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Veröffentlicht am 06.03.2022

Ein liebenswerter Anti-Held – ein schelmischer Hörspaß

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Da sind sie wieder, diese Heldengeschichten, von denen es unzählige gibt. Aber sind sie alle wirklich so oder so ähnlich passiert?

Eine beinahe schicksalhafte Begegnung war das zwischen dem Journalisten ...

Da sind sie wieder, diese Heldengeschichten, von denen es unzählige gibt. Aber sind sie alle wirklich so oder so ähnlich passiert?

Eine beinahe schicksalhafte Begegnung war das zwischen dem Journalisten und dem Videothekenbesitzer. Eine win-win-Situation gar. Was wäre gewesen, wenn dieser Journalist besagte Stasi-Akten nicht entdeckt und er Hartung nicht überzeugt hätte, seine Geschichte öffentlich zu machen? Der immer klamme Hartung musste ganz einfach die Gelegenheit beim Schopfe packen, wenn schon mal ordentlich Kohle fließt. Aber alles auf Anfang:

Michael Hartung ist eher der Anti-Held. Immer schon gewesen. Dem Erfolg hinkt er ewig hinterher, er steigt ins Videogeschäft, als sich dieses beinahe totgelaufen hat. Auch seine Verflossene weint ihm keine Träne nach, seine Tochter ist nicht gerade erpicht, ihren Erzeuger ständig zu sehen. Geld ist Mangelware, er hat Mietschulden und ist ob des Angebotes von Alexander Landmann in der Lage, diese endlich zu begleichen. Gesagt, getan – die Story will ans Licht, sie schlägt ein wie eine Bombe, verselbständigt sich. Es folgen Fernsehauftritte, Interviews – das ganze Programm.

Der Held aus dem Osten ist eine tragisch-komische Figur. Landmann weiß, was sich verkauft, er schult den herrlich unbedarften Hartung in Sachen Medien, erzählt ihm, dass so manche Ausschmückung gar nicht so schlimm ist, das gehört einfach dazu.

Diese Heldengeschichte ist hinreißend erzählt, das Klischee des Ostens wird auch hier bedient, was aber der Story nicht schadet, ist doch die feinsinnige Ironie spürbar. Aus einem Missverständnis wird eine glaubhaft ersonnene Flunkerei, die Sensationsgier wird aufs Trefflichste gestillt. Es kommt niemand zu Schaden, die Hochstapelei ist eine interessant inszenierte Mär, Münchhausen hätte seine Freude gehabt.

Das Hörbuch vom Argon Verlag hat Peter Kurth eingesprochen, welcher der amüsanten Story den nötigen Schalk verleiht. Humorvoll, ohne ins klischeehafte abzudriften, versteht er es, seine Hörer bei Laune zu halten und ihnen immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Genau so mag ich es – hier ist beste Unterhaltung garantiert. Gerne mehr davon.

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Veröffentlicht am 06.03.2022

Die Anfänge der deutsch-französischen Freundschaft und mehr

Kaiserstuhl
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1962 geht es aufwärts, der Krieg ist endgültig vorbei, die guten Jahre sind da. Die deutsch-französische Freundschaft wollen der damalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche ...

1962 geht es aufwärts, der Krieg ist endgültig vorbei, die guten Jahre sind da. Die deutsch-französische Freundschaft wollen der damalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Kanzler Konrad Adenauer festigen, was schließlich Anfang 1963 zur Unterzeichnung des Élysée-Vertrages führte. Vor diesem Hintergrund und mit einem ganz besonderen Champagner erzählt Brigitte Glaser die Geschichte von Henny Köpfer und Paul Duringer.

Auf dem Hof von der Kätter treffen die beiden kurz nach Kriegsende aufeinander, sie verlieben sich, aber das Leben treibt sie doch wieder auseinander um Jahre später – Henny hat dem Weinhandel ihres Vaters zu neuer Blüte verholfen – sich wieder zu begegnen.

Ein interessanter Ansatz, der mir sofort zusagte. Mit dem Knall eines Champagnerkorkens, bei dem Henriette Köpfer das Licht der Welt erblickte, beginnt Brigitte Glasers Erzählung. Man muss schon ganz genau lesen, um nicht den Faden zu verlieren. Von Freiburg ins Irgendwo nach Bonn und wieder zurück mit diversen Abstechern zum Kaiserstuhl etwa geht die Reise, auch zwischen den Zeiten und den einzelnen Protagonisten gibt es keine Übergänge. So habe ich bald beschlossen, nochmal ganz von vorne zu beginnen und mir die nötige Zeit zu lassen. Ich mag Romane, die Historisches gut lesenswert in eine fiktive Geschichte verpacken. Dies ist der Autorin allemal gelungen, ohne die schon erwähnten schnellen Wechsel wäre es ein absolutes Highlight gewesen. So aber hatte ich gerade am Anfang des Öfteren das Gefühl, etwas überlesen zu haben.

Ein Champagner von Vossinger, eine ganz bestimmte Flasche des Jahrgangs 1937, zieht sich durchs Geschehen. Hier wird Geschichte mit unserer Geschichte spannend verwoben. Empfehlenswert ist, immer mal wieder einen Blick auf den Stammbaum zu werfen, der am Schluss des Buches zu finden ist.

Die deutsch-französische Verbundenheit ist ein nicht wegzudenkender Teil von uns. Brigitte Glaser nimmt ihre Leser in „Kaiserstuhl“ mit, diese nach dem Krieg wieder aufkeimende Freundschaft näher zu betrachten, sie hat die historischen Tatsachen gut recherchiert und ihre Charaktere darin glaubhaft eingebunden.

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Veröffentlicht am 04.03.2022

Brisantes Thema

Der dreizehnte Mann
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Nun ist er da – der mit Hochspannung erwartete zweite Fall um den Anwalt Rocco Eberhardt und den Rechtsmediziner Justus Jarmer. Der ehemalige Strafverteidiger Florian Schwiecker und Michael Tsokos, Rechtsmediziner ...

Nun ist er da – der mit Hochspannung erwartete zweite Fall um den Anwalt Rocco Eberhardt und den Rechtsmediziner Justus Jarmer. Der ehemalige Strafverteidiger Florian Schwiecker und Michael Tsokos, Rechtsmediziner und erfolgreicher Krimi-Autor, gewähren auch hier wieder tiefe Einblicke in ihren Berufsalltag.

Grünwald und Krampe wollten mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit, sie hatten sich fest mit Anja Liebig, einer Lokalredakteurin, verabredet. Das Granther-Experiment sollte endlich aufgearbeitet und der Öffentlichkeit präsentiert werden. Doch kurz vor ihrem Termin ist Grünwald verschwunden. Da stimmt was ganz und gar nicht! An die Polizei brauchen sie sich nicht zu wenden, die wird nichts unternehmen. Kurz entschlossen machen sich Liebig und Krampe auf, Rocco Eberhardt davon zu überzeugen, ihnen zu helfen. Ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Rund um das Granther-Experiment ist die Story aufgemacht, angelehnt an das Berliner Kentler-Experiment des damals renommierten Sozialpädagogen und Sexualwissenschaftlers Helmut Kentler. Im Rahmen dieses Experiments wurden von Berliner Jugendämtern Kinder und Jugendliche aus sozial prekären Verhältnissen gezielt an pädophile Männer zur Pflege vermittelt. Und das Jahrzehntelang, bis in die frühen 2000er Jahre.

Bald hatte ich die Akteure aus „Die 7. Zeugin“ wieder parat. Die kurzen Kapitel sind mit Zeit- und Ortsangabe überschrieben, so ist man auf Anhieb dabei, ja mittendrin. Das schon und doch war es zeitweise etwas langatmig. Mit der Staatsanwältin Claudia Spatzierer, die Rocco aus den Augen verloren hat, vermischt sich ein klein wenig Privates perfekt mit der Vorbereitung auf den Prozess. Rocco wird mir immer sympathischer, er ist ein brillanter Anwalt, dem nichts verborgen bleibt. Es geht hauptsächlich um ihn, Jarmers Part ist eher zweitrangig. So kommt es mir zuweilen vor, auch wenn die Obduktion gut, aber nicht reißerisch beschrieben ist. In seiner beruhigenden Art ist er der Gegenpol, brilliert mit fundiertem Wissen, er lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen.

Das eigentliche Thema, das hier Granther-Experiment genannt wird, hat es in sich. Ich habe zum ersten Mal davon gehört, mich dann weiter informiert und bin entsetzt, was sich bestimmte Leute alles erlaubt haben und erlauben. Menschenverachtende Experimente mit Wissen und Duldung der Aufsichtsbehörden gehört an den Pranger gestellt. Schwiecker & Tsokos haben dies auf eindrückliche Weise sehr lesenswert aufbereitet.

Der zweite Justiz-Krimi dieses Bestseller-Duos ist gelungen, auch der Hintergrund des Titels wurde noch geklärt, das Cover hat Wiedererkennungswert. Der zweite Band macht wieder Lust auf mehr. Wenngleich ich mich erst mal einfinden musste, so werde ich Rocco Eberhardt und Justus Jarmer treu bleiben. Natürlich!

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Der Fall John - ein Hörerlebnis

Ein Präsident verschwindet
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Schon „Die Akte Adenauer“ hat mich atemlos durch die Seiten fliegen lassen und nun geht es rasant weiter. „Ein Präsident verschwindet“ knüpft an die deutsche Nachkriegsgeschichte - den Ost-West-Konflikt ...

Schon „Die Akte Adenauer“ hat mich atemlos durch die Seiten fliegen lassen und nun geht es rasant weiter. „Ein Präsident verschwindet“ knüpft an die deutsche Nachkriegsgeschichte - den Ost-West-Konflikt – an. Der zweite Thriller um Philipp Gerber, den in Deutschland geborenen US-Amerikaner, der 1953 in den Dienst des BKA tritt. Diesmal bin ich hörend dabei.

Wir schreiben das Jahr 1954. Otto John, der Präsident des Verfassungsschutzes, verschwindet. Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe Bonn ermittelt. Als John in Ost-Berlin wieder auftaucht stellt sich die Frage: Wurde er tatsächlich entführt?

Otto John, der mit seinem Auftauchen in der DDR für einen der größten politischen Skandale in der frühen Geschichte der BRD sorgte, war von 1950 bis 1954 der erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Hier trifft viel Wirklichkeit auf dichterische Freiheit.

Schon das Cover vermittelt diese beklemmende Stimmung des geteilten Deutschlands beim Grenzübertritt bei Nacht - Düsternis und Tristesse.

Eine durch und durch spannend erzählte Geschichte, die durch den Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte besticht, die tief eintaucht in das damalige Geschehen, die alles hat, was ein Thriller braucht – aufregend, mitreißend, fesselnd und sehr interessant. Wird hier doch Geschichte vermittelt, eingebettet in eine fiktive Story die so hätte sein können, die vielleicht nicht nur einmal so oder so ähnlich gewesen ist. Man spürt, dass Ralf Langroth genauestens recherchiert hat und sein Wissen geschickt mit den erdachten Momenten vermengt.

Nicht genug damit, ist auch das Hörbuch gelungen. Dank des hervorragenden Sprechers sind die Figuren sehr authentisch gezeichnet, man nimmt Johannes Steck sofort ab, wenn er seine Charaktere in Dialekt sprechen lässt, einem Fremdsprachler seinen typischen Akzent lässt oder hinter der kraftvollen Stimme ein stämmiger Mann hervorblitzt.

„Ein Präsident verschwindet“ hat Argon Hörbuch vertont und mit dem sehr erfahrenen Sprecher Johannes Steck und seinem akzentuierten Vortrag der spannenden Geschichte viel Leben eingehaucht. Wer geschichtlich interessiert ist, zudem gut unterhalten werden will, der sollte hier zugreifen.

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Rasant, abwechslungsreich, spannend

Violas Versteck (Tom-Babylon-Serie 4)
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Band 4 der Tom Babylon-Serie „Violas Versteck“ von Marc Raabe ist der letzte Band um den LKA-Ermittler Tom Babylon und der Psychologin Sita Johanns.

Seit nunmehr 23 Jahren kommt er nicht zur Ruhe. Spürt, ...

Band 4 der Tom Babylon-Serie „Violas Versteck“ von Marc Raabe ist der letzte Band um den LKA-Ermittler Tom Babylon und der Psychologin Sita Johanns.

Seit nunmehr 23 Jahren kommt er nicht zur Ruhe. Spürt, dass sie noch da ist – Vi, seine kleine Schwester. Ein Foto, das Viola als erwachsene Frau zeigt, bestätigt ihm, dass er richtig liegt, er nicht aufgeben darf – Tom Babylon, LKA-Ermittler aus Berlin.

Er wacht auf, ist orientierungslos – hier stimmt was nicht. Schaut nach draußen. Das ist Big Ben! Und Viola flüstert im Hintergrund - wie so oft. Seit 23 Jahren sucht er sie. In einem Müllcontainer wurde er gefunden – wie kommt er hierher? Er, Tom Babylon, der Polizist aus Berlin? Jetzt ist er im Krankenhaus, Dr. Harris erzählt ihm, dass sie ihn nackt herausgefischt haben – er wurde niedergeschlagen. Kann sich an nichts mehr erinnern. Beim LKA arbeitet er nicht mehr, vor 6 Wochen wurde er gekündigt und es kommt noch schlimmer. Seine Frau Anne und sein kleiner Sohn Phil sind aus der Wohnung ausgezogen.

Und schon bin ich wieder mittendrin, erliege Marc Raabes so fesselndem Schreibstil. Der nunmehr vierte Band greift die Suche nach Viola auf, die Story hat es wieder in sich. Nicht nur Tom, auch Sita Johanns, die Psychologin und langjährige Kollegin Toms, nimmt die Leser mit in tiefste menschliche Abgründe, mitten hinein in eine abgeschiedene psychiatrische Anstalt. Ihr Part ist kursiv geschrieben, die Sicht auf die Geschehnisse wechseln stetig vom Vorher zu wenige Stunden, Tage oder Wochen später. Der Wechsel der Perspektive - Toms Suche ebenso wie die von Sita - macht die Story unglaublich rasant, spannend und kurzweilig.

Toms Aufruhr in sich selbst, seine Gefühlswelt, ist ein auf und ab. Er kann und will nicht aufgeben, ist es seiner kleinen Schwester schuldig, mit der er mental den Kontakt nie verloren hat. „Es ist besser, du findest mich nie“ – und doch muss er sie finden.

Das Cover hat einen Wiedererkennungswert, sind doch die Vorgänger „Schlüssel 17“, „Zimmer 19“ und „Die Hornisse“ ähnlich aufgemacht. Perfekt!

Marc Raabe versteht es, die Ängste und Zweifel so präzise und ausdrucksstark, so lebendig zu vermitteln, dass man unmöglich aufhören kann zu lesen. Auch wenn man die Vorgängerbände nicht kennt, ist man schnell dabei, das Nötige fließt wie nebenbei mit ein. Zwei sehr kurze Nächte waren es, diese gut 600 Seiten habe ich regelrecht inhaliert, belohnt wurde ich mit spannender Unterhaltung.

Loslassen ist niemals einfach. Tom, Sita, Bene und all die anderen haben mich über vier Bände begleitet. Ob es ein Wiedersehen geben wird? Marc Raabe weiß es noch nicht, ich lasse mich überraschen. Auf jeden Fall wünsche ich den Protagonisten, dass es ihnen gut gehen möge – ob im „Thriller-Ruhestand“ oder bis zum nächsten Fall. Aber eines ist sicher: Marc Raabe wird mir bestimmt noch so manch aufregende Lesestunde bescheren.

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