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Veröffentlicht am 29.03.2021

"Dolce far niente" und eine prickelnde Sehnsucht

Das Kind, das nicht fragte
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Inhalt:
Es ist heisses Sommerwetter in Sizilien, als der deutsche Ethnologe Benjamin Merz für ein Forschungsprojekt nach Mandlica reist und dort beginnt, die Menschen zu studieren. Mehr und mehr lernt ...

Inhalt:
Es ist heisses Sommerwetter in Sizilien, als der deutsche Ethnologe Benjamin Merz für ein Forschungsprojekt nach Mandlica reist und dort beginnt, die Menschen zu studieren. Mehr und mehr lernt er die Bewohnerinnen und Bewohner des kleinen Dörfchens, sowie die traumhaft schöne Landschaft und die verführerischen Dolci kennen und lieben. Er gliedert sich in die Dorfgemeinschaft ein und erobert mit seinen einfühlsamen Fragen die Herzen der Frauen im Sturm, beginnt dabei aber auch, sich Schritt für Schritt von seiner traumatischen Kindheit und der speziellen Beziehung zu seinen Brüdern zu emanzipieren.

Meine Meinung:
Das Cover hat mich dieses Buch vor einigen Monaten kaufen lassen und ich habe mich auf die Geschichte eingelassen, ohne zu wissen, was sie beinhalten würde. Das mache ich sehr oft so und wurde auch von "Das Kind, das nicht fragte", sehr positiv überrascht. Sofort kam bei mir ein sommerliches Gefühl auf. Ich habe mich in den Süden Italiens geträumt und gemeinsam mit Benjamin die Dolci und den Strand geniessen dürfen. Das fiktive Örtchen Mandlica gilt als Hochburg der süssen Kulinarik und so erstaunt es nicht, dass der Protagonist sich durch sämtliche Angebote testet. Nur schade, dass wir Leserinnen und Leser doch eher selten in den Genuss detaillierter Beschreibungen der Gerichte erhalten. Wenn dies aber einmal geschieht, dann um so schöner. So habe ich beispielsweise die Süsse und Säure des fruchtigen Zitronensirups, den Benjamin bei seiner Ankunft in seiner Unterkunft gereicht bekommt, auf der Zunge förmlich spüren und schmecken können.

Das Leben in Mandlica:
Was auffällt, ist die Trägheit und Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der sich die Figuren, Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes Mandlica, durch den Tag bewegen. Sie scheinen den ganzen Tag damit zu verbringen, sich von einem Restaurant zum nächsten, zur Buchhandlung, zur Kirche und dann wieder ins Restaurant zu bewegen. So, wie die Hitze über den Strassen zu stehen bleibt, bleibt auch da Leben im Dorf im positiven Sinne, in dem alle den Stillstand und die Ruhe geniessen, stehen und alle Figuren scheinen nicht nur genug Geld zu haben, damit sie nicht wirklich arbeiten müssen, sie haben auch noch genug Zeit, es in den Gasthäusern und Cafés der Stadt auszugeben. Sie bewegen sich wie Urlauber durch ihre Heimat und auch Benjamin, von dem zwar klar wird, dass er ein Meister seines Faches ist und auch schon diverse Bücher veröffentlicht und sicher auch ein wenig Geld damit verdient hat, schliesst sich diesem Lebenswandel an, ohne dass wir wissen, von welchen Einkünften er aktuell lebt.

Die traumatische Kindheit:
Diese traumähnliche Idylle tut der Kluft, die sich in Benjamins Leben auftut, aber keinen Abbruch. In seiner Kindheit ist der Protagonist von seinen vier älteren Brüdern oft gequält und mundtot gemacht worden, weshalb er erst im Erwachsenenalter zur Sprache und konkret zum Fragen gefunden hat und so Ethnologe geworden ist. Er trägt diese Verletzungen und Enttäuschungen immer noch mit sich herum und nimmt im Schutz der grossen räumlichen und sozialen Distanz, die ihn von seinen Brüdern trennt, immer wieder einzelne Versuche in Angriff, sich laut und klar zu positionieren und seinen Brüdern zumindest während einiger Telefonaten zu sagen, wie sehr sie ihn damals verletzt haben.

