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Veröffentlicht am 08.10.2025

Herzzerreißender Spiegel auf Amerika

Der Kaiser der Freude
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„Aber hab keine Angst vor dem Leben. Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun.“

„Der Kaiser der Freude“ ist ein Buch voller Ohnmacht und Alltäglichkeit, von den Schwierigkeiten und Freuden des ...

„Aber hab keine Angst vor dem Leben. Das Leben ist gut, wenn wir einander Gutes tun.“

„Der Kaiser der Freude“ ist ein Buch voller Ohnmacht und Alltäglichkeit, von den Schwierigkeiten und Freuden des Alltags. Von Freundschaft - ganz egal in welcher Form und dem Fünkchen Licht, das in jeder Dunkelheit existiert. Genauso ist es ein Roman ohne erkennbares Ziel. Es fühlt sich so an, als würden wir Hai, selbstmordgefährdet und medikamentenabhängig, fürsorglich und warmherzig, nur ein Stück auf seinem Weg begleiten. Und das schmerzt - gerade weil sein Schicksal so prekär wie offen ist.

Hai lebt in einer heruntergekommenen Kleinstadt in New England - und sein Leben liegt in Scherben bis ihn Grazina, eine alternde immigrierte Überlebende aus dem 2. Weltkrieg, deren eigene Geister in ihrem Kopf immer stärker werden, vor dem Freitod rettet. Er zieht bei ihr ein, wird der Pfleger der an Demenz erkrankten Damen und beginnt in einem Diner zu arbeiten. Nicht dass Grazina alle Scherben wieder zusammenpuzzlen wird, nein, dass nicht. Aber sie zeigt die Schönheit im eines einzelnen Bruchstücks

Mich hat die wachsende Beziehung zwischen dem jungen Hai und der über 80 Jährigen sehr berührt. Mit jeder Seite, voller Gesprächen der beiden, mal vollkommen klar, mal überlagert von Grazinas Erinnerungen aus dem 2. Weltkrieg, die sich immer mehr in den Alltag schleichen, sind sie mir mehr ans Herz gewachsen. Ihre wachsende Freundschaft, ihr Lernen voneinander, fand ich sehr eindringlich beschrieben. Für mich sind die beiden und ihre kleinen Abenteuer das Herz des Romans.

Die Erzählung zentriert sich auf Hai, seine Depression und seine Tablettenabhängigkeit, seine Trauerbewältigung, seine Fehlschläge und sein eigenes Schuldbewusstsein für so viele Dinge, an denen er nur zum Teil die Schuld trägt. Manchmal ist das für den Lesenden selbst schwer zu ertragen.

Der zweite zentrale Aspekt ist Hais Job im Diner, sein Verhältnis zu seinen Kollegen und die sich hier entwickelnde Freundschaft. Das war das Gegengewicht zu seiner Beziehung zu Grazina, obwohl sich zwischen Grillhähnchen und Fertigkartoffelpüree auch eine feste Gemeinschaft entwickelt - sogar mit Spinatmissbrauch. Trotzdem hat mich das Diner nicht ganz so gefesselt - die Erzählung mäanderte vor sich hin (ich bin mir bewusst, dass das von Ocean Vuong gewollt war!). Trotzdem hat es mich ab und an verloren.

Alles in allem ein Roman, der grandiose Momente, weise Sätze und plastische Gedankenbilder in sich vereint - zu einem Plädoyer an das Leben und warum es wert ist, nicht aufzugeben.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Ausflug in die Geschichte Koreas

Die Kinder des Kaiserreichs 01
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Ich hatte die erste Dilogie, die in deutscher Sprache erhältlich war, von Yudori schon verschlungen und war ziemlich fasziniert. Da musste ich natürlich auch in ihre andere Reihe reinschnuppern - und dieses ...

Ich hatte die erste Dilogie, die in deutscher Sprache erhältlich war, von Yudori schon verschlungen und war ziemlich fasziniert. Da musste ich natürlich auch in ihre andere Reihe reinschnuppern - und dieses Mal geht es nach Korea in die ausgehenden 1920er Jahre. Eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit, in der Korea unter japanischer Herrschaft steht und immer mehr unter westlichen Einfluss gerät. Koreanische Sprache und Kultur werden unterdrückt. Eine spannende, brisante Zeit also! Und mitten drin folgen wir zwei Jugendlichen: Jun ist der Sohn eines gefallenen Landadligen, der gemeinsam mit seiner Mutter Zuflucht bei einem aufstrebenden Kaufmann in der Stadt gefunden hat. Dessen Tochter ist der Inbegriff einer modernen jungen Frau, die viele neidische Blicke auf sich zieht. Westlich gekleidet, westlich geschminkt, westliches Gebaren. Das sorgt dafür, dass sie nicht viele Freunde an der Schule hat.

Jun hat nur eines im Kopf. Wenn er den Schulabschluss hat, will er etwas erreichen. Dafür fokussiert er sich aufs Lernen. Da die beiden unter einem Dach wohnen, bekommt Jun unweigerlich viel von Arisas Lebensweise mit. Einerseits findet er ihr Verhalten erschreckend, andererseits ist er fasziniert. Die Anziehungskraft zwischen den beiden ist spürbar.

