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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.04.2025

Sehnsucht nach dem Meer

Fernwehland
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Für mich als in der DDR geborene und 12 Jahre lang aufgewachsene, sind Bücher die DDR Geschichte thematisierennoft besonders interessant. Es wird immer ein Zugehörigkeittsgefühl zu dem Land bleiben, von ...

Für mich als in der DDR geborene und 12 Jahre lang aufgewachsene, sind Bücher die DDR Geschichte thematisierennoft besonders interessant. Es wird immer ein Zugehörigkeittsgefühl zu dem Land bleiben, von dem ich dankbar bin, dass es nicht mehr existiert.

Kati Naumann schreibt so fließend und leicht, dass man nur so durch die Seiten fliegt. Die Geschichte rund um das Schiff MS Völkerfreundschaft empfand ich als ungemein spannend und tatsächlich hatte ich nur Mal entfernt von dem Schiff gehört. Daher war alles rund um das Schiff für mich Neuland.

Kati Neumann vererbt Fakten mit Fiktion und baut eine neue Familiengeschichte drumherum auf. Eine alte Frau und ein mittelaltes Pärchen treffen in der Gegenwart aufeinander. Alle drei verbindet die Liebe zum Schiff und nach und nach erfahren wir ihre Geschichte und ihre Schicksale. Ein junges Mädchen stößt hinzu und ihre Verbindung bleibt lange im Dunkeln. Für mich waren einige Wendungen absolut nicht vorhersehbar, einge vielleicht schon.

Besonders gut gefallen hat mir, dass die Geschichte zwar sehr bildreich, aber teilweise auch recht nüchtern erzählt wird. Die Geschichte driftet nie in den Kitsch ab. Das Ende mag eventuell etwas blumig sein, aber es passt zu dem Gesamtbild der Geschichte.

Ein warmer Roman mit viel Hintergrundwissen und der Sehnsucht einmal auf einem Schiff anzuheuern.

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Veröffentlicht am 02.04.2025

Feministisches Coming-of-age

Wenn wir lächeln
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'Wenn wir lächeln' ist ein Buch, dass sich nicht einfach nebenher lesen lässt. Im Alltagstrubel mit Kindern, um mich herum, die stændig Fragen stellen oder in der Bahn, in der Menschen lautstark ihre Krankenakte ...

'Wenn wir lächeln' ist ein Buch, dass sich nicht einfach nebenher lesen lässt. Im Alltagstrubel mit Kindern, um mich herum, die stændig Fragen stellen oder in der Bahn, in der Menschen lautstark ihre Krankenakte diskutieren, fiel es mir schwer mich darauf einzulassen. Dabei hat es dieses Buch verdient sich voll und ganz einzulassen.

Mit Jara und Anto lernen wir zwei komplexe und vielschichtige Charaktere kennen. Beide sind in dieser oft schwierigen Schwebephase zwischen Jugendbund Erwachsenwerden. Aus Jaras Perspektive lesen wir von dem finden ihrer Freundschaft aber auch dem verlieren. Mascha Unterlehberg beschreibt dabei so gekonnt diesen Wunsch nach exklusiver Zugehörigkeit auf der einen Seite, aber auch dem orientieren außerhalb einer engen Bubble andererseits.

Was als Freundschafts- und Coming-of-age Roman beginnt, wird im Laufe der Geschichte immer mehr zu einer feministischen Auseinandersetzung mit dem Patriarchat. Anfangs wird vieles einfach hingenommen, eben weil es sich seit Jahrzehnten, Jahrhunderten in uns Frauen so eingefressen hat. Doch die Wut dringt nach und nach an die Oberfläche. Dabei sind die Konsequenzen viel subtiler und leiser als zum Beispiel in Mareike Fallwickls Romanen, aber nicht weniger gut. Ich fühlte mich an manchen Stellen zurück versetzt in meine eigene Jugend und die damit verbundene Unsicherheit. Wie oft habe ich auch nachts auf dem Heimweg meine Schlüssel zwischen die einzelnen Finger gesteckt, als mögliche Waffe, die glücklicherweise nie zum Einsatz kam. Und auch jetzt male ich mir manchmal wie Jara furchtbare Dinge aus, wenn meine große Tochter nicht wie verabredet zu Hause oder nicht erreichbar ist.

Mascha Unterlehberg hat hier einen beeindruckenden Debütroman vorgelegt, dem ich nicht die genügende Aufmerksamkeit schenken konnte. Ein ReRead ist daher unerlässlich.

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Veröffentlicht am 25.03.2025

Leichte Lektüre

Only Margo
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Dieses Buch hat meinen Horizont erweitert. Von Only Fans hatte ich bis dato zwar gehört, aber um ehrlich zu sein, überhaupt keine Ahnung, um was es sich dabei handelt.
Dank Margo weiß ich es nun und damit ...

Dieses Buch hat meinen Horizont erweitert. Von Only Fans hatte ich bis dato zwar gehört, aber um ehrlich zu sein, überhaupt keine Ahnung, um was es sich dabei handelt.
Dank Margo weiß ich es nun und damit ist auch gleichzeitig meine Neugier befriedigt. Es ist vermutlich unterhaltsam im anzüglichen Sinn, aber nicht unbedingt notwendig. So verhält es sich für mich auch mit dem Buch. Es hat mich unterhalten, aber ich hätte auch nicht so viel verpasst, wenn ich es nicht gelesen hätte (bis auf das Wissen um Only Fans).

