Zwischen Abgrund und Fassade: Wenn die Wahrheit tödlich ist
Liars all around meClara Blais hat mit diesem Werk einen Jugendthriller geschaffen, der vor allem durch seine kontrastreichen Protagonisten lebt. Auf der einen Seite steht Avery, die unter der Last mütterlicher Erwartungen ...
Clara Blais hat mit diesem Werk einen Jugendthriller geschaffen, der vor allem durch seine kontrastreichen Protagonisten lebt. Auf der einen Seite steht Avery, die unter der Last mütterlicher Erwartungen und dem goldenen Käfig der High Society fast zerbricht. Auf der anderen Ryle, der im Waldviertel ums nackte Überleben seiner kleinen Familie kämpft. Dass ausgerechnet die Vorzeigeschülerin den "Bad Boy" um eine Waffe bittet, ist ein genialer Zündfunke für die Geschichte.
Der Schreibstil ist herrlich unkompliziert und modern. Blais verzichtet auf unnötigen Ballast und setzt stattdessen auf ein hohes Erzähltempo. Besonders gelungen ist der Perspektivwechsel zwischen den beiden Hauptfiguren. Man bekommt dadurch nicht nur zwei Versionen der Ereignisse, sondern fühlt die tiefe Zerrissenheit beider Welten – den Leistungsdruck hier und die existenzielle Not dort.
Die Handlung selbst spinnt ein dichtes Netz. Als die Mitschülerin Sheila stirbt, beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, das den Leser ständig zweifeln lässt: Wer spielt hier eigentlich welches Spiel? Auch wenn manche Wendungen für Genre-Kenner vielleicht eine Spur zu klassisch wirken, entschädigt die knisternde Dynamik zwischen Avery und Ryle für alles. Es ist kein klassischer "Insta-Love"-Roman; die Annäherung erfolgt zögerlich, fast widerwillig, was die emotionale Tiefe enorm steigert. Das Setting der Kleinstadt, in der jeder jeden zu kennen glaubt und doch keiner die Wahrheit sagt, sorgt für eine konstant beklemmende Atmosphäre bis zum Finale.