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Veröffentlicht am 11.09.2025

Hochakturll, ralitätsnah und spannend

Wasserspiel
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Prolog

Robert muss sich sein Seepferdchen erschwimmen. Es regnet. Er steht mit den anderen Kindern im Wasser, zittert, die anderen nicht. Ein Pfiff ertönt und alle starten mit ihren Schwimmzügen, nur ...

Prolog

Robert muss sich sein Seepferdchen erschwimmen. Es regnet. Er steht mit den anderen Kindern im Wasser, zittert, die anderen nicht. Ein Pfiff ertönt und alle starten mit ihren Schwimmzügen, nur Robert nicht. Seine Mutter hilft ihm aus dem Becken, legt das Handtuch um seine Schultern und flüstert „Du kannst jetzt die Augen öffnen“. Er glaubt ihr, blickt auf und sieht Eltern, die unter einem Sonnenschirm stehen, auf den das Wasser platscht, sie tuscheln. „Beachte sie nicht“, flüstert seine Mutter.

Der Vater nennt den Sohn Memme. Sie fahren jetzt nicht mehr ans Meer, sondern in die Berge. Dem Vater macht es nichts, er liebt Skifahren. Der Vater beschließt, seinem besten Freund, dem Besitzer der Lürener Holzmanufaktur zu helfen. Da ist die Firma schon pleite, sein Vater weiß das nicht, bürgt für ihn und verliert die eigene Firma, Papier Böger. Während der Vater Ski fährt, erfährt die Mutter von ihrer Hausbank, dass sie pleite sind. Der Vater bleibt verschwunden, der Mutter bleibt nur noch der Bungalow, vorerst. Die Kreise, in denen sie verkehrte, in die sie sich als gebürtige Hessin hineinarbeiten musste, meiden sie jetzt.

Athen

Dimitris und Ellen haben keinen Zugang mehr zu fließendem Wasser. Robert filmt für seinen Video-Blog. Natalia interviewt und der Polizist Giorgios erhält die Ordnung. Dimitris war einer der ersten, den die Wasserwerke entlassen haben. Danach wurde Ellens Stelle in der Schule gestrichen, während sie in Mutterschutz war. Jetzt hat die Stadt ihnen Wasser und Strom abgestellt. Natalia wird das Baby der beiden mitnehmen, denn ohne fließendes Wasser sei die ordnungsgemäße Versorgung Christinas nicht möglich. Währenddessen versucht der Großkonzern Dell Áqua in Roberts ehemaligem Heimatort Lüren die Rechte für die Mineralwasserquelle zu kaufen.

Fazit: Tim Staffel hat ein Szenario geschaffen, das mich völlig vereinnahmt hat. In rasantem Tempo erzählt er von der weltweiten Wasserknappheit. Eine große Firma (die mich an Nestlé erinnert) hat es sich zur Aufgabe gemacht, damit stinkreich zu werden. Sie kaufen weltweit Quellen und Nutzungsrechte und verkaufen ihre Wasserflaschen an die, die sie vom Wasser abgeschnitten haben. Robert berichtet auf seinem Account über diese Vorfälle und hofft, Einfluss nehmen zu können. Begleitet wird er von einigen Jugendlichen in seinem verhassten Heimatort. Unter anderem von Humphry, dem Sohn der Kommunalpolitikerin, der an Lungenfibrose erkrankt ist und permanent Sauerstoff braucht. Mit dabei ist auch der hochbegabte Mitschüler Kuno, der zwei Jahre jünger ist als Humphry. Das Setting ist so genial wie aktuell. Kein Regen, heiße Sommer, ausgetrocknete Flussbetten und Böden, Erdrutsche und dann eine kleine Gruppe Menschen, die sich sorgen und verstehen, was passiert gegen eine größere Gruppe Menschen, die das alles nicht interessiert, weil sie Veränderung scheuen. Ich finde, realitätsnäher geht es nicht. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht Roberts und Humphrys. Hier stimmt alles, die Charaktere, das Tempo, die Handlung, die offensichtlich auf eine Katastrophe zusteuert, die Ideen, das Schicksal abzuwenden. Du meine Güte, habe ich dieses Buch gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

So unterhaltsam wie erstaunlich

Mutters Sprache
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Eva schrie seit halb fünf in der Früh, jetzt war es halb acht. Robert konnte morgens einfach gehen, um Hochbeete in der Südstadt anzulegen. Lisa hat schon alles versucht Bauchmassage, Schaukeln, Kümmelöl, ...

