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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.09.2025

Schonungslos und hoffnungsvoll zugleich – ein beeindruckendes Debüt

Wohin du auch gehst
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Dieses Buch hat mich tief berührt und beeindruckt. Die Autorin verwebt gleich mehrere gesellschaftlich und historisch relevante Themen, wie homophobe und rassistische Ausgrenzung, Unterdrückung von Frauen, ...

Dieses Buch hat mich tief berührt und beeindruckt. Die Autorin verwebt gleich mehrere gesellschaftlich und historisch relevante Themen, wie homophobe und rassistische Ausgrenzung, Unterdrückung von Frauen, Verlust-Traumata und kulturelle Zerrissenheit, zu einer spannenden und teilweise erschütternden Geschichte zweier Frauen unterschiedlicher Generation, die sich ähnlicher sind, als es zunächst den Anschein hat. Anfangs empfand ich den Schreibstil als eher nüchtern und machte mich auf einen etwas langatmigen Roman gefasst. Das Gegenteil war der Fall. Ich wurde immer mehr in den Sog der Erzählung hineingezogen und konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Die Protagonistinnen sind kongolesischer Abstammung und die Ereignisse des Romans erstrecken sich über zwei Generationen und zwei Kontinente. Beide Frauen, die ältere schweigsame Mira und die jüngere Bijoux, die mit ihrer queeren Identität kämpft, werden in ihrer Persönlichkeit behutsam ausgearbeitet. Die Erzählperspektive wechselt und während Bijoux das aktuelle Geschehen in London aus der Ich-Perspektive und in der Vergangenheitsform schildert, erleben wir bei Mira Rückblenden aus der Beobachterperspektive, die im Präsens erzählt werden und sich bis zur heutigen Zeit hinziehen. Die gesamte Geschichte ist sehr komplex und es erscheint mir unmöglich, alle behandelten Themen aufzuzählen, ohne zu spoilern. Fast beiläufig erfahren wir viel über die kongolesische Geschichte und Kultur, was ich unglaublich spannend fand. Beide Figuren müssen eine Reihe von traumatischen Situationen überstehen, bis sich ihre Erlebnisse zu einem Gesamtbild zusammenfügen und schließlich Hoffnung und Erlösung möglich scheinen. Mein Fazit: Keine leichte Kost, aber wer nicht davor zurückschreckt, sich auch mit schweren und bis heute gesellschaftlich relevanten Themen zu beschäftigen, der wird mit einer dicht erzählten, tiefgründigen Geschichte belohnt, die zum Nachdenken anregt und gleichzeitig Raum für Liebe und Hoffnung schafft.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Eindrückliches Gedankenexperiment zu einem Frauenleben mit versus ohne Kind

Im Leben nebenan
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Dieser Roman hat mich sehr berührt und aufgewühlt. Er behandelt auf schonungslose und gleichzeitig einfühlsame Weise ein sensibles Thema. Bereits die Ausgangsidee fand ich genial. Wer von uns hat sich ...

Dieser Roman hat mich sehr berührt und aufgewühlt. Er behandelt auf schonungslose und gleichzeitig einfühlsame Weise ein sensibles Thema. Bereits die Ausgangsidee fand ich genial. Wer von uns hat sich nicht schon einmal gefragt, wie es wäre, wenn man im Leben an einer Stelle eine andere Abzweigung genommen hätte?! Anne Sauer kontrastiert auf diese Art für ihre Protagonistin Antonia zwei alternative Leben: eines mit und eines ohne Kind. Beide Versionen werden in ihren Herausforderungen, aber auch in ihrem Potenzial realistisch und berührend dargestellt. Ich habe eine ganze Reihe von verschiedenen Gefühlen durchlebt, darunter Beklemmung, Trauer, Zuversicht und Hoffnung. Es ist auch die ein oder andere Träne geflossen. Beide Antonias erleben schmerzhafte Verluste - von Menschen, Lebenskonzepten, Freiheiten, dem bisherigen Selbstbild. Sie müssen sich durch Leid und Schmerz kämpfen, bis endlich ein Hoffnungsstreifen am Horizont erscheint. Dabei ist der Schreibstil fesselnd, klug und modern. Fazit: Dieses Buch ist sicher keine leichte Kost, dennoch kann ich es wärmstens empfehlen. Ich möchte es vor allem denjenigen Leserinnen ans Herz legen, die ambivalent sind in ihrem Kinderwunsch oder mit ihrer Rolle als Mutter oder Nicht-Mutter teilweise hadern. Für männliche Leser dürfte ähnliches gelten. Dieser Roman begegnet allen freiwilligen und unfreiwilligen Varianten mit großem Verständnis und Mitgefühl. Man muss aber auch bereit sein, sich auf Gefühle der Trauer und Hilflosigkeit einzulassen.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Luxus und Menschlichkeit in Zeiten des Krieges

