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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.06.2022

Reihenhausfeminismus in die Ecke gestellt

Who Cares!
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Mirna Funk spaltet die Gemüter. Sie wird heiß geliebt und zugleich genauso passioniert gehasst. Warum? Ich denke, weil sie klar ihre starke Meinung vertritt und gerne noch mal nachtritt um zu provozieren. ...

Mirna Funk spaltet die Gemüter. Sie wird heiß geliebt und zugleich genauso passioniert gehasst. Warum? Ich denke, weil sie klar ihre starke Meinung vertritt und gerne noch mal nachtritt um zu provozieren. Zum Aufrütteln, vielleicht bei machen auch zum Wachrütteln. Und vor allem für all die Frauen, die im Strudel der Debatten so manches Mal lieber die Ohren zu klappen. Sie pocht auf Selbstbestimmung und das Buch ist im Grunde ein Arschtritt für die Ausreden-Fraktion.

„Wir sind das System, in dem wir leben. Deswegen haben wir auch täglich Einfluss auf dieses System, in dem wir leben. Wir halten es aufrecht, wir verändern es, passiv oder aktiv.“ (S. 100)

Bei mir hat sie natürlich alleine wegen des Jahrgangs (1981) und ihrer Geburtsstadt (Berlin) ein Stein im Brett. Aber auch bei aller Liebe zu ihrer Grundüberzeugung, bin ich nicht immer und nicht ganz ihrer Meinung – muss ich auch nicht. Wie beispielsweise ihr Christentum bashing fand ich unnötig bei der Kürze des Textes, denn es fehlte da noch ein wenig Unterfütterung. Spannend ist es definitiv. Auch die ständigen Anglizismen haben mich irgendwann genervt, wenn die so im Text aufpoppten – come on – das kann du doch viel besser! Unnötig, denn dass sie eine lässige Braut ist, die ihr Selbstbewusstsein auf der Zunge trägt wird auch so deutlich. Chapeau, denn wir brauchen noch viel mehr solcher starken Frauen.
Das Buch ist klein und schmal, eine Essaysammlung zu den Themenblöcken Karriere, Liebe, Sex, Geld, Kinder & Körper. Sie selbst steht bei jedem Tex tim Vordergrund, es sind keine abstrakten Gedankenmodelle. Es ist ihre persönliche Lebensanalyse gepaart mit reflektierten Theorien. Wie da so ein kluger Gedanke auftaucht, dass Bindung nicht mit Anhängigkeit im Einklang funktioniert. Das hallt nach und bereichert. Besonders gut hat mir zum Schluss das versöhnliche Nachwort gefallen.
Sie polarisiert mit ihren Standpunkten und ihrer flapsigen irritierenden Art. Es gibt aus meiner Sicht genauso viele kluge Textstellen wie unnötige Ausführungen, aber aus Liebe zur Diversität. Bitte leben und leben lassen!!! Mich hat es gut unterhalten, bestärkt und gefreut, dass hier wieder sehr deutlich eine Frau ihre Meinung sagt.

„Mein Text hat nur ein Ziel, und das ist, daran zu erinnern, dass wir Frauen, entgegen allen Behauptungen, frei, autonom und unabhängig sind.“ (S. 105)

Fazit: Egal wie man zu der Meinung von Mirna Funk steht die hier im Buch niedergeschrieben ist, dieses Buch schreit nach der eigenen Meinung! Habt bitte eine Meinung und lasst uns in einen sinnvollen Dialog treten! Seit aktiv an der Gestaltung unserer Gesellschaft beteiligt und seit Teil des Entscheidungsprozesses statt nur zu Jammern.

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Veröffentlicht am 28.06.2022

Tief gefallen – mit oder ohne Aufprall?

Von hier betrachtet sieht das scheiße aus
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„Am Abgrund gibt es oft einen guten Ausblick. Wenn es vor einem nach unten geht, bedeutet das, dass man aktuell recht weit oben ist. Aber auch, dass man fallen kann. Das Fenster ist offen, unsere Welt ...

