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Veröffentlicht am 26.09.2024

Berührendes Buch über die geretteten jüdischen Wiener Kinder

Suche liebevollen Menschen
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1938 war in der englischen Zeitung “The Manchester Guardian” eine schmale Anzeige zu lesen: “I seek a kind person who will educate my intelligent Boy, aged 11”. Ähnlich lautende Anzeigen standen daneben. ...

1938 war in der englischen Zeitung “The Manchester Guardian” eine schmale Anzeige zu lesen: “I seek a kind person who will educate my intelligent Boy, aged 11”. Ähnlich lautende Anzeigen standen daneben. Wer steckte hinter diesem Gesuch? Es war die Wiener Familie Borger, die auf dem Wege ihren Sohn Robert (gerufen Bobby) vor dem Zugriff der Nazis retten wollte.

Und tatsächlich, es hat gottseidank funktioniert. Mit Vermittlung des Jüdischen Netzwerkes gelangte Robert in die liebevolle Obhut von Mr and Mrs Bingley, einem Lehrerehepaar aus Nord Wales.
Es war ein längerer Weg, bis der spätere Sohn dieses elfjährigen „Bobby“, der Autor des vorgestellten Buches Julian Borger, diese und weitere Anzeigen fand. Julian Borger war früher Auslandskorrespondent, Kriegsberichterstatter und ist heute Leiter des Außenpolitik-Ressorts des »The Guardian«. 2014 wurden er und sein Team mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Er bringt also genug Erfahrungen mit, sich auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben.

Als er 2021 diese Anzeige fand, war sein Vater längst verstorben, ohne viel über seine Kindheit gesprochen zu haben. Julian Borger begann das Leben seines Vaters zu recherchieren und stieß dabei auf viele Unterlagen und Informationen, über die er und seine Familie vorher nichts wussten. Auch das Schicksal der Kinder aus den anderen Anzeigen begann er in Zuge der Recherche zu erkunden. Gemeinsam war ihre Herkunft: Wien. Der Blick in das Wien des Jahres 1938 lässt uns erschüttern.

Es gab zwei kritische Daten, die als Warnung dienten, zum einen der „Anschluss“ am 13. März 1938: Hitlers Annexion Österreichs, und zum anderen die sogenannte „Kristallnacht“, das Pogrom am 9. und 10. November 1938, als die Nazi-Horden die Fenster jüdischer Häuser in Deutschland und Österreich einwarfen, jüdische Geschäfte, Synagogen, Privathäuser plünderten und brandschanzten, Menschen verprügelten, verhafteten, verschleppten und ermordeten. Fast alle von Wiens 22 Synagogen wurden dabei niedergebrannt. Als Mensch jüdischen Glaubens auf die Straße zu gehen, war ein Spießrutenlauf und lebensgefährlich.
Bobbys Vater Leo Borger versäumte keine Zeit und gab die Anzeige für seinen Sohn am 3. August 1938 auf. Daneben stand jene von Gertrude Langer, 14 Jahre alt. Ein anderer Junge, der 16jährige Siegfried Neumann musste dies selber tun, sein Vater wurde in Dachau ermordet.

Viele verzweifelte, vorausschauende jüdische Eltern versuchten, ihre Kinder vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Diese Anzeigen waren eine Möglichkeit, um den Kindern ein Überleben in der Fremde zu sichern. Ob man sich je wiedersehen würde, war ungewiss und unwahrscheinlich. Die letzte Hoffnung waren die bekannten Kindertransporte, die 1938 bis zum Kriegsausbruch 1939 Kinder in rettende Ausland bringen konnten.
Im Laufe des Buches stehen wir mit dem Autor in der Haupthalle des Wiener Westbahnhofs, von wo die Kindertransporte 1938/39 und auch die Reise von Bobby Borger begannen. Heute erinnert hier die Bronzestatue eines kleinen, ängstlichen jüdischen Jungen daran, der auf einem Koffer sitzt. Genau denselben schleppte auch der Vater des Autors durch den Bahnhof und sein späteres Leben.

Julian Borger brauchte noch den Trigger eines beruflichen Zusammentreffens mit einer Frau, die wie er Nachkomme eines dieser geflüchteten Kinder ist, um endlich die Suche aufzunehmen. Er kann neben der Geschichte seines Vaters auch die Spuren von sieben weiteren Kindern aufgreifen. Deren schicksalhaften Reisen von Wien aus führten nicht nur ins Vereinigte Königreich, sondern auch in die USA, nach Schanghai, auf dem Umweg über die Niederlande ins KZ.

