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Veröffentlicht am 10.10.2025

Unkonventionell spannend

Die Spur der Vertrauten
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“Die Spur der Vertrauten” ist ein Einzelband von Christelle Dabos. In dieser phantastischen Dystopie entführt die Autorin ihre Leser:innen in eine Welt, in der die individuellen Instinkte der Menschen ...

“Die Spur der Vertrauten” ist ein Einzelband von Christelle Dabos. In dieser phantastischen Dystopie entführt die Autorin ihre Leser:innen in eine Welt, in der die individuellen Instinkte der Menschen Imperativ sind und das Wir über allem steht. Claire, eine Vertraute, und Goliath, ein Schützer, sind durch ihre Instinkte nicht prädestiniert, aufeinander zu treffen. Doch beide sind auf die Spur der Unauffindbaren gestossen. Und ihr gemeinsames Abenteuer setzt Dinge in Gang, die weit über ihr Vorstellungsvermögen hinaus gehen.

Mit den imperativen Instinkten und dem übergeordneten Wir hat Dabos eine explosive Prämisse und daraus eine faszinierende Welt erschaffen. Allmählich und durch die Augen ihrer Figuren tauchen die Leser:innen in diese vertraute und zugleich fremde Welt ein, immer ganz nah an den Menschen dran und mittendrin. Die Figuren selbst sind unkonventionell, sowohl überzeichnet als auch realistisch mehrdimensional, originell anders und eben doch nahbar, in ihrer Perspektive und in ihren Mustern gefangen und kämpfen doch darum, über den Tellerrand hinaus zu schauen - frustrierend wie befriedigend lebendig.

Auch die Plotstruktur ist bemerkenswert unkonventionell. Die erste Hälfte rast fast atemlos auf einen Höhepunkt zu, dessen Auflösung der Geschichte in der zweiten Hälfte eine unerwartete neue Richtung gibt. Ja, der Plot ist ziemlich exzentrisch, vielleicht sogar bizarr, bleibt aber in sich logisch, wenn man die Prämisse akzeptiert hat. Und die Auflösung ist revolutionär und doch ganz sanft.

Erzählt wird das alles von mehreren Ich-Erzählern. Hauptsächlich sind es Goliath und Claire, durch dessen Augen die Leser:innen mitfiebern. Aber auch hier weicht Dabos von der Norm ab und gibt Einblicke in die Köpfe und Wahrnehmungen mehrerer Nebenfiguren.

“Die Spur der Vertrauten” bricht auf originelle Weise mit Konventionen und Mainstream des dystopischen Genres, trumpft mit liebevoll skurrilen Figuren und schwindelerregender Spannung. Für mich hat dieses Buch das Potenzial zum Jahreshighlight.

Ich bedanke mich beim Rotfuchs Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Kann man lesen

Amazonenbrüste
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“Amazonenbrüste” ist Reyhan Şahins autobiografische Erzählung ihrer Brustkrebserkrankung. Mir war die Autorin bis anhin kein Begriff, weder als Schriftstellerin noch in ihren Rollen als Rapperin oder Wissenschaftlerin. ...

“Amazonenbrüste” ist Reyhan Şahins autobiografische Erzählung ihrer Brustkrebserkrankung. Mir war die Autorin bis anhin kein Begriff, weder als Schriftstellerin noch in ihren Rollen als Rapperin oder Wissenschaftlerin. Meine Lesemotivation war das Thema Brustkrebs.

Şahin erzählt von der ersten Verdachtsdiagnose, dem Schock, ihren Erfahrungen mit den Ärzt:innen, ihren Ängsten, der Unterstützung die sie erfahren hat, der Chemo, den Sorgen und ihrem Leidensweg und den Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnet ist. Ein Erfahrungsbericht Diagnose Brustkrebs eben, der zur Sichtbarkeit der Thematik in der Öffentlichkeit beiträgt. Bemerkenswert fand ich, wie offen Şahin offenbar mit ihrer Diagnose umging, wie weit sie die Information gestreut hat. Ein solcher Umgang und die Beispiele der positiven und unterstützenden Reaktionen mögen für Betroffene ermutigend sein und Vorbildcharakter haben.

Für mich als nicht betroffene Person war die Lektüre zwar informativ aber auch etwas oberflächlich. Nach dem Klappentext hatte ich etwas tiefere Auseinandersetzungen mit dem medizinischen System, vielleicht mit gesellschaftlichen Strukturen erwartet. Es gibt zwar immer wieder kleine Erörterungen und Exkurse - diese stehen aber nur lose im Zusammenhang mit der Krankheitsgeschichte und fokussieren eher auf den persönlichen und beruflichen Hintergrund der Autorin. Interessant, aber eben nicht das, was ich zu lesen gehofft habe. Gewürzt wird der Text immer wieder mit persönlichen und direkte Kursivgedanken - Englische Ausrufe und Flüche, türkische Wendungen, Hiphopslang und Unmengen von Ausrufe- und Fragezeichen. Das macht den Text zwar authentisch, aber auch anstrengend zu lesen.

