychothriller-Ende finden würde, zumal dann auch noch eine mutmaßliche Stalkerin eingeführt wurde, wurde auf der nächsten Seite wieder krass gen Mystery abgedriftet – und ich wusste gar nicht mehr, mit wem ich nun überhaupt mitfiebern wollte; mir blieben alle Figuren völlig fremd, und sympathisch fand ich eigentlich keinen, inklusive Joanna Harper, die zwar eben sehr engagiert war, aber eben auch überengagiert und sich zunächst vor Allem auch völlig unnütz einbrachte, denn die Ermittlungen waren nicht nur abgeschlossen, sondern der Fall war offiziell nie eröffnet worden, als sie –den Anweisungen ihres Chefs zum Trotz- im Krankenhaus doch noch weitere Nachforschungen anstellte. Im klassischen Krimi hätte ich das allerdings wiederum recht sympathisch gefunden… aber hier gab es, wie sie selbst auch immer betonte, überhaupt keinen echten Grund für ihren persönlichen Einsatz.

Den reinen Mystery-Teil von „Kalte Wasser“ fand ich allerdings sehr spannend; der große Rest war dann allerdings eben wie ein riesiger Stolperstein, der mir den Lesespaß ein wenig getrübt hat. Alles in Allem kommt der Roman so für mich nicht über 3,8* Sterne hinaus, was aufgerundet dann wohlgemeinte vier Sterne ergibt. Allerdings erwarte ich nun irgendwie doch zumindest auch einen Folgeband rund um DI Harper, die da wiederum in irgendein Mysterium verwickelt wird (oder sich verwickeln lässt). Denn so bin ich grade in jenem Bereich nicht mit dem Ende zufrieden – und auch der Mysteryteil hätte sich detaillierter entschlüsseln lassen können; da kann man sich als Leser letztlich lediglich selbst noch etwas mehr Hintergrundgeschichte zusammenreimen.
Als reiner Mysteryroman; ohne diese ganzen ständig falsch gelegten Fährten, ohne das Privatbrimborium der Polizistin; würde mir „Kalte Wasser“ richtig gut gefallen haben, aber dazu hätte eben sehr viel der Handlung wegdezimiert werden müssen und der Mysterypart sehr viel weiter aufgedeckt und erklärt werden – wer sich für dieses Buch entscheidet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er eben vornehmlich einen Mysterythriller zu lesen bekommt, der dabei ständig in andere Genres abdriftet. Zumindest wer so einen immensen Mix mag, wird mit dieser Lektüre ausnehmend gut bedient sein!

[Ein Rezensionsexemplar war mir, via #NetGalleyDE, unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden.]