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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.06.2025

Erschütternder Fall, langsam erzählt, traumhafte Szenerie

Blutige Steine
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Inhalt:
Nachdem ein afrikanischer Strassenhändler mitten im vorweihnachtlichen Trubel aus nächster Nähe erschossen wird, deutet alles auf eine rassistisch motivierte Tat hin. Bald aber zeigt sich, dass ...

Inhalt:
Nachdem ein afrikanischer Strassenhändler mitten im vorweihnachtlichen Trubel aus nächster Nähe erschossen wird, deutet alles auf eine rassistisch motivierte Tat hin. Bald aber zeigt sich, dass Brunetti bei den Ermittlungen Steine in den Weg gelegt werden. Akten verschwinden und Computer werden gehackt und als Brunetti den Verantwortlichen nachgeht, führen ihre Spuren ins Innen- und Aussenministerium. Es wird brandgefährlich in der winterlichen Serenissima.

Meine Meinung:
Im Januar noch bin ich durch die gleichen Strassen geschlendert, wie Commissario Brunetti und weil "Blutige Steine" zufällig im Winter spielt - allerdings kurz vor Weihnachten - habe ich mich beim Lesen um so mehr an die schöne Zeit in Venedig erinnert.
Dieser vierzehnte Band der Reihe ist vor 20 Jahren in englischer Sprache erschienen und auch wenn ich einigen Rollenbildern und technischen Möglichkeiten im Buch das Alter wirklich angemerkt habe, wirken die Themen der Ermittlungen leider aktueller denn je. Ein Mensch, der sich illegal in Italien aufhält, wird ermordet und Brunetti kämpft zwar gegen ganz hohe Mächte, aber auch gegen den alltäglichen Rassismus der Bevölkerung und der Polizei. Er geht kritisch mit sich und seinem Umfeld ins Gericht und es zeigt sich dabei immer wieder, dass er seiner Zeit voraus ist. Das sinnlose Töten und die ausgebeuteten Opfer erschüttern nicht nur Brunetti, auch mir ging der Fall sehr nahe.
Brunettis Ermittlungsmethoden in diesem Fall umgehen den Dienstweg fast immer und zeigen Korruption und Vetternwirtschaft in der Polizei und Politik auf. Dies geschieht zwar in meinen Augen ein wenig plakativ, ist aber leider wohl nicht so weit hergeholt.
Besonders gut haben mir dafür einmal mehr die kulinarischen Exkurse und die in diesem Band besonders liebevoll dargestellte winterliche, kalte, regnerische und trotzdem unglaublich elegante Stadt Venedig gefallen. Die Beschreibungen haben Fernweh geweckt und ich würde am liebsten einmal in der Adventszeit nach Venedig reisen.

Meine Empfehlung:
Ein Muss für alle Fans der Reihe, wenn auch die Handlung ein wenig vor sich hin plätschert. Dafür kann man um so besser in die wunderschönen Beschreibungen eintauchen und der Fall hat es definitiv in sich. Ich freue mich schon auf die weiteren Bände.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Leise erzählt, hallt aber lange nach

Seebeben
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Inhalt:
Boa Morte lebt auf den Strassen Lissabons und notiert dabei seine Lebensgeschichte, um diese seiner Tochter Aurora zu vermachen. Er weiss nämlich, dass er nicht mehr lange zu leben hat, ein Nabelbruch, ...

Inhalt:
Boa Morte lebt auf den Strassen Lissabons und notiert dabei seine Lebensgeschichte, um diese seiner Tochter Aurora zu vermachen. Er weiss nämlich, dass er nicht mehr lange zu leben hat, ein Nabelbruch, den er nicht behandeln lassen kann, wird ihn bald sterben lassen.
Erinnerungsfetzen aus seiner Zeit in der Armee, das Ausharren in der prallen Sonne, während er die Autos fremder Menschen auf Parkplätzen bewacht und die glücklichen Stunden in einem gemeinschaftlich genutzten Garten vermengen sich in seinen Erzählungen zu poetischen Betrachtungen seines Alltags.