Die Beziehung zu Gott und den Frauen:
Immer mal wieder tritt der Protagonist mit Gott in Kontakt. Seien es durch Erinnerungen an die erste Beichte oder auch den Besuch einer Kirche, der ihn zur Zwiesprache mit Gott verleitet. Gott wird zur Figur, die - ähnlich einer inneren Stimme - mit gutem Rat zur Seite steht, Benjamins Überlegungen hinterfragt und ihm zu Entscheidungen verhilft. Dies geschieht eher nebensächlich und ohne Pathos. Dieser kommt nämlich erst auf, wenn sich Benjamin mit Frauen trifft. Frauen, deren Herz er innerhalb von kürzester Zeit erobert und was ihm früher schwer gefallen scheint - so erzählt er es zumindest - beherrscht er nun problemlos: den Aufenthalt in vollen Räumen, Gespräche in grossen Runden und die Kunst der Verführung.

Schreibstil:
Hanns-Josef Ortheil versteht es meisterhaft, seinen Protagonisten anfänglich wie einen skurrilen Einzelgänger und nach und nach wie einen Mann von Welt, der sich aber seine kindliche und zugleich präzise Art bewahrt hat, zu beschreiben. Zaghaft und fast ein wenig unsicher klammert sich Benjamin zu Beginn seiner Forschungsarbeiten nämlich an einen sehr pedantisch festgelegten Tages- und Arbeitsablauf. Die Stifte auf dem Schreibtisch sind geordnet, die Schrift in seinen Notizbüchern ist akkurat geschwungen. In seinen Erinnerungen und Monologen klingt Benjamin wie das verletzte Kind, das er einmal war, in seinen Gesprächen mit anderen Menschen wächst er aber über sich hinaus und wird wichtiger und einflussreicher, als er es sich je zu träumen gewagt hätte. Dies hat mich tief beeindruckt und spricht für die grosse Kunst des Autors. Ausserdem haben mich die Beschreibungen direkt in das sonnige Sizilien katapultiert und mir das träge Gefühl eines Sommerurlaubs voller "dolce far niente" vermittelt, das ich gerne noch ein wenig länger genossen hätte.

Meine Empfehlung:
Ich bin wirklich begeistert von diesem sommerlichen Roman und gerade weil einzelne Facetten der Handlung sehr surreal wirkten (alle sind reich, alle haben Zeit, Benjamin gelingt alles, was er anpackt, die Frauen schmeissen sich ihm sogar mehr und mehr von alleine an den Hals), hat dies genau in diese spezielle, traumähnliche Idylle gepasst und "Das Kind, das nicht fragte", zu einem ganz einzigartigen Lesevergnügen mit Suchtfaktor gemacht.

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Veröffentlicht am 28.03.2021

Nicht mehr ganz aktuell aber mit viel Potenzial

Alles auf dem Rasen
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Meine Meinung:
Endlich einmal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen und durch die vielen verschiedenen Essays zu diversen Themen, habe ich ganz unterschiedliche Seiten der Autorin, sowie ihre packende ...

Meine Meinung:
Endlich einmal habe ich ein Buch von Juli Zeh gelesen und durch die vielen verschiedenen Essays zu diversen Themen, habe ich ganz unterschiedliche Seiten der Autorin, sowie ihre packende Erzählsprache kennenlernen dürfen. Gar nicht gefallen haben mir ihre Abhandlungen über den Beruf der Juristin, die kamen nämlich trocken und besserwisserisch daher. Die einzige Ausnahme war ein grandioser Text über "Tabus" in unserer Gesellschaft. Auch sind einzelne feministische Themen ein wenig gar einseitig beleuchtet, aber die meisten Texte stammen aus den Jahren 2003-2005 und in der Zwischenzeit hat sich auch bei der Autorin viel getan. Ein Blick auf die im Buch besprochenen Themen aus der heutigen Zeit wäre also total spannend. Ich zumindest würde eine weitere Essaysammlung mit Texten von 2020- 2025, die dann im Jahr 2027 erscheint (zum Beispiel), total spannend finden.
Sehr berührt haben mich die Texte zum Thema "Reisen" und vor allem auch den liebevollen Blick, den die Autorin auf Bosnien wirft. Es scheint, als würden mir immer mehr Verbindungen zu Bosnien auffallen und das wundert auch nicht: Bosnien ist Dreh- und Angelpunkt so vieler Ereignisse in Europa und die Bedeutung dieses wunderschönen Landes ist lange unterschätzt worden. Dabei führen so viele Reisen politischer, historischer und gesellschaftlicher Art früher oder später durch dieses Land und es freut mich, dass zahlreiche Schriftsteller*innen dies erkennen.
Insgesamt hat mir "Alles auf dem Rasen" Lust darauf gemacht, mehr von Juli Zeh zu lesen. Ihre Art, zu schreiben hat mich überzeugt. Einige ihrer Texte und einzelne Gedankengänge darin haben mich zwar weder unterhalten, noch haben sie mir etwas vermittelt, aber ich habe beim Lesen stets gespürt, dass ich mir von dieser Autorin noch ganz viele Geschichten erzählen lassen möchte.

