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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.12.2018

Mir blieb die Luft beim Lesen weg.

Loyalitäten
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Dieses Buch trifft einen genau da wo man genau zuhören sollte: in der Magengruben, sprich im Bauch. Es geht um Theo, der abwechselnd bei seien getrennten Eltern lebt. Er ist alleine und betäubt sich im ...

Dieses Buch trifft einen genau da wo man genau zuhören sollte: in der Magengruben, sprich im Bauch. Es geht um Theo, der abwechselnd bei seien getrennten Eltern lebt. Er ist alleine und betäubt sich im wahrsten Sinne des Wortes: er trinkt mit knapp 12 Jahren Alkohol um die Sorgen und Ängste los zu werden. Seine Eltern sind beide seit der Trennung selbst psychisch auf sehr unterschiedliche Weisen für Theo abwesend und er fühlt sich schuldig, meint es lösen zu können – wo er doch das Kind ist das Halt und Geborgenheit bei den Eltern sucht.
Theo hat einen besten Freund, der zu ihm hält und ihm auf kindliche Weise loyal ist. Genau wie Theo seinen Eltern gegenüber loyal ist. Fatal.
Es gibt da nur diese eine Lehrerin, die spürt, dass da was nicht stimmt. Ist aber auch so in ihrer eigenen Vergangenheit gefangen, dass sie auch nicht erkennt was vor sich geht. Aber ihr Bauchgefühl trübt sie nicht.

Die Geschichte ist meisterlich erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven. Es kommen abwechselnd Theo, sein Freund Mathis, seine Lehrerin, seine Mutter und die Mutter seines besten Freundes zu Wort. Genial gemacht, denn so merkt der Leser, dass jeder unter der Oberfläche brodelt und kaum einen Blick für das Drama hat das sich dort vor ihren Augen abspielt. Interessant ist auch, dass Theo nicht durch einen Ich-Erzähler zu Wort kommt, sondern mittels einem allwissenden Erzähler.
Die Kapitel sind kurz und treiben einem beim Lesen an, dadurch wird das Gefühl der Abwärtsspirale noch stärker und man möchte einfach nur alle Erwachsenen anschreien und schütteln: Schaut hin! Er braucht Hilfe….

Keine schöne Lektüre, eher verstörend, aber wachrüttelnd. Es führt vor Augen welche Macht Eltern über ihre Kinder haben. Es zeigt vor allem was passieren kann, wenn man sich dem Kind nicht zuwendet. Anwesend sind sie und trotzdem nicht da für den Jungen.

FAZIT: Chapeau vor dieser prägnanten Sprache bei wechselnden meisterhaft erzählten Perspektiven. Wie ein Sog hat es mich in dieses Buch hineingezogen und mir diese erschütternde Geschichte erzählt, die mich ohnmächtig zurücklässt.

Veröffentlicht am 11.12.2018

Nicht so viel hadern – leben, ausprobieren und den eigenen Weg finden!

Mädelsabend
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Jeder Mensch wächst mit seiner Familie auf und wird auf eine sehr persönliche Art durch Eltern, Großeltern, Freunden und sein weiteres Umfeld geprägt. Diese Prägung hat einen massiven Einfluss auf Entscheidungen, ...

Jeder Mensch wächst mit seiner Familie auf und wird auf eine sehr persönliche Art durch Eltern, Großeltern, Freunden und sein weiteres Umfeld geprägt. Diese Prägung hat einen massiven Einfluss auf Entscheidungen, die jeder von uns im Leben fällt. Sehr persönlich fällt der Grad aus wie weit man sich vom traditionellen Familienverständis empanzipieren kann und will. Auch darf man die indirekte Prägung durch Sehnsüchte der Eltern nicht außer Acht lassen.