Der Autor lässt uns erahnen, was es für die Eltern in jener Zeit bedeutete, sich von ihren Kindern zu trennen. Wie sie auf die britische Leserschaft hofften, den Kindern ein Überleben und eine Zukunft zu schenken. Was für ein Mut, ein Verzicht, Vertrauen und Verzweiflung.
Die Kinder selber wollten natürlich nicht von ihren Eltern getrennt werden. Aber sie waren alt genug, die Demütigungen und Verfolgungen auf den Straßen zu sehen und zu begreifen, dass sie gehen mussten. Ihre Kindheit fand ein jähes Ende.

Borger nimmt uns mit auf seine investigative Recherche, um die Lebensreisen der Kinder in ihr späteres Erwachsensein nachzuverfolgen. Glück hat er, wenn er auf Nachkommen stößt, die Auskünfte erteilen können, so dass er von der Gegenwart aus, in die Vergangenheit zurückgehen kann. Eine unerwartete Überraschung erlebt er, dass eines der gesuchten Kinder mit ihm hochbetagt über Skype noch sprechen konnte.
Was für ein Segen, dass es hilfsbereite britische Familien gab, die Kinder aufnahmen, als Familienmitglieder oder auch als günstige Arbeitskräfte. Sie wurden gerettet, mussten aber alle Formen von Traurigkeit, Kummer und Verzweiflung durchstehen. Sie verloren nicht selten die Orientierung, als sie durch ihre neuen Leben ohne Familien und Heimat hindurch navigieren mussten. Die meisten sahen ihre Familien nie wieder und litten an Schuldgefühlen, die einzigen Geretteten zu sein.

Borgers Familie war eher eine Ausnahme, da sich die Eltern auch noch England retten konnten, nachdem man in Wien ihnen ihre gesamte Existenz entrissen hatte. Aber jeder musste sich einzeln für sich durchschlagen, ein Zusammenleben war nicht erlaubt. Für Borgers Vater, aber auch für den Autor und seine Geschwister war die Ziehmutter Nan immer eine Bezugsperson. Sie konnte sich noch daran erinnern, wie der junge Bobby vor dem Geräusch des Wasserkessels Panik bekam, weil es für ihn wie das Pfeifen der Nazis anhörte, die ihn durch die Straßen jagten. In ihrem Ziehsohn sah sie nach seinem Selbstmord „das letzte Opfer der Nazis“.

Alle Kinder, deren Spuren Julian Borger verfolgt, haben Krieg und Holocaust überlebt. Doch der spätere Suizid von Bobby Borger, der nie mit der Familie über das Erlebte sprechen konnte, offenbart noch einmal die Wunden, die diese Erfahrungen geschlagen hatten. Die generationenübergreifenden Traumata der Überlebenden und Familien zeigt der Autor ebenfalls auf.

Fazit
Bereits das Cover ermöglicht den persönlichen Bezug zu den Menschen des Buches, denn es zeigt „Bobby“ Borger mit seinen Eltern und die rettende Anzeige.
Julian Borger schildert spannend und sehr informativ die Motive und die Vorgehensweise seiner Recherche. Nicht immer geht er dabei chronologisch vor, sondern zieht Verbindungen und Vergleiche.

Jedes Kapitel ist einer bestimmten Familie oder Kindern gewidmet. Bilder führen in den Text ein. Julian Borger versteht es, den Menschen über die er schreibt, eine Geschichte und ein Gesicht zu geben. Somit schenkt uns der Autor das Gefühl, dass wir die Menschen kennen.
Immer wieder verwebt er Zahlen und Fakten des Holocaust, schockierende und bewegende Elemente miteinander. Seine Art zu erzählen und zu erklären lassen die Zeit, die beteiligten Menschen und das Geschehen lebendig werden. Man spürt die Angst in der Verzweiflung und Düsternis aber auch den unendlichen Mut und die Liebe.

In unseren Zeiten, in denen in Zügen aus der Ukraine flüchtende Familien mit Kindern sitzen, Zeiten, in denen die Geschehnisse der Nazizeit verdrängt, abgeleugnet und verharmlost werden, Zeiten, in denen wieder die gleichen Sprüche gegrölt und Gesten offen gezeigt werden , Zeiten, in denen Menschen bedenkenlos rechtsextreme und stalinistische Parteien wählen, sind solche Bücher dringend nötig.

Ich kann dieses spannende, bewegende, rührende, aufrüttelnde Buch nur jedem empfehlen. Es hat eine leider nur zu große Aktualität.