Grand Hotel Avalon
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Vorab: Dieses Buch ist nicht mit den bekannten Jugend-Fantasy-Romanen der Autorin (Nach dem Sommer, Raven Boys, Dreamer) zu vergleichen. Stattdessen handelt es sich hier um einen alleinstehenden literarischen ...

Vorab: Dieses Buch ist nicht mit den bekannten Jugend-Fantasy-Romanen der Autorin (Nach dem Sommer, Raven Boys, Dreamer) zu vergleichen. Stattdessen handelt es sich hier um einen alleinstehenden literarischen Roman für Erwachsene, in dem fantastische Elemente (die magischen Quellen) nicht so sehr im Vordergrund stehen und zudem, zumindest meiner Interpretation nach, starken Symbolcharakter haben. Die Geschichte ist insgesamt sehr viel ruhiger erzählt, auch wenn es um hoch brisante und explosive Ereignisse geht. Ich war sehr neugierig auf diesen Roman und wurde nicht enttäuscht. Meiner Meinung nach ist Maggie Stiefvater eine begnadete Geschichtenerzählerin und ihr Schreibstil ist auch hier lebendig, klug und charmant. Die Charaktere werden liebevoll und differenziert ausgearbeitet, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Besonders June, die charismatische, selbstbewusste und raffinierte Hoteldirektorin und der Dreh- und Angelpunkt des Avalon, habe ich direkt ins Herz geschlossen. Die fiktive Geschichte beruht auf sorgfältigen historischen Recherchen. Nach Pearl Harbor stellte sich in den USA die Frage, was mit den feindlichen Diplomaten geschehen sollte. Mir war neu, dass Diplomaten-Delegationen der Achsenmächte unter Betreuung durch das FBI schlussendlich vorübergehend in amerikanischen (Luxus-)Hotels interniert wurden, bis ihre Rückführung im Gegenzug für von den Feinden festgehaltene amerikanische Diplomaten verhandelt wurde. Maggie Stiefvater verarbeitet dieses heikle Kapitel der Weltgeschichte in einer spannenden, lehrreichen und berührenden Geschichte über die damit einhergehenden Herausforderungen für die Hotelangestellten, das FBI und die Gefangenen selbst. Wie bedient man als amerikanisches Luxushotel den deutschen, italienischen oder japanischen Feind? Wie geht man damit um, dass man nicht weiß, ob das Gegenüber möglicherweise ein Nazi ist? Die Stimmung im Hotel kippt immer mehr ("das Wasser schlägt um") und die zunächst sehr rigide und pragmatische June sieht sich gezwungen, ihre bislang erfolgreiche Haltung zum Führen eines Luxushotels und auch ihre eigene Identität neu zu überdenken. Die Liebe spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Generell wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei mir besonders gefallen hat, dass wir auch an den Beobachtungen eines deutschen autistischen Mädchens teilhaben dürfen, das im weiteren Verlauf noch eine größere Rolle spielt. Hier wird dann auch noch deutlicher, warum das Buch im Englischen "The Listeners" heißt. Fazit: Maggie Stiefvater ist es gelungen, ein historisch relevantes Ereignis nicht nur plausibel und spannend darzustellen, sondern dank der liebenswerten Charaktere und dem Charme des Luxushotels auch mit einer gewissen Leichtigkeit auszustatten, ohne die Schrecken des dritten Reichs und des Kriegs außen vor zu lassen. Ich hatte das Gefühl, durch die Geschichte von June und dem Avalon ganz sanft und charmant zum Nachdenken angeregt zu werden; über die tatsächlich stattgefundenen historischen Ereignisse, heikle politische Schachzüge, ethische Fragen und persönliche Dilemmata in Krisensituationen.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Provokant, poetisch, fesselnd

Hundesohn
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Vorneweg: Ich denke, dieses Buch wird die Gemüter spalten. Mich hat es komplett in seinen Bann gezogen und ich habe es an einem Tag durchgelesen. Es ist jedoch keine gefällige Geschichte, die chronologisch ...

