Sehr glaubhaft vermittelt
Gelb, auch ein schöner GedankeLea sprach wochenlang über Verantwortung und ihre Pläne, wie sie sich um einen Hund kümmern würde, wenn sie denn einen bekäme. Der Vater war dafür, die Mutter dagegen. Lea bekam den alten, humpelnden Ernie ...
Lea sprach wochenlang über Verantwortung und ihre Pläne, wie sie sich um einen Hund kümmern würde, wenn sie denn einen bekäme. Der Vater war dafür, die Mutter dagegen. Lea bekam den alten, humpelnden Ernie aus dem Tierheim. Als ihr Vater dann krank wurde, war das Körbchen verwaist, als Lea aus der Schule kam. Ihre Mutter sprach von Überforderung, Lea von Bevormundung. Ruth hatte Ernie der blöden Kristina drei Straßen weiter gegeben.
Im Krankenhaus sagen die Ärzte Ruth und Lea, dass Georg dort nicht länger bleiben kann, ob sie sich schon mit dem Gedanken an ein Hospiz angefreundet hätten. Palliativpflege sei jetzt die richtige Wahl. Ruth verlässt das Zimmer, geht wortlos raus, in ihr toben Stürme. Die wollen ihn einfach sterben lassen, aber nicht mit ihr. Sie wird ihn gesund pflegen, ist doch klar. Lea setzt sich zu ihm, blickt in seine grünen Augen, sucht das Leben darin, das Leuchten. Sie hält dieses ewige Hin und Her nicht mehr aus, die ständige Alarmbereitschaft.
Sie kann nicht mehr mit ihm reden, seine Antworten sind selten und dann hauchdünn. Deswegen fotografieren sie ihn manchmal. Auf einem der Fotos schaut er aus dem Fenster und blickt wie ein Kind, süß irgendwie.
Sie kannte ihn als strengen Mann, als lustigen Vater, als konzentrierten Morgenmenschen in seinem Arbeitszimmer, wenn er seine legendäre Pastasoße kochte, sah er vergnügt aus, süß, das war er nie. Seite 21
Und dann lag Georg eines Tages mitten in der Pastasoße. Er war vor dem Herd zusammengebrochen. Lea saß am Küchentisch, gerade hatte er noch gescherzt und Lea hatte seinen Sturz als Slapstickeinlage verbucht, aber dann kam Ruth angelaufen und rief den Notarzt. Seitdem verrinnt Leas Jugend und Ruths Leben.
Fazit: Die Autorin, Podcasterin (laxbrunch) und Literaturvermittlerin Nefeli Kavouras hat in ihrem Romandebüt eine etwas andere fiktionale Familiengeschichte erzählt. Die sechzehnjährige Lea möchte nichts anderes, als sich einmal zu verlieben. Sie hat schon längst ihren Vater verloren, das sollte doch Strafe genug sein. Ruth, ihre Mutter, wünscht sich einmal nur wieder in einem Café zu sitzen und einen Cappuccino zu trinken oder eine Freundin zu treffen, aber sie hat ja gar keine Freunde mehr. Sie verliert ihren Mann und versucht doch nur die Kontrolle zu behalten. Ruth verliert sich in der Sorge um Georg, sie schottet sich zunehmend ab und klammert an ihrem Mann, hält sich an den besseren Zeiten fest. Zeitgleich wünscht Lea sich, dass er endlich stürbe. Lea ist vernachlässigt, sie soll in diesem Klima fehlender Wärme und Mütterlichkeit einfach nur funktionieren, dem verlorenen Vater die Thrombosespritzen geben. Und natürlich ist Lea wütend. Die Autorin zeigt mir kapitelweise abwechselnd, was in Lea und Ruth vorgeht und macht es mir, mit ihrer Gabe des Erzählens, möglich mich in die beiden hineinzuversetzen. Die Überforderung beider und die Entfremdung, die jede gleich einsam macht, sind realistisch eingefangen und transportiert. Ich habe mich innerlich etwas gewehrt, als ein mystisches Stilmittel dazukam, weil das einfach nicht so mein Ding ist, muss aber gestehen, dass damit eine Verbindung, ein Loslassen und ein Zurück in die Normalität möglich wurde. Ich liebe es zu verstehen, was Menschen bewegt und das hat Nefeli Kavouras mir auf einfühlsame und nachvollziehbare Weise geschenkt.