Insgesamt war “Amazonenbrüste” ein kurzweiliger Ausflug in eine mir unbekannte Erfahrungswelt. Ich hoffe, dass Betroffene - von Brustkrebs und/oder Diskriminierung aufgrund ihrer Migrationsgeschichte - und Fans von Şahin daraus Kraft und Mut schöpfen können. Für mich wars leider nicht gehaltvoll genug, um mich zu inspirieren oder zu begeistern.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und dem Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 19.09.2025

Die Katharsis der Alice Law

Katabasis
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“Katabasis” ist der neuste gesellschafts- und sozialkritische Fantasyroman von Rebecca F. Kuang. Ich erwähne das hier extra deutlich, denn wer aus dem Klappentext ein höllisches Mainstreamabenteuer mit ...

“Katabasis” ist der neuste gesellschafts- und sozialkritische Fantasyroman von Rebecca F. Kuang. Ich erwähne das hier extra deutlich, denn wer aus dem Klappentext ein höllisches Mainstreamabenteuer mit romantischem Fokus herausliest, wird mit falschen Erwartungen an dieses Buch heran treten. Ja, die Hölle wird physisch betreten und von Alice und Peter auf ihrer Suche nach dem Professor durchwandert und durchlitten. Es ist aber auch und vor allem eine Reise in die Hölle der elitären akademischen Welt und in Alice’ ganz persönliche Abgründe.

Wie schon im Genrevorgänger Babel erschafft Kuang auch für Katabasis ein magisches Setting, das eng mit der akademischen Welt einer Eliteuniversität verwoben ist. Und wiederum fasziniert mich die Art und Weise, wie sie die Realität mit dem Phantastischen verwebt und dabei mühelos ein wissenschaftlich und sogar plausibel anmutendes Magiesystem erschafft. Besonders gefreut hat mich, dass dieses sorgfältig durchdachte System auch zu tatsächlich praktischer Anwendung kommen darf und eine relativ prominente und aktive Rolle erhält. Das Setting hat mich mit seiner organischen Lebendigkeit und Plotrelevanz definitiv überzeugt.

Sprachlich war Katabasis - wie nicht anders zu erwarten - ein Genuss. Kuangs Stil ist präzise und dennoch anschaulich, der Ton situativ angepasst ironisch, humorvoll, akademisch und/oder bedrückend. Die Autorin weiss definitiv mit Sprache umzugehen und traut ihren Leser:innen gewisse Standards zu. Oder verlangt sie ihnen ab - vor allem auch inhaltlich. Das Buch spielt in einer akademischen Welt und die Protagonisten gehören in dieser zur Elite. Entsprechend verhandeln sie im Laufe der Geschichte theoretische Konzepte, die nicht allen Lesenden geläufig sein dürften. Meiner Meinung nach gelingt es Kuang aber grossmehrheitlich bemerkenswert gut, diese abstrakten Theorien so zu präsentieren, dass ich auch als Leserin mit bescheidenerem Bildungskontext gut folgen konnte.

Wie bereits angedeutet, handelt es sich bei Katabasis nicht nur um ein Fantasyabenteuer. Kuang nutzt ihr Werk, um vielschichtige Kritik an der Gesellschaft zu üben, wodurch eine sehr figurenzentrierte Geschichte entsteht. Obwohl es immer wieder Momente äusseren und physischen Konfliktes gibt und die Plotspannung dadurch hochschiesst, handelt es sich doch vor allem um eine seelische Reise der Protagonistin, die oft von philosophischen Auseinandersetzungen und kontextualisierenden Rückblicken geprägt ist. Alice Katharsis hat damit durchaus - und je nach Erwartungshaltung und Geduld - durchaus ihre kleinen Längen und vielfältigen Wirrungen.

“Katabasis” war für mich ein sprachlich hochstehendes Lesevergnügen, das in eine faszinierende Welt, vor allem aber in die Erlebenswelt einer vielschichtigen jungen Frau entführt hat. Alice Konfrontation mit den Dämonen ihrer selbst und ihrer Welt war sowohl treffend und entlarvend, als auch hochgradig anregend zu lesen. Es ist eines dieser Bücher, das ich gerne noch ein zweites Mal in die Hand nehmen werde, weil ein einziger Durchgang der Fülle an Gehalt kaum gerecht werden kann.

Ich bedanke mich herzlichst beim Eichborn Verlag für das Rezensionsexemplar! Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Mehr als Biologie

Organisch
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“Organisch” ist das neue populärwissenschaftliche Werk von Giulia Enders, das, nach eigener Aussage, in enger Zusammenarbeit mit ihrer Illustratorin und Schwester Jill Enders entstanden ist. Das Hörbuch ...