Deutlich merkt man den zentralen Konflikt, der sich sowohl durch die Beziehung der beiden Protagonisten zieht als auch durch das gesamte Korea. Die Spaltung zwischen Tradition und Moderne, zwischen westlichem Fortschritt und uralten Bräuchen wächst immer mehr und die Einwohner werden entweder in die eine oder andere Richtung gedrängt. Wut auf das Andersartige. Missgunst. Wir erleben Kinosäle, französische Küche und westliche Bildung, traditionelle Mode und die bittere Armut und Verzweiflung der Landbevölkerung auf der anderen Seite, nur um einige Beispiele zu nennen.

Diese Spaltung ist packend geschrieben, spiegelt sie sich doch in den beiden Protagonisten wieder. Ich war praktisch hautnah bei ihnen.

Yudori hat am Ende jedes Kapitels eine Skizzenseite eingeschoben, in der sie die damalige Mode oder die unterschiedlichen Stände noch einmal näher erklärt - für mich war das insbesondere spannend, da ich in der koreanischen Geschichte und Gebräuchen nicht so bewandert bin.

Ein toller erster (vollfarbiger) Band, der eine historische Etappe von Korea beleuchtet, von der ich bisher nur am Rande etwas gehört hatte.

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Veröffentlicht am 18.09.2025

Coole BadAss Novelle

Die toten Katzen-Assassinen
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Eveen ist sachkundig und professionell - oh, und tot. Aber das ist nebensächlich. Sie ist nämlich verflucht gut in ihrem Job, Auftragsmorde zu begehen - unter strengen Regeln. Schließlich muss alles vertraglich ...

Eveen ist sachkundig und professionell - oh, und tot. Aber das ist nebensächlich. Sie ist nämlich verflucht gut in ihrem Job, Auftragsmorde zu begehen - unter strengen Regeln. Schließlich muss alles vertraglich geregelt sein. Ansonsten würde ja das Chaos ausbrechen.

Doch ein Auftrag lässt sie an ihren Regeln zweifeln …

P. Djeli Clark schreibt Romane und Novellen. Das ist der erste Kurzroman von ihm, den ich in der Hand halte - und er hat mich wirklich gut unterhalten. Er ist amüsant, kurzweilig, bissig und blutig - und nichts für zart besaitete Leser.

Auf den ersten Seiten lernen wir Eveen kennen - und mir hat ihr Humor gleich gefallen. Sie weiß was sie tut und kennt ihre Regeln und Grenzen, und ist gut in ihrem Job. Im Laufe der Geschichte wird sie einige Entwicklungsschritte durchlaufen. Himmel, ihr Ziel, birgt ein persönliches Geheimnis und ist im Gegensatz zu Eveen noch unschuldig und nicht mit Blut besudelt, dafür schlau und neugierig. Gemeinsam machen sie sich auf in die Nacht, um ein Rätsel zu lösen und Leben zu retten.

Die Freunde und Feinde, die uns im Laufe der Geschichte begegnen, habe ich gerne kennen gelernt. In der Kürze des Buches können sie natürlich nicht in jedem Detail dargestellt werden, aber für mich waren sie dafür dunkel und bunt gleichermaßen.

Das Urban-Fantasy Setting erleben wir größtenteils in der Nacht - und für meinen Teil bettete das Setting die Geschichte gut ein. Auch die Götterwelt verlieh der Geschichte zusätzliche Würze. Das Ende hielt noch einmal einen coolen Twist bereit.

Womit ich zunächst so meine Probleme hatte, war die Sprache. Auf den ersten Seiten war sie mir zu flapsig, sodass ich mich erst mal zurechtfinden musste. Später hat es sich dann gegeben.

Insgesamt ein cooles Buch mit blutigen Elementen und einem für mich überraschenden Twist am Ende. Ich lese aber Clarks Romane lieber - für mich braucht sein Stil eine gewisse Länge, um sich entfalten zu können.

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Veröffentlicht am 15.09.2025

Süßer Slice of Life Manga

Mein Nachbar Yokai 02
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🐈 Buchios zweites Leben als Nekomata ist gar nicht so leicht. Er muss ich entscheiden, welchen Sinn er seinem Leben geben will, welchem Job er nachgehen möchte - ganz schön anstrengend. Yuri-san indessen ...

🐈 Buchios zweites Leben als Nekomata ist gar nicht so leicht. Er muss ich entscheiden, welchen Sinn er seinem Leben geben will, welchem Job er nachgehen möchte - ganz schön anstrengend. Yuri-san indessen beschäftigen unliebsame Erinnerungen, die sie eigentlich vergraben geglaubt hat. Derweil treten seltsame Phänomene in der Stadt auf …

Ich muss zugeben, dass ich für den zweiten Band zwei Anläufe gebraucht habe. Die Stimmung muss einfach passen - zu diesem niedlichen Manga mit so vielen leise geäußerten Wahrheiten für das Leben. Auch der zweite Band ist nicht laut. Er schreit seine Botschaften nicht von den Seiten - sondern teilt sie dem Leser in sanften Panels, leichter Strichführung und der ruhigen Art, die ich aus dem ersten Band kenne mit - beim zweiten Anlauf konnte mich „Mein Nachbar Yokai“ noch mehr verzaubern als der erste Band.

