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Veröffentlicht am 05.12.2022

Blieb doch sehr hinter meinen Erwartungen zurück

Happy New Year – Zwei Familien, ein Albtraum
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“Happy New Year” erzählt vornehmlich von zwei früher eng miteinander befreundeten, heute entfremdeten Paaren, die allerdings noch immer daran festhalten, Silvester zusammen zu verbringen. Auch in diesem ...

“Happy New Year” erzählt vornehmlich von zwei früher eng miteinander befreundeten, heute entfremdeten Paaren, die allerdings noch immer daran festhalten, Silvester zusammen zu verbringen. Auch in diesem Jahr begeben sich Nina und Fredrik mit ihren jüngeren Söhnen zu einer entsprechenden Party bei Lollo und Max, während bei ihnen daheim die jugendlichen Töchter der beiden Paare zum ersten Mal eine gemeinsame Party schmeißen dürfen. Doch am Ende der Nacht ist Jennifer, die Tochter von Lollo und Max, spurlos verschwunden… der Roman wird nun abwechselnd aus den Perspektiven von Nina und Fredrik sowie Lollo erzählt, wobei ich es, je weiter die Geschichte voranschritt, immer merkwürdiger fand, dass Max hier außen vor blieb ebenso wie ich es schade fand, dass mit Smilla, der Tochter Ninas und Fredriks, eher beiläufig umgegangen wurde, zumal so deutlich betont wurde, dass die Elternpaare nur noch wenig Bezug zueinander haben, aber die Töchter waren immerhin noch vertraut genug miteinander, um zusammen mit Freund*innen zu feiern. Zudem sah Lollo Nina eher als unnötig überbesorgte Glucke an, die sich schwerer damit tat, ihre Kinder ein bisschen mehr loszulassen, aber statt sich verstärkt um Smilla zu kümmern, die Jennifer als eine der letzten Personen gesehen haben muss, machte sich Nina eher Gedanken um Lollo – und allenfalls noch um Fredrik, den Jennifers Verschwinden offensichtlich direkt in eine depressive Episode stürzt?
Für mich blieb Smilla hier eindeutig die tragischste Figur, zumal sich für mich vor Allem in einer Szene mit zwei weiteren Jugendlichen aus Jennifers Freundeskreis später zeigte, wie sehr da Halt benötigt wurde.

Generell wartete für mich hier niemand der Erwachsenen mit einem höheren Sympathiefaktor auf: Fredrik deutet schnell eine geheime Verbindung zu Jennifer an, die ihn dem Lesepublikum nur noch verdächtiger macht, und ich habe auch Nina hier für sehr schwer von Begriff gehalten, dass sie eher an eine Ehekrise denkt als daran, dass ihr Mann womöglich etwas mit Jennifers Verschwinden zu tun haben könnte, nachdem es ihn direkt regelrecht zu Boden wirft, als bekannt wird, dass Jennifer noch immer nicht heimgekommen ist.
Lollo wurde von Anfang an als ziemliche Diva geschildert, deren Fassade zwar bald ziemliche Risse bekam, aber auch als verzweifelte Mutter einer verschwundenen Teenagerin wirkte sie noch sehr aufgesetzt, und die dritte Freundin Malena wird zwar im Klappentext erwähnt, spielt aber während der Geschichte kaum mehr eine Rolle als irgendwelche Nachbarn von Lollo und Max, die auch auf deren Silvesterparty zu Gast sind.
Dass hier früher mal innigere Freundschaften geherrscht haben sollten, war für mich kaum greifbar; generell blieben auch die Paarbeziehungen sehr blass. Auf diffuse Weise wirkten für mich hier alle Kontakte zueinander wie Zweckbeziehungen, die nur notdürftig für die Erzählung konstruiert worden waren.

