Profilbild von Minijane

Minijane

Lesejury Star
offline

Minijane ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Minijane über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.05.2020

Vielversprechendes Debüt

Totwasser
0

"Totwasser" von Julia Hofelich ist ein Debütroman und der Beginn des Anwaltskrimis rund um die Anwältin Linn Geller, die mit ihrem Anwaltskollegen Götz Nowak in Stuttgart eine Anwaltskanzlei neu eröffnet ...

"Totwasser" von Julia Hofelich ist ein Debütroman und der Beginn des Anwaltskrimis rund um die Anwältin Linn Geller, die mit ihrem Anwaltskollegen Götz Nowak in Stuttgart eine Anwaltskanzlei neu eröffnet hat. Es geht neben dem eigentlichen Fall, den man Linn als Pflichtverteidigerin zukommen lässt auch viel um die Startschwierigkeiten der kleinen Kanzlei,und die Hintergründe zu der gemeinsamen Selbstständigkeit . Linn hatte in der Vergangenheit einen Unfall und muss seither mit einer Narbe im Gesicht und den Folgen einer Beinverletzung leben, was sehr an ihrem Selbstbewusstsein geknabbert hat. Diese Selbstzweifel treten dann auch ein bisschen zu häufig in den Vordergrund und machen die ansonsten sehr sympathische und taffe Protagonistin ein wenig anstrengend.

Der Fall an sich scheint eindeutig. Das Opfer, ein beliebter Schauspieler wurde offensichtlich von seiner Frau in der Nähe des Feriendomizils in Cornwall von der Klippe gestossen. Die Beschuldigte, das Model Grace Riccardi, gesteht gegenüber ihrer Anwältin auch sofort diesen Mord begangen zu haben. Doch Linn ist nicht überzeugt und beginnt mit eigenen Ermittlungen in England und entdeckt Ungereimtheiten, die sie selbst in Lebensgefahr bringen.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und gut lesbar. Der Spannungsaufbau ist total gelungen, und die Spannung bleibt bis zum Schluss aufrechterhalten. Die Figuren wirken lebensecht und sympathisch, und auch der Fall ist nicht irgendwie künstlich aufgebläht. Ich habe Band 2 zuerst gelesen, der mir so gut gefallen hat, dass ich mich mit Band 1 direkt im Anschluss befasst habe. Man sollte natürlich besser mit dem 1. Teil beginnen aber in meinem Fall kann ich sagen, dass die Autorin sich mit der Fortsetzung noch verbessert hat. Für "Totwasser" gibt es einen Punkt Abzug, weil mir die Selbstzweifel von Linn etwas zu vordergründig waren. Trotzdem wieder ein toller Lesespaß und auf jeden Fall empfehlenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.05.2020

Fesselnder Anwaltskrimi

Nebeljagd
0

m 2. Fall der sympathischen Anwältin Linn Geller , die mit ihrem Kollegen Götz Nowak eine Kanzlei in Stuttgart betreibt, geht es um einen Mordfall, beim dem nicht nur für die Staatsanwaltschaft von vorneherein ...

m 2. Fall der sympathischen Anwältin Linn Geller , die mit ihrem Kollegen Götz Nowak eine Kanzlei in Stuttgart betreibt, geht es um einen Mordfall, beim dem nicht nur für die Staatsanwaltschaft von vorneherein kein Zweifel an der Schuld des Verdächtigen Jo Haug besteht. Mit einem mulmigen Gefühl und ihrer festen Überzeugung, dass Jeder vor dem Gesetz als unschuldig zu gelten hat, bis man ihm eine Schuld nachgewiesen hat, übernimmt Linn das Mandat. In dem kleinen Dorf Ochsenwang wurde die betagte Ines Schneider ermordet aufgefunden und ihr vorbestrafter Pflegesohn fast unmittelbar nach der Tat als Hauptverdächtiger in Untersuchungshaft genommen. Auch bei einem nie aufgeklärten Mordfall vor 20 Jahren an seiner Freundin Vanessa Beckmann ist nahezu das gesamte Dorf davon überzeugt, dass Jo für den Tod dieses Mädchens verantwortlich ist.

Gewissenhaft geht die Anwältin alle vorliegenden Beweise durch und deckt auch Fehler bei der Beweisaufnahme auf, die dazu führen, dass der Angeklagte auf freien Fuß gesetzt werden muss. Jetzt schlägt ihr der Hass der Dorfgemeinschaft entgegen und Linn gerät selbst in Gefahr. Sehr schön beschreibt die Autorin immer wieder den inneren Konflikt der Anwältin, die nicht weiß, ob sie ihren Instinkten noch trauen kann, ob ihr Mandant wirklich unschuldig ist oder vielleicht doch nur ein guter Schauspieler.