In ihrem neuen Roman hat Anne Gesthuysen ein wunderbares Figurenkabinett zusammengestellt über mehrere Generationen um genau diesem auf den Grund zu gehen: Was macht die Familientradition mit einem, was will man, was kann man und wie entscheidet man sich.
Im Roman gibt es zum einen die Oma Ruth, die früh in die sehr traditionelle Familie ihres Mannes hineingeheiratet hat. Nach einem Unfall zieht sie mit ihrem Walther in ein Altenpflegeheim und nun ändert sich nach 65 Jahren Ehe (!) die Perspektive und der Zuspruch ihres Umfeld etwas zu ändern. Daher auch der Titel des Romans: Mädelsabend. Dann gibt es den Sohn aus dieser Ehe, der mit seiner Frau Lotte auch früh Kinder bekam und die letzte beschriebene Generation ist Sarah (Ruths Enkelin), die auch wiederum einen Sohn hat mit Lars. Die Figuren sind sehr unterschiedlich, machen verschiedenste Perspektiven auf und geben einem eines mit auf den Weg: jeder macht es anders, jeder hat seinen eigenen Weg und seine eigene Geschwindigkeit mit Veränderungen umzugehen und zu guter Letzt: die Gesellschaft hat sich zum Glück weiterentwickelt, nun muss man die Freiheit für sich selbst interpretieren und sich selbst ein Plätzchen finden, das glücklich macht. Natürlich kann sich das auch ändern und dann sollte man den Mut haben, die Ärmel hoch zu krämpeln und es anpacken.
Das ganze spielt am Niederrhein und man merkt dem Text an, dass die Autorin diese Gegend kennt wie ihre Westentasche.

Das Fazit ist auch zugleich ein Zitat aus dem Roman: „Das Leben ist keine Generalprobe.“ (Seite 365)

Veröffentlicht am 03.12.2018

So lebte es sich 1903 in Stuttgart!

Die Schokoladenvilla
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Um 1900 waren Frauenrechte kein Thema. Frauen heirateten und waren dann komplett von ihren Männern abhängig und ihnen ausgeliefert. Kein Wahlrecht, keine eigenen Konten usw… Stelle man sich das mal vor?! ...

Um 1900 waren Frauenrechte kein Thema. Frauen heirateten und waren dann komplett von ihren Männern abhängig und ihnen ausgeliefert. Kein Wahlrecht, keine eigenen Konten usw… Stelle man sich das mal vor?! Grauenvoll. Und genau das kann man beim Lesen miterleben in der ‚Schokoladenvilla‘ von Maria Nikolai. Es ist eine dramatische Familiengeschichte um Schokoladenfabrikbesitzerfamilie Rothmann in Stuttgart. Es spielt 1903, im Mittelpunkt steht die Tochter des Hauses im heiratsfähigen Alter, die gegen den Patriarchenvater aufbegehrt. Ihre Mutter ist weit weg auf einer Kur am Gardasee und die Zwillingsbrüder treiben viel Unsinn. Und dann ist da noch ein ominöser Mann, der auch eine immer größere Rolle spielt.
Über 600 Seiten Familiengeschichte mit Drama & Liebe im historischen Kontext der Jahrhundertwende um 1900. Hört sich anstrengend an und etwas „too much“? Auf keinen Fall! Ja, natürlich ist das keine hochtrabende Literatur, aber sehr unterhaltsam und wirklich Balsam für die Seele. Ab und an ist das auch was Feines zu lesen.
Was ich schätze ist die unaufgeregte Art wie es erzählt wird, ganz ohne Patos.
Ich freu mich auf die kommenden beiden Bände, da mir die ganze Familie ans Herz gewachsen ist!
Und wer sich in Stuttgart und Degerloch auskennt wird sich über die vielen Orte freuen, die detailiert vorkommen!
Fazit: Leichter unterhaltsamer Roman mit leichtem Spannungsbogen. Wunderbar für die Weihnachtszeit – wenn man sich unter einer kuscheligen Decke auf der Couch verkriechen mag zum Lesen.

