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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2026

Insel-Atmosphäre und alte Geheimnisse

Fünf Fremde
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Mit „Fünf Fremde“ schafft Romy Fölck eine düstere, beinahe beklemmende Atmosphäre, die mich sofort gepackt hat. Schon das Setting auf der abgelegenen Insel sorgt für dieses klassische „Closed-in“-Gefühl: ...

Mit „Fünf Fremde“ schafft Romy Fölck eine düstere, beinahe beklemmende Atmosphäre, die mich sofort gepackt hat. Schon das Setting auf der abgelegenen Insel sorgt für dieses klassische „Closed-in“-Gefühl: Wegen des Unwetters kann niemand die Insel verlassen, und mit jeder Seite wächst die Spannung ein Stück weiter. Dieses Eingeschlossensein wirkt bedrückend und gleichzeitig unglaublich fesselnd.

Besonders gefallen hat mir, wie stark die Figuren gezeichnet sind. Die Geschichte wird abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wodurch ich die Charaktere und ihre Geheimnisse nach und nach immer besser kennenlerne. Gerade die Themen Freundschaft, alte Schuld und verdrängte Erinnerungen bekommen dadurch viel Tiefe. Niemand wirkt vollkommen unschuldig, und genau das macht den Reiz des Romans aus.

Emotional hat mich vor allem die unterschwellige Melancholie erreicht, die über der gesamten Handlung liegt. Hinter den Konflikten steckt spürbar eine Vergangenheit, die nie wirklich verarbeitet wurde. Dadurch entsteht eine intensive Stimmung, die lange nachhallt.

Trotzdem hatte der Roman für mich auch Schwächen. Der Spannungsbogen war nicht immer so straff, wie ich es mir bei einem Thriller wünsche. Manche Passagen wirkten etwas zu ruhig, bevor die Handlung wieder Fahrt aufgenommen hat. Im großen Showdown wurde es dann zwar dramatisch, allerdings auch stellenweise etwas unglaubwürdig. Vor allem das Ende empfand ich als zu konstruiert.

Trotz dieser Kritikpunkte ist „Fünf Fremde“ ein atmosphärischer Thriller mit starken Figuren und einer beklemmenden Stimmung.

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Veröffentlicht am 14.05.2026

Still und beklemmend

Mit beiden Händen den Himmel stützen
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Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tolkien ist ein Buch, das weh tut. Nicht laut oder dramatisch, sondern auf eine stille, beklemmende Weise, die sich beim Lesen immer tiefer festsetzt. Gerade ...

Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tolkien ist ein Buch, das weh tut. Nicht laut oder dramatisch, sondern auf eine stille, beklemmende Weise, die sich beim Lesen immer tiefer festsetzt. Gerade weil der Roman so autofiktional wirkt und vieles ungeschönt erzählt, entfaltet er eine enorme Authentizität. Ich war selbst jung in dieser Zeit und habe erschreckend vieles wiedererkannt – diese Atmosphäre aus Orientierungslosigkeit, Sehnsucht und gleichzeitigem Absturz. Genau das macht das Buch so schwer auszuhalten.

Der Roman erinnert mich stellenweise stark an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: dieselbe rohe Ehrlichkeit, dieselbe emotionale Kälte und dieses Gefühl, Jugendlichen beim langsamen Verschwinden zuzusehen. Besonders gelungen fand ich die dichte, bedrückende Atmosphäre. Manche Szenen haben mich noch lange nach dem Lesen beschäftigt.

Trotzdem war es für mich kein literarisches Highlight. Der sehr einfache Schreibstil passt zwar zur kindlichen Perspektive und verstärkt die Direktheit vieler Situationen, konnte mich aber auf Dauer nicht ganz tragen. Mir fehlte sprachlich manchmal die Tiefe oder eine besondere erzählerische Kraft, die über die reine Wucht der Erlebnisse hinausgeht. Auch die kindliche Erzählstimme hat mich emotional nicht immer erreicht, obwohl ich den Ansatz nachvollziehen kann.

