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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.07.2025

Wenn Recherche zur Lebensgefahr wird

Kirsten Bertram / Kunstgerecht
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Beate Baum gelingt mit diesem Buch ein ebenso spannender wie tiefgründiger Kriminalroman, der sich mit brisanten Themen wie Rechtsextremismus, Schuld und dem Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart ...

Beate Baum gelingt mit diesem Buch ein ebenso spannender wie tiefgründiger Kriminalroman, der sich mit brisanten Themen wie Rechtsextremismus, Schuld und dem Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart auseinandersetzt. Die Geschichte spielt in Dresden und verbindet geschickt die Kunstszene mit einem packenden Kriminalfall.
Im Mittelpunkt steht die Journalistin Kirsten Bertram, die durch die Entdeckung eines unbekannten Frühwerks des Künstlers Markus Zwönitz auf eine brisante Geschichte stößt. Als plötzlich zwei Menschen im Umfeld des Künstlers sterben, gerät nicht nur ein Freund Kirstens ins Visier der Ermittlungen, auch ihr eigenes Leben wird zunehmend aus der Bahn geworfen. Die Situation spitzt sich zu, als ihre Wohnung angegriffen wird und sogar ihr Mann in Gefahr gerät. Trotz aller Widrigkeiten bleibt Kirsten hartnäckig und versucht, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Der Roman lebt von seiner komplexen Figurenzeichnung: Kirsten ist keine klassische Heldin, sondern eine Frau mit echten Sorgen, Konflikten und Zweifeln. Gerade diese Zerrissenheit zwischen beruflicher Neugier und privater Verantwortung macht sie so glaubwürdig und nahbar. Auch die Nebenfiguren sind vielschichtig gestaltet, besonders im Umfeld der Künstlergruppe „Abseits“, die in DDR-Zeiten rebellische Kunstaktionen organisierte und deren Schatten bis in die Gegenwart reicht.
Frau Baums Schreibstil ist atmosphärisch und klar, dabei nie vorhersehbar. Sie hält die Spannung bis zum Ende hoch und versteht es, unterschiedliche Themenstränge miteinander zu verweben – Gegenwart und Vergangenheit, Kunst und Politik, öffentliches Interesse und persönliche Betroffenheit. Auch das kunstvoll gestaltete Cover spiegelt die doppelte Perspektive des Romans gut wider.
Dieses Buch ist mehr als nur ein Krimi. Es ist ein gesellschaftlich relevanter Roman mit Tiefe, der erschüttert, nachdenklich macht und gleichzeitig hervorragend unterhält. Eine klare Leseempfehlung für alle, die intelligente Spannung mit historischem Hintergrund und psychologischem Feingefühl schätzen. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 27.07.2025

Vom NS-Helden zur historischen Figur

The Escape Artist
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Mit "The Escape Artist" legt Wilfried Meichtry eine außergewöhnliche Biografie vor, die weit mehr ist als die Erzählung eines spektakulären Ausbruchs aus der Kriegsgefangenschaft. Im Mittelpunkt steht ...

Mit "The Escape Artist" legt Wilfried Meichtry eine außergewöhnliche Biografie vor, die weit mehr ist als die Erzählung eines spektakulären Ausbruchs aus der Kriegsgefangenschaft. Im Mittelpunkt steht Franz von Werra, ein deutscher Jagdflieger, der durch seine waghalsigen Fluchtversuche in britischer Gefangenschaft zur Legende wurde – gefeiert von der NS-Propaganda, verfilmt von den Briten, und zugleich eine schillernde wie ambivalente Figur der Zeitgeschichte.
Doch Meichtry geht tiefer: Er erzählt nicht nur die packende Geschichte eines Mannes auf der Flucht, sondern deckt eine kaum bekannte Wahrheit auf. Denn Franz von Werra war nicht Deutscher, sondern Schweizer Herkunft. Als Säugling zusammen mit seiner Schwester Emma von einer verarmten Adelsfamilie an eine deutsche Familie gegeben, wurde seine wahre Herkunft jahrzehntelang verschleiert. Meichtry folgt in seinem Buch nicht nur Franz’ Lebensweg, sondern zeichnet auch das Schicksal seiner Schwester Emma nach, deren Lebensgeschichte mit der ihres Bruders untrennbar verwoben ist.
Besonders eindrücklich ist die Art der Darstellung. Das Buch enthält zahlreiche Briefe, die einen persönlichen und intimen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Geschwister geben. Im Epilog werden zudem originale Dokumente präsentiert, die die historischen Hintergründe untermauern. Ergänzt wird der Text durch Originalfotografien, die den Menschen Franz von Werra und seine Familie für den Leser greifbar machen und dem historischen Stoff eine emotionale Tiefe verleihen.
Stilistisch ist Meichtrys Werk lebendig und präzise, seine Sprache klar und gleichzeitig einfühlsam. Er vermeidet einseitige Heldenerzählungen und stellt vielmehr die Widersprüche in Franz von Werras Leben in den Vordergrund – ein Kriegsheld und Propagandafigur, der in Wahrheit ein entwurzelter Mensch auf der Suche nach Identität war.
"The Escape Artist" ist eine bewegende, hervorragend recherchierte und vielschichtige Biografie. Sie wirft ein neues Licht auf eine scheinbar bekannte Figur und erzählt zugleich eine berührende Geschichte über Herkunft, Loyalität, Geschwisterliebe und die Macht der Erinnerung. Ein bemerkenswertes Buch, das Geschichte persönlich macht – und persönlich berührt. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein Stück Geschichte, das unter die Haut geht

