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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2025

amüsante Selbstfindung

No Hard Feelings
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Genevieve Novaks Debütroman No Hard Feelings ist eine scharfzüngige und schonungslose Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der späten Zwanziger – von beruflicher Unsicherheit über toxische Beziehungen ...

Genevieve Novaks Debütroman No Hard Feelings ist eine scharfzüngige und schonungslose Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der späten Zwanziger – von beruflicher Unsicherheit über toxische Beziehungen bis hin zu der gnadenlosen Stimme im eigenen Kopf, die alles kommentiert. Die Protagonistin Penny fühlt sich verloren: Ihr Job langweilt sie, ihre Freundschaften sind kompliziert, und in der Liebe verharrt sie in destruktiven Mustern. Was das Buch besonders macht, ist Novaks Fähigkeit, diese Unsicherheiten mit einer Mischung aus Sarkasmus und tiefer Verletzlichkeit zu schildern.
Von Anfang an erinnerte mich Penny stark an Phoebe Waller-Bridges Fleabag: eine zynische, selbstironische junge Frau, die sich mit spitzen Kommentaren über Wasser hält, während sie innerlich mit Unsicherheit und Selbsthass kämpft. Ähnlich wie Fleabag ist auch No Hard Feelings voller trockener, oft bitterböser Beobachtungen über Dating, Freundschaft und die Absurditäten des Arbeitslebens.
Besonders Pennys innerer Monolog trägt dazu bei, dass man sich als Leser*in ihr nahe fühlt. Ihre Gedanken sind roh und ehrlich, manchmal erschreckend selbstkritisch, aber immer authentisch. Ihre Selbstzweifel sind nachvollziehbar, ihr Humor trifft oft ins Schwarze. Genau das machte sie für mich anfangs so sympathisch: eine junge Frau, die sich mit der Welt herumplagt und sich dabei selbst nicht allzu ernst nimmt.
Doch je weiter die Geschichte voranschritt, desto schwieriger wurde es, Penny zu ertragen. Ihre Selbstbezogenheit nimmt überhand – alles kreist um ihre Unsicherheiten, ihre Unzufriedenheit und ihre chaotischen Gefühle für Max. Ihre toxische Beziehung zu ihm, die von Abhängigkeit und einem ständigen Hin und Her geprägt ist, fühlt sich anstrengend an. Hier hätte ich mir gewünscht, dass Penny früher reflektiert, anstatt sich immer wieder in denselben destruktiven Mustern zu verlieren. Auch ihr Umgang mit Freundinnen und Kolleginnen bleibt oft egozentrisch – sie hört wenig zu und nimmt kaum wahr, was um sie herum geschieht.
Dieses Verhalten mag realistisch sein, schließlich sind viele Menschen in schwierigen Phasen selbstzentriert. Doch erzählerisch sorgt es für Längen: Es passiert wenig, Penny tritt auf der Stelle, und ihre Selbstabwertungen wiederholen sich. Genau wie bei Fleabag fragt man sich: Wann beginnt sie, sich wirklich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen, anstatt sie mit Sarkasmus zu überspielen?
Zum Glück wendet sich gegen Ende das Blatt. Penny beginnt – wenn auch spät –, sich mit ihren Mustern auseinanderzusetzen. Sie erkennt, dass sie ihr Glück nicht von Max oder ihrem Job abhängig machen kann, sondern sich selbst ernst nehmen muss. Dieser Entwicklungsprozess fühlt sich glaubwürdig an, weil er nicht abrupt geschieht, sondern in kleinen, unsicheren Schritten. Das letzte Drittel des Buches gibt der Geschichte eine neue Dynamik und lässt Penny als Figur reifen.
No Hard Feelings ist eine unterhaltsame, wenn auch manchmal frustrierende Lektüre. Wer Fleabag mochte, wird sich in Pennys schonungslos ehrlichen Gedanken wiederfinden – allerdings mit dem Unterschied, dass Penny weniger Reflexion und mehr Selbstmitleid mitbringt. Das Buch ist schnell gelesen, auch wenn es im Mittelteil seine Längen hat. Es ist eine scharfsinnige und witzige Auseinandersetzung mit den Unsicherheiten des modernen Lebens – solange man bereit ist, etwas Geduld für Pennys Entwicklung aufzubringen.
Danke an den Pola-Verlag und Netgalley für das Lese-Exemplar!