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Veröffentlicht am 17.09.2024

Das Geheimnis der tödlichen Drachenschatulle

Invictum
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Das Jahr 2024 steht in Japan im Zeichen des „Holz-Drachens“. Das ist sehr bedeutsam für die Handlung dieses hochspannenden Romans von Danielle Troussoni. Denn im Zentrum der Geschichte befindet sich eine ...

Das Jahr 2024 steht in Japan im Zeichen des „Holz-Drachens“. Das ist sehr bedeutsam für die Handlung dieses hochspannenden Romans von Danielle Troussoni. Denn im Zentrum der Geschichte befindet sich eine geheimnisumwobene Drachenschatulle, die sicher bewacht in einem Schrein in Japan aufbewahrt wird. Diese legendäre Schatulle wurde während einer sehr turbulenten Phase in der Japanischen Geschichte im Auftrag des Kaisers Meiji 1868 vom versierten und auch sadistischen Ogawa gefertigt.

Die Schatulle soll ein großes Geheimnis verbergen. 72fach und zum Teil bösartig und tödlich gesichert, wurde es danach in dem weit entfernten Tempel deponiert. Nur zwei Menschen wussten, wie sie zu öffnen ist und was sich in ihr verbirgt: der Kaiser und der Konstrukteur Ogawa. Beide nahmen ihre Geheimnisse ins Grab.

Unser Hauptcharakter, der Amerikaner Mike Brink hatte schon irgendwann einmal was darüber gehört. Eine Art Puzzle, dass nun 150 Jahre ungelöst geblieben ist, obwohl die kaiserliche japanische Familie alle 12 Jahre, in Jahren, die im Zeichen des Drachen standen, geheime Wettbewerbe abgehalten hatte, um das Rätsel zu lösen.

Über eine Abgesandte – die junge Sakura Nakamato – lässt die japanische Kaiserfamilie nun Mike Brink als Rätselentwickler und –Löser einladen, um die legendäre Schatulle zu öffnen. Abwegig ist die Wahl nicht, denn der New Yorker Brink ist schier unschlagbar in seinem Metier, da er nach einem Unfall das hochgradig seltene Savant Syndrom erworben hat.
Das Savant Syndrom ist eine Inselbegabung. Nach einer traumatischen Gehirn-Verletzung trat bei unserem Hauptcharakter Mike Brink das Phänomen einer außergewöhnlichen kognitiven Begabung auf. So vergisst er nichts, hat ein fotografisches Gedächtnis, zeichnet Stadtpläne aus dem Gedächtnis auf, löst alle Rätsel, kombiniert fantastisch … u.v.m. Für Mike Brink ist das Ausleben seines Talents lebensnotwendig, fast therapeutisch..
Nimmt Brink diese Einladung nach Japan an, wartet auf ihn eine spannende aber auch lebensgefährliche Aufgabe. Teuflisch schwierig, voller bösartiger, tödlicher Fallen und Tricks, mit Gift und Waffen. Bislang sind alle Versuche mit dem Tod oder dem Verschwinden der Rätsellöser geendet.

Brink bringt außergewöhnliche Fähigkeiten, aber auch so seine eigenen persönlichen Probleme mit. Während sein Hund noch mit im kaiserlichen Flieger reisen darf, muss seine Freundin Rachel einen normalen Flieger und einige Hindernisse nehmen..
Viel Zeit bleibt Mike sowieso nicht, denn die Lösung muss während des Vollmondes im Jahr des Drachens gefunden werden, also binnen 12 Stunden.

Wenn das alles nicht schon genug Druck wäre, ist auch noch eine radikale Gruppe hinter Kaiser Meijis Geheimnis her. Ihre Mitglieder wissen, dass der Inhalt der Schatulle bedeutsam für die Geschichte Japans ist. Brink taktiert blitzgescheit gegen einen Gegner, der gerissen und kalt kalkulierend agiert

Mike Brinks Versuch die Drachenschatulle zu öffnen, bringt ihn zu einem halsbrecherischen Abenteuer quer durch Japan vom Kaiserpalast in Tokio ins historische Kyoto bis in schier unberührte Wälder des Landes. Wird er fähig sein, die Schatulle zu öffnen? Wird er aufgeben oder gar beim Versuch sterben, wie seine Vorgänger?

