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Veröffentlicht am 24.02.2026

Popkulturelles Knallbonbon

Partypeople
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Sie stehen im Lustpark von Schloss Versailles. Er, Monsieur infrarot, der ihm während der Wartezeit auf seinen Auftritt einheizt und Monsieur Umbrella, der ihm im Schneeregen das Haupt trocken hält. Der ...

Sie stehen im Lustpark von Schloss Versailles. Er, Monsieur infrarot, der ihm während der Wartezeit auf seinen Auftritt einheizt und Monsieur Umbrella, der ihm im Schneeregen das Haupt trocken hält. Der Tech-Riese aus Palo Alto, der das Event für den Launch eines E-SUV Herstellers finanziert hat, scheint es so gewollt zu haben. Die Tickets kosteten im Early-Bird Vorverkauf 170 € und scheinen ausverkauft.

Und dann geht es auch schon los. Er betritt den Platz hinter seinem Mischpult. Ein weißer Lichthagel flackert im Raum, zuckt sachte hin und her. Er schiebt seinen Scandisc-USB-Stick in den CDJ 3000 Nexus und hebt die Hände gen Himmel, so als würde er das Licht beherrschen. Aus den Lautsprechern erklingt eine Ouvertüre. Er lässt den Beat nicht einsetzen, sondern stoppt den Sound. Stille. Elektrische Spannung breitet sich im Publikum aus. Dann Playtaste, die Vokals setzen ein, Lichtblitze wie Trommelwirbel. Die Kickdrum peitscht die Leute hoch. Manche schließen die Augen und lassen sich in die tieferen Frequenzen fallen.

Als er einen Tick zu spät, mit schulterfreiem Netzhemd und den Darkwashed-unisex-Baggy-Jeans über das Rollfeld stolpert, brüllt der Pilot ihn wegen der Verspätung an, als ob ihm das zustünde. Er wäre lieber mit dem Hubschrauber zum nächsten Event nach Mykonos geflogen, aber das war wohl nicht drin. Jetzt muss er seine Givenchy- und Versace-Handtasche, einschließlich der Birkin Reisebag auf engstem Raum verstauen.

Fazit: Stefan Sommer peitscht seinen namenlosen Ich-Erzähler durch die Welt der Reichen und Schönen. Der homosexuelle Protagonist hat sich auf elektronische Musik spezialisiert und ist damit so erfolgreich, dass er für geschäftliche Events ebenso gebucht wird wie für Geburtstagsfeiern bekannter Milliardäre. Er kommt in den Genuss von Champagner und Gänsestopfleberpastetchen, die Drei-Sterne-Köchinnen persönlich kredenzen, nächtigt in luxuriösesten Resorts und lebt von der reuelosen Geldverschwendung seiner Protegés. Allerdings ist die Luft dort oben im Musikhimmel dünn und die Konkurrenz groß. Der Stress, das 2. Album zu liefern, durch die Welt zu jetten und sich mit Propofol, Ecstasy, Benzodiazepinen und viel Alkohol auf den Beinen zu halten, eine Herausforderung. Wenn man dann noch hofft, dass ein verheirateter Mann sich zu einem bekennt, dann hat man schon einiges zu bewältigen. Stefan Sommer ist ein Charakter gelungen, der mir mit seinen klugen, authentischen Bemerkungen ans Herz gewachsen ist. Er ist frech, charmant, mutig und so kaputt, wie man nur sein kann, wenn man das kapitalistische System, das einen füttert, bei Laune halten muss. Der Autor hat mich in eine Welt entführt, die ich als alte, weiße, cis Frau nicht mehr kennenlernen werde. Danke dafür. Ich mochte übrigens sein Debüt Trabant sehr, aber das hier ist ein ganz besonderes popkulturelles Knallbonbon.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Gut gemachte Geschichte

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan.

Sie hatte den ganzen Frühling und ...

Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan.

Sie hatte den ganzen Frühling und Sommer ihrem älteren Bruder Kai beim Sterben zugesehen. Hatte viele Stunden an seinem Bett gesessen und dabei zugesehen, wie er ihr entglitt. In ihrer Selbstbezogenheit hatte sie gedacht, es könne schlimmer nicht kommen, doch dann hat ihr Gynäkologe eine Zellveränderung am Gebärmutterhals festgestellt.

Diese Oktoberwoche haben sie und Jan sich gegönnt. Sie, um wieder näher an Jan ranrücken zu dürfen. Erika leidet unter der Distanz, die ein stressiger Alltag zwischen sie geschoben hat. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Jans Blick, der ihr sagt, dass er sie will, nach seinen Händen, die sie packen.