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Grandioser YA-Krimi!

Hotel Ambrosia - Du. Entkommst. Nicht.
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Ich bin voller Begeisterung für "Hotel Ambrosia – Du. Entkommst. Nicht." von Katie Kento! Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und in eine Welt voller Geheimnisse und Spannung ...

Ich bin voller Begeisterung für "Hotel Ambrosia – Du. Entkommst. Nicht." von Katie Kento! Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und in eine Welt voller Geheimnisse und Spannung entführt.
Die Handlung dreht sich um die 17-jährige Robyn, die aufgrund einer Erkrankung ihre Wohnung im sechsten Stock nicht verlassen kann. Ihre Faszination für True-Crime und das gegenüberliegende, düstere Hotel Ambrosia führen dazu, dass sie mit dem Fernglas die zwielichtigen Langzeitgäste beobachtet. Als sie Zeugin einer Entführung wird, die sich in einem der Hotelzimmer abspielt, steht für sie fest: Sie muss handeln. Doch wie, wenn sie ihre eigenen vier Wände nicht verlassen kann? Hier kommt A.J., ein Jugendlicher von der Straße, ins Spiel, den sie kurzerhand als ihren Verbündeten gewinnt, um gemeinsam im Hotel zu ermitteln. Was die beiden dort entdecken, übersteigt ihre schlimmsten Vorstellungen.
Robyn ist eine unglaublich sympathische Protagonistin. Ihre Neugier, ihr Mut und ihre Entschlossenheit machen sie zu einer Figur, mit der man sofort mitfiebert. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen lässt sie sich nicht unterkriegen und zeigt, dass wahre Stärke von innen kommt.
Die Parallelen zu Alfred Hitchcocks "Das Fenster zum Hof" sind unverkennbar und verleihen der Geschichte eine besondere Note. Wie der Protagonist in Hitchcocks Klassiker ist auch Robyn an ihre Wohnung gebunden und beobachtet das Geschehen draußen mit wachsender Besessenheit. Diese Hommage an den Filmklassiker ist Katie Kento hervorragend gelungen und sorgt für ein nostalgisches Gefühl beim Lesen.
Ohne zu viel zu verraten, kann ich sagen, dass der Plottwist mich völlig überrascht hat. Gerade als ich dachte, ich wüsste, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt, wurde ich eines Besseren belehrt. Diese unerwartete Wendung hat die Spannung nochmals erhöht und mich dazu gebracht, das Buch kaum aus der Hand legen zu können.
Katie Kento versteht es meisterhaft, eine Atmosphäre zu schaffen, die einen in den Bann zieht. Ihre detaillierten Beschreibungen des Hotels und der Geschehnisse lassen einen förmlich in die Welt von Robyn eintauchen. Die Mischung aus Mystery, Thriller und Hommage an einen Filmklassiker macht "Hotel Ambrosia" zu einem absoluten Lesehighlight.
Für alle, die auf der Suche nach einem packenden Thriller mit einer starken Protagonistin und unerwarteten Wendungen sind, ist dieses Buch ein Muss. Gönn dir dieses Leseerlebnis – du wirst es nicht bereuen!
Danke an den One-Verlag und Netgalley für das Lese-Exemplar.

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Veröffentlicht am 21.02.2025

knackiger Werkzeugkasten für die Psyche

Unbedingt lesen, wenn ...
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Julie Smith hat mit “Unbedingt lesen, wenn…” ein Buch geschrieben, das sich anfühlt, als würde man mit einer verständnisvollen, aber direkten Freundin sprechen, die zufällig auch noch Psychologin ist. ...