Fazit
Dieses Buch ist mit dem blau-schwarzen Farbschnitt und metallischem Druck auf dem Cover natürlich gleich schon ein toller Eyecatcher.
Obwohl es bereits der zweite Band der Reihe um den begabten Mike Brink ist, kann man das Buch problemlos ohne das Vorwissen des ersten Bandes lesen. Es macht allerdings sehr große Lust darauf, den ersten Band dann doch noch schnell nachzuschieben.
Die Einordnung des Romans fällt mir etwas schwer, denn er hat verschiedene Elemente aus Thriller, Fantasy, Mystery und Spannungsroman zu bieten.

Was mir ganz besonders gefallen hat sind die interessanten Informationen aus der Japanischen Kultur, Religion, Geschichte und den Details aus dem Kaiserhaus, die in die Handlung eingeflochten sind. Die Autorin hat selber zwei Jahre in Japan gelebt und gearbeitet, was man durchaus spürt.

Mit Mike Brink als Protagonisten vermochte ich mich von Anfang an zu verbinden. Ich mag wie sich Mike als Charakter entwickelt, an sich und den Aufgaben wächst. Wie er lernt sein Leben durch die Widrigkeiten zu manövrieren, trotz der Verletzung, die ihn ein beschädigtes Nervensystem, Synästhesie und Schlaflosigkeit hinterlassen hat. Je mehr er von der Kraft und Gewalt des geheimen Schatzes erfährt, desto mehr zeigt es ihm auch die besondere Natur seines Talents.

Zuerst erwartete ich, dass Mikes Freundin Rachel ein zweiter handlungstragender Charakter werden würde. Während sie viele Hindernisse überwinden muss, wird Sakura viel wichtiger. Ihre Entwicklung von der kühlen, berechnenden Frau zu einer freundschaftlichen Begleiterin war sehr überraschend. Ihr Charakter entwickelt sich gegen alle Erwartungen sehr sympathisch und facettenreich. Mikes Hund Connie hingegen geht eh seine eigenen Wege in Japan.
Nicht so recht akzeptieren konnte ich einen der ärgsten Widersacher, der für mich zu wenig greifbar war.

Interessant ist, wie Danielle Trussoni auch Rätsel in ihr Buch integriert. Der Spannungsbogen wird auf jeden Fall gehalten, vor unerwarteten Überraschungen ist man nie sicher. Jedenfalls konnte ich kaum aufhören zu lesen, obwohl Thriller und Mystery sonst nicht so mein Fall sind.

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Veröffentlicht am 04.09.2024

Eine magische Ermutigung

Das magische Funkeln
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Das Bilderbuch „Das magische Funkeln“ kann ich mir wunderbar für 3 bis 4 jährige Kinder vorstellen. Hier haben viele Kinder noch einmal sehr sensible Phase, haben mit Schüchternheit und Unsicherheiten ...

Das Bilderbuch „Das magische Funkeln“ kann ich mir wunderbar für 3 bis 4 jährige Kinder vorstellen. Hier haben viele Kinder noch einmal sehr sensible Phase, haben mit Schüchternheit und Unsicherheiten zu kämpfen. Nicht anders ergeht es dem Bärenjungen in dieser Geschichte.

Anders als seine Geschwister hat das kleine Bärenkind noch nicht seinen eigenen Namen gefunden. So soll es doch wohl ein Name sein, der die Eigenschaften und Bestimmung des Jungbären genau beschreibt.

Der kleine Bär verrät niemanden, was ihn bedrückt: er fühlt sich im Innern noch gar nicht wie ein Bär. Er hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Dies hindert ihn daran, zusammen mit den Geschwistern Abenteuer zu erleben.
Mit der Hilfe der magischen Feder eines Feuervogels gelingt es ihm, seine innere Kraft zu finden.

Die Geschichte handelt über den Schritt eines kleinen Wesens zur Selbstwahrnehmung. Die Kinder erleben, wie der kleine ängstliche Bär den Glauben an sich selber und Selbstbewusstsein erlangt und sich gleich für Schwächere einsetzt.
Die Gestaltung des Buches ist außerordentlich ansprechend gelungen und hat mich gleich bezaubert. Die feinen Illustrationen sind mehr oder weniger realistisch. Mir gefällt auch sehr die Farbpalette mit gebrochenen Farbtönen, den typischen Farben des Waldes. Die Ausnahmen bilden der farblich prächtige magische Feuervogel und seine Feder. Die leuchten natürlich ganz besonders gegen den dunklen Hintergrund. Die goldenen Sprenkel auf dem Cover verleihen ihnen eine ganz spezielle Magie.

