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Veröffentlicht am 17.07.2026

Sehr glaubhaft vermittelt

Gelb, auch ein schöner Gedanke
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Lea sprach wochenlang über Verantwortung und ihre Pläne, wie sie sich um einen Hund kümmern würde, wenn sie denn einen bekäme. Der Vater war dafür, die Mutter dagegen. Lea bekam den alten, humpelnden Ernie ...

Lea sprach wochenlang über Verantwortung und ihre Pläne, wie sie sich um einen Hund kümmern würde, wenn sie denn einen bekäme. Der Vater war dafür, die Mutter dagegen. Lea bekam den alten, humpelnden Ernie aus dem Tierheim. Als ihr Vater dann krank wurde, war das Körbchen verwaist, als Lea aus der Schule kam. Ihre Mutter sprach von Überforderung, Lea von Bevormundung. Ruth hatte Ernie der blöden Kristina drei Straßen weiter gegeben.

Im Krankenhaus sagen die Ärzte Ruth und Lea, dass Georg dort nicht länger bleiben kann, ob sie sich schon mit dem Gedanken an ein Hospiz angefreundet hätten. Palliativpflege sei jetzt die richtige Wahl. Ruth verlässt das Zimmer, geht wortlos raus, in ihr toben Stürme. Die wollen ihn einfach sterben lassen, aber nicht mit ihr. Sie wird ihn gesund pflegen, ist doch klar. Lea setzt sich zu ihm, blickt in seine grünen Augen, sucht das Leben darin, das Leuchten. Sie hält dieses ewige Hin und Her nicht mehr aus, die ständige Alarmbereitschaft.

Sie kann nicht mehr mit ihm reden, seine Antworten sind selten und dann hauchdünn. Deswegen fotografieren sie ihn manchmal. Auf einem der Fotos schaut er aus dem Fenster und blickt wie ein Kind, süß irgendwie.

Sie kannte ihn als strengen Mann, als lustigen Vater, als konzentrierten Morgenmenschen in seinem Arbeitszimmer, wenn er seine legendäre Pastasoße kochte, sah er vergnügt aus, süß, das war er nie. Seite 21

Und dann lag Georg eines Tages mitten in der Pastasoße. Er war vor dem Herd zusammengebrochen. Lea saß am Küchentisch, gerade hatte er noch gescherzt und Lea hatte seinen Sturz als Slapstickeinlage verbucht, aber dann kam Ruth angelaufen und rief den Notarzt. Seitdem verrinnt Leas Jugend und Ruths Leben.

Fazit: Die Autorin, Podcasterin (laxbrunch) und Literaturvermittlerin Nefeli Kavouras hat in ihrem Romandebüt eine etwas andere fiktionale Familiengeschichte erzählt. Die sechzehnjährige Lea möchte nichts anderes, als sich einmal zu verlieben. Sie hat schon längst ihren Vater verloren, das sollte doch Strafe genug sein. Ruth, ihre Mutter, wünscht sich einmal nur wieder in einem Café zu sitzen und einen Cappuccino zu trinken oder eine Freundin zu treffen, aber sie hat ja gar keine Freunde mehr. Sie verliert ihren Mann und versucht doch nur die Kontrolle zu behalten. Ruth verliert sich in der Sorge um Georg, sie schottet sich zunehmend ab und klammert an ihrem Mann, hält sich an den besseren Zeiten fest. Zeitgleich wünscht Lea sich, dass er endlich stürbe. Lea ist vernachlässigt, sie soll in diesem Klima fehlender Wärme und Mütterlichkeit einfach nur funktionieren, dem verlorenen Vater die Thrombosespritzen geben. Und natürlich ist Lea wütend. Die Autorin zeigt mir kapitelweise abwechselnd, was in Lea und Ruth vorgeht und macht es mir, mit ihrer Gabe des Erzählens, möglich mich in die beiden hineinzuversetzen. Die Überforderung beider und die Entfremdung, die jede gleich einsam macht, sind realistisch eingefangen und transportiert. Ich habe mich innerlich etwas gewehrt, als ein mystisches Stilmittel dazukam, weil das einfach nicht so mein Ding ist, muss aber gestehen, dass damit eine Verbindung, ein Loslassen und ein Zurück in die Normalität möglich wurde. Ich liebe es zu verstehen, was Menschen bewegt und das hat Nefeli Kavouras mir auf einfühlsame und nachvollziehbare Weise geschenkt.