Ich hatte eine hochexplosive Geschichte erwartet voller Reibungen, da diese Ausnahmesituation bestimmt alle zermürben und überfordern würde; stattdessen wurde aber komplett auf Abstand zueinander gegangen und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Ich fand es seltsam, dass diese extreme Stresssituation da nicht eine der Figuren wirklich auf Konfrontationskurs gehen ließ.
Was ich allerdings sehr gelungen fand, war, dass sehr gut herüberkam, wie sich die Zeit hier ziehen konnte; denn eigentlich spielte sich alles innert recht kurzer Zeit ab, aber ich hatte schon am ersten Abend nach Jennifers Verschwinden das Gefühl, als wären alle bereits seit Wochen in dieser Ungewissheit gefangen.

Leider hat sich für mich auch die Lektüre gezogen: Ich habe insgesamt fünf Abende daran gelesen und zwischendrin sogar noch pausiert; dabei hatte ich diesen Roman, den ich eher als Psychodrama und weniger als Thriller ansehe, im Vorfeld als ein Buch eingestuft, das ich bestimmt an einem Abend komplett „fressen“ oder zumindest direkt am nächsten Abend zu Ende lesen würde. Abbrechen wollte ich in diesem Fall aber doch nicht, weil es mich schon interessiert hat, was genau mit Jennifer passiert war. Im Nachhinein hätte ich vor dem letzten Fünftel das Buch aber schließen sollen, und mir mein eigenes Ende ausdenken. Denn die Auflösung fand ich hier absolut schwach und während sich vorher Alles in Allem verlor, war hier plötzlich alles sonnenklar und offensichtlich. Der Schluss wirkte in meinen Augen ein wenig so als wäre die Autorin inzwischen von der ganzen Palaverigkeit ihrer eigenen Figuren gewesen, dass auch sie die Geschichte nur noch schnell zum Ende hatte bringen wollen.

Veröffentlicht am 28.11.2022

Kaum durchschnittliche Geschichte, aber: toll erzählt!

The Dark
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Tanja Geke ist als Synchron- sowie Hörbuchsprecherin derart umtriebig, dass kaum jemand an ihrer Stimme vorbeikommen dürfte, welche ich als sehr angenehm, weil eher belanglos und unauffällig empfinde. ...

Tanja Geke ist als Synchron- sowie Hörbuchsprecherin derart umtriebig, dass kaum jemand an ihrer Stimme vorbeikommen dürfte, welche ich als sehr angenehm, weil eher belanglos und unauffällig empfinde. Ich mag es, wenn Stimmen, die ich im Falle von Hörbüchern teils stundenlang am Stück höre, keine „besonderen Merkmale“ haben, und habe mich daher sehr darüber gefreut, dass Tanja Geke dieses Hörbuch, in dem die Protagonistin zugleich als Ich-Erzählerin auftritt, eingesprochen hat: Das passte für mich auch zur Figur.

Die Rahmenhandlung von „The Dark“ kam mir auf Anhieb sehr bekannt vor; ich mag Locked-In-Thriller sehr gerne und bin mir sehr sicher, dereinst schonmal eine Geschichte rund um Mord in einer abgelegenen Forschungsstation im Polargebiet gelesen, oder als Film gesehen, zu haben, doch nicht zuletzt Meg Goldins „Escape Room“ hat mir bewiesen, dass derartige Handlungen auch komplett neu und anders- sowie einzigartig erdacht werden können. Hauptsächlich war ich neugierig, wie eigen und neu eine Geschichte im ewigen Eis wirken könnte, wo sich schließlich niemand so einfach in einer Höhle einen Kilometer weiter verstecken kann oder Ähnliches.
„The Dark“ spielt sich nun komplett innerhalb der Forschungsstation ab, beginnend mit der Ankunft der Protagonistin Kate bis hin zu ihren letzten Minuten in dieser unwirtlichen Umgebung – und so sehr mir Epiloge häufig auf den Senkel gehen: in diesem Fall hätte ich mir gewünscht, dass es noch ein abschließendes Kapitel gegeben hätte, in dem erläutert worden wäre, wie es den anderen Mitarbeitenden der Forschungsstation weiterhin ergangen ist und wie sie all die Ereignisse so verarbeitet haben. Der Schluss hatte für mich leider so ein „jetzt schnell zurück zum Alltag“-Geschmäckle.