Sie will Jan zum Frühstück rufen, öffnet die Schlafzimmertür und sieht ihn nackt auf dem Bauch liegen, ein Bein angewinkelt. Sie möchte sich neben ihn legen, seinen Nacken und die Schulterblätter liebkosen, die Wirbelsäule hinab bis zu den festen Pobacken, aber sie steht im Türrahmen und weiß, dass er sie seinen Körper nicht aufbrechen lässt. Seit sieben Jahren entzieht er sich ihr. Sie spürt die Tränen, die ihre Wangen hinabrinnen, weiß, dass sie ihn liebt, dass sie ihn will und schämt sich zugleich ihrer Bedürftigkeit.

Auf dem Bürgersteig vor der kleinen Trattoria sitzen sie sich gegenüber. Erika trinkt einen großen Schluck von ihrem Rotwein und hofft, Jan würde diesmal mehr als ein Glas nehmen. Sie will ihn wieder einmal fragen, was sie tun kann, wie sie attraktiver für ihn werden kann, doch Jan kommt ihr zuvor: „Erika, ich muss dir was sagen …“

Fazit: Wencke Mühleisen beschäftigt sich schriftstellerisch mit den Themen Gender, Sexualität, Feminismus und Politik. In dieser Geschichte widmet sie sich einer 65-jährigen Ehefrau und Mutter, die ihren Mann liebt und unter seinem körperlichen Liebesentzug leidet. Ihr Mann gesteht ihr eine andere Frau zu haben und erschüttert Erika schwer. Die Autorin zeigt versiert die Schwachstellen einer Beziehung. Wie versehrt wir alle durch familiäre Erfahrungen sind. Wie wir diese unbewussten Baustellen aus falschen Vorstellungen, Erwartungen und Fehlinterpretationen mit in eine Beziehung nehmen und dort weitertoben lassen. Zuerst kämpft Erika wie eine Löwin um die Beziehung. Der Schock spült alle möglichen Bilder in ihr Gehirn, mit denen sie sich quält. Die Eifersucht ist ausufernd, das Ego omnipräsent. Während der folgenden Paartherapie lernt Erika ihren Mann und sich selbst besser zu lesen. Die Geschichte ist hochaktuell und ich freue mich, dass Wencke Mühleisen sie zeigt. Es passiert häufig, dass Frauen mittleren Alters von ihren Männern wegen jüngeren Frauen verlassen werden. Männer in der depressiven midlife crisis, die plötzlich ihr ganzes Dasein infrage stellen. Und so schrecklich das auf den ersten Blick wirkt, liegt in einem Neuanfang auch eine große Chance für beide. Leider haben Frauen Erikas Generation internalisiert, dass sie ohne Kerl nicht klarkommen. Und ein wenig unterstreicht das Ende des Buches diese Ideologie auch und da hätte ich mir etwas frischeres gewünscht. Aber so what, die Geschichte ist gut gemacht, stringent, glaubhaft, mit zwei gut gezeichneten Charakteren. Für alle, die gerne Doris Knecht oder Julia Schoch lesen.

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Veröffentlicht am 20.02.2026

Ein Kracher

fundamentalös
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Nadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes ...

Nadja ist in Bagdad angekommen und verblüfft. Sie hatte mit dem kontrollierten Blackout gerechnet, von dem die Medien sprachen. Sie sieht es nicht, das böse zugerichtete Stromnetz, stattdessen ein strahlendes Nationalmuseum, geschmacklose Lichterketten an Palmen und reihenweise glänzende BMWs und Audis am Flussufer. Sie darf die Panzerglasscheibe nicht herunterlassen. Sicherheit, sagt der Fahrer und deutet auf die Dächer. Ein frenetisch hupender Fahrzeugkonvoi stoppt sie. Nadja verkrampft sich kurz, weil sie mit dem Schlimmsten rechnet, aber der Kugelhagel bleibt aus. Eine Braut steigt aus einem der SUVs und betritt ein Fünf-Sterne-Hotel. Wo ist sie hier gelandet?

Der Liebeskummer verschlug sie hierher. Rosy hatte sie völlig unerwartet gegen einen Typen ausgetauscht und quatschte plötzlich von Liebe. Jetzt hofft sie, sich mit einer neuen Aufgabe ablenken zu können. Sie wird IS-Bräute deradikalisieren. Sie musste für ihre langweilige Dozentenstelle einen Fachartikel schreiben. Zuerst war ihr partout nichts eingefallen, aber dann schrieb sie über Frauen, die ins Kalifat gegangen waren, um sich dem IS anzuschließen, die festgesetzt wurden und dann meistbietend an die Soldaten verschachert wurden. Es folgte ein Konzept zur Reintegration in die Heimatländer. Das hatte jemand von der UN gelesen und sie angeschrieben und nun war sie hier.

