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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.10.2024

Zeitreise trifft Krimi und noch mehr

Antichristie
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Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung ...

Durgas Mutter, eine Möchtegernfreiheitskämpferin, ist gestorben, abwesend war sie dagegen schon lange. Doch anstatt, um sie zu trauern, reist Durga nach London, um in einem Writer’s Room an einer Neuverfilmung von Agatha Christies Krimis mitzuarbeiten. Darüber sind nicht alle glücklich. Als dann auch noch die Queen stirbt, sehen die Demonstrant*innen ihr kulturelles Erbe in Gefahr. Ohne Vorwarnung landet Durga im Jahr 1906 im Indian House und ist plötzlich Sanjeev. Dort trifft er auf Revolutionäre, die gegen die Kolonialisierung kämpfen.
„Antichristie“ von Mithu Sanyal ist keine leichte Lektüre. Was nicht allein an den Zeitreisen liegt. Durga springt nicht nur zwischen 2022 und 1906 hin und her, wird einmal Sanjeev und dann wieder Durga, sondern kann die andere Person und dessen Erinnerung anzapfen. Die Perspektiven scheinen zu verschwimmen.
Beeindruckend ist, dass dabei so viel Wissen über den indischen Kolonialismus und den Widerstandskampf vermittelt wird. Es werden Namen genannt, die ich noch nie gehört habe, denn sie stehen nicht auf dem Lehrplan (ich hatte sogar Geschichts-LK), anscheinend ebenso wenig in England. Mithu Sanyal lässt Durga immer wieder ihren Pazifismus und ihre internalisierten Glaubenssätze hinterfragen und meine gleich mit. Die Diversität des Writer’s Rooms öffnet den Horizont noch ein wenig mehr.
Verpackt ist das alles nicht nur in einen Zeitreiseroman, sondern auch in eine Detektivgeschichte. Agatha Christie spielt in Durgas 2022 eine große Rolle und bei Sanjeev taucht plötzlich Sherlock Holmes auf und klärt mit ihm ein Verbrechen auf.
Ich bin tatsächlich zwiegespalten. Einerseits möchte ich „Antichristie“ feiern, wegen der Themen, wegen der Wissensvermittlung und wegen Mithu Sanyals Können als Autorin, denn wie wunderbar kann sie schreiben! Andererseits war der Roman auch verwirrend, manchmal war es schwierig, zu folgen - es war schlichtweg anstrengend.
Es ist also kein Roman für zwischendurch, aber wer eine Herausforderung sucht, ist hier richtig.

Veröffentlicht am 22.09.2024

Ein Leben gedruckt in einem Roman

Die vorletzte Frau
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Neunzehn Jahre und ein wenig mehr lässt die Ich-Erzählerin, die Katja Oskamp wohl selbst ist, Revue passieren. Neunzehn Jahre einer Beziehung mit dem Schriftsteller Tosch. Doch da ist nicht nur diese Liebe ...

Neunzehn Jahre und ein wenig mehr lässt die Ich-Erzählerin, die Katja Oskamp wohl selbst ist, Revue passieren. Neunzehn Jahre einer Beziehung mit dem Schriftsteller Tosch. Doch da ist nicht nur diese Liebe zu ihrem Lebensmensch, sondern auch die zu ihrer Tochter, die niemals außen vor ist.
„Die vorletzte Frau“ von Katja Oskamp ist kein klassischer Roman. Dafür basiert er zu stark auf Katja Oskamps Leben und ja ich habe öfters Parallelen gesucht und gefunden. Das tut dem Buch aber keinen Abbruch. Es gibt trotzdem einen roten Faden - die Beziehung zu Tosch - und auch die Weiterentwicklung der Erzählerin ist kristallklar zu erkennen. Es ist ein Leben gedruckt in einem Roman.
Es hat mir ausgesprochen gut gefallen und das, obwohl Katja Oskamp in die Falle der fürsorglichen Frau tappt, ohne mit Tosch eine Ehe einzugehen. Er ist das Paradebeispiel eines Mannes, der sich nicht binden, der seine Freiheit nicht aufgeben will und trotzdem die Vorteile einer Beziehung hat. Das hat mich oft die Augen rollen lassen, denn ich führe nicht nur eine Ehe, die gleichberechtigt ist und in der wir teilen, sondern kann mir auch gar nicht vorstellen, dass es anders sein könnte. Ich kam nicht umhin, „Die vorletzte Frau“ als Beobachtung einer aussterbenden Art von Beziehung zu betrachten - in der der Mann umsorgt wird, die Regeln macht, ohne sie tatsächlich benennen müssen und die Frau ganz selbstverständlich tut, macht, buckelt und sich aufreibt in der ganzen Maloche.
Das alles beschriebt Katja Oskamp präzise mit einem ganz besonderen Gespür für Sprache, welches sie wohl zum Teil auch dem realen Tosch verdankt. Ihr Blick ist mitnichten der eines Hausfrauchens. Sie ist eine Macherin, was mir Mut gemacht hat und sie schildert ungeschönt Krankheit, Pflegebedürftigkeit und auch den Schmerz.
Und jetzt muss ich Katja Oskamps andere Bücher lesen, denn ich möchte mehr von diesen Beobachtungen, die ganz nah am Leben sind.