„Am Abgrund gibt es oft einen guten Ausblick. Wenn es vor einem nach unten geht, bedeutet das, dass man aktuell recht weit oben ist. Aber auch, dass man fallen kann. Das Fenster ist offen, unsere Welt klein und die Nacht alt.“ (S. 252)
Max Osswald kann schreiben, so viel steht 100%ig fest, nicht alle werden von seiner Lebensweisheit in derbem Tonfall begeistert sein, der immer auch eine Spur Humor an Board hat, aber lasst es euch gesagt sein: Es lohnt! Mir hat es super gut gefallen und ich hoffe, dass ‘Von hier aus betrachtet sieht das scheisse aus’ nicht sein einziger Roman bleiben wird.
Auf welchen Inhalt treffen wir hier mit diesem rotzigen Titel? Wir treffen auf Ben, der seinen besten Freund mit Anfang 20 verlor, da er sich vom Hochhaus stützte und nun landet Ben selbst 6 Jahre später in einer Lebenskrise und hat drastische Pläne. Er will sich umbringen, hat aber nicht die Courage es selbst zu machen und er engagiert einen Hitman um es in 50 Tagen geschehen zu lassen zu einem unbekannten Zeitpunkt.
„Unser Handeln wird angetrieben von Sehnsüchten, Triebe, Begehren, Wünschen. Man will, will, will. Ich wollte, wollte, wollte. Bis ich mich fragte, wieso. Und darauf keine Antwort fand.“ (S. 218f)
Aus dieser Idee entspinnt sich eine irre Geschichte, die viele Themen angeht: Was will ich vom Leben? Was ist ein erfülltes Leben? Bin ich offen mich treiben zu lassen? Ist Lebensstruktur ein Gefängnis oder ein angstminimierendes Gerüst? Und all diese doch recht elementaren Fragen an das Leben ist in diese makabre wie bissige Geschichte gewickelt. Lasst euch nicht abschrecken vom Todesthema. Es gibt Struktur und einen roten Faden, aber die Bilder links und rechts der Reise machen den Roman aus. Es wird gelebt, geliebt und gesponnen. Eine schöne Ablenkung vom Alltag.
„Es ist immer besser, etwas Schönes zu erfahren, dass irgendwann endet, als von vornherein darauf zu verzichten, weil es endet oder enden könnte. Alles endet. Und ja, am Ende ist es sowieso egal. Am Ende bleibt sowieso nichts. Am Ende ist das Ergebnis dasselbe. Aber man lebt ja nicht für das Ende, sondern für das Zwischendrin.“ (S. 328)
Erwähnenswert ist noch, dass der Roman fast ausschließlich in München spielt und einiges Bekanntes auftaucht!

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Veröffentlicht am 27.06.2022

Pommersche Fischerteppiche

Fischers Frau
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Da ich bereits ‚Bergsalz‘ von Karina Kalisa gelesen hatte, hat mich ‚Fischers Frau‘ natürlich auch gereizt. Dieser Roman ist eine Kombination aus historischer Aufarbeitung und einer Lebensgeschichte bzw ...

Da ich bereits ‚Bergsalz‘ von Karina Kalisa gelesen hatte, hat mich ‚Fischers Frau‘ natürlich auch gereizt. Dieser Roman ist eine Kombination aus historischer Aufarbeitung und einer Lebensgeschichte bzw eine Liebesgeschichte. Es werden die Lebensgeschichten zweier Frauen verwoben. Das eine ist in der Gegenwart von Mia Sund, sie ist eine Faserarchäologin in Greifswald. Sie bekommt einen pommerschen Fischerteppich auf den Tisch und beginnt diesen zu prüfen. Denn er wirkt so anders als die ihr bekannten, schimmert in den schönsten Grüntönen.
Sie entdeckt den Namen Nina auf diesem Teppich und das ist die vergangene Ebene zu Beginn der 1920er Jahre. Zu dieser Zeit gab es an Teilen der Ostsee ein Fischfangverbot und die Fischer brauchten eine neue Einkommensquelle. Extrem innovativ wie sie waren, begangen sie sogenannten pommerschen Fischerteppiche zu weben.
Und hier durch diesen Teppich verbindet sich vergangenes und historisches mit dem Gegenwärtigen. Mia muss sich aus ihrer Komfortzone schälen und aufbrechen, sich auf die Suche begeben um das Geheimnis dieses einen Teppichs zu lüften.
Gelungen ist diese Verwebung von historischem und erfundenem, der Gegenwart und der Vergangenheit und der beiden Frauen.

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Veröffentlicht am 24.06.2022

Gelsenkirchen unter der Lupe

Lenin auf Schalke
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Wissen Sie welche Stadt gemeint ist, wenn es da heißt: „Stadt der tausend Feuer“? Wenn man dieser Frage nachschiebt, dass man auch gut und gerne „Stadt der tausend Kneipen“ sagen könnte heute, dann lichtet ...

