Wiederentdeckung einer großen Dichterin
BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. ...
Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. Sie will eine große Dichterin werden, dabei darf sie nicht mal lesen oder schreiben. Frauen und Mädchen haben strenge Rollen zu erfüllen und müssen dem Mann gehorchen.
„Billie - ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Stefan Cordes erzählt das Leben von Sibylla Schwarz, die im 17. Jh. eine der wenigen Dichterinnen war. Dabei orientiert er sich bei diesem Roman dicht an ihrem Leben und lässt sie auch selbst mit ihren Gedichten, die ins heutige Deutsch transkribiert wurden, zu Wort kommen.
Das Buch hat mich tief beeindruckt. Billie war mir sehr nah. Sie war ein unglaublich starkes, mutiges und schlaues Mädchen, das sich allen Widrigkeiten zum Trotz ihrer Leidenschaft gewidmet hat und auch die anderen Frauen in ihrem Leben haben sich nicht unterkriegen lassen. Da ist Ide, die Magd, die mich immer zum Lachen gebracht hat und Billies Schwester Emi, die sich ihr Strahlen, trotz der Grausamkeit der Zeit, bewahren konnte. Die Männer waren hingegen, bis auf einige Ausnahmen und nicht anders zu erwarten, sagen wir, schwierig. Sie haben sich eingerichtet in Patriarchat und Misogynie, inklusive der (Zwangs)Heirat von Mädchen, die meist nicht mehr waren als Haushälterinnen und Analphabetinnen, und Hexenverbrennungen. Das alles schildert Stefan Cordes ungeschönt, was ich ihm als Mann hoch anrechne. Er verschließt die Augen nicht oder versucht etwas zu beschönigen.
Er hat es geschafft, der Ich-Erzählerin Billie eine passende und poetische Sprache zu verleihen, die nie anstrengend wird. Man taucht darin ein und merkt gar nicht, wie die kurzen Kapitel an einem vorbeirauschen. Er macht das 17. Jh. nahbar, kleidet es in besonderer Form in ein modernes Gewand und schenkt uns die Wiederentdeckung einer großen Dichterin, die von ihrer Zeit und den Männern zum Schweigen gebracht werden sollte.