Die verlorenen Kinder vom Fjord
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„Die verlorenen Kinder vom Fjord“ von Helen Parusel ist ein zutiefst bewegender Roman, der ein lange verdrängtes Kapitel der Geschichte beleuchtet: die Lebensborn-Heime zur Zeit des Nationalsozialismus. ...

„Die verlorenen Kinder vom Fjord“ von Helen Parusel ist ein zutiefst bewegender Roman, der ein lange verdrängtes Kapitel der Geschichte beleuchtet: die Lebensborn-Heime zur Zeit des Nationalsozialismus. Orte, an denen Frauen und Kinder systematisch entrechtet und instrumentalisiert wurden.
Im Zentrum steht die junge Norwegerin Laila, deren Leben sich mit dem deutschen Einmarsch in Narvik dramatisch verändert. Ihre heimliche Liebe zu dem deutschen Soldaten Josef steht unter einem schlechten Stern. Nicht nur wegen des Krieges, sondern auch wegen gesellschaftlicher Ächtung. Als Laila schwanger wird und Josef an die Ostfront muss, sucht sie Schutz in einem Heim, das angeblich Hilfe bietet. Doch bald wird klar: Dieses Heim ist kein Zufluchtsort, sondern ein kaltes, grausames System, das den Müttern ihre Kinder entreißt.
Helen Parusel erzählt Lailas Geschichte mit großer Emotionalität und viel historischer Tiefe. Besonders eindrucksvoll ist die Art und Weise, wie sie das Schicksal der Frauen und Kinder greifbar macht – realistisch, berührend und zugleich erschütternd. Man spürt die Beklemmung, die Angst und das Leid, aber auch den Mut der Frauen, die trotz aller Widrigkeiten für sich und ihre Kinder kämpfen.
Was den Roman besonders stark macht, ist seine Mischung aus historischer Aufklärung und menschlichem Drama. Die Autorin zeigt, wie politisches Kalkül und rassistische Ideologie das Leben unschuldiger Menschen zerstören. Gleichzeitig lässt sie Hoffnung durchscheinen; in der Liebe, im Widerstand und in der Menschlichkeit, die auch in dunklen Zeiten nicht völlig verloren geht.
Für mich war dieses Buch nicht nur spannend und aufwühlend, sondern auch augenöffnend. Ich hatte vor dem Lesen kaum Kenntnisse über die Lebensborn-Heime. Doch Helen Parusel hat es geschafft, dieses dunkle Kapitel eindrucksvoll und sensibel zu beleuchten. Ihr Schreibstil ist lebendig, klar und durchdringend. Besonders das letzte Drittel des Buches liest sich fast atemlos, so intensiv sind die Ereignisse geschildert.
Fazit:
Ein kraftvoller, emotionaler Roman, der unter die Haut geht. Für alle, die sich für weniger bekannte Aspekte des Zweiten Weltkriegs interessieren – oder gerade für solche – eine klare Leseempfehlung. Dieses Buch bleibt im Gedächtnis. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Fremde Nähe – Gefährliche Stille

Schattengrünes Tal
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Kristina Hauffs Roman „Schattengrünes Tal“ ist ein leiser, aber intensiver psychologischer Spannungsroman, der sich schleichend unter die Haut legt. Im Mittelpunkt steht Lisa, eine Frau in der Lebensmitte, ...