Veröffentlicht am 18.09.2024

Nicht so abgeholt wie gewohnt

Der längste Schlaf
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Mara Lux ist Schlafforscherin, was paradox scheint, denn sie selbst meidet Schlaf, vor allem das Träumen, weil sich schon mancher ihrer Träume bewahrheitet hat. Als sie die Nachricht bekommt, dass sie ...

Mara Lux ist Schlafforscherin, was paradox scheint, denn sie selbst meidet Schlaf, vor allem das Träumen, weil sich schon mancher ihrer Träume bewahrheitet hat. Als sie die Nachricht bekommt, dass sie in Deutschland ein Herrenhaus geschenkt bekommen soll, stutzt sie. Ihrer alten Heimat hatte sie schon lange den Rücken gekehrt und lebt in London. Doch dieses Geschenk von einem Unbekannten macht sie neugierig und dann ist da noch ihr letzter Traum, der zu Teilen schon in die Realität geschwappt ist und sie beschließt dem Ganzen auf den Grund zu gehen.
Vorweg: Ich bin Melanie Raabe Fan. Ich liebe ihre Thriller und ebenso den vorherigen Roman habe ich verschlungen. Ich bin also voreingenommen gewesen und mit einer gewissen Erwartungshaltung an „Der längste Schlaf“ gegangen. Leider hat er mich nicht so abgeholt wie ihre anderen Bücher.
Mara ist ein spannender Charakter und auch Setting, Plot und die Kurve zum magischen Realismus fand ich toll. Es ist spannend - da merkt man, wo Melanie Raabe ihre Anfänge hat, und das kann sie, ohne auf billige Tricks und falsche Fährten zugreifen zu müssen. Doch zu Beginn hab ich schwer hineingefunden, bin über Formulierungen gestolpert, was ich so gar nicht von ihr kenne, weil sie auch sprachlich immer gekonnt abliefert. Es wirkte etwas unkonzentriert und nicht bis zur absoluten Perfektion geschliffen, wie bei den vorherigen Büchern. Später wurde es besser, was vielleicht auch an der Spannung lag, die sich immer weiter aufgebaut hat. Das letzte Kapitel hätte ich allerdings nicht gebraucht. Darin werden alle offenen Fragen nochmal sehr ausführlich aufgelöst.
Ich möchte „Der längste Schlaf“ nicht schlecht machen. Es ist ein solider Roman von einer brillanten Schriftstellerin und nur, weil sie mich mit diesem Roman nicht so abgeholt hat, wie mit den Vorgängern, heißt es nicht, dass ich mich nicht schon auf das nächste Buch freue. Melanie Raabe bleibt trotzdem eine Großmeisterin des Schreibens und auch dieses Buch wird viele begeisterte Leser*innen finden.

Veröffentlicht am 03.09.2024

Eine verschlingende Dreiecksbeziehung

Das Schweigen meiner Freundin
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Giulia lernt Cristi als Kind kennen, sie wird ihr quasi aufgedrängt - als Zehnjährige hat man wahrlich Besseres zu tun, als sich um ein drei Jahre jüngeres, verlottertes und schweigsames Mädchen zu kümmern. ...