Fazit:
"Alles auf dem Rasen" hat Lust auf die Romane von Juli Zeh gemacht, ist aber nicht mehr wirklich aktuell, sondern zeigt einzelne doch sehr verstaubte und trockene Ansichten aus den vergangenen Jahrzehnten, in denen sich gesellschaftlich vieles getan hat. Dennoch sind das grossartige schriftstellerische Potenzial der Autorin, ihr feinsinniger Humor und ihre genaue und liebevolle Art, Menschen und deren Umgebung zu beobachten, klar erkennbar, was mich neugierig auf die Romane der Autorin gemacht hat.

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Veröffentlicht am 26.03.2021

Bewegend, grausam und sprachgewaltig

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
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Inhalt:
Eine schwarze Familie an der Golfküste von Mississippi, Jojo, der sich um seine noch sehr junge Schwester kümmert, und ihre Grosseltern Mam und Pop, bei denen die beiden leben. Mam ist schwer an ...

Inhalt:
Eine schwarze Familie an der Golfküste von Mississippi, Jojo, der sich um seine noch sehr junge Schwester kümmert, und ihre Grosseltern Mam und Pop, bei denen die beiden leben. Mam ist schwer an Krebs erkrankt und kann sich auch mit ihrem eigenen Wissen über die Welt der Pflanen und Geister nicht mehr heilen, Pop zieht sich immer mehr in sich selber zurück, weil er ein schreckliches Geheimnis mit sich herumträgt, das ihn bis in seine Träume verfolgt.
Leonie, die Mutter der Kinder, ist stets unterwegs und arbeitet in einer Bar, um sich ihre Drogeneskapaden zu finanzieren. Manchmal scheint es, als würde sie ihre Kinder ein wenig vergessen und manchmal sieht sie, wenn sie high ist, ihren verstorbenen Bruder, der mit Trost und Vorwürfen schnell zur Hand ist.
Als Leonie ihre beste Freundin Misty und ihre beiden Kinder ins Auto packt, um die weite Reise zur Parchman Farm, dem staatlichen Gefängnis, anzutreten und dort Michael, den weissen Vater ihrer Kinder abzuholen, zeigt sich, wie sehr Armut, Rassismus, Schuld, Liebe, Verlust, Verachtung, Würde und Hoffnung die Menschheit prägen und ihr Schicksal im Guten und vor allem auch im Schlechten mitbestimmen.

Meine Meinung:
Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, wie sehr mich dieses Buch berührt und mit seiner wuchtigen und zugleich sanften Sprache für sich eingenommen hat.
Sprachliche Bilder und formvollendet auf den wunden Punkt treffende Beschreibungen haben mich mitgerissen und begeistert. Besonders gut gefallen hat mir, wie das Wissen von Mam um die Pflanzenheilkunde und die Geistwelt integriert worden ist. Dieses selbstverständliche Einbinden der verschiedenen Wesen und Mächte, welche die Protagonisten umgeben, hat mich ein wenig an das Buch "Unter dem Frangipanibaum" erinnert, das ich euch ebenfalls sehr ans Herz lege.
Obwohl Mam diese spezielle Gabe aber eingesetzt und sich selber behandelt, hat sie irgendwann keine Kraft mehr, gegen den Krebs anzukämpfen. Sie hat alles versucht, um Leonie ihr Wissen weiterzugeben, aber diese hat nicht alles aufnehmen können und wollen. Dafür hat Jojo die Gabe. Er sieht und spürt, was um ihn herum vorgeht, versteht die Tiere und Pflanzen und sieht, aber auch Leonies verstorbenen Bruder Given und den zwölfjährigen Richie, der damals mit Pop gemeinsam auf der "Parchman Farm" gefangengehalten wurde.
Die Geschichte, die Pop mit Richie verbindet, ist so unvorstellbar grausam, dass Pop sie Jojo nur in ganz kleinen Happen erzählt und diese Geschichte, die zuerst wie ein parallel zur Handlung ablaufender Nebenstrang erscheint, entpuppt sich nach und nach als Rahmenhandlung, die alle anderen Figuren umgibt und sowohl miteinander verbindet, als auch voneinander trennt. Durch all diese Grausamkeiten hindurch, habe ich mich vom Buch an der Hand genommen gefühlt und wenn "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt", mir eines gezeigt hat, dann dass es am Ende immer Hoffnung und Licht geben kann, wenn man aufeinander aufpasst, seine Lieben ganz fest hält und auf seine eigenen Stärken vertraut.