Die Schrift ist sehr gut lesbar. Die Handlung ist kurz, einfach und überschaubar, dass die Kleinen nicht überfordert sind. Ein absoluter Augenschmaus.

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Auch als nahezu perfekter Android eckt man bei den Lehrer*innen an

Undercover Robot – Mein erstes Jahr als Mensch
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Die sechste Klasse an der Brussell Akademie für hochbegabte Kinder hat eine neue Mitschülerin in diesem Schuljahr bekommen. Was sie nicht ahnen, Dorothy, genannt Dotty sieht zwar aus wie ein elfjähriges ...

Die sechste Klasse an der Brussell Akademie für hochbegabte Kinder hat eine neue Mitschülerin in diesem Schuljahr bekommen. Was sie nicht ahnen, Dorothy, genannt Dotty sieht zwar aus wie ein elfjähriges Mädchen (bzw. 11 Komma 4), ist aber eine künstliche Intelligenz, ein nahezu perfekter, lebensechter Roboter. In einem fächerübergreifenden Projekt wurde sie vor allem von Professor Katnip entwickelt, der eigentlich von Hause aus Philosoph ist.
Was für ein spannendes, interessantes supergeheimes Projekt. Ein Jahr lang soll Dotty möglichst unerkannt, also „undercover“ die Schule besuchen. Bei erfolgreichem Bestehen dieses Turing Tests locken ein lukratives Stipendium und Berühmheit. Dabei tritt sie auch noch in Konkurrenz mit anderen undercover operierenden KIs in anderen Ländern. Hauptsache sie wird nicht enttarnt.
Dotty muss nun nicht mehr im Labor wohnen, sondern zieht als „entfernte Verwandte“ von Professor Katnip bei dessen ahnungsloser Familie ein. Sein Sohn Ricky findet seine neue Mitbewohnerin und Klassenkameradin schon etwas seltsam. Denn die Techniknerds im Labor haben die aktuelle Teeny-Sprache nicht ganz getroffen. Da muss Dotty doch einige Missverständnisse überstehen und sich den Slang der Jugendlichen selber aneignen.
In der Schule merkt Dotty, dass sie bei den Lehrerinnen nicht immer auf Gegenliebe stößt, wenn sie offen die Wahrheit äußert. Nicht nur Ehrlichkeit ist gelegentlich unerwünscht. Dotty ist so konstruiert, dass sie selbstverständlich im Notfall Menschenleben rettet. Aber wenn eine angesengte Krawatte im naturwissenschaftlichen Unterricht mit einem Löschschaumchaos endet, erntet sie leider doch nur Unfreundlichkeiten.
Dabei ist Dotty doch so darauf getrimmt, unbedingt Freundschaftspunkte zu sammeln. Denn hinter all den technischen Ansprüchen steht die Frage im Zentrum, was den Menschen zum Menschen macht. Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben eines Menschen? Was ist Freundschaft wert?
Dotty darf bei den Freundschaftspunkten nicht schummeln. Also manövriert sie sich um möglichst viele Fettnäpfchen herum. Je mehr sie sich einlebt, deshalb eigenständiger agiert sie schließlich auch. Das Herz der meisten Mitschüler
innen hat sie eh bald gewonnen.

Fazit:
Was für ein Lesespaß! Da haben nicht nur Kinder ab 11 Jahren, sondern auch Erwachsene Freude. Sprühend von Situationskomik und Humor kommt hier ein wunderbares Jugendbuch daher. Dotty, die agile Künstliche Intelligenz wächst einem beim Lesen sofort ans Herz. Sie ist eine herzerfrischende Ich-Erzählerin, die ihr erstes Jahr als „Mensch“ in einer Art Tagebuch schildert. Auch die anderen Charaktere sind plastisch dargestellt.
Sind die Lachtränen getrocknet, gerät man aber so manches Mal ins Grübeln. Denn immer mehr nimmt Dotty menschliche Charakterzüge an, während man an den Werten mancher Menschen zu zweifeln beginnt. Man schmunzelt darüber, dass Dotty darüber stolpert, dass manche Regeln gebrochen werden sollen und dass die Trennung von Richtig und Falsch ziemliche Probleme aufwerfen kann. Das stößt manchen Gedankengang an.
Der philosophische Aspekt kommt also absolut nicht zu kurz, ohne dass es langatmig wird. Im Gegenteil. Die Handlung kann immer wieder mit unerwarteten Wendungen überraschen. Spaß und Spannung sind garantiert.
Das Cover ist ein witziger Hingucker, der zu diesem Jugendbuch perfekt passt. Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 29.08.2024

Ein sportliches Unterfangen

Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?
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Tatsächlich muss ich gestehen, dass mich weniger der Name des recht bekannten Romanautors John Green (z.B. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”), sondern der Titel dieses Buches: „Wie hat Ihnen das ...

