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Veröffentlicht am 13.05.2022

Eine unmögliche Liebe

Stay away from Gretchen (Die Gretchen-Reihe 1)
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Jeden Abend hält die inzwischen 84jährige rüstige Rentnerin Greta Monderath Zwisprache mit ihrem vielbeschäftigten Sohn, der als Nachrichtensprecher beim Fernsehen arbeitet. Dann sitzt sie vor der Mattscheibe ...

Jeden Abend hält die inzwischen 84jährige rüstige Rentnerin Greta Monderath Zwisprache mit ihrem vielbeschäftigten Sohn, der als Nachrichtensprecher beim Fernsehen arbeitet. Dann sitzt sie vor der Mattscheibe und schaut, ob die Krawatte sitzt und ihr Tom gut gekämmt ist.

Der wiederum macht sich keine Sorgen um seine Mutter, die bisher immer gut zurecht gekommen ist, bis er eines Abends einen Anruf erhält, weil seine Mutter einen Autounfall hatte und mehrere hundert KM von ihrem Wohnort entfernt in einer Klinik gelandet ist. Tom sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Mutter an Demenz erkrankt ist und ist schlichtweg überfordert. In einer zweiten Zeitebene erfährt der Leser von Greta‘s Jugend. Nach der Flucht von Ostpreußen nach Heidelberg nach Ende des 2.Weltkrieges lernt Greta einen afroamerikanischen GI kennen und verliebt sich in ihn. Natürlich war diese Liebe zwischen Greta und Bobby (Robert Cooper) eine unmögliche Liebe ohne große Zukunftsaussichten, aber die beiden waren fest entschlossen allen Hindernissen zum Trotz zusammenzubleiben. Ein sogenanntes Fraternisierungsverbot stellte die Verbrüderung der Besatzungsmacht mit dem Feind unter Strafe und natürlich auch Beziehungen zwischen US Soldaten und deutschen Frauen. Von deutscher Seite wurden Frauen schnell als Amiliebchen beschimpft, wenn sie einen amerikanischen Soldaten zum Freund hatten und wurden offen bis in die eigene Familie diskriminiert.

Im Laufe der Jahrzehnte hat Greta Vieles verdrängt, was ihr in dieser Zeit widerfahren ist. Tom hat in seiner Kindheit eine Mutter erlebt, die ständig mit ihren Depressionen gekämpft hat, kannte aber die Ursachen nicht, weil im Elternhaus nie darüber gesprochen wurde.

Durch die Demenz hat sich Greta verändert und spricht plötzlich über Dinge aus der Vergangenheit, über die sie für immer schweigen wollte. Doch das hat sie plötzlich vergessen. Hier verbindet die Autorin Susanne Abel jetzt beide Zeitebenen, indem Tom die Puzzleteilchen, die ihm seine Mutter hinwirft zur Recherche über Greta‘s Vergangenheit nutzt und so erfährt er erschütternde Neuigkeiten.

Trotz etwas Kitsch und ein paar Klischees habe ich das Buch geliebt, dass als Hörbuch auch sehr zu empfehlen ist. Hier macht es besonders Spaß die sprachlichen Feinheiten durch Kölner Dialekt und kurpfälzischem Singsang zu lauschen und sich den sympathischen Bobby vorzustellen, wie er mit starkem amerikanischen Akzent zu deutschen Zungenbrechern von seinem „Gretchen“ genötigt wird.

Die Geschichte ist herzzerreißend, macht glücklich und auch sehr traurig.

Die Charaktere sind ausgesprochen liebevoll gezeichnet, und die Autorin orientiert sich an historischen Fakten, die mir so noch nicht bewusst waren.

Für mich ist dieser Roman auf jeden Fall ein Jahreshighlight, dass ich nur wärmstens empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 12.05.2022

Rasant und absurd

Bullet Train
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Bullet train ist ein ziemlich abgefahrener Thriller, der, wenn man sich drauf einlassen möchte ziemlich unterhaltsam ist.

