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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.03.2026

Leider enttäuschend

Villa Rivolta
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In „Villa Rivolta“ verknüpft Daniel Speck das Leben von Piero Rivolta, dem Sohn des bekannten Industriellen Renzo Rivolta, mit der Geschichte des Mädchens Valeria, deren Mutter als Hausangestellte bei ...

In „Villa Rivolta“ verknüpft Daniel Speck das Leben von Piero Rivolta, dem Sohn des bekannten Industriellen Renzo Rivolta, mit der Geschichte des Mädchens Valeria, deren Mutter als Hausangestellte bei den Rivoltas arbeitet. Valeria und ihre Mutter leben auf dem Anwesen der Rivoltas und Piero und Valeria freunden sich als Kinder an. Für Valeria steht fest, dass Piero ihr Seelenverwandter ist. Für sie gibt es nie wirklich einen anderen Mann als Piero, ihre spätere Beziehung zum Vater ihres Sohnes Tonino entsteht aus einer Laune heraus und ist nicht von Dauer. Piero hingegen fühlt sich als junger Mann zu Lele hingezogen, die aus denselben gesellschaftlichen Kreisen wie er stammt. Eines der Themen dieses Buchs ist daher die Klassenzugehörigkeit, die wohl im Italien der 1950er und 1960er Jahre noch eine große Rolle spielte. Wir erfahren einiges über das Leben der Schönen und Reichen, aber auch über die Arbeiterklasse sowie den beginnenden Klassenkampf, für den sich Toninos Vater Flavio einsetzt.
Das Buch beginnt spannend: der vierzehnjährige Tonino, der mit seiner alleinerziehenden Mutter Valeria in Mailand wohnt, findet in einer Baugrube vor dem Haus eine Pistole. Da er diese mit in die Schule nimmt, gerät er in Schwierigkeiten und hat mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen. Valeria reagiert panisch und flieht mit Tonino zu Piero, der inzwischen längst mit Lele verheiratet ist. Lange ist nicht klar, was es mit der Pistole auf sich hat. Sie dient zunächst lediglich als Aufhänger, denn auf der Fahrt zu Piero erzählt Valeria ihrem Sohn die Geschichte ihres Lebens.
Ich hatte mich sehr auf den neuen Roman von Daniel Speck gefreut, doch leider hat er meine Erwartungen nicht erfüllt. Vieles ist unendlich in die Länge gezogen, von den 600 Seiten hätte gut ein Drittel gekürzt werden können. Die Personen blieben für mich blass, ihre Beweggründe konnte ich größtenteils nicht nachvollziehen. Was mich außerdem zunehmend genervt hat, sind die ständigen italienischen Worte und Sätze im Text: er ist ein grande uomo, als ich noch ein ragazzo war, seine selbst gewählte sfortuna usw.
Von allen Büchern, die ich von Daniel Speck gelesen habe, ist dies für mich mit Abstand das schwächste, nicht zuletzt auch deshalb, weil am Ende viele Dinge offenbleiben, zum Beispiel die Frage, warum Valeria ihren Sohn unbedingt von seinem leiblichen Vater fernhalten will. Ich kann „Villa Rivolta“ leider nicht empfehlen.

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Entmündigt

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen
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Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch ...