Ich habe das Hörbuch definitiv gerne angehört; ich habe mir die einzelnen Crewmitglieder gut vorstellen können, die ganze abgeschottete Atmosphäre kam gut herüber…; aber: ich fand die Handlung im Gesamten nicht überzeugend. Da schleppt Kate sehr viel seelisches Gepäck aus ihrer Vergangenheit mit sich herum, schnell wird eine Tablettenabhängigkeit ihrerseits offensichtlich, und immer wieder wird erwähnt, welch strenges Auswahlverfahren die Bewerbenden um jegliche Posten auf der Forschungsstation durchlaufen hatten müssen und wie eindringlich geprüft wurde, ob man mit dieser monatelangen Isolation umgehen würde können – sorry, aber Kate mit ihrem Trauma und ihren Tabletten; was sie schluckte, hätte während eines Bluttests auffallen müssen; wäre während des Bewerbungsprozess sofort aussortiert worden, wäre der tatsächlich so krass gewesen. Dass sie von allen Bewerber*innen um die Anstellung als Arzt am Stabilsten gewesen soll, spricht ansonsten definitiv sehr viel mehr gegen ihre Konkurrenz als dass es für Kate spricht.

Nun gibt es bald noch einen weiteren Toten in der Station, deren Technik zudem extrem manipuliert wird, so dass es bald für alle ums Überleben geht, und ich habe zwar relativ begeistert mitgerätselt, wer für das alles verantwortlich wäre, war aber auch sehr fassungslos, weil das alles immer mehr einem Selbstmordkommando glich: Offensichtlich gehörte die Täterperson ja zur Crew und war demzufolge ohne Strom, Wärme, Wasser etc. auch nicht sehr viel sicherer als alle Anderen dort. Da habe ich es übrigens sehr bedauert, dass in dieser Situation häufig auf Expeditionen anno dazumal verwiesen wurde, die komplett ohne die heute verfügbare Technik ins Eis gingen, und überlebten, aber offensichtlich niemand wusste, wie diese Menschen das zu überleben vermocht hatten. Da hätte ich doch etwas mehr „ganz früher haben die Leute das so machen müssen“ als „das geht alles gar nicht“ erwartet und ich fand es auch ein bisschen erschreckend, wie vollkommen abhängig man sich selbst dort von der modernen Technik gemacht hatte und die einzige Notfallvorsorge prinzipiell bloß in „wir haben Generatoren“ bestand. Da führte die Darstellung bei mir eher dazu, dass ich wissen wollte, wie Expeditionen vor 70 Jahren abliefen als dass mich die Täterschaft noch sonderlich brennend interessierte.
Was für mich letztlich übrigens aber vollkommen unerklärlich war: die Motivation der schuldigen Person. Die Auflösung klang für mich nach „strategisch geplantem Durchdrehen“ und ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Krimi/Thriller mit einem derart im Unklaren verbleibenden Motiv konsumiert zu haben; „The Dark“ blieb für mich da eine Art Schachtelpuppe, die vollständig aus sinnfreien Verbrechen bestand. Schräg, dass schließlich auch entsetzt beteuert wurde, man würde dieser einen ganz bestimmten Person doch nichts antun wollen – nachdem man längst dafür gesorgt hatte, dass ALLE zu erfrieren drohten.
Da fand ich den Roman doch eher schwach und kaum den durchschnittlichen Locked-In-Thriller rund um „eingeschneit mit einem Killer in einer Berghütte festsitzend“ erreichend, was schade war, denn das Antarktis-Setting, bei dem niemand „so einfach“ den Berg hinabklettern kann, um Hilfe zu holen, hätte hier für so viel mehr Spannung(en) sorgen können.