Meine Meinung:
Dieses Buch musste ich mir erarbeiten. Die poetische Sprache zwingt zur Langsamkeit und lässt dafür um so tiefer eintauchen in ein Leben, das von Armut, Schmerzen und Ungewissheit geprägt ist. Boa Morte hat im Laufe der Jahre aber begonnen, seine Umgebung und seine Mitmenschen um so gründlicher zu beobachten, dankbar zu sein für alle Gesten der Nähe und Freundschaft und für alle positiven Überraschungen und Begegnungen, die von der Gleichgültigkeit abweichen, die ihm sonst oft entgegenschlägt. Er nimmt jeden Tag, wie er kommt, versucht, stets optimistisch zu bleiben und lässt sich immer wieder neu auf seine Mitmenschen ein. Er ist ihnen Vaterfigur und Freund zugleich. Da sind Fatinha, die in einer Strassenbahnhaltestelle lebt, der junge Drogensüchtige Vando oder Dona Idalina, die ihnen das Gartengrundstück besorgt hat. Und da ist noch sein vierbeiniger Freund Jardel, ein zugelaufener Hund, der ihm nicht mehr von der Seite weicht, im Nähe und Trost und Lebensfreude schenkt.
Boa Mortes Gedankengänge und Briefe an seine Tochter haben mich tief berührt und mich selber immer wieder innehalten lassen. Sein reflektierter Blick auf das Leben und Sterben, seine eigene Vergangenheit und Familie ist sprachlich einzigartig ausgearbeitet und mit viel Geschick erzählt. Ich bin schon ganz gespannt auf weitere Bücher von Djaimilia Pereira de Almeida.

Meine Empfehlung:
Mit diesem zugleich kraftvoll und behutsam erzählten Roman holt Djaimilia Pereira de Almeida einige Menschen, die sich sonst am Rande der Gesellschaft befinden, in die Mitte ihrer Geschichte. Wer sich darauf einlassen kann, wird mit berührenden Überlegungen und Gedanken belohnt. Ein stiller Roman, der um so länger nachhallt.

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Veröffentlicht am 15.06.2025

Gemütlich und unterhaltsam

Himmelsee – Über den Wellen leuchtet das Glück (Himmelsee 1)
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Inhalt:
Linna Franke lebt mit ihrem Partner Ilja und dem gemeinsamen Sohn Miko in Düsseldorf, beginnt aber mehr und mehr an ihrer Beziehung zu Ilja zu zweifeln. Als ein Notfall sie dann auch noch in ihre ...

Inhalt:
Linna Franke lebt mit ihrem Partner Ilja und dem gemeinsamen Sohn Miko in Düsseldorf, beginnt aber mehr und mehr an ihrer Beziehung zu Ilja zu zweifeln. Als ein Notfall sie dann auch noch in ihre alte Heimat Himmelsee zwingt, wo im Hotel ihrer Eltern jede helfende Hand gebraucht wird, muss sie sich längst verdrängten Gefühlen stellen. Nach einem verheerenden Unfall hat sie Himmelsee nämlich vor Jahren überstürzt verlassen und dabei gleich zwei Herzen gebrochen...

Meine Meinung:
Ich habe schon einige Nordseebücher von Tanja Janz gelesen und bin immer gerne in ihre gemütlichen Geschichten mit den schönen Beschreibungen eingetaucht. Mit "Über den Wellen leuchtet das Glück" beginnt eine neue Reihe, die diesmal an der Ostsee spielt. Linna hat mir als Protagonistin sehr gut gefallen und ich habe gerne von ihrem Arbeitsalltag im Hotel ihrer Eltern gelesen. Die kleinen und grösseren Herausforderungen für die Hoteliersfamilie Franke waren mitten aus dem Leben gegriffen und auch wenn sich natürlich in diesen Romanen oft alles ein wenig gar einfach fügt, hat diese Geschichte mich sehr gut unterhalten.