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Veröffentlicht am 16.07.2026

Psychologisch großartig

Unter Freunden
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Amos und Claire haben sich kennengelernt, weil Emerson, ein langjähriger Freund von beiden, sie bekannt gemacht hatte, das liegt nun schon mehr als zwanzig Jahre zurück. Natürlich hätte Amos, der aus armen ...

Amos und Claire haben sich kennengelernt, weil Emerson, ein langjähriger Freund von beiden, sie bekannt gemacht hatte, das liegt nun schon mehr als zwanzig Jahre zurück. Natürlich hätte Amos, der aus armen und ebenso tragischen Familienverhältnissen stammt, ohne Claires finanziellen Hintergrund nie seine eigene Praxis eröffnen können, aber er würde sagen, dass sie immer noch glücklich sind. Er liebt sie, bewundert ihren kühl kalkulierten Verstand. Sicher, manchmal gibt sie ihm das Gefühl, er gehöre nicht dazu. Nicht dorthin, wo sie, ihre Familie und auch Emerson stehen, doch damit lässt sich leben. Und ihre Tochter Anna ist sein ganzer Stolz, er liebt sie mehr, als Claire sie je lieben könnte, sieht sie so, wie sie ist.

Emerson hatte einen Unfall, eine Frau war ihm vor das Auto gesprungen. Er hat sich nichts vorzuwerfen, war voll in die Bremsen gegangen, aber es sieht nicht gut für sie aus. Als er es am Abend Retsy erzählt, überrascht sie ihn nicht.

Retsy hatte die richtigen, die erwartbaren Worte gesagt, doch es gab eine Grenze, über die sie nicht hinauskam. In Sachen Denken glich sie einer Person, die zwar aufräumte, aber nicht richtig putzte. Seite 19

Amos, Claire und Anna fahren zu Emersons Geburtstagsfeier. Er wird zweiundfünfzig. Das wird ein Fest. Sie kennen sich seit den Anfängen aus ihrer Highschool. Amos hat ihn schon immer bewundert. Beim Abendessen erfahren die drei von dem Unfall. Während des Gesprächs entgeht Amos Emersons Selbstgefälligkeit nicht, wie er sich stets in Szene setzt. Die Frau hatte sein Auto tragischerweise mit dem Wagen ihres Geliebten verwechselt, der die Liaison gerade beendet hatte. Auch Emersons moralische Erhabenheit, der selbst kein anzügliches Angebot ausschlägt, nervt Amos. Emerson hingegen findet Amos Intellekt, die gezielten Fragen, die er stellt, immer schon ermüdend.

Fazit: Hal Ebbott hat in seinem Debüt ein psychologisches Meisterwerk geschaffen. Er zeichnete eine Freundschaft zwischen zwei unterschiedlichen Männern. Amos, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs, sein Vater war Automechaniker und verstarb früh an Wundbrand, verbrachte die meiste Zeit seiner Kindheit bei seiner hysterischen Mutter, die unter Verarmungswahn litt. Er hat einen scharfen Verstand, ist einfühlsam und hegt tief verwurzelte Selbstzweifel. Emerson ist mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und geht mit einem Selbstverständnis durch die Welt, dass an Überheblichkeit kaum zu übertreffen ist. Der ehrgeizige, erfolgsbesoffene Mann wird alt und das macht ihn verbissen und wütend. Claire, die erfolgreiche Medizinerin, hat ein ebenso großes Selbstverständnis wie Emerson den richtigen Platz in der Welt gefunden zu haben. Retsy pariert die Boshaftigkeiten Emersons mit einer gewissen Spitzfindigkeit, hat sich aber in ihrem behaglichen Leben eingerichtet. An Emersons Geburtstag passiert etwas, mit dem ich nie gerechnet hätte. Die Folgen offenbaren alle Abhängigkeiten, Ressentiments und Abgründe. Die Konsequenzen haben mich nachdenklich gestimmt. Obwohl dieser Roman nicht perfekt ist, hat er Spuren bei mir hinterlassen. Ich erfahre nicht nur in Rückblicken, was die beiden verbindet, nein, der übergeordnete Erzähler lässt mich ständig in die Köpfe aller Beteiligter blicken. Die Sprache ist sperrig, teils schwer zugänglich, einige Metaphern sind unterirdisch. Meine Schwäche für böse Buben hat mich bei Laune gehalten. Wenn es dir genauso geht, ist dies das richtige Buch für dich. Für alle, die gerne Sally Rooney lesen.