Julie Smith hat mit “Unbedingt lesen, wenn…” ein Buch geschrieben, das sich anfühlt, als würde man mit einer verständnisvollen, aber direkten Freundin sprechen, die zufällig auch noch Psychologin ist. Es geht um all die Momente im Leben, in denen man feststeckt – ob bei Selbstzweifeln, Ängsten oder einfach dem Gefühl, nicht genug zu sein.
Was das Buch wirklich stark macht, ist die klare Struktur. Man kann einfach an der Stelle einsteigen, die gerade am meisten anspricht. Jedes Kapitel ist für sich genommen lesbar und gibt nicht nur Wissen, sondern auch sofort umsetzbare Impulse, die helfen, den eigenen Kopf wieder etwas klarer zu kriegen. Die Sprache ist angenehm direkt, ohne komplizierte Fachbegriffe oder unnötiges Drumherumgerede.
Aber – und das ist der kleine Haken – unsere Psyche funktioniert eben nicht nach einem simplen „Tu dies, dann geht’s dir besser“-Prinzip. Manche Tipps könnten deshalb etwas zu kurz greifen, weil sie eine tiefere Auseinandersetzung mit sich selbst voraussetzen, die nicht jede LeserIn automatisch mitbringt. Wer nach schnellen Lösungen sucht, wird hier viel Input bekommen – aber eben nicht die eine, ultimative Antwort auf alles.
Trotzdem: “Unbedingt lesen, wenn…” ist ein richtig gutes Buch für alle, die nach klaren, gut erklärten und praktisch anwendbaren Denkanstößen suchen. Kein Ersatz für eine Therapie, aber definitiv ein wertvoller Begleiter für den eigenen Weg.
Danke an Rowohlt und Netgalley für das Leseexemplar!

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Veröffentlicht am 19.02.2025

intersektionaler Feminismus at its best!

Issa
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Mirrianne Mahns Debütroman "Issa", erschienen im März 2024, ist ein beeindruckendes Werk, das die Geschichten von fünf Generationen starker schwarzer Frauen erzählt. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin ...

Mirrianne Mahns Debütroman "Issa", erschienen im März 2024, ist ein beeindruckendes Werk, das die Geschichten von fünf Generationen starker schwarzer Frauen erzählt. Im Mittelpunkt steht die Protagonistin Issa, die schwanger von Deutschland nach Kamerun reist, um dort traditionelle Rituale zu durchlaufen und den Segen ihrer Ahnen für die bevorstehende Geburt zu erhalten. Diese Reise wird für sie zu einer intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte und ihrer eigenen Identität.
Mahn gelingt es in einer sehr berührenden Weise, die Lebenswege der Frauen der Familie zu schildern, die trotz zahlreicher Schicksalsschläge stets nach Selbstbestimmung und Heilung streben. Dabei werden Themen wie Kolonialismus, Rassismus und patriarchale Strukturen aufgegriffen, die das Leben dieser Frauen maßgeblich beeinflussen. Die Autorin legt dabei besonderen Wert auf eine afrozentrische Perspektive, indem sie die traditionellen Kulturen und Spiritualitäten Kameruns vor und nach der Kolonialzeit beleuchtet. Dem Buch gelingt es, die Stärke und den Zusammenhalt von Frauen in einer von patriarchalen Strukturen geprägten Welt hervorzuheben. Die Protagonistinnen kämpfen gegen Unterdrückung und für ihre Selbstbestimmung, wobei ihre Geschichten ein kraftvolles Zeugnis weiblicher Resilienz darstellen. Mahn selbst betont, dass sie mit "Issa" einen intersektional-feministischen Roman schaffen wollte, der unterhält und berührt, ohne dabei auf die Themen Rassismus und Kolonialismus reduziert zu werden.
Die Erzählweise des Romans zeichnet sich durch eine kunstvolle Verwebung der verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven aus, wodurch die LeserInnen tief in die Familiengeschichte eintauchen können. Die empathische und unaufgeregte Sprache ermöglicht es, die Ambivalenzen und Herausforderungen der Protagonistinnen authentisch darzustellen, ohne in Klischees oder Kitsch zu verfallen. Insgesamt ist "Issa" ein bewegendes und kraftvolles Debüt, das die Geschichten starker Frauen in den Mittelpunkt stellt und dabei eine afrozentrische Sichtweise einnimmt. Es regt zum Nachdenken über Identität, Zugehörigkeit und die Auswirkungen patriarchaler Strukturen an und bereichert die deutschsprachige Literaturlandschaft um eine wichtige Perspektive.

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Veröffentlicht am 19.02.2025

schonungslos, atemlos, dabei voller Liebe und Poesie

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
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Oliver Lovrenski legt mit „bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ einen erschütternd realistischen Roman vor, der die gesellschaftlichen Inklusionsprobleme von Jugendlichen - vor allem mit Migrationshintergrund, ...