Fokus lag in diesem Band auf der Sinnsuche von Buchio - er nimmt Gelegenheitsjobs an, um das richtige für ihn zu finden - und trifft auf allerlei Yokai und Menschen, die ihn begleiten. Einige Begegnungen waren besonders witzig - und es steckt in jeder eine kleine Wahrheit.

Die Hintergrundgeschichte von Yuri-san hat mich gerührt. Es geht um den eigenen Weg, der gefunden werden muss, und um Ballast aus der Vergangenheit, mit dem sie kämpft.

Ich bin mit diesem zweiten Band richtig in die Stadt hineingewachsen. Die Kinder, die freundlichen (und manchmal nicht so freundlichen) Dämonen und die Erwachsenen leben einträchtig zusammen. Metaphorisch gesehen könnten wir uns für unsere Gesellschaft eine Scheibe davon abschneiden. Die eingeflochtenen Exkurse in die japanische Mythologie waren für mich bezaubernd.

Allen, die Lust auf einen leisen, aber umso niedlicheren Manga mit großen #SliceofLife Anteilen haben, denen kann ich diesen Band nur wärmsten ans Herz legen.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Ich hätte mir einen anderen Fokus gewünscht

Die Bibliothek meines Großvaters
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„Welche Geschichte machst du daraus?“

Die junge Lehrerin aus Tokyo, Kaede, liebt Kriminalgeschichten - genau wie ihr an Demenz erkrankter Großvater, den sie regelmäßig besucht. Kaede hört von mysteriöse ...

„Welche Geschichte machst du daraus?“

Die junge Lehrerin aus Tokyo, Kaede, liebt Kriminalgeschichten - genau wie ihr an Demenz erkrankter Großvater, den sie regelmäßig besucht. Kaede hört von mysteriöse und blutige Geschichten zugetragen, die sie an ihren Großvater weitergibt. Ob er hinter die mysteriösen Fälle kommt?

Ich hatte mir hinter der Idee, die mich schon vom Klappentext berührte, etwas anderes vorgestellt. Es ist nicht meine Geschichte, muss ich ehrlich zugeben. Obwohl die Idee wirklich gut ist. Was mich am meisten gestört hat, war die Romanstruktur.

Kaede, die Protagonistin, erfährt von einem Kriminalfall. Sie bekommt den Tathergang erzählt und trägt die Erzählung an ihren Großvater weiter, der immer, wenn sie mit einem Fall zu ihm kommt, einen seiner klaren Momente hat. Nur aus der Erzählung heraus kommt er auf die Lösung des Falles, wodurch schließlich der Täter ermittelt wird. Von den Ermittlungen selbst bekommt der Leser recht wenig mit - und das ist für mich leider der spannendste Teil einer Geschichte mit Kriminalanteil. Ich fühlte mich irgendwie ausgeschlossen aus den Fällen und fand so auch nur schwer Zugang zum Rest des Romans.

Kaede empfand ich als eine tolle Protagonistin, sie ist aufgeschlossen und findig, und sagt geradeheraus was sie denkt. Ich mochte sie sehr gerne. Genauso wie ich ihre beiden Freunde Iwata-kun und Shiki-kun. Wenn die drei zusammen waren, kam so ein #sliceoflife Gefühl auf, das ich genossen habe.

Auch den Großvater, der sich seiner Demenz und seines langsamen Verfalls bewusst ist, und trotzdem nicht verzweifelt, imponierte mir als Charakter sehr. Umso mehr fand ich es schade, dass er selten mehr von sich gab als die minutiöse Lösung des Falles, über den Kaede gerade grübelte. Es ist für mich einfach nicht logisch, dass ein Fall in fünf Sekunden aus einer Wiedergabe des Tathergangs erfolgt, von jemanden, der in den meisten Fällen ja nicht einmal anwesend war.

Zuletzt hat mich das Ende wirklich verloren. Der Fall, der hier behandelt wird, betrifft Kaede persönlich. Der Fall an sich, der einschneidend für Kaede war seit ihrer Kindheit, wird jedoch zuvor im Buch nur kurz am Rande erwähnt, wieder fallen gelassen, damit das Ende als richtiger Knall aufwarten kann - und das war für mich einfach zu kurz für die emotionale Tiefe, die es eigentlich verdient hätte. So hat mich das Buch ratlos zurückgelassen.

Trotz der tollen Protagonisten und der schönen Momente im Buch überwiegt für mich der Krimi-Kurzgeschichten-Charakter. Das Buch besteht eigentlich aus miteinander verbundenen Kurzgeschichten - und das war mir für das, was der Klappentext eigentlich verspricht einfach zu wenig. Die emotionale Tiefe hat mich persönlich leider nicht erreicht.

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