Der 89jährige Bo lebt allein, seit seine Frau Fredrika vor drei Jahren in ein Heim für Demenzkranke umziehen musste. Ein Pflegedienst kümmert sich um ihn. Seine größte Freude ist sein Hund Sixten, doch sein Sohn Hans ist der Meinung, Bo könne sich nicht mehr angemessen um das Tier kümmern und drängt darauf, Sixten in eine Familie abzugeben. Bo ist verzweifelt, denn er hängt sehr an dem Tier, das nachts neben ihm schläft und ihm tagsüber treu Gesellschaft leistet. Unterstützung bekommt Bo von seiner Lieblingspflegekraft Ingrid, die es fast immer einrichten kann, mit Sixten Gassi zu gehen, obwohl dies natürlich nicht zum Pflegeumfang gehört. Doch letztendlich hat Hans das letzte Wort, und objektiv betrachtet hat er wohl recht, denn eines Tages stürzt Bo beim Spazierengehen mit Sixten, was böse hätte ausgehen können. Doch ob rationale Entscheidungen immer die besten sind, sei dahingestellt.
Den einzelnen Kapiteln des Buchs, das die Monate Mai bis Oktober umfasst, sind jeweils Einträge ins Bos Pflegetagebuch vorangestellt. „Bo schlummert in seinem Sessel, als ich komme. Ich mache ihm eine Dose Fischklößchen und erinnere ihn daran, dass Hans später vorbeikommt. Ingrid.“ Bo schläft viel und träumt von der Vergangenheit. Oft vermischen sich die Zeitebenen, eben war er noch ein junger Mann, der sich frisch in Fredrika verliebt hat, dann wacht er auf seiner Küchenbank auf und ihm wird bewusst, wie abhängig und entmündigt er in der Jetztzeit ist. In Gedanken spricht er mit Fredrika, deren Demenz so weit fortgeschritten ist, dass sie weder Bo noch den gemeinsamen Sohn Hans erkennt. Auf diese Weise erfahren wir viel über Bos Leben, seinen lieblosen Vater, für den Härte das einzig probate Erziehungsmittel war, die Mutter, die sich oft schützend vor Bo stellte, das harte Arbeitsleben in der Holzfabrik und die glücklichen Jahre mit Fredrika. Viele seiner Erinnerungen haben mich berührt, doch besonders zu Herzen geht die Jetztzeit, in der Bo nur noch sehr eingeschränkt über sein eigenes Leben bestimmen kann. Manche Passagen haben mich zu Tränen gerührt, wobei der Roman nie ins Kitschige abdriftet. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman über das Leben eines alten Manns so tief und nachhaltig berührt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 02.02.2026

Mit gestutzten Flügeln

Der letzte Sommer der Tauben
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Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der ...

Das Leben des vierzehnjährige Noah verändert sich von einem Tag auf den anderen, als in seinem Heimatland das Kalifat an die Macht kommt. Dinge, die vorher alltäglich waren, sind auf einmal verboten. Der Vater, der ein Bekleidungsgeschäft besitzt, darf keine westliche Kleidung mehr verkaufen, Abbildungen von Frauen sind streng verboten, lediglich die Augen dürfen sichtbar sein. Frauen dürfen nur verhüllt und in Begleitung das Haus verlassen, die Religionspolizei wacht streng über die Einhaltung dieser Regeln. Bei Nichtbeachtung drohen drakonische Strafen. Noahs Onkel muss sein Café schließen. Die Scharia ist allgegenwärtig, Angst beherrscht das tägliche Leben.
Noahs größte Freude sind seine Tauben. Er kennt ihre Namen, weiß um ihre Eigenheiten und kümmert sich hingebungsvoll um sie. Eines Tages beschließt das Kalifat, dass Taubenschläge nicht mehr ,wie bisher üblich, auf dem Dach der Häuser untergebracht sein dürfen, zu groß ist die Gefahr, dass Männer vom Dach aus einen Blick auf eine unverschleierte Nachbarin werfen könnte. Die Taubenschläge müssen in den Hof umziehen, die Flügel der Tauben gestutzt werden. Ein Sinnbild für das Leben während des Kalifats, in dem auch die Menschen jeglicher Freiheit beraubt werden.
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein höchst informatives, aber sehr bedrückendes Buch, das sicherlich autobiographische Züge des irakischen Autors Abbas Khider trägt. Ein Roman, der einem vor Augen führt, auf welch hohem Niveau wir hierzulande jammern und wie vieles für uns selbstverständlich ist.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich

Alle glücklich
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Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist ...

Für Außenstehende müssen die Holtsteins wie eine Bilderbuchfamilie wirken: der Vater Alexander, Oberarzt im Krankenhaus, Mutter Nina arbeitet halbtags als MTA, und die Kinder Emilia und Ben. Emilia ist mit ihren sechzehn Jahren frisch verliebt in einen etwas älteren Jungen, der ihr einiges an Erfahrung voraushat. Ben ist Student und ein Einzelgänger, der sich am liebsten in seinem Zimmer verkriecht und mit anderen Computernerds zockt. Nina bemüht sich nach Kräften, die Familie wenigstens zu einem gemeinsamen Abendessen zusammenzubringen, doch oft gelingt nicht einmal dieses Minimum an Gemeinsamkeit, nicht zuletzt, weil Alexander häufig erst spät von der Arbeit kommt. Wie es wirklich in ihren Kindern aussieht, davon haben Nina und Alexander keine Ahnung. Beispielsweise leidet Ben darunter, dass er noch nie eine Freundin hatte. Überhaupt gibt es viel Unausgesprochenes zwischen den Familienmitgliedern, auch zwischen den Eheleuten läuft es schon lange nicht mehr rund.
Die Kapitel werden aus Sicht der vier Familienmitglieder erzählt und geben Einblicke in deren Seelenleben. Jedem Kapitel ist ein eFrage vorausgestellt, die sich die jeweilige Person gerade stellt: Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt? (Nina), Irgendjemand, der mich sieht, irgendjemand? (Ben), Ich mache doch alles richtig, oder etwa nicht? (Alexander), Oder bin ich ihm doch zu jung? (Emilia). Jede der Personen steuert auf ein Ereignis zu, das ihr Leben und das Leben der anderen Familienmitglieder grundlegend verändern wird.
Trotz einiger Längen fand ich das Buch spannend und kurzweilig. Tolstois berühmter Eingangssatz aus Anna Karenina hat auch knapp 150 Jahre nach dessen Erscheinen noch Gültigkeit: Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.
Ein Roman, der nachdenklich macht.

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Veröffentlicht am 30.01.2026

Ein schwieriger Lebensabschnitt

Die Liebe, später
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Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist ...

Kora und Anselm führen seit Jahrzehnten eine Wochenendehe. Beide sind beruflich erfolgreich, er als Biologe in Berlin, sie als Radiojournalistin in Köln, wo sie ihr gemeinsames Zuhause haben. Jetzt ist Anselm pensioniert und der fast sechzigjährigen Kora, die gerade eine schwere Herz-OP hinter sich hat, wurde vom Sender ein Auflösungsvertrag angeboten, von dem sie sich nicht sicher ist, ob sie ihn annehmen soll. Während Anselm sich mit Begeisterung in ein neues Projekt, einen Libellenteich im Garten, stürzt, hinterfragt Kora ihr ganzes Leben. Ist sie überhaupt noch glücklich mit Anselm? Wie soll sie diese ständige Nähe aushalten? Und wo ist die selbstbewusste Kora von früher geblieben? Kora begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit, trifft alte Freunde und Weggefährten und macht sich Gedanken, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll.
Zunächst hatte ich Schwierigkeiten damit, wie die Autorin von einer Begebenheit in Koras Leben scheinbar willkürlich zur nächsten wechselt. Eben lag Kora noch von der OP geschwächt im Krankenhaus, dann ist sie ein kleines Mädchen, das seine Mutter verloren hat, nur um im nächsten Absatz Felix, einen Bekannten, dessen Frau spurlos verschwunden ist, zu besuchen. Dieses Hin- und Herspringen hat mich am Anfang ziemlich irritiert. Als ich mich dann auf den Schreibstil eingelassen habe, hat mich die Geschichte doch gefesselt und ich wollte herausfinden, wie sich Kora entscheidet. Ebenfalls interessant fand ich den Handlungsstrang um Felix‘ verschwundene Frau. Das Buch wirft Fragen auf, die sich wahrscheinlich viele Frauen, vor allem in Koras Alter, irgendwann stellen. Was mich etwas frustriert hat, ist die Tatsache, dass ein Handlungsstrang, der mich sehr interessiert hat, nicht aufgelöst wird, sondern einfach nach langen Spekulationen im Sand verläuft. Die Umschlagillustration ist im übrigen sehr irreführend, da sie suggeriert, dass der Roman von einer weitaus jüngeren Frau handelt.

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