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Veröffentlicht am 03.01.2023

Frostig, eisig, gut erzählt

In der Stille der Polarnacht
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Eine rein weibliche Expedition in die Arktis im 19. Jahrhundert – ist dies zu abwegig? Greer Macallister hat sich trotz aller Bedenken herangewagt, hat mit „In der Stille der Polarnacht“ einen gut lesbaren ...

Eine rein weibliche Expedition in die Arktis im 19. Jahrhundert – ist dies zu abwegig? Greer Macallister hat sich trotz aller Bedenken herangewagt, hat mit „In der Stille der Polarnacht“ einen gut lesbaren Roman vor historischem Hintergrund vorgelegt. Die Franklin-Expedition war die dritte Forschungsreise des britischen Polarforschers Sir John Franklin. Kurz gesagt wollte er die Nordwestpassage kartographisch erfassen und somit den kürzesten Seeweg von Europa nach Asien finden. Die Expedition scheiterte, Lady Jane Franklin entsandte etliche Suchexpeditionen, um das Schicksal ihres Mannes zu ergründen. Lady Franklin war eine Abenteuerin, sie war eine außergewöhnliche Frau und solche gab es auch zu jener Zeit genau so wie es sie heute gibt. So die historischen Tatsachen.

Zunächst hat mir der etwas sperrige Schreibstil nicht so ganz zugesagt, das hat sich aber bald geändert. Denn eins ist gewiss: Es treibt einen weiter, die vielen offenen Fragen wollen alle beantwortet werden. Auch finde ich den steten Wechsel zwischen der Gerichtsverhandlung und der Erzählung, wie es zu dieser Expedition kam, gelungen. Es wird chronologisch nachgezeichnet und zwischendurch werden die einzelnen Frauen proträtiert. Dass Virginia als erfahrene Führerin, die so manche Planwagenzüge sicher über den Pass geleitet hat, ausgewählt wurde, zeugt davon, dass Lady Franklin sie für die Beste hält.

Die Anklageschrift beinhaltet zwei schwerwiegende Vergehen, deren sich Virginia schuldig gemacht haben sollte. Entführung und Mord - sie bekennt sich nicht schuldig.

Das Buch lebt von und mit den Frauen. Angefangen von der geheimnisvollen Lady Franklin, deren Absichten immer nebulöser scheinen, hin zu den Frauen, die jede für sich genommen willensstarke Persönlichkeiten sind bis zum Gericht und zu den Passagen im Gefängnis entwickelt sich die ganze Geschichte um die Arktisreise davor, mittendrin und danach immer mehr zu einem Sog. Die Charaktere sind gut und glaubhaft dargestellt, wenn auch mit einer gewissen Distanz. Die gesellschaftliche Stellung der Frau, das vorherrschende Patriarchat, ist deutlich spürbar.

Rund um die Historie ist der Autorin eine fiktive Reise um dreizehn mutige, charakterlich sehr unterschiedliche Frauen gelungen. Auch wenn ich zunächst eine ganz andere Story erwartet habe, so bin ich mit dieser Reise in die Arktis sehr zufrieden, ich habe mich darauf eingelassen und bin bestens unterhalten worden.

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Veröffentlicht am 31.12.2022

Beklemmend

Wehrlos
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Der örtliche Spielplatz ist Treffpunkt für die Kleinen und die Großen. Die Mütter unterhalten sich, schießen Foto um Foto von ihrem Nachwuchs, um sie nachher in Netz zu stellen. All die süßen Schnappschüsse ...

Der örtliche Spielplatz ist Treffpunkt für die Kleinen und die Großen. Die Mütter unterhalten sich, schießen Foto um Foto von ihrem Nachwuchs, um sie nachher in Netz zu stellen. All die süßen Schnappschüsse und die bearbeiteten Hochglanzbilder wollen sie mit der ganzen Welt teilen.

Die kleine Nele ist vertieft ins Spiel, der Blick von Mieke, ihrer Mutter, ist abgelenkt und schon ist Nele verschwunden. Wie kann das sein? In dieser Idylle, direkt ländlich, kennt man sich, an der Suche nach dem Kind beteiligen sich alle. Auch die Polizei ist aktiv, die Ringfahndung läuft.

Phase eins hat schon mal geklappt „die Ware ist unterwegs...“.

Ein Albtraum für alle Eltern ist hier wahr geworden. Aus verschiedenen Perspektiven wird Neles Schicksal erzählt. Und zwischendurch eine Stimme, die sich nicht zuordnen lässt. Jedoch ist offensichtlich, dass diese mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun hat.

Schon das Cover zeigt ein beklemmendes Bild. Hier möchte man kein Kind auf die Schaukel setzen, alles ist düster, selbst WEHRLOS ist gespenstisch, eher schemenhaft dargestellt, der Nebel deckt vieles zu.