An Bord des Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen, der von Tokio nach Morioka unterwegs ...

Bullet train ist ein ziemlich abgefahrener Thriller, der, wenn man sich drauf einlassen möchte ziemlich unterhaltsam ist.

An Bord des Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen, der von Tokio nach Morioka unterwegs ist befinden sich gleich mehrere Killer und sorgen für Aufregung.

Da ist das Killerduo Lemon und Tangerine. Die beiden „Zitrusfrüchte“ haben den entführten Sohn des Unterweltbosses Minegeshi gerade befreit und sollen „Papa’s Liebling“ samt Lösegeld wieder nach Hause befördern.

Das Lösegeld steckt in einem Koffer, den wiederum Verbrecher NR. 2, Nanao, genannt „Der Marienkäfer“ entwenden soll und mit dem er dann umgehend an der nächsten Station aussteigen soll. Der Marienkäfer ist allerdings ein Pechvogel und das schon sein Leben lang, was es unwahrscheinlich macht, dass er diesen einfachen Job hinbekommt.

Außerdem gibt es noch einen Exkiller , der sich rächen will, weil man seinen Sohn vom Dach gestoßen hat, der seitdem im Koma liegt und einen psychopathischen Jungen, der richtig böse ist, den aber jeder für einen braven Schüler hält.

Die Figuren , die Kotaro Isaka erfunden hat sind allesamt skurril und reichlich überzeichnet. Ich musste häufiger an „Kill Bill“ denken, und tatsächlich gibt es auch zu der Buchvorlage dieses Thrillers schon eine actionreiche Verfilmung, die demnächst in die Kinos kommt. Ja, brutal geht es auch zu und die Killer sind nicht zimperlich was das Ausschalten ihrer Gegner angeht. Statt Bullet train hätte das Buch auch Leichenexpress heißen können. Beim Lesen merkt man dann plötzlich, dass einem der ein oder andere Killer tatsächlich sympathisch ist und staunt. Die Geschichte war so abgefahren und mit viel Witz erzählt, originell und mal ganz anders als andere Thriller, dass dieses Buch für mich einfach ein großer Lesespaß war. Und den Film schaue ich mir auch noch an!

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Veröffentlicht am 05.05.2022

Eindringlich und erschreckend nah an der Realität

Sanctuary – Flucht in die Freiheit
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Im Jahr 2032 ist der Klimawandel weiter vorangeschritten mit weitreichenden Folgen für Mensch und Natur. Allen Bürgern der USA werden zur Überwachung Chips implantiert, so dass illegale Einwanderer herausgefiltert ...

Im Jahr 2032 ist der Klimawandel weiter vorangeschritten mit weitreichenden Folgen für Mensch und Natur. Allen Bürgern der USA werden zur Überwachung Chips implantiert, so dass illegale Einwanderer herausgefiltert und schneller abgeschoben werden können. Abschieben reicht der Regierung allerdings irgendwann nicht mehr aus. Man hat noch Schlimmeres im Sinn.

Auf dem Schwarzmarkt können Illegale gefälschte Chips erwerben. Doch diese funktionieren nur unzuverlässig , so dass sich die 16 jährige gebürtige Kolumbianerin Vali, ihr kleiner Bruder Ernesto und ihre Mutter sich gezwungen sehen zu fliehen, nachdem sogenannte Deportationseinheiten wie Pilze aus dem Boden schießen und Undokumentierte jagen. Bald schon hat Vali die alleinige Verantwortung für ihren Bruder und für ihrer beider Leben , denn ihre Mutter ist quasi vor ihren Augen verhaftet worden. Es folgt eine atemberaubende Jagd Richtung Kalifornien, dem einzigen Bundesstaat, der sich von dieser menschenverachtenden Politik losgesagt hat.

Die Autorinnen und Aktivistinnen Paola Mendoza und Abby Sher haben diesen Jugendroman aus Sorge vor einer 2. Amtszeit von Donald Trump geschrieben. Deshalb gab es wohl einen gewissen Zeitdruck, weil das Buch unbedingt vor der entscheidenden Wahl veröffentlicht werden sollte.