Veröffentlicht am 03.12.2018

Stark vereinfacht aus Sicht sehr tradioneller Annahmen

Lotti und Otto (Band 1)
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Ich habe dieses Bilderbuch mit meinen beiden 5jährigen Zwillingen - ein Mädchen und ein Junge - angeschaut und ich las vor. Klar, ist bei uns das Thema gerade aktuell - Was macht den Unterschied aus? Warum ...

Ich habe dieses Bilderbuch mit meinen beiden 5jährigen Zwillingen - ein Mädchen und ein Junge - angeschaut und ich las vor. Klar, ist bei uns das Thema gerade aktuell - Was macht den Unterschied aus? Warum ist der eine so und der andere einfach anders?
Ich dachte das trennende Element überwiegt, aber ich würde mit diesem Bilderbuch eines Besseren belehrt und war hinter sehr stolz auf meine beiden, denn sie sind gedanklich gendertechnisch weiter als viele viele Erwachsene.
Warum führe ich das so ausführlich aus? Weil es erklärt warum dieses Bilderbuch bei meinen Kindern eher auf Unverständnis stieß und sie sich über die Betreuer in diesem Camp wunderten.
Zum Inhalt, es geht um zwei Otter die zufälligerweise gleich aussehen und sich in einem Sommercamp treffen. Otto hat eher "mädchenhafte" Vorlieben und Hobbies und Lotti hat eher "jungenhafte" Interessen.
Aufgeklärte und nicht traditionell Heranwachsende können, wie ich merkte, mit dieser Differenzierung nichts anfangen. Wie meine Tochter so schön kommentierte: "Jeder kann doch machen was einem Spaß macht!"

Die Zeichnungen sind super niedlich und sehr toll, es macht auf jeden Fall Spaß, dass Buch zu betrachten.

Fazit: Wenn geschlechterspezifische Unterschiede im Verhalten ein Thema sein sollte oder eines daraus gemacht wurde durch Dritte und man aus dem Starren Muster einen Ausweg lotsen möchte, dass man geschlechtsneutraler durchs Leben gehen sollte, dann ist es ein passendes Bilderbuch.
Für aufgeklärte tolerante offene Kinder ist es eher fraglich bzw. stößt auf Unverständnis warum nicht jeder machen kann was er will.

Veröffentlicht am 28.11.2018

Unkonventioneller Blickwinkel auf die Weihnachtsgeschichte

Wer das Christkind beschützte
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Ich habe das Bilderbuch 'Wer das Christkind beschützte' geschrieben von Annette Langen mit meinen Kindern angeschaut und ich las vor.
Zunächst wurden besonders die Bilder von Ute Simon bewundert und der ...

Ich habe das Bilderbuch 'Wer das Christkind beschützte' geschrieben von Annette Langen mit meinen Kindern angeschaut und ich las vor.
Zunächst wurden besonders die Bilder von Ute Simon bewundert und der Buchdruck, denn das Buch hat silbrig glizernde Spinnenweben. Ein absolutes Highlight, da muss man schon auf jeder Seite mal drüber fassen. Also haptisch top!
Der Text hält sich in Grenzen, also wunderbar auch mit 3jährigen lesbar, keine Überforderung aus meiner Sicht. Für die Kleinsten ein schönes Bilderbuch mit wunderschönen Bildern und die erste Heranführung an die Weihnachtsgeschichte ohne viele Details.
Aber es hat auch für meine Großen noch einen besonderen Reiz gehabt, denn der Text erzählt nicht die klassische Weihnachtsgeschichte, sondern eigentlich die Geschichte einer Spinne die einem Paar mit Baby hilft. Für ältere Kinder ein veränderter Blickwinkel auf das Geschehen, wo man viele Fragen stellen kann beim Vorlesen und die Geschichte eigentlich mit den Kindern und der Spinne zusammen erzählt.
Daher ist mein Fazit: Tolles Bilderbuch über viele Altersklassen hinweg (ab 3 bis 6 Jahren) und auch wunderbar gemeinsam lesbar und erlebbar!