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Veröffentlicht am 07.07.2026

Ein kluges feministisches Manifest

Fuckgirl
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Glücklich waren sie nicht miteinander, waren sie nie. Fuckgirls Vater verachtete ihre Mutter, ihre Kochkünste genau wie ihre Kleidung und ihre Freude an Fernreisen. Er hingegen hatte Phasen, da war er ...

Glücklich waren sie nicht miteinander, waren sie nie. Fuckgirls Vater verachtete ihre Mutter, ihre Kochkünste genau wie ihre Kleidung und ihre Freude an Fernreisen. Er hingegen hatte Phasen, da war er schon mittags besoffen. Dann saß ihre Mutter mit Fuckgirl und ihren beiden jüngeren Schwestern im Kinderzimmer auf dem Bett, um ihm aus dem Weg zu gehen.

Mit der ihm gebührenden Erwartungshaltung setzte er sich nach der Arbeit auf die geblümte Küchenbank, ließ sich von Mutti das Essen aufwärmen und servieren. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, sich selbst ein Essen zuzubereiten, das ihm womöglich noch schmeckte, obwohl sie arbeitete, sich um die Kinder kümmerte und den Haushalt schmiss. ER verdiente eben mehr.

In ihrer ersten gesunden Beziehung, zwanzig Jahre später, vermisste Fuckgirl kein Genörgel, kein Dominanzgehabe, keine emotionale Erpressung -ach komm, bleib doch noch, es ist so still ohne dich. Und doch war es, als fehlte ihr etwas. Etwas Unbestimmtes, das Sicherheit gibt, weil man es kennt. Sie konnte ihre Bedürfnisse aussprechen, ohne abgewiesen, verlassen, provoziert oder mit Schweigen bestraft zu werden.

Im Grunde ist sie Künstlerin geworden, um ihren Vater zu enttäuschen, der sich so gefreut hätte, wenn sie einer akademischen Linie wie Betriebswirtschaft gefolgt wäre, etwas mit dem sich viel Geld verdienen ließ und das sie zwang, sich ordentlich zu kleiden. Es verging dann auch kein Tag, an dem er sie nicht mit seinen Ratschlägen unterstützte. Fortan wurde jede Familienfeier zum Anlass genutzt, über ihre Fehlentscheidungen zu lästern. Fast möchte sie ihnen sagen, dass sie in ihrer Ehe das einseitige Vergnügen pflegt, fremde Männer zu daten und sich big dicks reinzupfeifen, aber sie zögert noch mit derlei Offenbarungen.

Fazit: Die Autorin Bianca Jankovska hat in ihrem Romandebüt alles gegeben, was das Feminist*innenherz begehrt. Schon ab Seite 11 war mir klar, dass ich jeden ihrer klugen Sätze unterschreiben werde. Ihre Protagonistin schenkt mir einen Blick in ihre Herkunftsfamilie, der mir aus meiner eigenen bekannt ist. Ich lerne ihren ersten festen Freund kennen, genannt „Loser“, der ihr Vertrauen missbraucht. Sie wollte es wirklich, dieses Zweierding aus großen Gefühlen, das zu einer eigenen Familie führt. Danach macht die erfolgreiche, unabhängige Performancekünstlerin alles anders. Ihr geerdeter Ehemann, weder sexuell attraktiv noch in irgendeiner Weise leidenschaftlich, wird ihr Fels in der Brandung, der sie auffängt, wenn sie frustriert von einem Fuckdate kommt. Sie trifft Männer die verantwortungslos, selbstgefällig, illoyal, egoistisch und empathielos sind. Dieser Roman ist ein feministisches Manifest, weil er alles infrage stellt, was meine und die nächsten Generationen für richtig erachten. Ganz nebenbei analysiert die Protagonistin dieses attraktive, leidensfähige Frauenbild, das wir alle internalisiert haben, weil das Patriarchat einst ausgetrieben immer neue Anspruchsfrüchte trägt. Zum Schluss reflektiert sie ehrlich ihre wirklichen Bedürfnisse, frei von Selbstbetrug. Was für ein intelligenter, selbstbewusster Roman, zugegeben unbequem, ein bisschen schmutzig, ein wenig gehässig und streckenweise urkomisch. Es ist befreiend über das zu lesen, was ich selbst gut kenne und es so aufgeräumt und klar begreifen zu dürfen, ohne Bagatellisierungen (so is er halt) Selbstzweifel (liegt vielleicht an mir) und den ganzen weiblichen Quatsch.

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Veröffentlicht am 02.07.2026

Psychologische Miniaturen verzweifelter Menschen

Alles Liebe
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Zehn Tage türkische Riviera all inclusive in einem seelenlosen Bunker, wie es sie an nahezu jedem europäischen Strand gibt. Laura und ihre Freundin Miriam liegen die meiste Zeit auf dem Hotelbett. Während ...

Zehn Tage türkische Riviera all inclusive in einem seelenlosen Bunker, wie es sie an nahezu jedem europäischen Strand gibt. Laura und ihre Freundin Miriam liegen die meiste Zeit auf dem Hotelbett. Während Miriam schläft, zappt Laura sich durch die Homeshopping-Kanäle und sieht aufgedrehten türkischen Frauen dabei zu, wie sie Make-up oder Handstaubsauger verkaufen, als wäre es das wichtigste auf der Welt. Lauras Eltern waren schon nach zwei Tagen gelangweilt, weil sie sonst immer nach Kroatien campen und wandern fahren. Dennoch haben sie Miriam und ihre Mutter an diesen bequemen Ort eingeladen.

Miriam war in der Schule regelmäßig eingeschlafen, nicht dieses typische gelangweilte Schülerinnen-wegdösen, sondern als hätte sie jemand ausgeknipst. Das kam den Lehrern seltsam vor, die Miriams Mutter nötigten, der Sache auf den Grund zu gehen. Die vermuteten Wachstumsschmerzen hielten den blau-lilafarbenen Flecken auf Lauras Schultern nicht stand. Eine einfache Blutuntersuchung ergab, dass sie von der einen Fraktion Blutkörperchen zu viele und von der anderen zu wenige hatte. Akute lymphatische Leukämie also. Und wegen der zehntägigen Gnadenfrist vor der ersten Chemo waren sie jetzt hier.

Barbara kennt Miriams Mutter aus der Selbsthilfegruppe, ihre Tochter Klara ist noch schlechter dran als Miriam und wurde zum Pflegefall. Noch dazu hat Klaras überforderter Vater die Flucht ergriffen. Barbara kommt kaum noch aus dem Haus und bestellt das meiste, das sie brauchen im Internet. Sie sammelt Versandkataloge und blättert sie immer wieder gerne durch. Die fröhlichen Gesichter beflügeln ihre Fantasie. So wie der attraktive junge Mann, der sie schon öfter von den Fotos anlächelte. Sie nennt ihn Rolf und schneidet seine Silhouetten aus, um sie an die Küchenwand zu hängen.

Fazit: Ronja von Rönne, die Journalistin, Moderatorin und Autorin, hat ein Kaleidoskop an Menschen geschaffen, die am Leben zu verzweifeln scheinen. Da ist Laura, die augenscheinlich ihre an Leukämie erkrankte Freundin dazu benutzt, sich wichtigzumachen. Barbara, die unter ihrer Einsamkeit leidet, sich aus Katalogen einen Mann fürs Leben bastelt und eine Obsession entwickelt. Benni, der seiner Freundin den beruflichen Erfolg neidet. Die Autorin setzt mit großem Gespür für die Bedürfnisse von Menschen, kleine individuelle Miniaturen zusammen und gibt ihnen eine Bühne, die sie im wirklichen Leben bräuchten. Dabei lässt sie ihre Figuren einfach lügen und betrügen, ohne die moralische Keule auszupacken. Der Sprachstil ist witzig, spritzig und treffsicher und hat mir viel Freude bereitet. Einziger Wermutstropfen, dass hier Kurzgeschichten etwas unbeholfen lose miteinander verwoben wurden, um dem Ganzen den Anschein eines Romans zu geben. Nichts destotrotz habe ich das sehr gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 24.06.2026

Unterhaltsam aber nicht überzeugend

Hofsommer
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Doreen klaubt Amelie vom Boden auf. Die will bei achtzehn Grad Außentemperatur ihre gefütterten Einhornstiefel anziehen. Doreen hat keine Zeit, das auszudiskutieren. Sie hat ihr die Turnschuhe übergestreift, ...

Doreen klaubt Amelie vom Boden auf. Die will bei achtzehn Grad Außentemperatur ihre gefütterten Einhornstiefel anziehen. Doreen hat keine Zeit, das auszudiskutieren. Sie hat ihr die Turnschuhe übergestreift, ihr brüllendes Kind auf die Arme gehoben und lässt sich jetzt treppabwärts von kleinen Fäusten auf die Brust hämmern. Ab in den Kindergarten mit dem Energiebündel. Die SMS ihrer Mutter hatte sie gerade überflogen. Es geht um Maria und Helmut und es scheint dringend.

Helmut liegt im Bett, hört das Scharren der Hufe, das Schnaufen der Nüstern, das Wiehern und Grasen. Warum sollte er aufstehen, in seinem Alter pfeift ihn niemand mehr aus dem Bett. Alles im Leben war ihm passiert. Das Schmieden genau wie die Fohlenzucht. Die große Verwirrung am Ende der DDR. Nur Maria war ihm nicht passiert, für sie hatte er sich entschieden. Das feine Mädchen mit den vielen braunen Haaren und den langen Beinen. 1956 bei der Kartoffelernte hatte er am Besteck neben ihr gestanden. Sie trug ein selbst genähtes Städterinnenkleid in Rosa mit blauen Blumen. Ihre Arme voller Staub, der sich mit ihrem Schweiß vermischt hatte. Nur ihre gewaschenen Hände mit den langen Fingern waren schneeweiß. Jetzt liegt sie neben ihm und atmet schwer. Lunge, Endstadium. Sie haben sich entschieden, zusammen zu gehen. Ihre Tochter Sandra wird einen Weg finden und sie wird es Doreen sagen müssen.

Fazit: Die Wirtschaftsjournalistin Hanna Heim hat nach dem Tod ihrer Großeltern ihre Familiengeschichte aufgearbeitet. Ihre Protagonistin Doreen wuchs auf dem Pferdehof ihrer Großeltern im Osten Deutschlands, in Fallera auf. Später hat sie in München eine Familie gegründet. Ihre Mutter ist Kommunalpolitikerin in Fallera und kämpft gerade mit einem Skandal. Als ihre Eltern sich für einen assistierten Doppelsuizid entscheiden, will ihre Enkelin ihnen mit allen Mitteln das Leben wieder schmackhaft machen. Ich bin hin und her gerissen. Wirklich gut gefallen haben mir Helmuts Rückblicke. Ich erfahre realistisch, wie es war, in der DDR zu leben, kein Individuum zu sein, sondern ein winziges Rädchen im Getriebe gegen den Imperialismus. Das Thema finde ich interessant, der Wunsch in Würde zu altern und wenn das nicht mehr möglich ist, früher zu gehen. Ich konnte mich mit dem Schreibstil nicht anfreunden. Da war mir zu viel Pathos, der an Hysterie grenzte und die Dialoge waren flach:

„Bereit Baby?“ „Was meinst du Liebste?“ „Wer von euch zwei Schnuckies will denn anfangen?“

Grundsätzlich fand ich das Buch unterhaltsam und die Idee gut, aber der Stil hat mich nicht überzeugt.

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