In ihrer Geschichte ist dieses Schreckensszenario einer extrem nationalistischen Regierung Realität geworden, und alles was hier beschrieben wird, ist in Ansätzen auch von Trump tatsächlich schon auf den Weg gebracht worden. Das Buch ist somit auch als Weckruf zu verstehen, sich aktiv für Freiheit und Demokratie einzusetzen.

Ich nehme an, es ist dem Zeitdruck geschuldet, dass die Charaktere nicht so komplex angelegt worden sind, wie man es sich als Leser vielleicht gewünscht hätte. Die Geschichte ist extrem aufwühlend, weil man sich eine Zukunft mit Trump genau so vorstellen kann, und die Gefahr ist ja keineswegs gebannt. Weltweit sieht man ja leider zunehmend nationalistische Tendenzen. Ich halte dieses Buch deshalb für sehr wichtig, und es ist sicher nicht umsonst für den deutschen Jugendbuchpreis 2022 nominiert worden. Allerdings hätte ich mir eine Triggerwarnung für Personen mit eigener Fluchterfahrung gewünscht. Das Buch ist an vielen Stellen ausgesprochen brutal und geht wirklich unter die Haut. Auch wenn der Verlag damit wirbt, ist der Roman keine Dystopie, sondern ein Near Future Roman. Es war für mich kein absolutes Highlight, und ich tue mich tatsächlich etwas schwer mit einer Bewertung. Ich wünsche diesem wichtigen Buch aber auf jeden Fall viele Leser*innen. Das Thema verdient jede nur mögliche Aufmerksamkeit.


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Veröffentlicht am 01.05.2022

Überschätzt?

Offene See
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Ich bin mit hohen Erwartungen an diesen Roman herangegangen, nachdem ich zuvor so viele Lobeshymnen gehört hatte.

Wie man schon heraushört, ist meine Meinung zu dem Buch eine andere, aber dazu mehr im ...

Ich bin mit hohen Erwartungen an diesen Roman herangegangen, nachdem ich zuvor so viele Lobeshymnen gehört hatte.

Wie man schon heraushört, ist meine Meinung zu dem Buch eine andere, aber dazu mehr im Fazit.



Zum Inhalt:

Die Geschichte spielt im Jahr 1946, kurz nach dem Krieg.

Der junge Robert kommt aus einem Bergarbeiterdorf im Norden Englands, und es steht außer Frage, dass er einmal Bergmann wie sein Vater werden soll. Robert, der die Natur liebt, graust sich vor der Vorstellung ein Leben unter Tage Fristen zu müssen, sieht aber eigentlich keine Alternative für sich. Vor dem Eintritt in die Arbeitswelt erbittet er sich aber eine Auszeit von seinen Eltern und setzt sein Vorhaben um, eine Zeit lang an der Küste Englands entlang zu wandern. Auf seiner Wanderschaft trifft er auf die wesentlich ältere Dulcie. Er übernachtet auf ihrem Grundstück aber anstatt dass er schnell wieder weiterzieht, hält es Robert bei dieser besonderen und unkonventionellen Frau, und sein Aufenthalt wird immer länger. Er betätigt sich handwerklich und wird dafür reichlich mit Köstlichkeiten aus dem Garten und Leckereien, an die Dulcie über ihren großen Bekanntenkreis gekommen ist, entlohnt. Außerdem bereichern ihn die Gespräche mit Dulcie und ändern seine Sicht auf die Welt.



