Große Gefühle auf der kleinen Insel
LeuchtturmzauberMit ihrem jüngsten Roman „Leuchtturmzauber“ nimmt Marie Merburg ihre Leser mit auf die autofreie Nordseeinsel Juist.
Schon als Teenager war Julia, Tochter des Kutschenbetriebs Lüders, heftig in Lukas, ...
Mit ihrem jüngsten Roman „Leuchtturmzauber“ nimmt Marie Merburg ihre Leser mit auf die autofreie Nordseeinsel Juist.
Schon als Teenager war Julia, Tochter des Kutschenbetriebs Lüders, heftig in Lukas, den Sohn der Konkurrenz verliebt. Doch dieser verließ Juist damals in einer überraschenden Nacht und Nebelaktion. Nun, 14 Jahre später ist er zurück auf der Insel und bringt Julia eine Nachricht ihrer Mutter, die in einer ähnlichen Aktion vor fünf Jahren ihre Familie verließ. Obwohl die ersten Zusammentreffen mit Lukas alles andere als harmonisch verlaufen, ist Julia nun auf seine Hilfe angewiesen. Dass er ihr Herz noch immer höher schlagen lässt, ist Julia allerdings so gar nicht recht.
Das Cover wirkt mit Leuchtturm, Nordsee, Strand und Kutsche unheimlich idyllisch und einladend und passt dabei auch inhaltlich hervorragend zu dem herzerwärmenden Liebesroman. Etwas suboptimal ist die Aufteilung des Buchrückens gelungen, da der Name der Autorin leider teilweise in einer Blümchenranke untergeht.
Marie Merburg schreibt sehr bildhaft, sodass ich sowohl die Figuren, als auch das sommerliche Inselsetting beim Lesen unmittelbar vor Augen habe. Obwohl der Prolog für mein Empfinden etwas langatmig wirkt, macht er doch die immensen und unvorhersehbaren Veränderungen, die für Familie Lüders und insbesondere Julia Jahre später eintreten überaus deutlich. Neben dem Hauptmotiv Liebe stehen außerdem Existenzsorgen und familiäre Krisen und Konflikte mit durchaus überraschenden Wendungen im Vordergrund, wodurch der Roman trotz seines vorrangigen Wohlfühlcharakters auch eine gute Dosis Spannung erfährt. Besonders viel Freude hat es mir gemacht, hinter die Kulissen eines insulanen Fuhrbetriebs zu schauen, in dem über die Gesetze hinaus viel Rücksicht auf die Tiere genommen wird und die großen Herausforderungen zu erkennen.
Die Figuren des Romans sind so lebendig beschrieben, dass man sie direkt vor Augen hat und insbesondere die Protagonistin Julia wird durch die Erzählform in Ich-Perspektive auch in ihren Gedanken und Gefühlen sehr greifbar und ist facettenreich angelegt. Die Sympathieträgerin überhaupt ist in meinen Augen eindeutig Wiebke, denn sie steht Julia in jeder Lebenslage mit absoluter Zuverlässigkeit als beste Freundin zur Seite und rückt ihr dabei wenn nötig auch mal den Kopf gerade. Papa Lüders kann den Verlust seiner Frau auch nach fünf Jahren nicht überwinden. Wo er früher für seinen Beruf gebrannt hat, voller Tatendrang und Herzlichkeit seiner Familie gegenüber steckte, ertränkt er nun seinen Kummer in Alkohol und ist für Julia mehr Last denn Unterstützung. Mama Lüders ist – unabhängig von ihren Beweggründen und ihrer großen Unsicherheit – in meinen Augen extrem egoistisch und unheimlich feige, denn sie verlässt ihre nichtsahnende Familie klammheimlich in einer Nacht und Nebelaktion und bricht jedwede Kontaktmöglichkeit ab. Welche liebende Mutter tut so etwas? Unabhängig von den Problemen für den Fuhrbetrieb, fällt Julia auch emotional aus allen Wolken. Das Verhalten der Mutter erschüttert ihr gesamtes Weltbild. Lukas hat es mit seinem Vater auch nicht immer leicht. In den 14 Jahren auf dem Festland hat er sich deutlich weiterentwickelt und ist reifer geworden. Lukas weiß, was er will und setzt seine Prioritäten dementsprechend. Dabei beweist er zudem jede Menge Einfühlungsvermögen, Geduld und Rückhalt. Charakterlich wirkt er beinahe schon zu gut, um wahr sein. Mit ein paar mehr Ecken und Kanten wirkt Julia dagegen deutlich authentischer. Immer wieder sorgt sie für humorvolle Momente, denn sie trifft so einige Fettnäpfchen und manchmal ist ihr Mund schneller als der Kopf. Allerdings erlebt Julia auch eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle und neigt in ihrer Verwirrung zwischenzeitlich zu Kurzschlussreaktionen. Insgesamt ist sie eine sehr starke Frau, die ihren Alltag inklusive Vater und Betrieb trotz aller Schwierigkeiten mit enormem Einsatz und großem Willen bestmöglich meistert, obwohl das alles ihre Kraftreserven physisch wie mental oft übersteigt. Mitunter wirkt sie aber auch mal trotzig, ungeduldig und nachtragend. Den Glauben an die wahre Liebe hat Julia mit dem Weggang ihrer Mutter eigentlich schon begraben und so kämpft sie auch zunächst gegen ihre wieder erwachenden Gefühle für Lukas an.
Insgesamt ist „Leuchtturmzauber“ mit seinen interessanten Figuren und der überraschenden Handlung ein absolut herzerwärmender (Liebes-)Roman. Das charmante Inselflair sorgt für zusätzliches Urlaubsfeeling und große Lesefreude.