Hat mich nicht überzeugt
Richtig großes GlückIm ersten Semester des letzten Studienjahres wertet sie Statistiken aus und sitzt stundenlang vor dem Bildschirm, um sich Videos von Kleinkindern anzusehen. Die Studie will beweisen, dass ein Kind, das ...
Im ersten Semester des letzten Studienjahres wertet sie Statistiken aus und sitzt stundenlang vor dem Bildschirm, um sich Videos von Kleinkindern anzusehen. Die Studie will beweisen, dass ein Kind, das öfter nach Gegenständen greift, schneller sprechen lernt als die Desinteressierteren. So richtig will sie sich immer noch nicht in das Studium der Psychologie einfinden.
Sie hasst die Literary Society, weil sie sich nicht einbringen kann, obwohl sie gerne genauso eloquent wäre wie ihre Kommilitoninnen, stattdessen trinkt sie stundenlang den billigen Rotwein aus Plastikbechern, bis sie öfter als sonst gegen Tischbeine stößt. Ihre Mitstreiterinnen erzählen schlimme Sachen von Tutoren und sie fragt sich, warum ihr noch nie etwas Ähnliches passiert ist. Sie scheint niemandes Typ zu sein.
In der Gemeinschaftsküche im Wohnheim trifft sie zum ersten Mal auf Luke, der sich ein Curry kocht. Wieder auf ihrem Zimmer schaut sie sich ausgiebig sein Facebook-Profil an. Ein wirklich netter Typ, der überall immer Spaß zu haben scheint und eine Freundin. Und dann sitzt Luke weinend vor ihr, weil seine Freundin ihn verlassen hat und überfordert sie.
Mein Leben lang war ich davon überzeugt, Gefühle seien die Produkte intellektueller Metanarrative, die Menschen um ihr Leben herum konstruieren, um Bedeutung zu erzeugen und das Leben auf ein menschlicheres, edleres Niveau zu heben. S. 36
Fazit: Harriet Armstrong hat in ihrem Debütroman eine namenlose studierende Protagonistin der Generation Z erzeugt, die Schwierigkeiten hat, sich in ihr Leben und die Welt einzubringen. Sie fühlt nichts außer ihre eigene Unzulänglichkeit. Völlig verkopft und verschlossen bleibt sie überall außen vor und dann trifft sie den lässigen Luke und beginnt eine einseitige Obsession. Der Roman wurde im Klappentext als furioses Debüt mit den Worten „scharfsinnig und herrlich ironisch“ verkauft. Das habe ich so leider nicht erlebt. Auf mich traf eine ellenlange Litanei des „Ich bin nichts und kann nichts“ und ich gebe zu, das kann, sofern herrlich literarisch verarbeitet, eine feine Leseerfahrung sein. Hier jedoch traf ich auf eine Atmosphäre, die ich am ehesten J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ zuordnen würde, den die Protagonistin auch mehrfach erwähnt. Die Stimmung ist dystopisch und bleibt es bis zum Schluss. Einige Wortwiederholungen wie schlechtes Gewissen (bis Seite 19 schon 6x) zeugen nicht von Qualität. Die Tatsache, dass sie aus ihrem Zimmer rausmusste und es geräumt hat, um einige Seiten später wieder hineinzuspazieren und die Blumen zu gießen, ist nicht stringent. Ein paar Bilder hätten der Geschichte auch guttun können, denn ich hätte gerne erfahren, wie die Protagonistin aussieht. Statt des seichten Innenlebens und der penetranten Selbstzentrierung hätte mich interessiert, wie sie so unfreiwillig exzentrisch werden konnte. Obwohl der Roman augenscheinlich von Presse und Leserinnen „heiß geliebt“ wurde, konnte er mich nicht überzeugen.