Kristina Hauffs Roman „Schattengrünes Tal“ ist ein leiser, aber intensiver psychologischer Spannungsroman, der sich schleichend unter die Haut legt. Im Mittelpunkt steht Lisa, eine Frau in der Lebensmitte, die sich zwischen familiärer Verantwortung, der maroden Existenz des elterlichen Hotels und ihrer eigenen Rolle als Ehefrau und Tochter aufreibt. Sie ist jemand, der stets gibt, unterstützt, vermittelt – aber selbst kaum etwas zurückbekommt. Gerade diese stille Selbstaufgabe macht Lisa zu einer Figur, mit der man schnell mitfühlt.
Der Roman spielt in einem heruntergekommenen Hotel mitten im Schwarzwald, einem stimmungsvollen, beinahe mystischen Schauplatz, der perfekt zur unterschwelligen Spannung der Geschichte passt. Die Handlung setzt mit dem plötzlichen Erscheinen von Daniela ein – einer geheimnisvollen Frau, die sich dauerhaft im Hotel einmietet und bald immer stärker in Lisas Leben eindringen wird. Während Daniela in der Dorfgemeinschaft rasch Fuß fasst, gerät Lisas Umfeld zunehmend ins Wanken – bis hin zur Entfremdung ihres Ehemanns.
Besonders gelungen ist der Wechsel der Erzählperspektiven: Die Kapitel aus der Sicht von Lisa, ihrem Vater Carl, der Angestellten Margret und Lisas Mann Simon geben der Geschichte Tiefe und erlauben einen vielschichtigen Blick auf die Geschehnisse. Dass ausgerechnet Danielas Sicht fehlt, macht die Figur noch undurchschaubarer und verstärkt das Gefühl von Bedrohung und Unsicherheit.
Hauff gelingt es, auf subtile Weise die Dynamiken toxischer Beziehungen, emotionale Vernachlässigung und die Folgen übermäßiger Anpassung zu zeigen – ohne je in Klischees oder Übertreibungen abzudriften. Gerade die psychologische Entwicklung Lisas, ihr langsames Erwachen und ihre bittere Erkenntnis über das Verhalten der Menschen in ihrem Umfeld, ist eindrucksvoll geschildert.
Trotz der eher ruhigen Handlung bleibt die Spannung konstant hoch. Die Atmosphäre ist dicht, der Ton eindringlich, und immer schwebt eine gewisse Bedrohung in der Luft. Das Buch liest sich flüssig, die Kapitel sind angenehm kurz und treiben die Geschichte gut voran. Auch die Landschaftsbeschreibungen fügen sich stimmungsvoll ein und unterstreichen die melancholisch-düstere Grundstimmung des Romans.
Fazit: „Schattengrünes Tal“ ist ein feinfühliger Roman über Manipulation, emotionale Abhängigkeit und die Suche nach Selbstbestimmung. Wer psychologisch dichte Geschichten mit leisem, aber nachhaltigem Spannungsaufbau mag, wird hier definitiv fündig. Ein stilles, aber starkes Buch. 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Zwischen Schuld und Hoffnung

Schwestern des brennenden Himmels
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Mit „Schwestern des brennenden Himmels“ gelingt Hanna Caspian ein packender und zugleich feinfühliger historischer Roman, der den Leser mitten ins Jahr 1945 nach Potsdam entführt, in eine Zeit des Umbruchs, ...

Mit „Schwestern des brennenden Himmels“ gelingt Hanna Caspian ein packender und zugleich feinfühliger historischer Roman, der den Leser mitten ins Jahr 1945 nach Potsdam entführt, in eine Zeit des Umbruchs, der Hoffnung und der offenen Wunden.
Im Zentrum der Geschichte steht Ann Miller, ein junges Mitglied der britischen Delegation bei der Potsdamer Konferenz. Doch Ann hütet ein gefährliches Geheimnis: Ihre Identität ist eine Lüge, und ihre eigentliche Mission führt sie mitten in das sowjetisch besetzte Potsdam; auf der Suche nach einer Frau, die einst ihre Vertraute war, bis ein Verrat alles zerstörte. Begleitet wird sie dabei vom amerikanischen Soldaten Jackson Powers, der selbst seine ganz eigene Geschichte und seine Vorurteile mitbringt. Zwischen ihnen entsteht eine zarte, verbotene Liebe – gefährlich und doch so menschlich.
Hanna Caspian versteht es meisterhaft, persönliche Schicksale mit den großen politischen Ereignissen zu verweben. Die Atmosphäre ist eindringlich, die Zeit nach dem Krieg spürbar: zerstörte Städte, gebrochene Menschen, aber auch der Wunsch nach Neuanfang. Durch die verschiedenen Perspektiven wird das historische Geschehen greifbar und lebendig.
Der Schreibstil ist flüssig, emotional und zugleich nie überladen. Frau Caspian schreibt spannend und einfühlsam, ohne zu beschönigen. Besonders beeindruckend ist die sorgfältige historische Recherche, die dem Roman Authentizität verleiht, ohne ihn zu einem trockenen Geschichtsbuch zu machen.
Fazit:
Ein fesselnder Roman über Schuld, Vergebung, Identität und Hoffnung in einer zerrissenen Welt. „Schwestern des brennenden Himmels“ bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch einen berührenden Einblick in ein oft übersehenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte. Ein absolut lesenswertes Buch für alle, die sich für menschliche Schicksale im historischen Kontext interessieren. 4 Sterne.

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