Wissen Sie welche Stadt gemeint ist, wenn es da heißt: „Stadt der tausend Feuer“? Wenn man dieser Frage nachschiebt, dass man auch gut und gerne „Stadt der tausend Kneipen“ sagen könnte heute, dann lichtet sich das Dunkel und wir sind angekommen. Ganz unten. In einer Stadt, die es schafft alle Ranglisten anzuführen: Ärmste Stadt Deutschland, Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit und dem geringstes Pro-Kopf-Einkommen Deutschland. Gewonnen hat diese Titel: Gelsenkirchen.
Einst der glorreiche Ort der Kohle, die alle Lampen der BRD zum glühen brachte, heute im Abstiegskampf und das nicht nur beim identitätsstiftenden Schalke.
Der Schweriner Autor Gregor Sander machte sich also auf in die tiefste westdeutsche Provinz, nahm viele Skurrilität, Begegnungen und Orte auf und schrieb dann diese fiktive (!) Erkundungsreise. Der Autor war vor Ort und natürlich ist es ein Abbild des Erlebten, aber eben kein dokumentarisches erzählen.
Er gibt uns den Ossi-Blick auf den marodesten Ort Deutschland im Westen. Sander erkennt dort ungute Strukturen wie den Rechtsruck in der Gesellschaft und das Gefühl abgehängt zu sein, aber auch den unendlichen Lokalpatriotismus, die Liebe zur Heimat, die man von außen nur auf den 2. Blick verstehen kann, denn die Menschen sind voller sympathischer Selbstironie und überschätzen sich keineswegs.
Das Buch ist stellenweise witzig, aber hat immer den notwenigen Ernst, die Lage zu erkennen und zu reflektieren. Aus der sanierten Ost-Sicht auf einen Fleck Deutschland im Westen zu schauen, macht das ganze besonders spannend. Der Blick ist unverstellt, ohne Vorurteile und immer sinnierend. Schön auch, dass der Dialekt durchklingt (sicher ein Vorteil, wenn man das Hörbuch zum Buch genießt!)
Fazit: Trauen Sie sich erst mit diesem Stück Literatur Gelsenkirchen zu nähern, um dann im zweiten Schritt den Ommas, den Schalke-Fans und den Malochern selbst zu begegnen. Sehr gelungenes Buch!

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Veröffentlicht am 24.06.2022

Hitze, Campingplatz – und neue Chancen im Leben

Ein unendlich kurzer Sommer
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Es ist das was wir immer öfters erleben, ein Sommer der heiß und hitzig ist. Nur, dass dieser Sommer, „ein unendlich kurzer Sommer“ war. Das gleichnamige Buch der Autorin Kristina Pfister spielt hauptsächlich ...

Es ist das was wir immer öfters erleben, ein Sommer der heiß und hitzig ist. Nur, dass dieser Sommer, „ein unendlich kurzer Sommer“ war. Das gleichnamige Buch der Autorin Kristina Pfister spielt hauptsächlich auf einem Campingplatz. Das Kristina Pfister eine Kennerin dieser doch sehr speziellen Welt ist, merkt man jeder Zeile dieses Buches an. Ich als bekennender Nicht-Camper fand es übrigens großartig, dass ich auf diese Weise eintauchen konnte!
Aber mal zum Inhalt. Wir begleiten Lale, der ihr Leben über den Kopf wächst, steigen mit ihr in einen Zug, der viel Raum zwischen sie und ihrem alltäglichen Leben bringen soll. Sie landet auf einem Campingplatz an einem See, ein traumhafter Ort, nur ist der Campingplatz etwas abgerockt. Mit Gustav, dem Besitzer, bringt sie den Platz in Schwung und verliert sich im Lokalen und kann wieder atmen. Bis auch Christoph hier auftaucht auf der Suche nach seinem Vater, er will die Lebenslüge verarbeiten und sich der Wahrheit näher. Auch nähert er sich Lale und beide tauchen ab. Aber auch ein wenig Chaos ist vorprogrammiert und das Dorf kommt in Schwung.
Es ist ein Sommerroman, ohne Frage, auch wenn draußen keine 32 Grad im Schatten sind, fängt man förmlich an zu schwitzen beim Lesen. Trotz aller Leichtigkeit und fluchtartiger Reaktionen der Hauptfiguren hat der Roman zum Glück Tiefe, die der Geschichte sehr gut tut.
Eine sehr intensive Geschichte, die einen nachdenklich machen über Geschehenes, Verbliebenes und den Ausblick auf die nächsten Schritte im Leben. Dieser eine Sommer – den nehmen wir mit in unsere Herzen und lassen uns von dem guten Erzählton von Kristina Pfister verführen.

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