Ich tue mich ein wenig schwer mit der Einstufung dieses Romans: Den Plot an sich fand ich vielversprechend, die Geschichte ist wirklich gut erzählt; ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt; aaaaaber: ich fand die Handlung an sich halt eher fehlkonstruiert. Bedauerlich.

Veröffentlicht am 19.11.2022

Spannung in und aus Schweden

Kalt und still
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Der „erste Fall“ für Hanna Ahlander ist natürlich nicht ihr erster Fall, sondern lediglich ihr erster Fall in einem neuen Umfeld: Infolge einer gegen ihr Dafürhalten eingestellten Ermittlung gegen einen ...

Der „erste Fall“ für Hanna Ahlander ist natürlich nicht ihr erster Fall, sondern lediglich ihr erster Fall in einem neuen Umfeld: Infolge einer gegen ihr Dafürhalten eingestellten Ermittlung gegen einen Kollegen, der verdächtigt wird, Gewalt gegenüber seiner Frau ausgeübt zu haben, wird sie auf ihrer bisherigen Dienststelle bei der Stockholmer Citypolizei, wo sie auf häusliche Gewalt spezialisiert ist, geschasst und vorerst beurlaubt, mit der dringenden Empfehlung, sich einen neuen Job zu suchen. Als ihr Lebensgefährte sich zeitgleich von ihr trennt und sie auffordert, in Bälde aus seiner, bislang von beiden bewohnten Wohnung auszuziehen, flüchtet sie sich auf Geheiß ihrer Schwester in das abgelegene Åre, wo eine 18jährige Schülerin nach einer Luciafeier spurlos verschwunden ist – und wo Hanna bald in Kontakt mit der dortigen, personell unterbesetzten Polizeidienststelle kommt… Tatsächlich beginnt die Hanna-Ahlander-Reihe somit reichlich typisch für eine Reihe Regionalkrimis: Man wird mit einer Gegend vertraut gemacht, in der sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, und in der die Polizei kaum mal etwas zu tun hat; dennoch wird deren Unterbesetzung ausschweifend beklagt und als total überraschend ein Kapitalverbrechen geschieht, taucht ebenso überraschend eine spezialisierte Person von sonstwo auf, die sich gleich in Pussemuckel anwerben lässt, wo ab da Roman um Roman ständig Schwerverbrechen passieren werden.
Was mir allerdings gefallen hat, war, dass der Fokus hier nicht ausschließlich auf Hanna lag, sondern die Perspektive immer wieder zwischen wesentlichen Figuren geswitcht ist; so wurden neben Hanna auch noch der örtliche Polizist und Ermittlungsleiter Daniel, der erst vor drei Monaten Vater geworden ist und sich nun schwertut, seiner Familie gerecht zu werden, sowie die Familie der verschwundenen Amanda, insbesondere ihre Eltern, näher beleuchtet. Häufig nervt es mich in Krimis, wenn neben dem Fall noch sehr viel Privatleben geschildert wird, aber hier empfand ich das als sehr angemessen und ausgewogen, da eben alles auch einen Bezug zur Polizeiarbeit hatte (wie ergeht es Opferfamilien; wie sehr belastet die Arbeit am Fall, grad wenn es noch dazu privat zuletzt große Veränderungen gegeben hat…?).
Das Einzige, was mich hier nun genervt hat, war, dass Hanna Blessuren an der verschreckten Reinigungskraft, die das Haus ihrer Schwester putzte, entdeckte und sofort stur deren Hintergründe klären wollte; das passte zwar einerseits zu ihrem Engagement und ihrer Profession in Sachen häuslicher Gewalt, aber andererseits unternahm sie hier sofort einen absoluten Alleingang, noch ehe sie überhaupt von der lokalen Polizei als Unterstützung angefragt worden war, und schreckte da auch nicht vor Einbruch zurück. Auch wenn sie dabei letztlich Relevantes entdeckte: Das hätte man auch deutlich „offizieller“ in die Handlung einbauen können; mir ist es da echt ein wenig aufgestoßen, dass Hanna, die sich dem Schutz vor körperlichen Übergriffen verschrieben hatte, da dann doch selbst in gewisser Weise ebenfalls übergriffig wurde und der Reinigungskraft, von der sie sicher war, dass sie ein Gewaltopfer war, und von der sie ganz genau wusste, wie sehr es sie zuvor erschreckt hatte, im vermeintlich leeren Haus von deren Schwester plötzlich Hanna gegenüberzustehen, letztlich in ein weiteres, fremdes Haus nachstellte und da wiederum plötzlich neben ihr auftauchte.

Generell bin ich aber an weiteren Hanna-Ahlander-Bänden interessiert; die Auflösung, nachdem bereits mehrere Verdächtige präsentiert worden waren, war hier zwar nicht völlig unerwartet, aber eben doch auch keine „Klischee-Lösung“, die man gleich zu Anfang schon hätte vorhersehen können; ich mochte es eben, wie auch die Auswirkungen der psychischen Belastung auf diverse Figuren beschrieben wurden und auch der Lokalkolorit der einsamen, in Schnee versinkenden Gegend und die Gefährdung durch die unwirtliche, eisige Wetterlage wurden sehr gut und quasi fühlbar (ich habe mich tatsächlich beim Lesen zum Schluss hin mit einer Wärmflasche eingemummelt) herübergebracht. Durchaus ein gelungener Reihenauftakt!

Veröffentlicht am 14.11.2022

Äußerst interessanter Horror

Der Horror der frühen Chirurgie
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Der Titel dieses Sachbuchs ist ein wenig irreführend, denn wie sich bereits aus dem Klappentext beschreiben lässt, geht es hier vielmehr um den „Horror der frühen plastischen Chirurgie“, beginnend ab Anfang ...

Der Titel dieses Sachbuchs ist ein wenig irreführend, denn wie sich bereits aus dem Klappentext beschreiben lässt, geht es hier vielmehr um den „Horror der frühen plastischen Chirurgie“, beginnend ab Anfang des 20. Jahrhunderts, und dieser Teilbereich der Chirurgie bleibt auch bis zuletzt im Fokus. Das fand ich ein wenig schade, zumal es in den letzten 100 Jahren nun doch diverse krasse Weiterentwicklungen/Entdeckungen/Möglichkeiten im Bereich der Chirurgie (man denke nur an Organtransplantationen, oder simpler: inzwischen häufig minimal-invasive Eingriffe, die ambulant erfolgen können, wo früher noch ein großer Schnitt, gefolgt von zig Tagen Bettruhe, vonnöten war ) gab und ich mir doch gewünscht hätte, im Verlauf des Buchs auch etwas darüber zu lesen, wie die Allgemeinchirurgie vor 100 Jahren noch aussah.
Der Teil rund um die plastische Chirurgie war allerdings dennoch auch derjenige, der mein Interesse geweckt hatte: mein Urgroßvater, den ich noch kannte, hatte im Krieg ein Auge eingebüßt und bis ich auf die Leseprobe zu diesem Buch stieß, war seine Verletzung kein großes Thema und auch, wenn es mir durchaus aufgefallen war, hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, dass sein Gesicht bis ins hohe Alter hinein sehr glattgezogen und leicht wächsern wirkte bzw. dass eine Granate ihm gezielt das Auge hatte wegsplittern können, während sein Gesicht ansonsten unverletzt geblieben war. Da hat mich tatsächlich erst die Leseprobe „Mooooment!“ denken lassen und dass mein Uropa (der auch nie ein Glasauge oder Ähnliches besaß; er hatte an Stelle des eingebüßten Auges tatsächlich einfach nur eine tiefere Delle im Gesicht) wohl doch eher eine „Schönheits-OP“ durchlaufen hatte als dass er ein sauber, punktuell getroffenes Wunder war. Da war ich dann schon neugierig, zu erfahren, wie das früher wohl gelaufen war und wie sich das alles entwickelt hatte.
Jetzt bin ich in der Hinsicht definitiv schlauer; „Der Horror der frühen Medizin“ beschäftigt sich da auch sehr mit der Biografie Harold Gillies und kommt immer wieder auf diesen zurück; das hatte mich doch etwas überrascht, denn ich hatte eher erwartet, dass er hier eher als „grober Begründer“ gelten würde, dessen Ideen dann direkt von bereits spezialisierteren Ärzten und Organisationen weiterentwickelt worden wären. Ich kann es gar nicht begründen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass er weiterhin so sehr involviert gewesen war und nicht einfach nur vom Schlachtfeld in Richtung Hospitäler in sicheren Gebieten: „Hey, man könnte ja mal probieren….“ vermeldet hatte.

„Der Horror der frühen Chirurgie“ scheut dabei keine Details, und ja, die sind manchmal schon sehr horrormäßig; leider, oder glücklicherweise, gibt es keine Bilder im Buch. Man kann sich die Dinge sehr genau vorstellen; also in der Hinsicht habe ich Fotos nicht so sehr vermisst, für mich war das mehr: „Hm, ein Foto wäre jetzt ganz nett. Vielleicht stelle ich mir das nun einfach nur zu extrem vor?“, gepaart mit der Angst, dass ich es mir doch noch viel zu harmlos vorstellen könnte und lieber keine Bilder sehen wollte.
Ich habe zugegeben an diesem Buch auch für meine Verhältnisse sehr lange gelesen, weil ich immer mal wieder dachte, dass es mir nun doch zu viel werden würde und ich erst ein paar Tage Pause vom Horror bräuchte. Horror-Romane kann ich definitiv sehr viel besser abhaken, aber dieses Sachbuch war mir da doch zu real, wobei ich mir unsicher bin, ob es mich ähnlich heftig verschreckt haben könnte, hätte ich während des Lesens nun nicht ständig meinen Uropa im Kopf gehabt und was man, ab Lazarett, wohl mit ihm angestellt hatte.
Ich fand das alles sehr interessant, aber man sollte sich schon im Klaren sein, dass der Titel hier nicht unbedingt eine Übertreibung ist – denn Schönheitschirurgie hin oder her: schön sind die Ausführungen hier wirklich eher rein gar nicht.

Veröffentlicht am 09.11.2022

Richtig böse - krasser Thrillerhorror!

Die Schatten über uns
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Wow… dies war das erste Mal, dass ich nach dem Lesen eines Buches; und ich habe in meinem Leben schon sehr viele Bücher gelesen; Alpträume hatte. „Die Schatten über uns“ erzählt in erster Linie die Geschichte ...

Wow… dies war das erste Mal, dass ich nach dem Lesen eines Buches; und ich habe in meinem Leben schon sehr viele Bücher gelesen; Alpträume hatte. „Die Schatten über uns“ erzählt in erster Linie die Geschichte Mias, die zusammen mit ihrem Mann ein altes leerstehendes Haus ersteigert, um endlich aus dem Anbau des schwiegerelterlichen Hauses auszuziehen, nicht zuletzt, da das Verhältnis zwischen ihrer Schwiegermutter und Mia sehr angespannt ist. Doch kaum können sie das Haus ihres nennen, entdecken sie versteckt auf dem Dachboden mehrere Koffer, welche die sterblichen Überreste von Kindern enthalten. (Das passiert schon am Anfang der Geschichte, und ich möchte nicht groß spoilern, finde es in diesem Fall aber aufgrund der Intensität des Romans und der Triggergefahr wichtig, im Vorfeld darauf hinzuweisen, dass es hier um Kindermorde, und noch dazu um Serientaten, geht.) Mia belastet das alles sehr stark und sie hat das Gefühl, dass es ihr erst dann bessergehen wird, wenn die Hintergründe dieses Fundes geklärt werden konnten; und während sie sich bemüht, eine Verbindung zwischen ihrem Haus und den identifizierten Opfern herzustellen, deutet immer mehr daraufhin, dass sich der Serienkiller in ihrem direkten Umfeld befindet.

Die Perspektive wechselt hier häufig, neben Mia kommen auch ihr Mann, ihr Schwiegervater und ihre Schwiegermutter zu sprechen; ferner gibt es zwischendurch immer wieder Schübe, in denen Interviews oder Presseberichte zu den Vorkommnissen wiedergegeben werden. Die ganze Geschichte wird also von mehreren Seiten aus beleuchtet; die namentlich bekannten Ich-Erzähler haben alle einen gewissen Tunnelblick und da wird sehr deutlich, dass diese Vier auch untereinander, teils miteinander, Geheimnisse voreinander haben. Die ganze Atmosphäre ist sehr „sticky“ und unangenehm.
Weiterhin gibt es auch noch einen namentlich nicht genannten Erzähler, dessen Erzählstrang sich mehrere Jahrzehnte zuvor abspielt, und bei dem es sich ganz offensichtlich um das Kind handelt, das die in der Buchbeschreibung genannten Worte in die Fußleiste gekratzt hatte – das war ein bisschen unglücklich, denn in diesen Schilderungen kommt in der deutschen Übersetzung nun einmal ein einziges, sehr spezifisches Wort vor, das dem aufmerksam Lesenden die Auflösung verrät. Nicht den kompletten Schluss (der wird nämlich nochmal krasser), aber man wundert sich, sofern man diesen Begriff nicht überliest, hier nicht, wenn die Täterschaft „überraschend“ enthüllt wird.

Diese gesamte Szenerie ist letztlich so unglaublich, und alles wird gefühlt Seite um Seite nochmals krasser und ich bin mir nicht sicher, ob mir der Schluss bzw. der Epilog nicht doch auch schon ein bisschen zu viel Drama war; ich war im Vorfeld darauf eingestellt, dass ein John-Marrs-Thriller sicher extrem sein und mich an mehreren Stellen verblüffen könnte; „Die Schatten über uns“ ist ein bisschen wie die erst wirklich dunkle Version von Marrs‘ „The Good Samaritan“, oder auch von Ketchums „Evil“. Ich weiß, dass das komplett auf wahren Ereignissen basierende „Evil“ sehr viele Leserinnen zwar völlig gefesselt, aber auch total verstört, hat und viele mit bestimmten Szenen zu kämpfen hatten, die ich ganz gut weggesteckt habe, weil ich deren Schilderung gar nicht als so intensiv empfand (wobei ich zugegeben aber auch den zugrundeliegenden Kriminalfall vorher kannte und darum mit den entsprechenden Taten im Buch schon im Vorfeld rechnen konnte). „Die Schatten über uns“ ist nun fiktional, aber Marrs erklärt im Nachwort, mit welchen berüchtigten (realen) Serienkillern er sich für diese Geschichte näher befasst hat und an wem sich einige Darstellungen des Buches orientieren, und ja, man liest hier unter Anderem aus Tätersicht, wie großartig es jemand findet zu morden und Reue spielt hier gar keine Rolle.

„Die Schatten über uns“ ist ein durch und durch böses Serienkillerbuch, bei dem es kaum einmal um die Opfer geht – und das ich nicht einem Menschen, ob Freund oder Feind, empfehlen würde, dem „Evil“ eigentlich schon zu viel war. Für mich besteht die Zielgruppe in diesem Fall wirklich aus den Leser
innen von „Evil“, die von dessen Geschichte eben nicht bereits verstört wurden. Thrillerfan hin oder her, man sollte hier definitiv zusätzlich einen Hang zum Horrorgenre hin haben.
Für mich war „Die Schatten über uns“ nun mit Abstand mein bisheriges Lesehighlight 2022, und ja, ich habe danach sehr schlecht und mit wirklich heftigen Träumen geschlafen, aber ich habe das Buch auch einfach nicht aus der Hand legen können, weil ich während des Lesens wiederholte „Nicht dein Ernst jetzt? Ich fasse nicht, was ich da grad gelesen habe: Okay, also das nächste Kapitel noch!“-Momente hatte.