Benjamin Myers schreibt wirklich schön, und man merkt das er aus der Lyrik kommt. Seine Naturbeschreibungen sind sehr detailverliebt, poetisch und…..endlos. Was fehlt ist Handlung. Es passiert über Ich glaube 150 Seiten quasi nichts, außer das ausgiebig geschlemmt wird, was in Nachkriegszeiten auch mit hervorragender Vernetzung im Dorf schon erstaunlich ist und der Beschreibung jedes Grashalms. Ich war mehrfach kurz davor abzubrechen, konnte mich dann aber doch nicht dazu entschließen. Nach dieser Durststrecke fand ich das Buch dann auch wieder interessanter, denn es passierte endlich etwas. Bei seinen Handwerkerarbeiten macht Robert eine Entdeckung und lernt dadurch auch Dulcie‘s Vergangenheit kennen. Den Rest des Buches habe ich dann nicht mehr als so zäh empfunden, wie den Anfang, aber Begeisterung sieht tatsächlich anders aus.

Robert als Charakter war mir ganz sympathisch. Er war ein naturliebender, unerfahrener, naiver junger Mann auf der Suche nach sich selbst. Dulcie hatte oft etwas oberlehrerhaftes, was mir zeitweise auf die Nerven ging.



Den Hype, den dieses Buch ausgelöst hat, kann ich leider nicht nachvollziehen. Ich fand es nicht schlecht, aber es hat mich auch nicht wirklich vom Hocker gerissen. Nach den hohen Erwartungen war es wohl eher eine Enttäuschung.

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Veröffentlicht am 25.04.2022

Ein Krieg ändert alles- Historischer Vietnamroman

Der Gesang der Berge
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„Der Gesang der Berge“ ist eine mehrere Generationen umfassende Familiengeschichte, die in Vietnam spielt. Sie umfasst die Zeit von 1930 bis 2012 und wird abwechselnd aus Sicht des Mädchens Huong, die ...

„Der Gesang der Berge“ ist eine mehrere Generationen umfassende Familiengeschichte, die in Vietnam spielt. Sie umfasst die Zeit von 1930 bis 2012 und wird abwechselnd aus Sicht des Mädchens Huong, die 1960 geboren wird und ihrer Großmutter Diêu Lan erzählt. Natürlich werden die Schrecken des Krieges durch dieses Buch nur all zu deutlich, und ich habe aufgrund des aktuellen politischen Weltgeschehens etwas gezögert zu diesem Buch zu greifen. Mein Wissen über den Vietnamkrieg ist sehr von den amerikanischen Antikriegsfilmen geprägt, die natürlich nur eine Seite zeigen. Die Autorin dieses Roman‘s hat die Schrecken und vor allem die Folgen des Krieges als Kind in der eigenen Familie erlebt, und so bietet der Roman die Chance auch einmal eine Stimme aus der Bevölkerung zu hören.

Ein Wahrsager sieht in den Händen der noch jungen Großmutter von Huang voraus, dass sie ein hartes Leben als Bettlerin wird führen müssen. Als sie diese Worte vernimmt, ist es kaum vorstellbar, wie sich ihr wohlbehütetes Leben im Schosse ihrer liebevollen und wohlhabenden Familie ohne eigenen Einfluss einmal so stark verändern würde, doch Krieg verändert alles.

In der Geschichte, die uns Nguyen Phan Qué Mai bildhaft und lebendig erzählt, geht es mehrfach um das blanke Überleben. Es geht aber auch um unglaublich starke Frauen, die ihre Kinder unter Einsatz ihres eigenen Lebens schützen. Ihre Enkelin erzieht Diêu Lan mit viel Liebe, während Huong’s Mutter dem Vater aufs Schlachtfeld folgt, um der Tochter den Vater zurückzubringen. Auch wenn die Familie furchtbare Dinge erlebt, hält sie zusammen und trifft immer wieder auf Menschen, die ihnen Mitgefühl und Hilfe zuteil werden lassen.

Neben erschütternden Bildern und menschlichen Abgründen ,gibt es auch immer wieder Rückblicke auf schöne Erinnerungen. Vietnamesische Weisheiten passen sich wunderbar in den Text ein. Alles in allem war dieser Roman ein berührendes und lehrreiches Stück Zeitgeschichte und wirklich sehr lesenswert.

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