Sie kennt sich aus, ihre eigene Mutter hatte sie islamisiert. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr hatte sie fleißig in den Herrn vertraut, dann schwand die Überzeugung langsam. Sie fühlte sich so unfrei. Karma ist Gotteslästerung. Sich außerhalb des Gebets verbeugen Gotteslästerung. Geburtstagspartys gottlos. Apostasie Enthauptung. Nun trifft sie nach ihrem gottlosen Leben in London wieder auf Muslime.

Fazit: Nussaibah Younis, Friedensforscherin und anerkannte Irak-Expertin, hat mit ihrem Debütroman einen Kracher hingelegt. Die Geschichte dreht sich um die muslimische Nadja, die gerade von ihrer Partnerin verlassen wurde und glaubt, eine Herausforderung gegen den Kummer zu brauchen. Ahnungslos gegenüber den irakischen politischen Feinheiten, stolpert sie ins Bild und wirkt. Sie stößt auf allerlei Widerstände. Die Schiiten rebellieren gegen Arbeitslosigkeit, die Sunniten sitzen in der Regierung. Die Checkpoints werden durch kurdische Paramilitärs kontrolliert. Einige Jahre zuvor hatten alle gemeinsam gegen den IS gekämpft, dann gegeneinander und jetzt hängen sie alle in der posttraumatischen Belastungsstörung. Die Arbeit der UN wird eher als koloniale Verschwörung, die scheinbar eine legale Grundlage für westliche Kriegsverbrechen schafft, betrachtet. Und dann trifft sie auf die imposante 15-jährige Sara, die sich von ihrer besten Freundin in den Irak locken ließ, weil dort das Paradies warte. Nadja will die inhaftierten Frauen befähigen, von ihren Heimatländern zurückgenommen zu werden aber die Steine, die ihren Weg kreuzen, kommen von allen Seiten. Dieser Roman hat mich gebannt. Die Autorin transportiert die Unfassbarkeit dieses gebeutelten Landes mit großer Klugheit und Slapstick Humor und macht aus einer Tragödie eine Komödie. Sie hat mir dieses Durcheinander an Zuständigkeiten nahegebracht. Das Ende hat mich tief berührt. Ich habe keine Ahnung, womit der Buchmarkt uns dieses Jahr noch überrascht, doch dieses Buch, das es 2025 auf die Shortlist des Women´s Prize for Fiction geschafft hat, kann durchaus mein persönliches Jahreshighlight sein.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Schwer zugänglich

Iris
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Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit ...

Iris erzählt Anton von ihren Reisen. Wen sie getroffen hat, welche Eindrücke Menschen und Orte bei ihr hinterlassen haben. Sie ist Schriftstellerin und stellt ihre vielfach übersetzten Bücher europaweit vor. Anton erstellt kunstvolle Fotografien, immer mit defekten Kameras. Auf den Fotos findet sich ein Riss, der sich durch das Motiv zieht, andere sind überbelichtet. Er bereitet sich auf eine große Ausstellung vor. Iris und Anton sind ein unkonventionelles Paar. Ihre körperlichen Spielarten geben der offenen Beziehung die nötige Würze. Iris findet Spaß an der Unterwerfung, Anton am Führen. Trotz der, manchmal langen, Entfernung verbindet sie das gegenseitige Interesse. Iris interessiert sich für Hexenprozesse, sie stellt regelrechte Forschungen an. Die Art der Vorgehensweisen der Gewalt interessiert sie ebenso wie die Logik der Inquisition: „Geht die in den Fluss geworfene, an Armen und Beinen gefesselte Frau unter, ist sie unschuldig, schwimmt sie oben, ist sie besessen“.

Fazit: Ich mache es kurz!

Die vielfach ausgezeichnete Autorin mehrerer Bücher hat mich überfordert. Obwohl ich mich bis zum Ende durch die Erzählung gezwungen habe, blieb mir der Sinn verborgen. Ich glaube, es geht um Intimität, die echte Nähe, die mich den anderen erkennen lässt, der sich mir vertrauensvoll und selbstsicher zeigen mag. Die echte Nähe, die ich selbst zulasse, weil ich mich dem anderen vertrauensvoll hingeben kann. Bei Iris und Anton gibt es an einer Stelle einen Riss, der eine Distanz hereinlässt und dann ist nichts mehr, wie es scheint. Ein Unwohlsein stellt sich ein. Der Blick schärft sich und deckt unschöne Flecken auf. Der andere bemerkt das und fühlt sich nicht mehr so frei, in seinem sich zeigen und geht ebenfalls auf Distanz. So weit, so gut, wenn es so wäre, wie ich es interpretiere, könnte das eine feine Erzählung sein. Allerdings wurde meine Lesefreude getrübt, weil ich mir den Text hart erarbeiten musste. Die Autorin schreibt ohne Punkt und Absatz. Zeichen für wörtliche Rede gibt es nicht. In einem Rutsch sitzt Iris neben Anton am Tisch und erzählt, dann sitzt sie im Zug nach Posemuckel und spricht mit einer Freundin oder auch nicht? Denn sie hat ja gar kein Mobiltelefon. Vielleicht ist hier ein expressionistisches literarisches Kunstwerk entstanden, das ich nicht erkennen kann, weil mir die Erfahrung und damit der Zugang fehlt. Und so bin ich fast traurig, dass ich das Buch nun nach meiner Prämisse bewerten muss, denn schreiben kann Laura Freudenthaler definitiv.

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Außerordentliche Erzählkunst

Oroppa
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Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig ...

Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig Kilo, der eine Lungenflügel ist zusammengefallen, der andere kämpft mit einem Bakterium. Aber dieses Schreien.

Hind stolpert mit ihrem Koffer und einem Beutel die Rivierenburt entlang, high wie drei Piloten. Sie war eine halbe Stunde zu spät und Hbib Lebyard war nirgends zu sehen. An der Haustür steckte der Schlüssel, so ein Glück, aber er ließ sich nicht drehen. Er hatte ihr das Haus einer Freundin angeboten, einer Künstlerin, Salomé Abergel. Hild arbeitete schon eine Weile in seiner Imbissbude. Zuerst war sie skeptisch, auch weil das Bewohnen sie nichts kostete. Sie sollte bloß ein bisschen sauber machen, die Blumen gießen und den Keller meiden. Hind wollte unbedingt aus dem Dachgeschoss bei Coy Mudden raus, die ihr einen Gott nahebringen wollte, der keine Nordafrikaner mochte und so nahm sie das Angebot an.

Nachdem sie eine Weile am Türschloss rumgefummelt hatte, trat sie doch in das Innere des großen alten Backsteinhauses ein und spürte direkt Beklemmungen. Nach den knarzenden Flurdielen stieß sie auf ein riesiges Bücherregal und dicke Vorhänge, die jedes Licht absorbierten. Auf dem Couchtisch eine Hand aus Glas, die sich ihr fordernd entgegenstreckte. Das Hauptschlafzimmer sah aus, als sei es gerade verlassen worden. Papiere und Kleidung auf dem Boden verteilt. Sie wird bald Hbib anrufen müssen und ein paar Fragen klären.

Fazit: Safae El Khannoussi schleift mich in ihrem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt in rasantem Tempo durch unterschiedliche Szenerien. Gleich einem Puppenspieler hält sie mehrere Fäden in der Hand, die sie bis zum Ende souverän übers Parkett führt, das ist schon große Kunst. Sie lässt mich eine Menge Menschen kennenlernen, die allesamt richtig gut gezeichnet sind. Die Geschichte ist düster, führt mich in die Folterkeller Marokkos, der späten 70-er-Jahre, nach Paris und Amsterdam. Da ist die jüdisch-marokkanische Malerin Salomé, auf der Flucht vor einer zweifelhaften Galeristin, ihr Sohn, der im marokkanischen Gefängnis zur Welt kam und sich für einen großen Abstand zur Mutter entschieden hat. Salomés ehemaliger Folterknecht, sucht sie kurz vor seinem Tod persönlich auf. Da sind die „sieben Schläfer“, die sich regelmäßig im Rainblow City, dem Coffeeshop, im orangefarbenen Schein zweier lebensgroßer Lavalampen treffen. Was wie ein Mystery-Roman beginnt, entpuppt sich zu einer Odyssee, ähnlich des Films „Short Cuts“ von Robert Altman, in dem ich blitzartige Eingebungen erhalte, die zum Ende hin miteinander verbunden werden und Sinn ergeben. Die Autorin schreibt über die Auswirkungen des Postkolonialismus, Europa als Auffanglager traumatisierter und mehr oder weniger gescheiterter Existenzen. Darüber, wie es sich anfühlt, jahrelang ohne Papiere leben zu müssen, also keine nachweisbare Identität zu haben. Ich muss gestehen, dass die Geschichte mich herausgefordert hat, weil mir lange nicht klar wurde, wohin die Reise geht. Wer allerdings in der Lage ist, das Gelesene wie ein Puzzle zusammenzusetzen, der wird mit einer außerordentlichen Erzählkunst belohnt, die etwas mitzuteilen hat.

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