Schreibstil und Aufbau:
Tanja Janz schafft es stets, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen und ihre Figuren und Szenerien mit wunderschönen Beschreibungen zum Leben zu erwecken. Sofort war ich eingehüllt von der Sprache, habe die salzige Luft gerochen, die verschiedenen Köstlichkeiten auf meiner Zunge zergehen lassen und den kühlen Wind auf meiner Haut gespürt.
Einzig die anfängliche Beziehungskrise zwischen Linna und Ilja hat mich stark gestört. Ilja ist nämlich Pilot und sehr viel unterwegs. Als er - einmal mehr - wegen einer Flugverspätung ein Versprechen brechen muss und Miko nicht vom Kindergarten abholen kann, beginnt Linna, an der Beziehung und Iljas Bereitschaft, für sie und Miko dazusein, zu zweifeln. Ich kann allerdings nur sehr bedingt nachvollziehen, dass man mit einem Piloten zusammen ist und ihm dann vorwirft, stets unterwegs zu sein...
Diese Rahmenhandlung hätte es für die ganze Geschichte auch gar nicht gebraucht, schliesslich hätte Linna auch einfach so notfallmässig nach Himmelsee reisen und dort auf ihre Vergangenheit und alte Liebschaften treffen können.
Ansonsten hat mir die Geschichte aber sehr gut gefallen und mir schöne Lesestunden beschert.

Meine Empfehlung:
Ich bin schon sehr gespannt auf die weiteren Bände aus Himmelsee und kann euch diesen Reihenauftakt nur herzlich empfehlen.

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Veröffentlicht am 11.06.2025

Atmosphärisch mit Luft nach oben

Die Schwestern
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Inhalt:
Juli und September, September und Juli. September ist die ältere, dominantere Schwester. Die, vor der man sich manchmal fürchten muss. Und Juli ist sanfter, fügsamer, heftet sich wie ein Schatten ...

Inhalt:
Juli und September, September und Juli. September ist die ältere, dominantere Schwester. Die, vor der man sich manchmal fürchten muss. Und Juli ist sanfter, fügsamer, heftet sich wie ein Schatten an Septembers Fersen und vergisst dabei manchmal, sich selbst zu sein. Doch nach einem Ereignis, das Juli in der Zwischenzeit komplett verdrängt hat, wird die Familie aus ihrem Umfeld gerissen, die Mutter spricht nicht mehr mit den Töchtern und Juli beginnt, seltsame Dinge wahrzunehmen. Wird sie sich erinnern können, was damals in der Schule geschah?

Meine Meinung:
Das Buch ist mir schon einige Male begegnet und empfohlen worden und dann habe ich es mir ausgerechnet von meiner Schwester leihen dürfen. Von Anfang an herrscht eine bedrohliche Stimmung und bedrohlich ist auch September, die immer wieder zu weit geht, Grenzen überschreitet, Juli und sich selber in Gefahr bringt und ihre Mitmenschen ihre Kraft und ihre Wut spüren lässt. Doch warum ist sie so wütend? Und was verbirgt sich in den Schatten des einsamen Hauses, in dem die Familie Zuflucht findet?
Obwohl ich von Anfang an ahnte, wie alles zusammenhängen würde, hat mich die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt ist, überzeugt. Allerdings muss ich ehrlich sagen, dass ich aufgrund der Beschreibungen einen blutrünstigen Thriller oder zumindest Hochspannung erwartet habe. Spannung kam aber nicht wirklich auf und gegruselt habe ich mich auch überhaupt nicht, vielmehr ist Johnson eine Meisterin der leisen Töne. Sie schafft es, eine geheimnisvolle Atmosphäre zu schaffen, die stets ins Übernatürliche zu kippen droht. Trotzdem war mir die Geschichte insgesamt zu wenig intensiv und ich denke, dass eine andere Beschreibung besser zum Buch gepasst und auch andere Erwartungen geweckt hätte.