Tatsächlich muss ich gestehen, dass mich weniger der Name des recht bekannten Romanautors John Green (z.B. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter”), sondern der Titel dieses Buches: „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ gelockt hat. Was die Leserschaft erwarten könnte, wird gleich mit auf den Weg gegeben: „Notizen zum Leben auf der Erde“. Doch, das hört sich eher humorvoll, denn todernst an. Bei seinem ersten Sachbuch hat sich Green offensichtlich gleich die Menschheitsgeschichte als Objekt gewählt. Das Anthropozän ist das aktuelle, von Menschen geprägte Erdzeitalter. Ein sportliches Unterfangen.
John Green begann „The Anthropocene Reviewed“ 2018 als einen Podcast, der den Planeten Erde menschenbezogen betrachten sollte. Einige der Podcast-Ausgaben hat er für dieses Buch zu 44 Essays zusammengefasst. Seine Notizen über die Welt sind dabei höchst persönlich.
Green gelingt dabei eine Bandbreite von Themen von der Beulenpest bis zu Monopoly. Dabei vergibt er jedem Thema Punkte auf einer Skala von 1 bis 5.
Mir hat gefallen, dass Green neugierig genug ist, Bedeutung in Dingen zu finden, die auf den ersten Blick bedeutungslos oder belanglos zu sein scheinen. Ganz unerwartet steht man vor spannenden geschichtlichen Ereignissen, menschlichen Wendepunkten, tiefen philosophischen Fragen, absurden oder lustigen Enden. Tatsächlich lernt man etwas Überraschendes über die Welt, nimmt tiefergehende Fragen oder neue Herangehensweisen mit.
„Wenn die Erde mal mit uns fertig sein sollte, wird es heißen: „Na, so toll war das ja nicht mit diesem Befall mit Menschen, aber wenigstens habe ich kein Großasteroidensyndrom bekommen.“ S. 29
Wie sehen die anderen Teamplayer auf dem Planeten uns Menschen? Wie würden sie das Anthropozän bewerten? Green lässt daran keinen Zweifel:
„Schon jetzt ist der Mensch eine ökologische Katastrophe. […] Für viele Lebensformen ist die Menschheit deshalb die Apokalypse.“ S. 28
Green schreibt dieses Buch mitten in einer Pandemie-Situation, was natürlich auch nicht spurlos an seiner Sichtweise vorbei gehen kann. Nie hat man deutlicher gemerkt, wie veränderbar die sogenannte „Normalität“ ist.
„Aber in den frühen Stunden des Jahres 2021, in denen ich dies schreibe, scheint es komplett widernatürlich, ein Kino überhaupt zu betreten. Für Menschen ändert sich das „Natürliche“ ständig.“ S. 89
Daneben ist es immer eine sehr persönliche Sichtweise, wie man an den Abstechern in Spezialitäten seiner Heimat Indiana wie z.B. das ganz spezielle meteorologische Phänomen des „Wintermixes“ sieht. Hier und auch an manch anderen Stellen spürt man etwas die Orientierung ans amerikanische Lesepublikum, was der Lesefreude aber keinen Abbruch tut.

Fazit
Green erkundet an ganz persönlichen Themen, was es bedeutet in dieser Welt zu leben. Selbst wenn Kanadagänse oder das Googlen von Fremden seine Ausgangspunkte sind, stößt er doch immer wieder an sensible Punkte des Menschseins, die sehr berühren.
Für unsere derzeit etwas ausgekoppelte Weltsituation versucht er dabei ein wenig Balsam zu stiften. Mal absurd, mal humorvoll, dann wieder schmerzlich oder zum Philosophieren anregend. Doch vor allem immer wieder sehr empathisch wie auch kurzweilig ist dieser Rückblick auf unser geologisches Zeitalter. Vor Überraschungen ist man in diesem Buch nie gefeit. Da verweist Green auf die Anfangssequenz des Films „Die Pinguine aus Madagaskar“:
„Aber wie sollten wir den Absurditäten des Anthropozäns auch sonst begegnen?“S. 124
Mein persönlicher Kritikpunkt: ich finde das Cover vollkommen nichtssagend. Trotzdem: eine Leseempfehlung gibt es von mir auf jeden Fall!

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