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Veröffentlicht am 05.02.2021

Die dänische Neuentdeckung

Leichenblume
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Mit „Leichenblume“ hat Anne Mette Hancock den Auftakt einer Krimi-Reihe um die Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan und Kommissar Erik Schäfer vorgelegt – ausgezeichnet mit dem dänischen ...

Mit „Leichenblume“ hat Anne Mette Hancock den Auftakt einer Krimi-Reihe um die Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan und Kommissar Erik Schäfer vorgelegt – ausgezeichnet mit dem dänischen Krimi-Preis.

Die erfolgreiche Journalistin Heloise Kaldan hat den falschen Quellen vertraut, ihr Job steht auf der Kippe. Ausgerechnet jetzt erhält sie von Anna Kiel einen mysteriösen Brief. Diese hat vor Jahren einen angesehenen Anwalt brutal ermordet. Dass sie es war, die Christoffer Mossing getötet hat, steht außer Frage. Hat sie sich doch nach der Tat minutenlang ganz bewusst vor die Überwachungskamera gestellt - blutüberströmt! Oder trügt der Schein? Nachdem Heloise einen zweiten Brief von Anna erhält, wird diese hellhörig. Zunächst geht sie den Spuren alleine nach, aber bald schon weiß sie, dass es ohne Kommissar Schäfer, der damals ermittelte, nicht geht.

Ein gelungener Einstieg, aber danach zieht sich die Story in die Länge. Die Spannung ist großteils weg, es passiert viel und doch hatte ich das Gefühl, die Story kommt nicht recht vom Fleck. Was sich dann doch sehr viel später wieder in Richtung rasanter Thriller ändert. Anfangs sieht es „nur“ nach einem brutalen Mord aus, jedoch entpuppt sich dieser Fall als sehr viel mehr. Heloise ist nah dran an dieser Sache, sie wird von außen hineingezogen, kann gar nicht anders, als hier immer tiefer zu graben. Irgendwer beobachtet sie. Wer ist Nick? „Sorg dafür, dass Heloise nach Paris kommt!“ Mit Heloise bin ich bald sehr vertraut, ist sie doch die Hauptfigur. Hier ist mehr die Journalistin denn der Kommissar am ermitteln. Sie ist diejenige, die von Anna kontaktiert wird. Warum ausgerechnet sie? Was hat Heloise damit zu tun?

Ganz schön undurchsichtig, auch wenn ich als Drahtzieher, als Auslöser das ganze Buch über einen Verdacht hatte. Wer hat Christoffer Mossing getötet und warum? War es wirklich Anna? Puzzlestück für Stück dringt Heloise immer weiter vor und gerät selber in große Schwierigkeiten. Dreh- und Angelpunkt ist Anna. Ist sie die Mörderin? Seit Jahren auf der Flucht – warum jetzt und warum ausgerechnet eine Journalistin, die sie immer wieder kontaktiert?

Ein in Teilen fesselnder Thriller um eine Jahre zurückliegende Tat. Die Wahrheit will endlich ans Licht. Unterhaltsam, gut zu lesen, jedoch ist ein Vergleich mit Jo Nesbo (noch) unangemessen. „Narbenherz“ soll folgen – ich bin gerne dabei.

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Veröffentlicht am 01.02.2021

Rom im Jahre 1870 - wunderschön geschrieben

Es war einmal in Italien
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Mit "Es war einmal in Italien" präsentiert Luca di Fulvio sein neuestes Werk.

„Mach, dass ich der eine bin…“ So kreuzen sich ihre Wege an diesem 5. März 1870. Die der Contessa Silvia di Boccamara und ...

Mit "Es war einmal in Italien" präsentiert Luca di Fulvio sein neuestes Werk.

„Mach, dass ich der eine bin…“ So kreuzen sich ihre Wege an diesem 5. März 1870. Die der Contessa Silvia di Boccamara und des Waisenjungen 19/03, etwa 16 Jahre alt. Sie sucht genau ihn – Pietro - aus. „Jetzt bin ich kein Waisenkind mehr“ das war sein letzter Gedanke, bevor er ohnmächtig wurde.