Jojo:
Diese Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und dabei habe ich Jojo am meisten in mein Herz geschlossen. Er wird ein wenig zur Hauptfigur, weil er es ist, welcher die Fäden innerhalb der Familie zusammenhält, weil er seine kleine Schwester Kayla liebevoll und einfühlsam betreut und behütet und weil er als einziger Zugang zu Pop und dessen Gefühls- und Gedankenwelt hat. Weil er sich Zeit nimmt, seine Gabe nutzt und mit seiner jungen und reinen Seele und seinem grossen und liebevollen Herz versucht, stets das Richtige zu tun. Die Gespräche, die Jojo mit Pop führt und die grosse Achtung, die Jojo seinem Pop entgegenbringt, haben mich tief berührt und sind etwas vom Schönsten und Bewegendsten, das mir je in einem Buch begegnet ist.

Meine Empfehlung:
"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" erzählt die Geschichte einer Familie, die täglich mit Armut und Rassismus konfrontiert ist und dabei stets droht, zu zerbrechen, aber von Jojo und Pop mit aller Kraft zusammengehalten wird. Die Sprache ist roh, wuchtig und überwältigend, die Handlung brutal, grausam und manchmal kaum auszuhalten und trotzdem strahlt dieses Buch eine Zuversicht und Wärme aus, die Hoffnung macht. Ich bin immer noch ganz überwältigt und empfehle euch diesen Schatz von ganzem Herzen weiter.

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Grandios, packend und poetisch

Fang den Hasen
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Inhalt:
Sara spaziert gerade durch ihre neue Heimat Dublin, als ein Anruf von Lejla sie zwölf Jahre in die Vergangenheit katapultiert. "Armin ist in Wien", sagt Lejla und bitte Sara, nach Mostar zu reisen. ...

Inhalt:
Sara spaziert gerade durch ihre neue Heimat Dublin, als ein Anruf von Lejla sie zwölf Jahre in die Vergangenheit katapultiert. "Armin ist in Wien", sagt Lejla und bitte Sara, nach Mostar zu reisen. Von dort aus soll sie Lejla nach Wien fahren. Zu Armin, Lejlas Bruder, der in den Neunzigerjahren aus Jugoslawien verschwunden und seither nicht mehr gesehen worden ist. Sara weiss nicht, wie ihr geschieht, aber sie stimmt zu und durchlebt die Geschichte ihrer ehemaligen Heimat, die mittlerweile genau so zerfallen ist wie ihre Familie, noch einmal schmerzlich. An ihrer Seite Lejla, die wilde junge Frau und die toxische Freundschaft, die auch immer irgendwie mitfährt durch das dunkle Bosnien, in dem es auch am Tag nicht richtig hell wird.

So bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden:
Ich bin so froh, dass Saša Stanišić - der Autor von HERKUNFT (wer dieses Buch noch nicht gelesen hat, soll das unbedingt nachholen) - auf "Fang den Hasen" aufmerksam gemacht hat. Und ich bin so froh, dass ich bei der Lektüre von "Fang den Hasen" einige mir bekannte Orte in Bosnien besuchen durfte, die ich nun schon seit mehr als ein Jahr nicht besuchen konnte (HIER seht ihr die Wasserfälle von Jajce, Bilder von Mostar habe ich leider keine für euch).

