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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.07.2024

Tragisch, aber urkomisch

Ein Mann zum Vergraben
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Auch wenn es gefühlt eine halbe Ewigkeit her ist, kann sich bestimmt jeder von uns noch bestens an den Coronalockdown im Jahr 2020 erinnern. Zu Hause bleiben, Maske tragen und Spazieren gehen ...

Auch wenn es gefühlt eine halbe Ewigkeit her ist, kann sich bestimmt jeder von uns noch bestens an den Coronalockdown im Jahr 2020 erinnern. Zu Hause bleiben, Maske tragen und Spazieren gehen als neues Hobby etablieren. Für „Ein Mann zum Vergraben“ von Alexia Casale könnte es kein besseres Setting geben.

Was ist passiert?
Sally hat im Lockdown ihren Mann Jim mit einer Bratpfanne erschlagen. Ähnliches geschieht in unmittelbarer Nähe und fast zur gleichen Zeit bei Ruth, Samira und Janey. Damit haben die vier Frauen eins gemeinsam: vier tote Ehemänner, deren Leichen irgendwie verschwinden müssen. Denn keine von ihnen hat Lust, im Gefängnis zu landen. Aus einer Art Gefängnis haben sie sich nämlich gerade erst befreit, denn schnell stellt sich heraus, dass die Frauen noch mehr verbindet: das furchtbare Schicksal unter der häuslichen Gewalt ihrer Männer gelitten zu haben.

“Ein Mann zum Vergraben“ ist trotz der Tragik, die das Thema mit sich bringt, eine urkomische Geschichte, die neben Empörung und Humor viel Spannung zu bieten hat. Die Autorin versteht es sowohl, die Spannung immer weiter aufzubauen und zu halten, als auch das ganze Vorhaben der Frauen logisch nachvollziehbar zu gestalten. Das kommt mir bei manchen Krimis oft zu kurz. Hier liegt zwar kein klassischer Krimi vor, “Ein Mann zum Vergraben“ hätte aber absolut das Zeug dazu. Der Roman umfasst so viele Aspekte, die mich ihn kaum haben aus der Hand legen lassen, dazu zählen auch die unterschiedlichen Charaktere und ihre Backgrounds. Es ist spannend zu beobachten, wie sich die Frauen in ihrer neugewonnenen Freiheit und Freundschaft entwickeln. Bleibt nur die Frage offen, ob ihnen das am Ende nicht zum Verhängnis wird. Ich kann nur empfehlen, das selbst herauszufinden.

Bemerkenswert fand ich im Übrigen auch das sehr informative und zugleich erschreckende Nachwort der Autorin, auf das sie allein acht Seiten verwendet hat. Darin macht sie noch einmal ganz deutlich, was sie mit dem Buch erreichen will: „Ich will die Menschen zum Lachen bringen - und dann zum Nachdenken. Gewalt von Männern gegen Frauen und Mädchen ist eine Pandemie, die selbst Corona in den Schatten stellt, wird aber nur zu einem Bruchteil dessen wahrgenommen und bekämpft.“

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Veröffentlicht am 08.07.2024

Über Verletzungen und Verluste

Das Pfauengemälde
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„Du weißt ja, es gibt viele Legenden in der Familie, der eine weiß dies, der andere das. Es ist wichtig, die eigene Familiengeschichte zu kennen, um sich selbst zu verstehen.«
Dieses Zitat aus ...