Das Schicksal führt die beiden in den Kirchenstaat Rom, das in dieser Zeit mit Unterstützung der französischen Schutztruppen seine Eigenständigkeit gegen die Italiener verteidigt. Aber - die weltliche Herrschaft des Papstes Pius IX. endet am 20. September des Jahres 1870 endgültig. Währenddessen zieht der Zirkus Callari weiter, Marta auf dem Kutschbock. In Rom dann angekommen, schlagen sie ihre Zelte hinter dem Kolosseum auf. Die Begegnung mit Livio geht Marta nicht mehr aus dem Sinn „Freiheit für Rom“ – dafür glüht auch sie. Hier herrscht der Kirchenstaat. Wie man überlebt, das haben sie gelernt. Jeder auf seine Weise. In diesen Monaten dazwischen begleite ich Marta, Pietro und Nella.

Wie von Luca di Fulvio nicht anders erwartet, ist sein neuestes Werk ein sehr intensives Erleben seiner Charaktere. Gerne bin ich mit Marta, Pietro, Nella und all den anderen durch Rom geschlendert. So mancher Platz weckte Erinnerungen, lies mich mit offenen Augen durch all die Gassen und Plätze gehen. Schicksalsschläge, aber auch viele wunderbare Momente durchlebte ich beim Lesen. Ich hatte Herzklopfen, richtiggehend Herzschmerzen, mir kamen Tränen der Rührung, aber auch solche der Trauer und der Wut. Der Autor schaffte es mit seiner so einfühlsam erzählten Geschichte, mich komplett in diese Welt zu entführen. Ich konnte mich ihr nicht entziehen, wollte es aber auch gar nicht.

Eingebunden in den Kampf um Rom erzählt uns Luca di Fulvio ein Stück Lebensgeschichte seiner so unterschiedlichen Charaktere. Herkunft, Lebensweise und Lebensziele könnten unterschiedlicher nicht sein und trotzdem fügt sich deren Schicksal zusammen zu einer lebenswerten Einheit. Sie gehen durch die Hölle. Müssen lernen, sich zu behaupten, ums Überleben kämpfen. Aber genauso entdecken sie sehr viel Liebe und Geborgenheit. Ein Stück Zeitgeschichte, verwoben mit persönlichen Empfindlichkeiten. Gut und Böse – in jedem Menschen steckt das. Es ist an jedem einzelnen, von was er sich leiten lässt.

Eine Liebes-, eine Lebensgeschichte vor dem Hintergrund des noch nicht zu Italien gehörenden Kirchenstaates Rom. Das Rom des Papstes. All die Gefühle, die ein jeder in sich trägt, kommen facettenreich an die Oberfläche. Der eiskalte Mörder genauso wie der Schläger und der hinterhältige Dieb, haben sie vielleicht doch tief in sich drin eine sehr traurige, eine verletzliche Seite.

Für mich als bekennender Luca di Fulvio-Fan ein absolutes Muss.

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Veröffentlicht am 01.02.2021

Eine Kindheit zwischen zwei Welten

Das achte Kind
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Hier lesen wir eine Autofiktion, wie Alem Grabovac über „Das achte Kind“ berichtet. Autobiographisch, verwoben in fiktionalen Handlungsebenen.

Eine Kindheit im Gastarbeitermilieu der etwas anderen ...

Hier lesen wir eine Autofiktion, wie Alem Grabovac über „Das achte Kind“ berichtet. Autobiographisch, verwoben in fiktionalen Handlungsebenen.

Eine Kindheit im Gastarbeitermilieu der etwas anderen Art. Alem Grabovac erzählt die Geschichte seiner Mutter Smilja und auch seine. Smilja wächst unter ärmsten Verhältnissen im Hinterland Kroatiens auf. Ihr Vater ein Säufer, der regelmäßig nicht nur seine Frau, sondern auch seine Kinder verprügelt. Smilja und ihr Schokoladenschwur: Eines Tages wird auch sie so wie ihre hochnäsigen Schulkameradinnen diesen süßen Traum genießen können. Stück für Stück. Nur weg von daheim - halbwegs erwachsen, findet sie in Würzburg Emir und bald schon kündigt sich Alem an. Aber wie soll sie arbeiten und ein Baby hüten? Denn auf Emir ist kein Verlass, er ist mehr mit sich und dem süßen Leben beschäftigt, gerät in extreme Schwierigkeiten und muss schließlich fliehen. Dank einer Freundin findet sie für Alem einen Platz bei der Familie Behrens und schweren Herzens lässt sie ihn wochentags hier, holt ihn nur an den Wochenenden zu sich. Die Männer in Smiljas Leben sind eine einzige Katastrophe. Zunächst Emir, der irgendwann verschwindet und dann Dusan, bei dem sie wieder gehörig daneben gegriffen hat. Auch er säuft, bestiehlt und verprügelt nicht nur sie.