Nora Benrath hat einen fesselnden Thriller vorgelegt, der mich bis fast zum Schluss nicht losgelassen hat. Die schöne Welt der Sozialen Medien wird so nach und nach entlarvt, der Zauber, das Glitzern lässt nach. Man präsentiert sich, gibt viel – zu viel? – von sich und seine Lieben preis. Die Schattenseiten von Social Media werden thematisiert, aber nicht nur. Auch längst vergangene Verletzungen, die tiefe Spuren hinterlassen haben, kristallisieren sich schlussendlich heraus.

Diesen äußerst rasanten Thriller habe ich am Stück gelesen, das Szenario ist durchaus nachvollziehbar. Auch wenn man über die vielen viel zu offenherzigen Posts nur den Kopf schütteln kann, so sind sie doch real. Der Schluss jedoch war mir zu konstruiert, als ob jetzt nochmal was draufgesetzt werden müsste. Hier wäre weniger mehr gewesen, es hat die gute Story, die Grundidee, doch etwas verdorben. Und doch kann ich „Wehrlos“ jedem Thriller-Fan empfehlen, man rast direkt atemlos durch die Story.

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Veröffentlicht am 29.12.2022

Großartig erzählt

Ginsterhöhe
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Albert Lintermann wird von seinem Vater heimgeholt, der erste Weltkrieg ist vorbei, der junge Soldat, der immer viel lieber Bauer war, ist schwer versehrt. Und das sieht man ihm auf den ersten Blick auch ...

Albert Lintermann wird von seinem Vater heimgeholt, der erste Weltkrieg ist vorbei, der junge Soldat, der immer viel lieber Bauer war, ist schwer versehrt. Und das sieht man ihm auf den ersten Blick auch an. Seine Berta wendet sich mit Entsetzen ab, sie kann sein zerschossenes Gesicht nicht ertragen. Ganz anders Leni. Sie heißt Albert willkommen, er bringt ihr einen Bleistiftstummel und eine Uhr, die letzten Dinge von seinem Freund, von Lenis Verlobtem und Vater ihrer Tochter Hildegard.

Albert kämpft sich zurück ins Leben, es kehrt sowas wie Alltag ein, auch wenn sein Weg ein beschwerlicher ist. In seiner zupackenden und fortschrittlichen Art bringt er so einiges zustande. Die Leute im Dorf akzeptieren und schätzen ihn, durch sein Zutun lebt es sich in Wollseifen dank Elektrizität und Wasserversorgung sehr viel angenehmer. Doch immer mehr drängt sich der mit Vorsicht zu genießende Meller ins Dorfgeschehen.

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten, die Personen sind fiktiv. Die Gegend im Wollseifen wurde nach der Machtergreifung Hitlers zu einem von drei Standorten als Schulungslager für die Nazi-Elite auserkoren. Die Bauern mussten ihr Land abgeben, die neuen Machthaber brauchten Platz.

Vor diesem Hintergrund ist Anna-Maria Caspari eine bewegende Geschichte über Liebe und Hass, über Ausgrenzung und grenzenloser Bösartigkeit, über Menschenverachtung und Hinterlist, aber auch um Zusammenhalt und bedingungsloser Liebe in unruhigen Zeiten gelungen. Albert erlebt nicht nur einen Krieg, den er gerade mal so überstanden hat. Seine körperlichen und seelischen Wunden hat er mit eisernem Willen bekämpft und nun muss er zusehen, wie seine Kinder erneut in einen Krieg hineingezogen werden.

Zwischendurch lese ich aus den Aufzeichnungen des Lehrers Faßbender, der über das Dorfleben berichtet. Es sind beileibe keine Banalitäten, er schreibt und beschreibt in Briefform von den politischen Ereignissen. Von denen, die es ehrlich meinen und von den anderen, den Emporkömmlingen, die um ihres eigenen Vorteils willen keinerlei Rücksichten auf die Befindlichkeiten anderer nehmen.

Das Cover zeigt auf den ersten Blick eine Idylle, das Dorf hat eher wenig Platz. Nach dem Lesen weiß man, dass es dem Untergang geweiht ist, es ist verschwunden.

„Ginsterhöhe“ ist eine tief bewegende Geschichte, leise und eindringlich erzählt. Ein aufwühlendes, ein herausragendes Zeugnis einer Zeit, die lange vorbei ist und doch nie vergessen werden darf. Mit Albert und seiner Familie, mit seinen Freunden und deren Anhang habe ich dunkle und hoffnungsvolle Momente erlebt. Anna-Maria Caspari ist es gelungen, all dies in Worte zu verpacken – ungeschönt und doch nicht zu grausam. Ein Roman vor realem Hintergrund, der lange nachhallt. Sehr lesenswert, sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 28.12.2022

Schräger Krimi

Volksfest
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„Volksfest“ hat einen ganz eigenen Humor, den muss man schon mögen. Suchanek - ein Loser schlechthin - ermittelt. Er lebt schon lange nicht mehr hier, im niederösterreichischen Wulzendorf, und doch muss ...

„Volksfest“ hat einen ganz eigenen Humor, den muss man schon mögen. Suchanek - ein Loser schlechthin - ermittelt. Er lebt schon lange nicht mehr hier, im niederösterreichischen Wulzendorf, und doch muss er jetzt für einige Tage das Haus seiner Eltern hüten, sie sind on Tour.