„Du weißt ja, es gibt viele Legenden in der Familie, der eine weiß dies, der andere das. Es ist wichtig, die eigene Familiengeschichte zu kennen, um sich selbst zu verstehen.«
Dieses Zitat aus Maria Bidians Debütroman „Das Pfauengemälde“ beschreibt ziemlich gut, worum es in dem Buch geht: die Geschichte einer rumänischen Familie, der durch die Enteignung zu Zeiten des Kommunismus alles genommen wurde. Nach Jahren des Kämpfens und Prozesse Ausfechtens gelingt es ihr nun Stück für Stück ihren Besitz zurückzuerhalten, unter anderem das sagenumwobene Pfauengemälde, das von großer Bedeutung für Anas totem Vater Nicu war.
Um es sich zurückzuholen, reist die Erzählerin der Geschichte, Ana, die in Deutschland lebt und aufgewachsen ist, zu ihrer Familie nach Rumänien.
Mit ihrer Reise beginnt für mich das Eintauchen in eine vollkommen neue Kultur und Geschichte, was ich als sehr spannend und bereichernd empfunden habe.
An der Stelle muss ich auch direkt sagen, dass dieser Roman eher nichts für mal eben zwischendurch ist. Warum das so ist, lag bei mir vor allem daran, dass ich mich bislang noch nicht mit der rumänischen Geschichte auseinandergesetzt hatte. Dementsprechend fehlte mir einiges an Hintergrundwissen, was dazu geführt hat, dass ich mich nebenbei ein wenig darüber informiert habe.
Da ich mir durchaus vorstellen kann, damit nicht allein zu sein, ist ein kleiner Kritikpunkt, dass einige Erzählungen und Gedankensprünge der Hauptfigur Ana zusätzlich für etwas Verwirrung bei mir sorgten und ich betroffene Stellen wiederholt lesen musste, um sie zu verstehen. Ansonsten gefiel mir der Schreibstil der Autorin sehr gut, da Bidian eine schöne poetische Sprache gewählt hat, mit der sie sehr bildhafte Schilderungen präsentiert, die mich in rumänische Landschaften und Familienfeiern versetzt hat. Mir gefällt auch, dass sie immer wieder rumänische Begriffe einstreut, die im Kontext gut erklärt werden und zu diesem Gefühl „dort zu sein“ beitrugen. Die Charaktere, die den Lesenden in “Das Pfauengemälde“ begegnen werden - obwohl es sehr viele sind - dadurch ebenfalls gut porträtiert.
Insgesamt ein ausdrucksstarker Roman über die Verletzungen und Verluste eines Landes.

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Veröffentlicht am 28.06.2024

Erschreckend nah an der Wirklichkeit

VIEWS
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Wer den Namen Marc-Uwe Kling hört, hat bislang sicher nicht an Thriller gedacht, das ändert sich nun. Denn sein erster Thriller “Views“ ist ganz frisch im Ullstein Verlag erschienen. Da ich großer ...

Wer den Namen Marc-Uwe Kling hört, hat bislang sicher nicht an Thriller gedacht, das ändert sich nun. Denn sein erster Thriller “Views“ ist ganz frisch im Ullstein Verlag erschienen. Da ich großer Fan seiner bisherigen Bücher bin, war es klar, dass ich „Views“ unbedingt lesen muss.
Worum es geht?
Yasira ist Kommissarin beim BKA und ermittelt im Fall der verschwundenen 16- jährigen Lena Palmer. Kurz nach ihrem Verschwinden taucht ein verstörendes Video auf, in dem unter anderem die Schülerin zu sehen ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte fühlt sich eine rechte Gruppierung namens „Aktiver Heimatschutz“ zuständig, ihren Fall aufzuklären, was ungeahnte Folgen nach sich zieht.
Die gesamte Zeit über bleiben die Ermittlungen und neuesten Ereignisse so spannend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Welche Auswirkungen das viral gegangene Video hat, ist gar nicht mal weit hergeholt, ebenso wenig die vom Autor dargestellten Reaktionen einiger Akteure. Immer wieder flechtet er aktuelle, reale Geschehnisse in seine Geschichte mit ein. Was erschreckende Parallelen zutage fördert und ich mir mehr als einmal die Frage gestellt habe: Kann Marc-Uwe Klings Szenario Wirklichkeit werden? Oder vielmehr: Wann kann Marc-Uwe Klings Szenario Wirklichkeit werden? Stichwort: Künstliche Intelligenz.
Zugegeben, über weite Teile hatte ich bei „Views“ eher den Eindruck, einen Kriminalroman in der Hand zu halten. Das Gefühl, einen Thriller zu lesen, kam erst im letzten Drittel des Buches auf. Dennoch lässt mich das Buch definitiv nachdenklich zurück, aber auch sensibilisiert für das, was insbesondere in sozialen Medien geschieht und noch zu erwarten ist. Abschließend kann ich nur sagen, dass ich mir wünsche, dass „Views“ nicht Marc-Uwe Klings einziger Thriller bleibt.

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Veröffentlicht am 10.06.2024

Eine bewegende Suche nach Antworten

Seinetwegen
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“Seinetwegen“ von Zora del Buono ist ein Recherche-Roman und handelt von einer Suche. Eine Suche nach einem Mann mit den Initialen E.T., dem Unfallverursacher, der den Tod del Buenos Vaters vor ...

“Seinetwegen“ von Zora del Buono ist ein Recherche-Roman und handelt von einer Suche. Eine Suche nach einem Mann mit den Initialen E.T., dem Unfallverursacher, der den Tod del Buenos Vaters vor 60 Jahren zu verschulden hat. Eine wahre Geschichte also. Da die Autorin selbst erst acht Monate alt war, als der Unfall geschah, hatte sie nie die Gelegenheit, ihren Vater kennenzulernen.

Sie beschreibt in „Seinetwegen“ Episoden und Gedanken aus ihrem Leben, eine Mischung aus Erinnerungen, Fakten und regelmäßigen Gesprächen mit Ihren Freunden über ihre neuesten Erkenntnisse. Dabei geht es um Schuld, Trauer und Verantwortung, aber noch viel mehr als das.

Die Geschichte hat mich gepackt und ich habe mitgefiebert zu welchen Erkenntnissen und Begegnungen es wohl als nächstes kommen wird.

Auch wenn mich anfangs die wechselnden Themen und Gedankensprünge etwas irritierten, nachdem ich mich drauf eingelassen hatte, waren sie absolut nachvollziehbar und hatten einen großartigen Effekt auf die Dramaturgie des Romans. Am Ende entsteht ein Bild, das ich so zu Beginn und im Verlauf der Erzählung nicht erwartet hätte.

Eine bewegende Geschichte, der ich 5 von 5 Sterne gebe.

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Veröffentlicht am 13.05.2024

Auftakt mit kleinen Schwächen

Die Sehenden und die Toten
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„Die Sehenden und die Toten“ ist der Auftakt einer Krimireihe um die Ermittlerin Clara Seidel, die im Wendland spielt. Der Fall: Der 16-jährige Justus wird tot aufgefunden, das Bizarre dabei, ...

„Die Sehenden und die Toten“ ist der Auftakt einer Krimireihe um die Ermittlerin Clara Seidel, die im Wendland spielt. Der Fall: Der 16-jährige Justus wird tot aufgefunden, das Bizarre dabei, anstelle seiner Augen befinden sich Spiegelscherben in seinen Augenhöhlen. Wer hat dem Teenager das angetan und warum? Das zu klären, ist die Aufgabe von Carla und ihrem Team. Infrage kommen eine Reihe von Personen und im Laufe der Erzählung machen sich auch immer mehr Leute verdächtig. Carlas Tochter Lana hilft ihrer Mutter heimlich bei den Ermittlungen, denn sie ist genau im Alter des Mordopfers und hat deshalb gute Connections zu seinem Umfeld. Leider wirken diese Verbindungen sowie die Verdächtigen an manchen Stellen sehr konstruiert. Dazu kommt, dass Ermittlerin Carla manchmal unerwartete Gedankensprünge hat, denen schwer zu folgen bzw. die schwer nachzuvollziehen sind und manchmal damit den Lesefluss stört. Außerdem gibt es immer wieder Anspielungen auf ihre Vergangenheit und ihren Ex-Mann, die aber im Verlauf der nicht ganz aufgelöst werden. Meine Vermutung ist aber, dass die Thematik im nächsten Band noch eine Rolle spielen wird. Insgesamt finde ich die Charaktere interessant, sie sind sehr facettenreich und die meisten Personen wirken auch sympathisch, allen voran das Ermittlungsteam um Carla Seidel. Auch wenn dieser Krimi mich nicht komplett überzeugen konnte, würde ich dem Nachfolger auf jeden Fall eine Chance geben, denn Potenzial ist vorhanden.

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