Der Beschuldigte Johann Haug hatte einen denkbar schlechten Start ins Leben. Aufgewachsen in sehr schwierigen Verhältnissen, kommt er in die Pflegefamilie Schneider, als sein Vater für den Mord an seiner leiblichen Mutter ins Gefängnis kommt. Schon als Kind wird er gemoppt und zum Außenseiter. Man dichtet ihm ein Mördergen an, und gegen den Hass und die Ablehnung, die ihm auch in seiner Pflegefamilie entgegenschlägt, kann er sich kaum wehren. Hat diese furchtbare Hexenjagd jetzt dazu geführt, dass er zum Mörder geworden ist, genau wie es Alle von ihm erwartet haben ?

Es war ein spannendes Wechselbad der Gefühle, dass mich als Leser permanent mitzweifeln ließ. Das Ende war dann eine absolute Überraschung aber sehr logisch und es blieben keine Fragen offen. Der flüssige Schreibstil von Julia Hofelich erzeugt Spannung ganz ohne Perspektivwechsel und hat mir sehr gefallen. Auch die private Ebene zwischen den beiden Kanzleipartnern ist nicht ganz unkompliziert und kommt zur Sprache.

Es ist das 1.Buch, dass ich von Julia Hofelich gelesen habe, und ich finde es sehr gelungen. Sehr gerne vergebe ich begeisterte 5 Sterne und habe mir Band 1 der Krimireihe schon bestellt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.05.2020

Kindsein im Nachkriegsdeutschland

Der Junge aus dem Trümmerland
0

Sarah Bergmann hat sich in ihrem Jugendroman "Der Junge aus dem Trümmerland" mit dem Nachkriegsdeutschland aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen befasst.

Wir befinden uns im Berlin von 1947. Eine ...

Sarah Bergmann hat sich in ihrem Jugendroman "Der Junge aus dem Trümmerland" mit dem Nachkriegsdeutschland aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen befasst.

Wir befinden uns im Berlin von 1947. Eine Stadt in Trümmern gehört zu Paul's Alltag und ist einerseits sein Abenteuerspielplatz andererseits muss man in ihr auch täglich ums Überleben kämpfen. Der Vater gilt als verschollen, die Mutter versucht mit Näharbeiten ein bisschen was zu verdienen. Aber würde Paul nicht ab und zu auf dem Schwarzmarkt etwas organisieren, oder ein paar Kohlen vom Waggon klauen, sähe es wohl schlecht aus. Als die Mutter den afroamerikanischen Bill mit nach Hause bringt, ist das für Paul nur so lange in Ordnung, wie er glaubt seine Mutter nutze "den Feind" nur aus. Doch als schon von Hochzeit die Rede ist, bricht für Paul eine Welt zusammen. Ein Amiflittchen kann nicht geduldet werden. Ist seine Mutter eine Vaterlandsverräterin?

Mich hat der Roman wirklich beeindruckt. Ich habe mir ehrlich gesagt bisher kaum Gedanken darüber gemacht, wie die Kinder , die mit der Naziideologie erzogen wurden, diesen Umbruch in ihrem Weltbild erlebt haben. Sie haben nach dem Krieg ja auch keine psychologische Behandlung erfahren, was zur Folge hatte, dass das Thema Krieg und Nazidiktatur in vielen Familien einfach totgeschwiegen wurde.

Paul ist ein lieber Junge und hat das Herz am rechten Fleck. Sein Vater ist sein Held, und er kann nicht glauben, dass er tot ist und er ihn nie wiedersehen wird. Bei seinen Freunden erlebt er, dass die heimkehrenden Väter nicht mehr die sind, die stolz in den Krieg gezogen sind. Es sind gebrochene Männer, die der Krieg ihr Leben lang verfolgen wird.

Dieser eindrückliche Roman ist als Jugendlektüre, aber auch für Erwachsene unbedingt zu empfehlen. Die Autorin hat auch ein Vorwort für ihre jungen Leser verfasst, in der die spezielle, ideologisch gefärbte Sprache der Nazis erklärt wird. Außerdem gibt es ein Glossar mit Begriffserläuterungen, das sehr hilfreich ist.


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2020

Ein Wimpernschlag vor dem Beginn des 2. Weltkrieges

Vor dem großen Sterben
0

Mit der Tänzerin Marion Bendt, Protagonistin des Spionageromans "Vor dem großen Sterben" von Bernward Schneider taucht der Leser ins Berlin von 1939 ein. Die letzten Augusttage sind angebrochen. Das Wetter ...