Meine Meinung:
Aber es geht nicht um die Orte, es geht um die Stimmung, die Versprechungen, Verletzungen, Vorwürfe und die Bilder, die auftauchen um aus einer Zeit zu berichten, in denen Menschen ihren Namen ändern mussten, um ihr Leben zu retten. Wie die Bosniakin Lejla, die somit nur noch für Sara "Lejla" ist, aber für niemanden sonst. Genau so wie der Name, ist auch ihre Geschichte, die Geschichte ihrer Freundschaft, vor zwölf Jahren konserviert worden, aber ihre Erinnerungen sind es nicht. Sie haben sich angepasst an die Begebenheiten und das neue Leben, stimmen nicht mehr überein und sorgen für Vorwürfe und Unverständnis. Was ist es denn, das bleibt, wenn alles auseinanderfällt, wenn Personen verschwinden? Ein Bruder, ein Sohn, eine Familie, eine Heimat, ein Land, ein Gefühl, ein Hase? Was bleibt, wenn das Vergangene sich nicht in Worte fassen lässt, weil es keine Worte gibt, um das Unaussprechliche zu beschreiben? Lana Bastašić löst das, in dem sie nicht "be-", sondern "um-"schreibt. Poetisch und packend, humorvoll und hektisch und träge zugleich webt sie eine Geschichte, die dichter und dichter wird, die ein Roadtrip durch Bosnien und die Geschichte der Protagonistinnen und ein Coming-of-Age-Roman, eine Liebesgeschichte und eine Chronik ist, in der das Licht die Zukunft ist und die Dunkelheit die Gegenwart. Während Sara von Anfang an besonnen scheint, vernünftig, aufopfernd, beschönigend, ist Lejla die Rebellin, welche aufbegehrt und provoziert, welche Gefühle wie Schmerz und Leid auch einfach einmal zulassen will. Aber je länger die Geschichte dauert, desto mehr verschwimmen die Grenzen von Schuld und Verantwortung. Desto undurchdringbarer webt Lana Bastašić die unsichtbaren Fäden dieses Netzes, das Lejla und Sara zugleich aneinanderfesselt und voneinander trennt. Sie tut dies mit treffenden, zarten, heftigen und starken Worten und hat mit "Fang den Hasen" ein grossartiges Stück Literatur geschaffen, das Lust auf mehr macht.

Meine Empfehlung:
Lest dieses Buch, taucht ein in diese düstere Stimmung, gönnt euch die Melancholie, die poetischen, fesselnden Bilder, die kraftvollen Worte, die mir den Boden unter den Füssen genommen, mich wie ein Schnellzug überfahren und gleichzeitig auf einer Welle der schönen Formulierungen haben reiten lassen. Ich bin mir sicher, dass wir noch viel von Lana Bastašić hören (lesen) werden.

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Veröffentlicht am 21.03.2021

Ein antifeministisches Buch, das sich unter dem Deckmantel des Feminismu verbirgt

Sie hat Bock
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Inhalt:
Katja Lewina schreibt in erster Linie über sich und ihre Erfahrungen und bettet immer wieder sehr informative Kapitel ein. So zum Beispiel zu gleichberechtigten Beziehungen, zur Menstruation, der ...

Inhalt:
Katja Lewina schreibt in erster Linie über sich und ihre Erfahrungen und bettet immer wieder sehr informative Kapitel ein. So zum Beispiel zu gleichberechtigten Beziehungen, zur Menstruation, der richtigen Intimhygiene, der Pornoindustrie und dem Aufbau der Klitoris. Eine Triggewarnung vorweg (die fehlt nämlich im Buch): sexueller Missbrauch und die zum Glück kurz gefasste Schilderung einer Vergewaltigung sind ebenfalls Teil dieses Buches.

Meine Meinung:
Ich bin froh, bereits einige feministische Bücher gelesen zu haben und somit kann ich von mir behaupten, in diesem Buch nicht wirklich etwas Neues gelernt, aber dennoch ein paar andere Meinungen zu gewissen Themen erfahren zu haben. Und genau da liegt der Hund auch schon begraben. Katja Lewina schreibt ausschliesslich aus ihrer persönlichen Erfahrung und obwohl sie wissenschaftliche Informationen einbaut, bleibt sie in der Art, wie sie über Menschen schreibt, sehr stereotyp und oberflächlich. Sie teilt aus. Gegen Männer vor allem und dies in der Regel sehr schubladisierend und teilweise abwertend. Aber auch gegen Frauen. Ja, dieses Buch ist kein feministisches Buch, sondern ein antifeministisches Buch. Es spielt unterschiedliche Lebensformen und Frauen gegeneinander aus. Beispiele gefällig?