Oliver Lovrenski legt mit „bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ einen erschütternd realistischen Roman vor, der die gesellschaftlichen Inklusionsprobleme von Jugendlichen - vor allem mit Migrationshintergrund, aber auch geprägt durch Armut - ungeschönt beleuchtet. Mit roher Ehrlichkeit und einer eindringlichen Erzählweise zeigt er, wie junge Menschen, die nicht in das gesellschaftliche Raster passen, in einem Kreislauf aus Perspektivlosigkeit, Kriminalität und Gewalt gefangen sind – und wie ihre einzige Rettung oft in der unerschütterlichen Loyalität zueinander liegt.

Die Protagonisten Ivor, Marco, Jonas und Arjan sind Teil einer Generation, die von Anfang an mit Stigmatisierung zu kämpfen hat. Sie wachsen in einem Oslo auf, das für sie nur bedingt Platz bietet – zwischen schicken Bars und hyggeligen Cafés existieren sie nur in deren Schatten. Ihre Eltern kämpfen ums Überleben, die Schule scheint ein Angebot zu sein, das ohnehin nicht für sie gemacht wurde, und die Polizei begegnet ihnen nicht mit Schutz, sondern mit Misstrauen. Ihre Namen, ihre Herkunft, ihre Sozialisation – all das setzt sie bereits von vornherein auf einen Weg, der nicht viele Optionen bietet..
Lovrenski beschreibt eindringlich, wie systemische Hürden diese Jugendlichen daran hindern, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Sie erleben tagtäglich institutionelle Ausgrenzung: Schulabbrüche sind keine Seltenheit, der Kontakt mit dem Jugendamt bedeutet oft nicht Hilfe, sondern Kontrolle, und die Gesellschaft erwartet von ihnen entweder Scheitern oder den perfekten Integrationswillen – ein Spagat, den kaum jemand von ihnen bewältigen kann.
In genau dieser Welt, die ihnen keinen Platz lässt, erschaffen sich Ivor, Marco, Jonas und Arjan ihre eigene Familie. Ihr Zusammenhalt ist ihr Schutzschild gegen eine feindliche Umgebung. Während der Staat, die Bildungseinrichtungen und die Mehrheitsgesellschaft ihnen keine echte Zukunft bieten, finden sie Halt in ihrem gegenseitigen Versprechen, immer füreinander da zu sein. Lovrenski fängt diese Verbindung mit einer sprachlichen Intensität ein, die sowohl rau als auch tief emotional ist.
Doch diese „family“ ist auch eine tickende Zeitbombe. Der Zusammenhalt wird nicht nur durch Freundschaft und Loyalität geprägt, sondern auch durch das gemeinsame Eintauchen in eine Welt, in der Gewalt und Drogen allgegenwärtig sind. Tag für Tag, ‘line für line’, rutschen sie tiefer in einen Strudel, aus dem es kaum noch einen Ausweg gibt. Die Eskalation, die schließlich alles zerstört, erscheint nicht als überraschender Wendepunkt, sondern als unausweichliche Konsequenz eines Lebens, das von der Gesellschaft längst aufgegeben wurde.
Lovrenski gelingt es meisterhaft, die systemischen Strukturen hinter der individuellen Tragödie seiner Figuren sichtbar zu machen. Er zeigt nicht nur die Auswirkungen sozialer Ungleichheit, sondern auch das Fehlen echter inklusiver Möglichkeiten für viele Jugendliche. Sein Roman ist eine Anklage an ein System, das Integration oft nur als Forderung, aber selten als echte Unterstützung begreift.
Das Buch stellt unbequeme Fragen: Warum werden junge Menschen mit Migrationsgeschichte so oft kriminalisiert, anstatt gefördert? Warum bleibt soziale Mobilität für viele eine Illusion? Und wie kann eine Gesellschaft erwarten, dass sich jemand integrieren möchte, wenn sie ihm keine Perspektiven bietet?
„bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ ist ein literarischer Schlag in die Magengrube – intensiv, schmerzhaft und doch voller Menschlichkeit. Lovrenski erzählt nicht nur eine Geschichte über Freundschaft und Verlorensein, sondern über strukturelle Ungerechtigkeit und eine Gesellschaft, die bestimmte Jugendliche von vornherein aufgibt.
Dieser Roman gehört gelesen, weil er eine Realität zeigt, die oft ignoriert wird. Ein schonungsloses, aber wichtiges Werk, das mit Nachdruck auf die Schattenseiten unserer Gesellschaft hinweist.

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