Und doch halte ich dieses Buch für wichtig. Weil es nichts beschönigt. Weil es zeigt, wie fragil junge Menschen sein können. Und weil manche Geschichten nicht dafür da sind, „schön“ zu sein, sondern wahr.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Mord, Charme und Schottlandfeeling

Mord & Breakfast
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Mit Mord & Breakfast hat Anne Gordon einen herrlich gemütlichen Cosy Crime geschaffen, in den ich mich sofort verliebt habe. Schon nach wenigen Seiten war ich mitten in Seagull Bay – einem fiktiven kleinen ...

Mit Mord & Breakfast hat Anne Gordon einen herrlich gemütlichen Cosy Crime geschaffen, in den ich mich sofort verliebt habe. Schon nach wenigen Seiten war ich mitten in Seagull Bay – einem fiktiven kleinen Ort in der Nähe von Edinburgh, der mit seinem charmanten Küstenflair und den liebevollen Details echtes Schottlandfeeling vermittelt und der für mich in kurzer Zeit ein wahrer Wohlfühlort wird.

Im Mittelpunkt steht Melody Moss, die nach dem Verlust ihres Jobs eher widerwillig nach Schottland reist, um das Erbe ihrer verstorbenen Tante anzutreten. Obwohl sie ihre Tante kaum kannte, verbindet Melody viele Kindheitserinnerungen mit Seagull Bay, wo sie früher oft ihre Ferien verbracht hat. Doch schnell wird klar: Seagull Bay ist nicht nur ein Ort voller Erinnerungen an ihre Kindheit, sondern auch voller Geheimnisse. Besonders schön fand ich die persönliche Entwicklung von Melody, im Laufe der Geschichte ihren eigenen Weg findet.

Und natürlich darf auch die Romantik nicht fehlen: Aus dem frechen Jungen aus ihrer Kindheit ist inzwischen ein attraktiver Gärtner geworden – da sind Herzklopfen und charmante Begegnungen vorprogrammiert. Ja, der Roman bedient einige typische Klischees des Genres, aber genau das macht seinen Charme aus. Ich konnte mich vollkommen in die Geschichte hineinfallen lassen und habe die Mischung aus gemütlicher Atmosphäre, Humor und leichter Romantik sehr genossen. Gleichzeitig wird es auch spannend: Melody glaubt nicht daran, dass der Tod ihrer Tante wirklich ein Unfall war, und beginnt kurzerhand selbst Nachforschungen anzustellen.

Die Mischung aus Wohlfühlroman, Humor, leichter Romantik und spannender Spurensuche funktioniert wunderbar. Mord & Breakfast ist der perfekte Auftakt für alle, die wie ich charmante Cosy Crimes mit sympathischen Figuren, einem kleinen Schuss Romance und viel Schottlandatmosphäre lieben.

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Veröffentlicht am 05.05.2026

Ruinen, Hunger und menschliche Abgründe

Die weiße Nacht
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Die weiße Nacht hat mich auf eine ganz besondere Weise beschäftigt. Aber ich habe einige Kapitel benötigt, um wirklich in die Geschichte hineinzufinden. Die Handlung entfaltet sich eher leise und langsam, ...

Die weiße Nacht hat mich auf eine ganz besondere Weise beschäftigt. Aber ich habe einige Kapitel benötigt, um wirklich in die Geschichte hineinzufinden. Die Handlung entfaltet sich eher leise und langsam, fast so zäh und schwer wie der eisige Berliner Winter, der über allem liegt. Doch genau diese bedrückende Atmosphäre macht den Roman letztlich so eindringlich.

Anne Stern zeichnet den Hungerwinter 1946 in Berlin unglaublich intensiv. Ich habe beim Lesen die Kälte förmlich in den Knochen gespürt. Die Menschen frieren ständig, hungern, kämpfen ums Überleben – und dieses Gefühl zieht sich wie ein grauer Schleier durch die gesamte Geschichte. Dabei entsteht keine klassische Krimistimmung voller Nervenkitzel, sondern eher eine tiefe Trostlosigkeit, die perfekt in diese zerstörte Nachkriegszeit passt.