1. Katja Lewina lebt mit ihrem Mann in einer offenen Beziehung (die auch nur entstanden ist, weil ihr Mann sie damals betrogen hatte und sie beide dann erfahren haben, dass sie doch gerne noch weitere Menschen in ihre Betten lassen wollen, der Schmerz und die Enttäuschung über den Betrug und die Hörigkeit gegenüber ihres Mannes sind aber immer noch sehr spürbar. Ehrlich und mutig, wie ich finde, aber auch nicht unbedingt selbstbestimmt). So weit aber eigentlich nichts Neues, alle, wie sie wollen. Dass Lewina es nötig hat, monogam lebende Menschen als langweilige, prüde Menschen, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen und ihre wahre Natur nicht ausleben, darzustellen, finde ich ein wenig unpassend.

2. Als sehr freiheitsliebende und offene Person, akzeptiert die Autorin selbstverständlich alle Lebensformen (Achtung: Ironie), aber: es gibt doch noch Ausnahmen, wer andere Präferenzen hat - auch hier wieder - wird als "merkwürdig" bezeichnet (man beachte, geschrieben wird in dieser Szene über eine - hypothetische - Frau).
"Oder weil sie das "merkwürdige" Bedürfnis danach, gefesselt und geknebelt von drei Unbekannten gleichzeitig gevögelt zu werden (...).
(Seite 59/60)

3. Obwohl sie sonst sehr schnell mit Stereotypen bei der Hand ist, hat Katja Lewina Mühe, ihre eigene Sexualität in eine Schublade zu packen. Muss sie ja auch gar nicht. Pansexuelle aber als "selbstgerecht" zu betiteln, geht dennoch nicht.
"Darum werde ich mir zwar noch lange nicht in selbstgerechter Manier ein "pansexuell"-Krönchen aufsetzen."
(Seite 69)

4. Wunschkaiserschnitte übrigens, werden auf Seite 201 im Buch als "hirnverballert" bezeichnet. So weit also zur Selbstbestimmung von Gebärenden...

5. Nach Lewinas "erstem Mal", einer Vergewaltigung, hat sie sehr schnell ihre Freude an der Sexualität gefunden. Sie tut diese Gewalttat und den Übergang zum alltäglichen Vögeln salopp ab. Ich kann das verstehen, schliesslich möchte man ein Trauma nicht mehrmals durchleben oder detailliert schildern. In einem solchen Buch aber könnte man die Plattform nutzen und wenigstens zwei bis drei Sätze dazu verlieren, wie man mit seinem Trauma umgeht, wie man sich selber hilft und wie man rechtlich gegen einen Täter vorgeht. Schliesslich muss man davon ausgehen, dass betroffene Personen dieses Buch lesen und erstens durch die fehlende Triggerwarnung und zweitens durch den unsensiblen Umgang mit dem Thema getriggert werden können.

Ach, dieses Buch... Es hat es mir so schwer gemacht. Und es hat mich sehr stark mit meinem eigenen Feminismus konfrontiert, was super ist und wichtig. Denn eigentlich mag ich Frauen, die Dinge beim Namen nennen, die derb und offen sind, die Raum einnehmen und diesen selbstverständlich einfordern. Aber ich mag es nicht, wenn diese Frauen ihre durch diesen Raum entstehende Macht nutzen, um andere klein zu machen. Frauen oder Männer. Missstände aufzuzeigen muss sein, Dinge beim Namen nennen auch, abwerten und in Schubladen denken geht aber nicht. Kein einziges Wort dazu, dass Lewina als weisse cis Frau in Deutschland gegenüber Frauen in anderen Kulturen privilegiert ist. Keine Sensibilität für die Befindlichkeiten anderer Personen.... Feminismus geht anders.

Mein Fazit:
Feministische Bücher lesen: ja, sehr, sehr gerne. Aber wenn ihr nicht bloss oberflächliche und provokative Parolen, sondern ein richtig gutes, wissenschaftlich fundiertes, bewegendes und tiefgründiges feministisches Buch lesen wollt, dann greift doch zu "Untenrum frei" von Margarete Stokowski oder zu "Periode ist politisch" von Franka Frei.

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