Mit der Tänzerin Marion Bendt, Protagonistin des Spionageromans "Vor dem großen Sterben" von Bernward Schneider taucht der Leser ins Berlin von 1939 ein. Die letzten Augusttage sind angebrochen. Das Wetter ist wunderschön, und dennoch liegt das Unheil des nahenden Krieges schon in der Luft. Marion ist eine lebenslustige, junge Frau ohne Tabus und immer bereit zu sexuellen Abenteuern. Sie lebt ein gefährliches Doppelleben. Im Tanzlokal Coco ist sie als aufreizende Tänzerin bekannt, die mit dem Halbjuden Felix regelmäßig einen sehr freizügigen Tango auf Parkett legt und die männliche Zuschauerschaft regelrecht in Extase versetzt. Da sie mit ihrem gutausehenden Partner auch eine intime Beziehung hat, ist die Gefahr groß, dass man sie im Nazideutschland der Rassenschande bezichtigt. Desweiteren arbeitet sie für die Abwehr als Agentin und nutzt ihre Attraktivität,um ihrem Führungsoffizier Rolf Michalik Informationen zuzuspielen. So gelangt sie auch während eines Techtelmechtels mit Major Böhme an ein wichtiges Geheimdokument, dass Hitler's wahre Pläne bezüglich des Einmarsches in Polen offenbart. Als ihr Führungsoffzier kurz darauf stirbt, wird es eng für Marion und sie begreift allmählich den Ernst ihrer Lage. Man tritt an sie heran, droht ihr und erpresst sie zur Zusammenarbeit und nicht nur die Protagonistin weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann, auch der Leser ist verwirrt über das Auftauchen von SS, Gestapo und von geheimen Herrenclubs. Dieses "Im Dunkeln tappen", nicht wissen, wer Freund und wer Feind ist, habe ich als sehr authentisch empfunden, ein guter Schachzug von Bernward Schneider, die Spannung aufrechtzuerhalten.

Die Tänzerin Marion war mir nicht sonderlich sympatisch. So wie Schneider sie beschreibt, kommt man aber nicht umhin ihre Bauernschläue und ihre frechen Bemerkungen in brenzligen Situationen zu bewundern. Sie traut sich etwas und duckt sich nicht weg wie Andere.

Leider hat der Roman ein offenen Ende. Hier hätte ich mir einen eindeutigeren Abschluß gewünscht. Das Buch hat jetzt nicht 100%tig meinen Geschmack getroffen, war aber trotzdem eine spannende und solide historische Kriminalgeschichte, die mit Sicherheit viele Freunde finden wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.05.2020

Cybercalypse

Influence – Fehler im System
0

Student Amir, Deutscher mit tunesischen Wurzeln ist ein typisches Kind dieser Zeit. Er ist mit dem Internet aufgewachsen und verfolgt regelmäßig den Blog des Netzaktivisten Habakuk, den er verehrt und ...

Student Amir, Deutscher mit tunesischen Wurzeln ist ein typisches Kind dieser Zeit. Er ist mit dem Internet aufgewachsen und verfolgt regelmäßig den Blog des Netzaktivisten Habakuk, den er verehrt und dessen Streitgespräche mit dem Instagramsternchen Kalliope er aufmerksam im Netz verfolgt. Er kann es kaum glauben, dass ihm die Ehre zuteil werden soll, diesen geheimnisvollen Blogger, zu dem eigentlich Keiner Kontakt bekommt, zu treffen, um ihm einen Speicherchip mit brisantem Material eines Whistleblowers zu übergeben, der einen internationalen Internet-Skandal auslösen wird. Er ist schon auf dem Weg zum Treffpunkt nach Köln, als das Internet weltweit zusammenbricht und ein Chaos ohnegleichen losbricht.

Genüsslich lässt der Autor Christian Linker seine Leser mit seinem jugendgerechten, saloppen Schreibstil im plötzlichen Chaos versinken. Die Auswirkungen einer "Cybercalypse" sind durchaus realistisch dargestellt. Ich habe immer auch ein Stück Ironie empfunden, wenn der Autor zuweilen etwas über das Ziel hinausschiesst, um unsere Abhängigkeit heute vom Netz zu verdeutlichen. Neben jeder Menge Spannung und überraschenden Wendungen habe ich auch eine Menge gelernt über Influencer, Trollfabriken, Crowdworking und mehr. Plötzlich werden Bürgerwehren aktiv, errichten Straßensperren und nutzen aus, dass die Polizei hoffnungslos überlastet ist. Der Tauschhandel blüht auf, da sich Keiner mehr Geld am Automaten besorgen kann. An den Tankstellen gibt es keinen Treibstoff mehr. Den gibt es nur noch bei Menschen die frühzeitig gehamstert haben und jetzt Wucherpreise verlangen. Es ist ziemlich erschreckend, wie viele Menschen offensichtlich in ein Steinzeitverhalten zurückfallen, und man mag sich gar nicht ausdenken, was passieren würde, würde zusätzlich zu unserer augenblicklichen Coronakrise noch ein Internet - Blackout dazukommen würde.

Der Protagonist Amir erscheint zuweilen etwas verpeilt aber sehr sympathisch, und mit ihm bekommt der Leser Einblick in das große Ganze. Das Buch war jedenfalls keine Minute langweilig und nicht nur für die jugendliche Zielgruppe spannend zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere