Die Fehler der Vergangenheit und ihre Wiederholungsgefahr
Der FährmannEnde des 19. Jahrhunderts werden vier Kinder geboren, deren Leben in den nächsten Jahren untrennbar miteinander verknüpft werden sollten, auf gute und auch schlechte Weise.
Das Buch ist anders als erwartet, ...
Ende des 19. Jahrhunderts werden vier Kinder geboren, deren Leben in den nächsten Jahren untrennbar miteinander verknüpft werden sollten, auf gute und auch schlechte Weise.
Das Buch ist anders als erwartet, aber hat mich dadurch sehr positiv überrascht. Statt nur über den Fährmann zu berichten, wird die Geschichte aus allen vier Perspektiven erzählt, über die Jahre hinweg. Dies hat den großen Vorteil, dass die Charaktere mehr Tiefe bekommen, man verschiedene Blickwinkel erhält und sich die Handlung auf die wichtigsten Ereignisse fokussiert.
Während ich sonst bei diesem Stilelement immer eine favorisierte Perspektive habe, hatte ich dieses Gefühl hier gar nicht, jeder Charakter hatte seinen eigenen Reiz, auch die inhaltlich schweren Kapitel waren doch irgendwie auch wichtig.
Dies soll auch vorweg gesagt werden, das Buch ist keine leichte Kost, Themen wie häusliche Gewalt, Missbrauch und Krieg sind allgegenwärtig und werden auch nicht beschönigt.
Gerade deswegen rüttelt es den Leser aber umso mehr wach, man ist emotional voll dabei und zieht unweigerlich auch öfters Parallelen und Vergleiche zu unserer heutigen Zeit.
Durch die Geschichte zieht sich so auch der Fluss, der schön und einladend aussieht, aber unter seiner Oberfläche Gefahren und Tod verbirgt, ähnlich wie das Buch selbst und einige der Charaktere.
Wir bekommen einen authentischen Einblick in das Leben der damaligen Zeit, in die Bauernhöfe, das Wirtshaus und in das Fährgeschäft. Der Schreibstil passt dabei super zu der Zeit und auch dem Handlungsort, was sich auch im Dialekt der Dialoge widerspiegelt.
Die Charaktere sind nicht eindimensional, sondern wir erleben Stück für Stück mit, warum ihr Leben so verläuft, welche Erlebnisse dazu geführt und ihre Persönlichkeit geprägt haben.
Lediglich manchmal erschienen mir manche von ihnen jedoch ein wenig Schwarz-Weiß, Gut und Böse waren teils sehr deutlich dargestellt.
Sehr gut dargestellt ist jedoch die Rolle der Frau zu der damaligen Zeit: Die Beziehungen der Mütter zu ihren Kindern, die Erwartungen an eine Ehefrau, die ständigen Vorurteile und Diskriminierungen wenn man aus der Rolle fällt, die Machtlosigkeit, die Freundschaften und (fehlende) weibliche Solidarität... das alles war sehr emotional zu lesen und hat auch heute noch Relevanz, genau wie das Plädoyer gegen den Krieg.
Manche Kleinigkeiten waren vielleicht ein wenig unrealistisch, aber überwiegend war dies nicht der Fall, sodass mich diese Ausnahmen auch nicht gestört haben.
Das Buch nimmt einen gefangen wie der Fluss, man gerät in einen Lesesog und kommt am Ende lebend heraus, aber emotional aufgewühlt und mit vielen Gedanken im Kopf.