Eva schrie seit halb fünf in der Früh, jetzt war es halb acht. Robert konnte morgens einfach gehen, um Hochbeete in der Südstadt anzulegen. Lisa hat schon alles versucht Bauchmassage, Schaukeln, Kümmelöl, Fliegergriff, Wickeln, Nippel in den Mund, aber nichts half. Bald müsste sie zum letzten Mittel greifen, ihre Mutter Taja anrufen. Sie hat magische Kräfte. Doch nachdem sie Eva mit russischen Liedern beruhigt hätte, würde sie das Bad mit Chlorbleiche schrubben und versuchen Eva in Kaliumpermanganat zu baden. Am Ende würden sie sich wieder anschreien, die Türen zuschlagen und Eva würde weinen. Der Preis für ein ruhiges Kind war hoch.

Lisa ist vor zwanzig Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland gekommen. Zuvor lebten sie in Nikel in der Arktis. Als Lisa neun war, hatte die Mutter Jörg im Internet kennengelernt. Mutters Deutschkenntnisse beschränkten sich auf: „Hitler kaputt.“ und „Halt, bitte nicht schießen.“ Ein Wissen, das sie in russischen Spionagefilmen aufgeschnappt hatte. Eine befreundete Dolmetscherin half und als Jörg sie in Nikel besuchte, entflammte er. Sechs Monate später zogen sie nach Görlitz.

Lisa hat es zwischenzeitlich auch mit dem gebrochenen Singen russischer Lider versucht und siehe da, Eva ist eingeschlafen. Lisa geht ins Bad, wäscht sich und trägt Wimperntusche auf, gleich kommt ihre Hebamme. Aljona hat keine Kinder, weil sie kein Interesse an Penissen hat, sagt sie. Seit Lisa das weiß, schminkt sie sich für Aljona und würzt ihre Fantasien mit Aljonas Berührungen, aber damit ist jetzt Schluss, denn Aljona geht für mehrere Monate zurück nach Russland.

Fazit: Wlada Kolosowa hat eine Geschichte von Frauen über drei Generationen erzählt. Ihre Mutter musste in ihrer Heimat einen herben Verlust hinnehmen und gebar Lisa erst spät. Die Migration nach Deutschland brachte ihr keine guten Erfahrungen. Die Autorin hat sie als stolze, kühle, theatralische, kleine Frau gezeichnet, die zu Übergriffigkeit neigt. Die Hebamme Aljona ist eine distanzierte Frau mit einer guten Beobachtungsgabe und vielen Geheimnissen. Lisa selbst ist als junge Mutter mit sich selbst beschäftigt und schert sich nicht so um die Gefühle anderer. Zwischen ihrer Mutter und ihr kommt es, wie zwischen Mutter und Großmutter zu verletzenden verbalen Rangeleien. Die Autorin verfügt über eine feine Beobachtungsgabe und hat ihre Geschichte mit so schweren Themen wie Leihmutterschaft und ungewollte Kinderlosigkeit gewürzt. Nebenbei hat sie ein Bild Russlands gezeichnet, das einerseits seine Bevölkerung hungern lässt und andererseits für das Gebären und den Krieg wirbt. Die von den Plakaten strahlenden Soldaten gehören der bestbezahlten Berufsgruppe im ganzen Land an. Die Schwerindustrie hat das Land teilverwüstet. Trotz der schweren Thematik ist die Geschichte locker, flockig und selbstironisch erzählt, ohne ins Oberflächliche abzurutschen. Ein unterhaltsamer Roman, der mich stellenweise in Erstaunen versetzt hat.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

So viel Leidensdruck

Monstergott
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Ben liegt in einer Turnhalle, die eine kleine christliche Gemeinde gemietet hat. Zwei Männer knien neben ihm und beschwören Gott, er möge sich seiner bemächtigen und den Teufel aus ihm heraustreiben, so ...

Ben liegt in einer Turnhalle, die eine kleine christliche Gemeinde gemietet hat. Zwei Männer knien neben ihm und beschwören Gott, er möge sich seiner bemächtigen und den Teufel aus ihm heraustreiben, so Ben wieder Gottes treuer Diener werden könne. Für diese Prozedur nahm Ben 200 Kilometer auf sich, weil er dringend wieder auf den rechten Pfad kommen muss.

Ben hat alle Sommerferien mit seiner eigenen Gemeinde verbracht. Sie haben in Zelten geschlafen, musiziert und sich gemeinsam Gott genähert. Die Bibel hat er schon unzählige Male gelesen, er hat mehrere Ausgaben. Gerade erarbeitet er sich wieder das Lukasevangelium. Gott hat ihn erwählt, zum Glück.

Diese bedingungslose unverdiente Liebe macht ihn fertig. Vergebung als Selbstverständlichkeit. Das Kreuz als Versprechen. Und alles, was Gott im Gegenzug wollte, war ein reines Herz, das sich nach ihm verzehrte.“

Das einzige Problem sind Bens Neigungen, wegen denen er schon in der Schule gehänselt wurde.

Im Lobpreisteam am Wochenende, spielt Ben das Keyboard, seine ältere Schwester Esther singt. Der Priester spricht die Tagesandacht und möchte, dass jeder sich eine Sache überlegt, um die er Gott bitten möchte. das Anliegen wird auf einen weißen Zettel geschrieben und an das große Holzkreuz im Eingangsbereich gehängt, das Symbol für ihrer aller Erlösung. Esther und Ben hatten den Glauben mit der Muttermilch aufgesogen. Sein Weg zum Herrn begann vor fünfzehn Jahren. Damals hatten sie noch in der Fußgängerzone gesungen und getanzt und Freunden von der guten Nachricht erzählt.

Esthers beste Freundin Hannah war zum ersten Mal nicht bei der Freizeit dabei, weil sie mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen steckte. Genau wie Esther hat Hannah sich bisher den körperlichen Freuden weitestgehend versagt. Masturbation enttäuscht Gott. Der körperliche Austausch erst nach dem Ehegelübde ist für alle das Höchstgebot.

Fazit: Caroline Schmitt hat in ihrem zweiten Roman eine sektenähnliche Kirchengemeinde verhandelt. Sie zeigt die Sicht ihrer Protagonistinnen Esther und Ben abwechselnd in mehreren Kapiteln. Beide hadern mit der Unvereinbarkeit ihrer Gefühle der ersten Leidenschaften und dem Dienen Gottes. Sie erleben innerhalb der Gemeinde Zugehörigkeit, Sicherheit, aber auch Manipulation und Abhängigkeit. Die Obsessionen, denen sie in der realen Welt begegnen,widersprechen dem reinen Herzen und das zerreißt sie fast. Während Ben seinen Begierden mit Selbstkasteiungen begegnet, stört Esther sich gewaltig an ihrer Rolle als Frau, die Gott ihr angeblich abverlangen soll, wie der Pastor insistiert. Zwischendrin kommt ein Knaller, der mir emotional vieles abverlangt und mich lautstark vor mich hinschimpfen lässt. Das Ende ist ein echter, hoffnungsfroher Mutmacher. Die Autorin hat mich wieder mit ihren Heldinnen leiden und kämpfen lassen und das kann sie gut, wie sie in ihrem Debüt „Liebeskind“ schon gezeigt hat, das ich gefeiert habe.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Mitreißend reale Ausdrucksform

Das hier ist nicht Miami
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Das hier ist nicht Miami

Eisiger Nordwind, die Temperaturen würden bis 12 Grad runtergehen, hatte sein Vater prophezeit. Seine Schicht begann um 10 Uhr am Abend und endet um 6 Uhr früh, aber vielleicht ...

Das hier ist nicht Miami

Eisiger Nordwind, die Temperaturen würden bis 12 Grad runtergehen, hatte sein Vater prophezeit. Seine Schicht begann um 10 Uhr am Abend und endet um 6 Uhr früh, aber vielleicht werden die Verladearbeiten am Pier wegen des schlechten Wetters verschoben. In dieser Nacht sollten sie Stahlrampen auf- und abbauen und zu den riesigen Transportern bringen, in denen die Autos befördert werden. Eigentlich arbeitet Paco samstags nicht, aber er braucht ein paar Sonderschichten, um seine Schulden zu tilgen. Nach acht Transportern warten sie auf den letzten, hocken sich eng aneinander am Pier auf den Boden, um dem Wind zu trotzen. Ein Kastenwagen der Einwanderungsbehörde und zwei Pick-ups voller Hilfspolizisten rasen über den Kai, das Blaulicht erhellt zuckend die Nacht. Sie halten quietschend und stürmen den Schiffsbug einige Anleger weiter. Etwa zwanzig Schwarze vor sich hertreibend kommen die Männer auf den Pier. Sie verladen die Leute und verlassen das Gelände, vom neunten Transporter noch keine Spur.

Königin, Sklavin oder Ehefrau

Im Zentrum von Veracruz geistern viele Gespenster, die manchmal die Seelen im Hafen heimsuchen. Der sagenumwobene kopflose Mönch oder die Frauen, die während der Kolonialzeit von den Männern des Piraten Laurens de Graaf vergewaltigt und getötet wurden. Möglicherweise spukt auch die Mutter, die in einem Anfall von Raserei ihre Kinder getötet, sie zerstückelt und in dem Blumentopf auf ihrem Balkon vergraben haben soll, hier rum. Erst der Gestank ließ ihren Bruder die Abwesenheit seiner beiden Neffen mit dem Mief in Verbindung bringen. Seine Schwester soll voll auf Kokain gewesen sein. Sie war Karnevalskönigin, hing schon mit dreizehn mit Jungs ab, rauchte Marihuana, aber erst nach den Partys und der Aufmerksamkeit drehte sie ab. Evangelina Tejera, 1965 geboren, erlebte verbale und psychische Gewalt im Elternhaus, bis die Ehe zerbrach. Auf Druck der Mutter musste sie die Schule frühzeitig abbrechen, um Geld zu verdienen.

Fazit: Fernanda Melchor, eine der größten lateinamerikanischen Stimmen, hat hiermit ihren ersten Erzählband geschaffen. Als Journalistin in Veracruz schrieb sie die Crónicas, eine einzigartige Mischform aus subjektiver Reportage, Investigativjournalismus und Fiktion. Diese Crónicas flossen in den Erzählband mit ein. Das Buch lebt von 12 Geschichten, die wie eine reale Berichterstattung durch Augenzeugen wirken. Das faszinierende ist, dass der Tenor aller Geschichten die Macht der Drogenkartelle, politisches Versagen, Misogynie und die Einwanderungskrise zeigen. Die Stimmung, die sich durch die Geschichten zieht, ist ergreifend. In mir machte sich Aussichtslosigkeit und betretene Nachdenklichkeit breit, weil nahezu jeder irgendwann mit der Mafia in Berührung gerät. Sei es durch Arbeitslosigkeit (dann muss man eben in irgendwelchen Kellern Kokain eintüten, um zu überleben) Frauen, deren Männer mit den Kartellen in Berührung kommen, getötete Kinder, misshandelte Frauen. Mexiko ist kein lebenswertes Land, ist meine Erkenntnis. Die Autorin hat eine mitreißende Ausdrucksform für ihre Stimme gefunden. Und jetzt kann auch ich nicht mehr sagen, das habe ich nicht gewusst. Ein Buch für alle, die die Welt verstehen wollen.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ein psychologisches Verwirrspiel

Die Probe
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Er hatte sie in ein Restaurant eingeladen. Als sie davorstand und ihn durch die Fensterscheibe beobachtete, wollte sie schon einen Rückzieher machen. Er war jung, saß an einem Tisch zwischen Küche und ...