Meine Empfehlung:
"Die Schwestern" ist eine atmosphärische Erzählung, die mich gut unterhalten hat und die auch in jedem der drei Teile neue Überraschungen bereithält. Durch viele Leerstellen wird eine klug aufgebaute Geschichte erzählt, die es in sich hat. Mir persönlich hat Spannung gefehlt und für mich waren viele Ereignisse zu vorhersehbar, aber ich werde mir auf jeden Fall weitere Bücher der Autorin ansehen.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Benötigt Sitzfleisch, ist aber grandios recherchiert

Das letzte Viertel des Mondes
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Inhalt:
Innerhalb eines einzigen Tages erzählt die über neunzigjährige namenlose Erzählerin, die Witwe des letzten Häuptling der Ewenken - ihre Lebensgeschichte und die Geschichte ihres Volkes. Detailliert ...

Inhalt:
Innerhalb eines einzigen Tages erzählt die über neunzigjährige namenlose Erzählerin, die Witwe des letzten Häuptling der Ewenken - ihre Lebensgeschichte und die Geschichte ihres Volkes. Detailliert wird das Leben im Einklang mit der Natur, den Rentieren und den verschiedenen Geistwesen beschrieben. Mehr und mehr wird das Fortbestehen des Nomadenvolkes allerdings bedroht, Japanische Besatzer, die Sowjetunion sowie die Umbrüche der Moderne gefährden ihre Wälder, ihre Nahrung und ihren Frieden.

Meine Meinung:
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich vor dem Lesen dieses Buches noch nie vom Volk der Ewenken gehört hatte und dies, obwohl dieses aus zahlreichen regionalen Clans bestehende Volk Nordasiens über ein Gebiet verstreut lebt, das grösser ist, als Europa. Chi Zijian hat es aber geschafft, dass ich mich mit der Geschichte der Ewenken auseinandergesetzt habe. Die chinesische Autorin liess sich vom Schicksal der ewenkischen Malerin Liu Ba zu diesem Roman inspirieren. Sie hat einige Monate bei einer Gruppe Ewenken gelebt, jahrelang recherchiert sowie sich mit dem ewenkischen Schriftsteller Ureltu ausgetauscht. Diese grandiosen Recherchen geben dem Roman eine besondere Tiefe und aus jedem Satz ist spürbar, mit welch grossem Respekt und Feingefühl sich Zijian der ewenkischen Kultur und Lebensweise angenähert hat. Dies hat mich tief beeindruckt.

Schreibstil und Aufbau:
Durch die sehr detaillierten, manchmal verzettelt wirkenden Beschreibungen und die vielen Namen ist mir der Einstieg ins Buch - trotz Personenverzeichnis im Anhang - nicht so gut gelungen. Auch hat mir zwar gefallen, dass die Erzählerin ihre ganze Familiengeschichte erzählt, diese wirkte allerdings teilweise wie eine Aufzählung. Die vielen Geschichten, Anekdoten und Märchen der Ewenken haben ein stimmiges Bild ihrer Kultur und ihres Glaubens vermittelt, der Roman plätscherte dadurch aber auch ein wenig vor sich hin.
In vier sehr ungleich langen Teilen wird ein Bogen von der Kindheit der Erzählerin bis in ihr hohes Alter geschlagen und die Bedrohung des Volkes wird dabei immer deutlicher, die Geschichte dadurch gegen Ende immer intensiver, was das ganze Können der Autorin zeigt.

Meine Empfehlung:
Dieses Buch benötigt ein wenig Zeit und Sitzfleisch. Es hat mich nicht ganz einfach in den Lesemonat Juni starten lassen, mir aber tiefe und sehr berührende Einblicke in das Leben und Schicksal eines bedrohten Volkes gewährt. Wer gerne etwas lernen und sich auf eine sehr ausufernde Geschichte einlassen will, ist mit dem Roman bestens beraten.

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