Zwei Welten prallen aufeinander. Der Alltag in Alems „deutscher Familie“, in der er neben den sieben eigenen Kindern das achte, aber nicht minder geliebte Kind ist und die Wochenenden mit seiner Mutter. Viel sieht Alem in jungen Jahren, erlebt die bittere Armut in Kroatien und fühlt sich immer mehr zu seinen Pflegeeltern und deren Lebensstil hingezogen. Hier erfährt er Geborgenheit in einer warmherzigen Familie, kommt mit Pac-Man in Kontakt, hört die neuesten Hits von Madonna genauso wie Duran Duran und all die damals weltbekannten Musikstars. Mit Freunden überspielt er seine Musik mit dem Doppelkassettenrecorder. Ein unbeschwertes Leben hier bei Robert, dem unbelehrbaren Nazi und Marianne, dem ruhenden Pol. Dank dieser Familie kann und wird er seinen eigenen Weg finden.

Als längst Erwachsener mit Frau und Kind erfährt Alem, dass Emir - sein Vater - nicht wie von Smilja immer behauptet, bei einem Arbeitsunfall um Leben kam sondern erst vor kurzem gestorben ist. So macht er sich auf, das Grab seines Vaters zu suchen und zu besuchen.

Eine Reise durch die Kindheit, geprägt von Liebe und Geborgenheit einerseits und durchlitten von Gewalt und Lieblosigkeit auf der anderen Seite. Alem Grabovac erzählt ohne zu werten, so kann ich mir als Leser unvoreingenommen meine eigene Meinung bilden. Er erzählt von all den schönen und all den schlimmen Geschehnissen, die seine Kindheit und Jugend nachhaltig prägten. Ein Buch der leisen Töne, sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 28.01.2021

Vendetta in Wolkenstein

Das dunkle Dorf
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Es ist schon der sechste Fall für Commissario Grauner und sein Team. Für mich war es der Einstieg in diese Reihe aus Südtirol, bin aber gleich gut zurechtgekommen hier oben im beschaulichen Grödnertal.

Silvia ...

Es ist schon der sechste Fall für Commissario Grauner und sein Team. Für mich war es der Einstieg in diese Reihe aus Südtirol, bin aber gleich gut zurechtgekommen hier oben im beschaulichen Grödnertal.

Silvia Tappeiner - Grauners Assistentin – müht sich redlich ab, den Ispettore Saltapepe das Skifahren beizubringen. Ursprünglich in Neapel tätig, musste dieser ausgerechnet hier oben untertauchen, nachdem er den Mafiaboss Giorgio Garebani ins Gefängnis brachte. Er hat sich seinerzeit mit der Camorra angelegt und diese vergisst nie.

Gleich im Prolog geht es zur Sache: Hinteregger - seines Zeichens Feuerwehrmann, früher auch Jäger, des sonntags hilft er dem Pfarrer und Witwer ist er seit bald 15 Jahren – so einer sieht alles, hört alles und dann filmt er Ungeheuerliches!

Von da an - also ab der ersten Seite - hat mich „Das dunkle Dorf“ komplett in Beschlag genommen. Und viele Fragen aufgeworfen. Warum behält Hinteregger seine Beobachtungen für sich? Dem nicht genug, liegt in einem heruntergewirtschafteten Hotel ein Toter und dieser ist ausgerechnet der Dorfpolizist. Was ist hier los? Nicht lange kann Grauner mit seinen Leuten ermitteln, da schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein und er ist außen vor. Er und Alba, seine Frau, haben derweil ganz andere Sorgen: Ihre gerade mal volljährige Tochter Sara ist seit Tagen verschwunden und beide suchen verzweifelt nach ihr. Zuviel ist hier passiert, als dass Grauner an einen Zufall glauben könnte.

Von so einigen zwielichtigen Gestalten lese ich, denen ich nicht über den Weg trauen würde. Diese 300 Krimi-Seiten waren sehr spannend zu lesen. Einmal angefangen, musste ich einfach wissen, ob und wie diese dramatischen Fälle miteinander zu tun haben. Die Idylle im beschaulichen Grödnertal scheint immer mehr zu verschwinden. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird so nach und nach klar, wie sich doch so einiges zusammenfügt. Super gefallen haben mir die eingeflochtenen italienischen Wörter und Sätze, deren Erklärung gleich danach folgte. So konnte ich dem italienischen Lebensgefühl gut nachspüren. Der ganze Krimi war schnell gelesen, weil – weglegen konnte ich diese rasante Verbrecherjagd nicht.