Besonders interessant fand ich die Begegnungen zwischen Lou Faber und Alfred König. Noch sind sie kein richtiges Ermittlerduo, sondern eher zwei Menschen, die vorsichtig umeinander kreisen. Lou mochte ich sofort: mutig, klug und mit einer besonderen Beobachtungsgabe. Alfred König dagegen bleibt für mich noch schwer greifbar. Hinter seiner Figur steckt offensichtlich viel mehr, als bisher gezeigt wird, und genau das macht mich neugierig auf die Fortsetzung.

Wer einen temporeichen Krimi erwartet, könnte überrascht sein, denn die Handlung bleibt lange ruhig und konzentriert sich stärker auf das historische Setting und die Figuren als auf Spannung. Erst zum Ende hin zieht die Geschichte deutlich an. Dafür hat mich die Auflösung umso härter getroffen. Die Hintergründe des Falls haben mich wirklich schockiert und emotional aufgewühlt. Und obwohl die Tat grausam war, konnte ich das Mordmotiv auf erschreckende Weise nachvollziehen.

Man merkt deutlich, dass dies der Auftakt einer Reihe ist. Viele persönliche Geschichten sind noch nicht zu Ende erzählt und einige Fragen bleiben bewusst offen. Gerade deshalb macht das Buch neugierig auf mehr. Für mich war Die weiße Nacht weniger ein klassischer Krimi als vielmehr ein atmosphärischer, düsterer Roman über eine zerstörte Stadt und Menschen, die versuchen, inmitten von Kälte, Hunger und Schuld irgendwie weiterzuleben.

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Veröffentlicht am 01.05.2026

Vergangenheit, Schuld und Sehnsucht

Kala
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Manche Bücher erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern hinterlassen ein Gefühl, das noch lange nach dem Lesen bleibt – genau so ging es mir mit Kala. Colin Walsh verbindet auf beeindruckende Weise Gegenwart ...

Manche Bücher erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern hinterlassen ein Gefühl, das noch lange nach dem Lesen bleibt – genau so ging es mir mit Kala. Colin Walsh verbindet auf beeindruckende Weise Gegenwart und Vergangenheit und springt dabei immer wieder zurück in jenen Sommer, der für eine Gruppe Jugendlicher alles verändert hat. Gerade diese Rückblicke machen den Roman so intensiv, weil man Stück für Stück versteht, wie sehr die Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt.

Besonders gelungen fand ich die unterschiedlichen Perspektiven von Mush, Helen und Joe. Jede Stimme fühlt sich eigen an, jede Figur trägt ihre eigenen Verletzungen, Erinnerungen und Wahrheiten mit sich herum. Am meisten mochte ich allerdings Mush. Seine Beobachtungen, seine Unsicherheit und gleichzeitig seine tiefe Loyalität machen ihn für mich zur emotionalsten Figur des Romans. Gerade durch ihn spüre ich besonders stark diese Mischung aus Sehnsucht, Schuld und dem Wunsch, die Vergangenheit irgendwie begreifen zu können. Vor allem Joe hat mich mit seiner Erzählweise später ebenfalls vollkommen in den Bann gezogen.

Anfangs war ich allerdings nicht sofort überzeugt – der Einstieg wirkte auf mich etwas sperrig, und ich brauchte Zeit, um mich an die wechselnden Erzählstimmen zu gewöhnen. Doch genau darin liegt letztlich auch die Stärke des Romans: Sobald man sich darauf einlässt, entwickelt die Geschichte einen regelrechten Sog.

Ein wichtiger Bestandteil der Atmosphäre ist „The Other Side“, dieser geheimnisvolle Ort, der in der Geschichte eine zentrale Rolle spielt. Er steht sinnbildlich für Freiheit, Jugend, Gefahr und all das Ungesagte zwischen den Figuren. Dadurch bekommt der Roman fast etwas Mythisches.

Kala ist für mich eine besondere Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und subtil aufgebautem Thriller. Das Ende hat mir beinahe das Herz gebrochen – leise, tragisch und lange nachwirkend. Ein Roman über Freundschaft, Schuld, Verlust und die Frage, ob man der eigenen Vergangenheit jemals wirklich entkommen kann.

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