Er hatte sie in ein Restaurant eingeladen. Als sie davorstand und ihn durch die Fensterscheibe beobachtete, wollte sie schon einen Rückzieher machen. Er war jung, saß an einem Tisch zwischen Küche und Toilette gefangen, um ihn herum hektisches Treiben. Sie trat ein und ging auf den Empfangskellner zu. Sie wurde zu seinem Tisch geführt. Er stand auf, lächelte charmant und charismatisch. Sie fühlte sich unsicher, mochte schnell etwas zu essen bestellen und einen Drink. Es war nach Mittag, was sprach dagegen? Sie ließ den Blick schweifen, erhaschte das Augenpaar eines älteren Mannes, der sie – leicht verächtlich? – musterte. Hinter dem Blick, dem sie nun verärgert begegnete, sah sie kaum zu glauben, Thomas, den Mann, mit dem sie seit vielen Jahren glücklich verheiratet war. Er folgte dem Empfangskellner, blieb unvermittelt stehen, tastete seine Jackentaschen ab, wirkte verwirrt. Gerade als sie ihm winkte und er sie eigentlich hätte wahrnehmen müssen, drehte er sich um und verließ das Lokal. Sie hatte ihm nichts von diesem Treffen erzählt. Warum eigentlich nicht? Schließlich war er der jenige, dem sie am meisten vertraute. Wir werden uns nicht wiedersehen, sagte sie, als sie zu Xavier zurückschaute. Er zuckte zusammen.

Vor Thomas hatte sie den Drang, den Menschen, von Neugier geprägt, allzu offen zu begegnen und überließ sich der Obsession, sie zu beobachten. Dieses Aufflackern einer alten Gewohnheit war der Grund, warum sie sich überhaupt mit Xavier getroffen hatte, eine Form des Voyeurismus.

Sie lief durch Nieselregen, musste nachdenken. Zuhause angekommen fand sie ihre Wohnung verweist. Es war 19 Uhr, aber Thomas war noch nicht da. Dass sie ihn in dem Restaurant gesehen hatte, in einer Gegend, in der er sonst nicht verkehrte, zu einer Uhrzeit, an der er normalerweise schrieb, verwirrte sie. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, war sie angespannt. Thomas verhielt sich wie immer. Vielleicht blickte er ihr tiefer in die Augen, vielleicht bildete sie sich das ein. Doch als er sie fragte, ob sie ihn wieder betrüge, wusste sie, dass er sie mit Xavier gesehen hatte.

Fazit: Katie Kitamura stand in diesem Jahr mit dieser Geschichte auf der Longlist des Booker Prizes. Sie erzählt aus der Sicht ihrer Protagonistin und Schauspielerin. Im Theater begegnet ihr ein attraktiver junger Mann, der sie umgarnt. Sie fühlt sich geschmeichelt und spielt das Spiel bis zu einem gewissen Grad mit. Doch dann erfährt sie, dass er glaubt, ihr Sohn zu sein, was unmöglich sein kann. Dennoch kommt es zu einer Art Freundschaft zwischen den beiden. Sie ist durch eine große Rolle berühmt geworden und hat Erfolge gefeiert, ihr Mann ist ein Schriftsteller mit geringem Einkommen. Durch die Begegnung mit Xavier gerät die geglaubte Sicherheit ihrer Ehe ins Wanken. Ich mag die Stimme der Autorin sehr. Der ruhige Schreibstil und die grandiose Beobachtungsgabe. Die Autorin ist mir schon mit ihrem Buch Intimitäten begegnet, das ich gefeiert habe. In dieser Geschichte bin ich ab einem Punkt nicht mehr mitgekommen, deshalb kann ich nur mehr schlecht als recht interpretieren. Zwischen den Eheleuten herrscht ein Ungleichgewicht, sie ist erfolgreich, er nicht, das nagt an seinem Selbstwert. Deshalb verändert er sich im Laufe der Geschichte von selbstbewusst, über devot, bis er Erniedrigungen augenscheinlich genießt. Sie hatten einen Kinderwunsch, der sich nicht erfüllt hat und plötzlich steht der verlorene Sohn vor ihnen und die Vorstellung wird nach einer ersten Abwehrhaltung so reizvoll, dass ihre gesamte Lebensplanung auf eine harte Probe gestellt wird. Eine total verrückte psychologische Darbietung für alle, die Verwirrspiele lieben.

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