Giulia lernt Cristi als Kind kennen, sie wird ihr quasi aufgedrängt - als Zehnjährige hat man wahrlich Besseres zu tun, als sich um ein drei Jahre jüngeres, verlottertes und schweigsames Mädchen zu kümmern. Doch schnell wandelt sich die Abneigung in Liebe, in eine obsessive, verzehrende Liebe. Kein Wunder also, dass Giulia, den plötzlich auftauchenden Mattia als Konkurrenz sieht und das soll ihr ganzes Leben lang so bleiben. Immer wieder wird sie von Cristi vereinnahmt, nur um von ihr verlassen zu werden.
„Das Schweigen meiner Freundin“ von Giulia Baldelli hat mich verschlungen. Ich wurde ganz tief in diese fatale Dreiecksbeziehung hineingesaugt, aus der niemand unbeschadet herauskommt. Die Leben der Figuren sind durch Cristi so verknäult, dass es keinen Ausweg zu geben scheint. Nicht für Giulia, die sich immer wieder vornimmt, nicht auf Cristi hereinzufallen und genauso wenig für Mattia, der mit allen Mitteln versucht, sich von ihr fernzuhalten.
Das Paradoxe ist, dass man sehenden Auges immer wieder mit Giulia in diese toxische Beziehung stürzt, es nicht verhindern kann, obwohl man es doch besser wissen müsste. Die Geschichte ist so fein gewoben, dass man sich selbst schnell darin verliert, und ich konnte den Roman nur schwer aus der Hand legen. In der Mitte wurde es etwas anstrengend, weil Cristi eben so ist wie sie ist, aber zum Ende hin wurde es wieder besser.
Sehr beeindruckend finde ich, dass es Giulia Baldellis Debüt ist. Nicht nur ist die Geschichte gut durchdacht, die Figuren klar und rund, sondern auch sprachlich hat es mich begeistert, was wahrscheinlich nicht zuletzt an der guten Übersetzung von Elisa Harnischmacher liegt.
Ein wunderbarer Roman, der allerdings alles andere als kurzweilig ist und eine ganz besondere Liebe beschreibt.

Veröffentlicht am 18.08.2024

Ein Jahreshighlight

Taumeln
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Hannah ist verschwunden. Ihre Schwester Luisa sucht sie jeden Samstag im Wald neben ihrem Elternhaus. Das tut sie nicht allein. Da sind auch Iris, Frank, Amaka, Emma, Enrico, Hartmut und Christiane. Sie ...

Hannah ist verschwunden. Ihre Schwester Luisa sucht sie jeden Samstag im Wald neben ihrem Elternhaus. Das tut sie nicht allein. Da sind auch Iris, Frank, Amaka, Emma, Enrico, Hartmut und Christiane. Sie sind Fremde, vereint durch die Suche, aber eigentlich auf der Flucht vor ihrem eigenen Leben, das aus unterschiedlichen Gründen ein Ausbrechen verlangt. Dabei werden die samstäglichen Treffen mehr und mehr zu einer Ausrede und eine besondere Gemeinschaft entsteht.
„Taumeln“ von Sina Scherzant ist genau das, was der Titel verspricht, ein Herumtaumeln durch das Leben, wobei jede der Figuren einen anderen Grund zum Schlingern hat, der mal mehr, mal weniger angestrahlt wird. Sina Scherzant beleuchtet gerade so viel wie nötig und verdichtet auf diese Weise die einzelnen Geschichten auf beeindruckende Art.
Es ist schmerzhaft, weil die Schicksale der Einzelnen einem wirklich nahe gehen und ich vermute, dass sich jeder Lesende mit mindestens einer Figur etwas mehr identifizieren kann; gleichzeitig ist da eine Hoffnung, eine kleine Flamme, welche der dunklen Traurigkeit Einhalt gebietet.
Am bemerkenswertesten fand ich allerdings Sina Scherzants Umgang mit Sprache. Immer wieder musste ich Passagen staunend ein weiteres Mal lesen, weil ich nicht fassen konnte, dass sie solch eine Kombination aus Worten gefunden hat, die neu ist und passend. Sie spielt damit, jongliert und es fällt kein einziger Ball herunter.
Meine Erwartungshaltung, was das Ende betrifft, wurde übertroffen. Ich war mir zwar sicher, dass der Roman nicht so enden würde, wie es die meisten wahrscheinlich erwarten und ich nicht passend gefunden hätte, aber war trotzdem erleichtert darüber. Wer wissen will, was ich damit meine, muss es wohl selbst lesen. Aber das sollte man eh, es lohnt sich aus so vielen Gründen.
Und ich bin froh, dass ich Sina Scherzants Debüt „Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne“ noch nicht gelesen habe, denn so kann ich diese Erfahrung bald machen und freue mich schon sehr darauf.