“Organisch” ist das neue populärwissenschaftliche Werk von Giulia Enders, das, nach eigener Aussage, in enger Zusammenarbeit mit ihrer Illustratorin und Schwester Jill Enders entstanden ist. Das Hörbuch wurde von der Autorin selbst eingesprochen.

Nach ihrem Bestseller “Darm mit Charme” - den ich selbst nicht gelesen habe - verfolgt Enders diesmal einen holistischeren Ansatz und widmet sich nacheinander der Lunge, dem Immunsystem, der Haut, den Muskeln und dem Gehirn. Dabei präsentiert sie einerseits die biologischen Fakten und Funktionsweisen in anschaulicher und ansprechender Prosa und schafft es so, komplexe Logiken und uns normalerweise verborgene Abläufe eingängig und leicht verständlich zu vermitteln. Die wirkliche Leistung dieses Buches liegt für mich aber in der Botschaft, die stellenweise explizit, meistens aber implizit wunderschön mitschwingt. Enders erklärt uns nicht nur unseren Körper, sondern zeigt damit auf, was wir von ihm lernen können. In einer Welt, die so sehr auf das Aussen, den Schein und unsere Leistung fokussiert ist, kommt es einer kleinen Erleuchtung, jedenfalls einer Wohltat gleich, den Blick einmal ins Innen zu richten. Unsere Organe, unsere Biologie, hat sich über Jahrmillionen entwickelt, ihre Strategien, auf die Umwelt zu reagieren, angepasst und hat nur ein Ziel: Leben. Wieso also nicht einmal innehalten und dieser verborgenen Weisheit lauschen? Ja, lauschen - nicht nur der Inhalt lädt dazu ein, auch Giulia Enders Leseleistung passt genau zum Ton des Textes.

“Organisch” hat für mich das perfekte Gleichgewicht zwischen Wissensvermittlung und Inspiration getroffen und ist damit sowohl ein leicht verständliches, äusserst interessantes Sachbuch, als auch ein sanfter, inspirierender Lebensratgeber.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und beim Verlag Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 15.08.2025

Bewegend und nachdenklich

Die Ausweichschule
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“Die Ausweichschule” ist ein autifktionaler Roman von Kaleb Erdmann, der als Elfjähriger am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt den dortigen Amoklauf miterlebt hat. Über zwanzig Jahre danach setzt sich Erdmann ...

“Die Ausweichschule” ist ein autifktionaler Roman von Kaleb Erdmann, der als Elfjähriger am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt den dortigen Amoklauf miterlebt hat. Über zwanzig Jahre danach setzt sich Erdmann erneut mit dieser Zeit auseinander, mit dem Ereignis, aber vor allem mit der Verarbeitung, seinen Erinnerungen und der Frage, wie eine künstlerische Adaption einer solchen Gewalttat aussehen darf.

Auf zwei nahe beieinander liegenden Zeitebenen - es trennen sie nur etwa sechs Monate - erzählt Erdmann den Entstehungsprozess eines (fiktionalen) Romans über die Ausweichschule, also über die Zeit unmittelbar nach dem Amoklauf. Während der spätere Erzählstrang sich nur über wenige Tage erstreckt, umfasst der frühere mehrere Monate. Da letzterer eher episodisch erzählt wird, habe ich eine Weile gebraucht, um zu merken, dass es eine chronologische Kohäsion gibt - das hat mitunter zur ein oder anderen Verwirrung geführt.
Erdmanns Stil ist nüchtern, geradezu minimalistisch und vermittelt, gemeinsam mit dem Inhalt, eine gedrückte, grüblerische Stimmung. Die Szenen wirken aus dem Leben gegriffen, manchmal hilflos, manchmal chaotisch, manchmal grotesk, oft nachdenklich und philosophisch - und immer wieder mit einem trockenen Humor unterlegt. Ich fand es interessant, dem Protagonisten durch sein halb verkorkstes, halb geregeltes Leben zu folgen, seine Schrullen kennen zu lernen und vor allem seinen sich entwickelnden Gedanken, Erkenntnissen und seiner Suche beizuwohnen. Mich faszinieren die Überlegungen, die angestellt werden, das Infragestellen der eigenen Erinnerung, die Gegenüberstellung des öffentlichen Narrativs, der private und der gesellschaftliche Umgang mit einer Schreckenstat. Erdmann ist es meiner Meinung nach gelungen, viele Facetten dieser Thematik einzufangen, dabei Fragen aufzuwerfen, sie zu bearbeiten, aber ohne sie belehrend gänzlich zu beantworten.

Insgesamt ist “Die Ausweichschule” ein ruhiger Roman, den ich ausserdem als ehrlich, vielleicht aufrichtig wahrgenommen habe. Die wenigen Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, etwas zu viel selbst bemitleidenden Showeffekt und überzogenes Drama (vielleicht als Hommage an sein Vorbild Carrère?) wahrzunehmen, mögen ihm verziehen sein.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und den Verlag park x ullstein für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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