Vorneweg: Ich denke, dieses Buch wird die Gemüter spalten. Mich hat es komplett in seinen Bann gezogen und ich habe es an einem Tag durchgelesen. Es ist jedoch keine gefällige Geschichte, die chronologisch und klar verständlich erzählt wird. Vielmehr entfaltet sie sich durch das durchaus sprunghafte und teilweise verstörende Innenleben dass Ich-Erzählers. Zudem muss man als Leser*in bereit sein, sich auf die hässlichen, abstoßenden und schmerzhaften Abgründe des Lebens einzulassen. Das erste Kapitel handelt von Filzläusen in Schamhaaren und wir landen direkt im sehr aktiven und getriebenen Sexualleben des queeren Protagonisten. Dabei ist die Sprache roh und explizit, gleichzeitig sarkastisch-humorvoll, modern und vor allem auch poetisch. Diese Kombination empfand ich als einzigartig und beeindruckend – ich habe manche Stellen gleich mehrmals gelesen, weil ich die Worte so machtvoll und treffend fand. Überhaupt spielt Sprache eine große Rolle in dem Buch; es gibt viel Metaphorik, bildhafte Vergleiche, Bezüge zu Kafka und auch viele kurze Passagen in anderen Sprachen. Es scheint, als ob der traumatisierte Protagonist in seinem alles dominierenden Liebeskummer und seiner Zerrissenheit zwischen der deutschen und der türkisch-arabischen Kultur in sprachlichen Details eine Art Halt findet, ebenso wie (zumindest kurzfristig) in seinem regen Sexualleben. Wenn ich ehrlich bin, so hat die Sprache auch mich als Leserin gerettet in diesem kraftvollen Buch, indem ich mich an besonderen Ausdrücken und Formulierungen festhalten konnte wie an einer Boje, bis ich mich wieder in den Strudel der Geschichte habe reißen lassen. Der Ich-Erzähler offenbart uns schonungslos teilweise abstoßende und verstörende Wahrheiten über sich selbst, belässt dagegen anderes, wie die Geschichte seiner großen Liebe zu Hassan, lange seltsam vage. Dennoch habe ich nie eine Distanz zu ihm gespürt, sondern war im Gegenteil von Beginn an berührt von seinem Leid und wollte unbedingt wissen, wie es mit ihm weitergeht. Dazu hat auch der ungewohnt sprunghafte Erzählstil geführt, der mittels unerwarteter Gedankensprünge, Fantasien und Erinnerungsfetzen eine starke Spannung erzeugt hat. Einen Stern Abzug gebe ich, weil ich mir zwischenzeitliche Auflockerungen der doch sehr schwermütigen Stimmung und ein aussagekräftigeres Ende gewünscht hätte. Fazit: Dieses Buch ist für mich ein beeindruckendes Debüt über die Suche nach der eigenen Identität, die zerstörerische Kraft von Liebe und Homophobie und die heilsame Wirkung von Freundschaft. Es ist keine leichte Kost und doch ganz leicht zu lesen. Ich kann es all jenen empfehlen, die die Macht der Sprache lieben, die gerne über poetische Formulierungen staunen und die bereit sind, sich provozieren zu lassen und bittersüßen Weltschmerz zu empfinden. Pari, die beste Freundin des Protagonisten, drückt es frei nach Kafka so aus: "Ich glaube, man sollte nur solche Bücher lesen, die einen stechen und beißen." (S. 206)

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Würdevoller Abschluss der Reihe

Dunbridge Academy - Anymore
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Ich habe mich sehr gefreut, dass Grace und Gideon eine eigene Geschichte bekommen haben. Besonders Grace war mir von Beginn der Reihe an sehr sympathisch und ihre Rolle als Verlassene tat mir leid. Das ...

Ich habe mich sehr gefreut, dass Grace und Gideon eine eigene Geschichte bekommen haben. Besonders Grace war mir von Beginn der Reihe an sehr sympathisch und ihre Rolle als Verlassene tat mir leid. Das Buch ist meiner Meinung nach ausnehmend gut geschrieben, sehr emotional und tiefgründig, aus wechselnden Perspektiven. Es hat mich sehr berührt und ich habe mit den beiden gefühlt und gelitten. Zwischendurch hat mir ein wenig Leichtigkeit zur Auflockerung gefehlt. Insgesamt war es für mich ein würdiger Abschluss der Reihe, die ich sehr geliebt habe

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