Das klingt, wenn ich es noch einmal lesen, negativer als es gemeint ist. Der Plot liest sich wirklich flüssig und bietet Humor und Tragik gleichermaßen. Die Charaktere sind schrä, besonders, warmherzig und einfach alle sehr unterschiedlich. Margo, die Protagonistin, hat mich manchmal genervt, aber ihre innige Verbundenheit mit ihrem Sohn Bodhi hat mich gerührt. Jinx, Margos Vater, hätte ich sofort adoptieren wollen, hätte ich nicht selbst ein noch viel besseres Exemplar von Papa.

Only Margo ist ein perfektes Buch für zwischendurch und um dem Alltag zu entfliehen. Nicht zu tiefgründig aber auch nicht platt.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Blumenfrau behauptet sich im Kran und in sämtlichen Systemen

Schwebende Lasten
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' Hanna hatte es eilig, wie es in Berlin alle immer eilig hatten... .'

Hanna Krause, eine Frau, ein Unikum, eine Zeitzeugin deutscher Geschichte. Fast ein Jahrhundert umspannendes Werk aber dabei so kurzweilig ...

' Hanna hatte es eilig, wie es in Berlin alle immer eilig hatten... .'

Hanna Krause, eine Frau, ein Unikum, eine Zeitzeugin deutscher Geschichte. Fast ein Jahrhundert umspannendes Werk aber dabei so kurzweilig erzählt. Annett Gröschner schafft mich emotional in dieser Geschichte abzuholen, obwohl der Schreibstil teilweise sehr nüchtern daher kommt.

Ich hatte das Gefühl, dass Hannas Leben so vorbeirauscht, vielleicht weil wirklich viel in ihrem Leben und ums sie herum im Leben und in Deutschland passiert.

Als Frühwaise bahnt sie sich ihren Weg mithilfe oder trotz ihrer älteren und sehr eigenen Halbschwestern. Durchlebt Kriege und eine Ehe, bekommt ein Kind nach dem anderen, verliert Kinder, muss mehrfach abtreiben in einer Zeit, in der dies verboten und große Risiken für das eigene Leben birgt, behauptet sich in einem sozialistischen System, dem sie durchaus auch kritisch gegenüber steht.
Und wie genial ist diese Frau in ihrer Berufswahl. Die passionierte Blumenbinderin, ein Beruf in den sie familiär hineinwächst, wird später zur ersten weiblichen Kranfahrerin und liest nebenher Thomas Mann. Ihr Leben lang verbringt sie in Magdeburg, von einer Stippvisite in Berlin angesehen, und den größten Teil im berüchtigten Ortsteil Knattergebirge. Meine geopolitischen Kenntnisse wurden damit erweitert.

Man muss diese Frau einfach in ihr Herz schließen. Beim Lesen keimte mehrfach der Wunsch aus, Hanna jetzt vis-a-vis gegenüber zu stehen. Etwas von ihrer Energie, ihrer Schnodderigkeit, die trotz allem vor Lebenslust sprüht, einsaugen.

Ein Buch, dass so vieles ist: Familienroman, Zeitgeschichte, feministische Lektüre, ohne aber den Anspruch zu haben, dies alles sein zu müssen. Ich habe mich regelrecht aufs Weiterlesen gefreut. Ich habe gelacht, aber auch sehr viel gelitten, ich habe mich in Ambrosius Bosschaerts Blumengemälde verliebt und am Ende ziehe ich meinen Hut. Vor Hanna Krause.

' Kein Mensch mehr zu hören. Was für ein Luxus. Sie war ganz bei sich.'

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Wahnwitziger aber geistreiche Geschichte

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
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Ich habe beim Lesen dieses Buches direkt eine Leander Haußmann Verfilmung vor meinem inneren Auge. 1982 - DDR. Ich war da gerade 5 Jahre alt und Grischa beginnt seine Arbeit bei der Staatlichen Planungskommission. ...

Ich habe beim Lesen dieses Buches direkt eine Leander Haußmann Verfilmung vor meinem inneren Auge. 1982 - DDR. Ich war da gerade 5 Jahre alt und Grischa beginnt seine Arbeit bei der Staatlichen Planungskommission. Das klingt schon so abstrus, wie es im Buch dann auch beschrieben ist. Ein Meer aus Wichtigtuerei und Nichtstun. Abgedroschen, aber mit Sicherheit nicht ganz an der Realität vorbei.

Der Fakt: Die DDR-Regierung, kurz vor dem finanziellen Ruin, nimmt von der BRD eine Bundesbürgschaft in Höhe von 1 Milliarde DM an. Im Gegenzug demontiert sie die tödlichen Selbstschuss-Anlagen an der Grenze.

Jakob Hein hat sich dieser belegten Tatsache bedient, diese aber sagen wir mal, noch etwas ausgebaut. Wäre doch sonst auch zu simpel. Zurück zu Grischa. Däumchen drehen ist nicht sein Ding und so landet er den großen Coup mit Deutsch-Afghanischen Freundschaftsläden. Was man sonst nur im Görli oder am Kotti vermutet hat, spielt sich hier im ostdeutschen Grenzgebiet ab. Mehr möchte ich von dieser rasant erzählten Geschichte gar nicht preisgeben. Jakob Hein schreibt kurzweilig und unterhaltsam bisweilen ein wenig oberflächlich. Tiefe hatte ich jedoch bei diesem Buch nicht erwartet, dafür viel Witz und Ironie und beides habe ich bekommen.

für Nichtberliner: Görlitzer Park und Kottbuser Tor - Orte, die als Drogenverkaufsorte bekannt waren (und sind)

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