Die Tage sind voller schräger Ereignisse und diese hat mir Marko Formanek als Sprecher des Hörbuchs nähergebracht. Sein österreichischer Zungenschlag passt hierzu perfekt, ich hab mich direkt in Suchaneks Dorfidylle hineinversetzen können.

Zunächst waren all die Namen und Spitznamen verwirrend. Ich hab diese dann einfach ignoriert und das war gut so, denn im Laufe der Ereignisse kommen sie so nach und nach zum Vorschein, sie sind zwar gewöhnungsbedürftig und das in mehrfacher Hinsicht, aber auseinanderhalten kann man sie schon. Das Dorfleben, so wie man sich dies vorstellt, in all seiner Wildheit, kommt hier geballt und arg überzogen rüber. Es gibt nicht nur einen Todesfall, auch wird so manch Skurrriles aus nem Rohr gespuckt. Kauzig, spleenig, ja bizarr und sonderbar kommen so einige Typen daher, Suchanek ist immer vorne dabei.

Man muss sich beim Hören schon konzentrieren, es passiert einfach eine ganze Menge. Vielleicht zu viel, denn es hat mich schier erschlagen ob der vielen Vorkommnisse. Ein derber Krimi, garniert mit schwarzem Humor. Satirisch-makaber, jedoch einer von der unterhaltsamen Sorte.

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Veröffentlicht am 25.12.2022

Absolut lesenswert!

Die Henkerstochter und die Schwarze Madonna (Die Henkerstochter-Saga 9)
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Nach Altötting zieht es die Kuisls, in den Wallfahrtsort. Eigentlich wollte der Schongauer Scharfrichter Jakob Kuisl Magdalena, seine Tochter und ihre Familie, in München besuchen, die Umstände haben sie ...

Nach Altötting zieht es die Kuisls, in den Wallfahrtsort. Eigentlich wollte der Schongauer Scharfrichter Jakob Kuisl Magdalena, seine Tochter und ihre Familie, in München besuchen, die Umstände haben sie nach Altötting weiterreisen lassen. Zwei hochrangige Persönlichkeiten werden dort erwartet: Kaiser Leopold I. von Österreich und der bayerische Kurfürst Max Emanual. Simon, Jakobs Schwiegersohn, wird zum kurfürstlichen Hofmedicus ernannt, wenngleich dieser Titel nur für die Wallfahrt gilt. Magdalena sowie Jakobs Enkel Peter, Paul und Sophia vervollständigen die Familie, sie alle werden in Neuötting untergebracht, der Wallfahrtsort ist komplett ausgebucht.

Es ist tatsächlich meine erste Begegnung mit der Henkerstocher. Auch wenn ich Oliver Pötzschs Totengräber-Bücher kenne und sehr schätze, so ist mir diese Serie schlichtweg entgangen. Der neunte Band ist ausgelesen und mein Entschluss steht fest: Die Vorgängerbücher muss ich unbedingt nachlesen. Eine so ganz andere Welt tut sich vor mir auf, Georg, Jakobs Sohn, ist nun städtischer Scharfrichter zu Schongau, sein Neffe Paul ist Henkerslehrling.

Der Prolog ist so spannend wie unheimlich. Welch finstere Gestalt wird hier vorgestellt und wie tritt diese im Buch dann auf? Ein Mann ohne Namen…

In Altötting dann tritt Jakobs feiner Instinkt zutage, er ist ein exzellenter Beobachter. Er sieht genau hin, ein Schatten verfolgt ihn, es geschehen unerklärliche Dinge. Nicht nur ein Mord will aufgeklärt werden, es werden rund um die Orte des Glaubens Tote gefunden, der Täter hinterlässt immer ein Zeichen, beinahe unsichtbar. Auch die Familie kommt nicht ungeschoren davon, nicht nur Paul in seiner ungestümen Art gerät in enorme Schwierigkeiten.

Oliver Pötzsch versteht es, seine Leser auf falsche Fährten zu locken. Natürlich habe auch ich mich von so mancher Figur blenden lassen. Habe in einigen viel Hinterhältiges gesehen, andere wiederum waren mir sofort sympathisch. Und nicht immer hat mein Gespür mir recht gegeben. Dieser ominöse Schatten – auf wen hat er es abgesehen? Sind Kaiser und Kurfürst in Gefahr? Die so unterschiedlichen Geschwister Peter, Paul und die kleine Sophia mischen kräftig mit, jeder auf seine Weise.

Der Autor versteht sein Handwerk, Historisches und Fiktives ergänzen sich perfekt, seine Bücher sind wie Magneten. Einmal aufgeschlagen, kurz hineingelesen, lassen sie einen nicht mehr los. Sein Nachwort und sein kleiner Zeitreiseführer durch den Roman, durch die Orte des Geschehens, sind kleine Leckerbissen zum Schluss. Die Wallfahrt ist zu Ende, ich bin schon gespannt auf das nächste Abenteuer rund um den alten Henker. Bis dahin werden mir die Vorgängerbände rund um die Henkerstochter kurzweilige Lesestunden bereiten.

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