Und - ab sofort bin ich Grauner-Fan. Diese „Vendetta im Herzen der verschneiten Dolomiten“ sind unterhaltend, dramatisch, fesselnd und sehr mitreißend zu lesen. Gerne mehr davon!

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Veröffentlicht am 23.01.2021

Ein jüdisches Schicksal

Helenes Versprechen
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Nach 10 Tagen auf der Marine Flasher haben sie New York erreicht, wir schreiben das Jahr 1947. Endlich wird Helene ihren Sohn Moritz wiedersehen, den sie vor fast zehn Jahren mit einem Kindertransport ...

Nach 10 Tagen auf der Marine Flasher haben sie New York erreicht, wir schreiben das Jahr 1947. Endlich wird Helene ihren Sohn Moritz wiedersehen, den sie vor fast zehn Jahren mit einem Kindertransport schweren Herzens gehen lassen musste.

„Und du kommst bestimmt bald nach?“ … „Um acht beim Mond“… Diesen herzzerreißenden Abschied zwischen Mutter und Sohn lese ich gleich auf der ersten Seite. Den Schmerz des achtjährigen Kindes, den Schmerz der Mutter konnte ich hier so sehr nachfühlen. Sie muss ihn gehen lassen, um sein junges Leben zu schützen. In Großbritannien dann lebt er in einer Gastfamilie, bis seine Tante Marlis ihn in die USA mitnimmt. Und jetzt stehen sich Mutter und Sohn gegenüber, sind sich fremd geworden, haben nicht mal mehr eine gemeinsame Sprache weil – Moritz hat seine Muttersprache verlernt.

Inspiriert vom Schicksal der jüdischen Kinderärztin Antonie Sandels schuf Beate Rösler die fiktive Geschichte um Helene Bornstein, auch sie Kinderärztin aus Leidenschaft.

Überwiegend spielt dieser Roman vor und während des Nazi-Regimes. Die Frankfurter Familie Bornstein ist angesehen, hat ihr Auskommen, ist ganz und gar hier verwurzelt. Ihr einziger Makel: Sie sind Juden, wenn auch getauft, das Judentum nicht praktizierend. Je mehr Macht Hitler und seine Schergen an sich reißen, desto gefährlicher wird es für den jüdischen Teil der Bevölkerung. Die Autorin erzählt auf mehreren Zeitebenen. Beginnt im New York des Jahres 1947, um dann zurückzublicken nach Frankfurt vor und während der Hitlerzeit. Es sind diese wechselnden Erzählstränge, die etliches von der Familie Bornstein preisgeben, aber doch nicht gleich alles auserzählen. So bleibt vieles im Verborgenen – zunächst. Es braucht einfach seine Zeit, all das Unbegreifliche zu verstehen. Wenigstens ansatzweise. Ich erfahre so einiges über diese für Juden immer gefährlicher werdenden Jahre. Wer zu lange zögert, nicht schnell genug ans Auswandern denkt, dessen Los ist besiegelt. Irgendwann haben sie die Deportationsbescheide, können dem nicht mehr ausweichen. Es gab uneigennützige Helfer, die sich in große Gefahr begaben und trotzdem nicht davor zurückschreckten, alles nötige zu tun, um Leben zu retten.

Helenes Geschichte macht neugierig, wirft beim Lesen so mache Frage auf. Wäre sie nicht Jüdin, ihr Leben hätte anders ausgesehen. Als angesehene Ärztin wäre ihr die Welt offengestanden. So aber erlebte sie den zunehmenden Hass auf alles nicht-arische. Nachdem sie in Amerika mit Moritz, ihrem Sohn, einem Neuanfang entgegenfiebert, erlebt sie auch hier diesen Rassenhass erneut, diesmal trifft es die schwarze Bevölkerung. Diese Feindseligkeit gegen alles vermeintlich Minderwertige wird wohl nie aufhören.

„Helenes Versprechen“ ist aktueller denn je. Beate Rösler bringt uns Geschichte sehr gut lesbar näher. Ein historischer Roman mit Tiefgang.

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