Starke Dialoge
Der Vater meiner TochterEr hat gekündigt. Eva weiß es noch nicht. Diese Scheißautowerbung raubte ihm die Sinne. Er ist schließlich Schriftsteller, kein Texter.
Die Kleine schlüpft zwischen sie unter die Bettdecke. „Wer liest ...
Er hat gekündigt. Eva weiß es noch nicht. Diese Scheißautowerbung raubte ihm die Sinne. Er ist schließlich Schriftsteller, kein Texter.
Die Kleine schlüpft zwischen sie unter die Bettdecke. „Wer liest vor?“ „Was?“ „Dornröschen.“ „Das kennst du schon auswendig.“ „Dornröschen!“ Auf Seite fünf wird sie ihn fragen, was ein Scheiterhaufen ist. „Was ist ein Scheiterhaufen?“ „Ein großes Feuer.“ Er könnte den Arm zu Eva ausstrecken, aber er tut es nicht. Nicht weil die Kleine zwischen ihnen liegt, sondern weil sie aufhörten, sich zu berühren. Es schlich sich ein. Wenn sie den motivierten Versuch wagen, sich einmal zu umarmen, wirkt es ungelenk und sie scheitern an dem Gefühl, eine leere Hülle im Arm zu halten.
„Das Bett der Kleinen passt nicht mehr, wir werden ein neues kaufen.“ „Was stimmt nicht mit dem Bett?“ „Ihre Füße ragen raus.“ „Weißt du was das kostet?“ „Wir haben doch Erspartes.“ „Ich habe meinen Job gekündigt.“ „Vielleicht hättest du vorher mit mir darüber reden können?“
Statt nur eines Bettes zu kaufen, will Eva jetzt eine Wand herausreißen und die Küche umbauen. Das Umbaukomitee rückt Montagmorgen an. Sie sollen ihre Sachen im Schlafzimmer stapeln und dann werden sie zu Evas Onkel ziehen.
Auf dem Weg zum Onkel fragt die Kleine: „Was bin ich?“ „Ein kleines Mädchen.“ „Nein, was noch, bin ich Muslimin?“ „Nein, du bist meine Tochter.“ „Christin?“ „Nein, wir sind Sarajevoer.“
Fazit: Der Autor Nenad Velickovic (Nachtgäste 2025) hat einen unglücklichen Protagonisten erschaffen, der nicht nur mit seiner Ehe hadert. Der verträumte, selbst ernannte Sarajevoer glaubt an eine Zukunft als Schriftsteller. Er schreibt an seinem Leben entlang und entblößt seine Familie wider des eigenen Vergessens. Er hat den Krieg überlebt, ohne einen Schuss abgegeben zu haben und dem Untergang des Sozialismus beigewohnt und betrachtet die Entwicklung mit Argusaugen. Die Bombenruinen werden mit Werbeplakaten verhängt. Auf den Gräbern der Gefallenen tanzt der Kapitalismus. Seine Arbeit als Werbetexter empfindet er als durch und durch sinnlos, aber die ehemalige Kollegin, die würde er gerne mal anfassen. Velickovic hat einen unzuverlässigen Ich-Erzähler erschaffen, der seine Gedanken mit mir teilt. Die Dialoge fand ich großartig, die vorwitzige Tochter wunderbar gezeichnet. Manche Fantasiepassagen fand ich schwer durchschaubar. Mein Lesefluss wurde gestört durch falsche Anfangsbuchstaben und die Worte sie und sich, die beide konsequent sieh geschrieben wurden. Ich muss gestehen, dass ich nach dem Buch „Nachtgäste„, das für mich im letzten Jahr ein Highlight war, etwas anderes erwartet habe und das beeinflusst meine Meinung natürlich enorm. Ihr seht mich also etwas befangen. Velickovic kann definitiv gut schreiben und die Erzählung ist besonders. Für alle, die gern in die Köpfe mittelalter Männer schauen.