Wenn Age Gap vom Märchen zur Realität wird
Half His AgeSchreibstil:
Dieses Buch hat knapp über 300 Seiten und ihr könnt euch sicher sein, dass ihr es schnell durchlesen werdet, denn auch der Schreibstil macht es einem einfach. Er ist einfach gehalten und ...
Schreibstil:
Dieses Buch hat knapp über 300 Seiten und ihr könnt euch sicher sein, dass ihr es schnell durchlesen werdet, denn auch der Schreibstil macht es einem einfach. Er ist einfach gehalten und sehr mitreißend, durch diese simple Erzählung ohne Schnörkel. Besonders ist dabei, dass er aber auch sehr roh und schonungslos ist. Hier wird nicht mit Beschreibungen von Handlungen oder Gedanken gespart, die man eigentlich nicht näher erläutert haben will. Die aber, und das muss man anerkennen, real und authentisch sind. Wir lesen hier eine Story, die nicht ganz unproblematisch ist und viele Probleme aufzeigt. Dazu fand ich es dann sehr passend, dass die Autorin den Schreibstil ebenso wenig der Gesellschaft gefügig macht. Man muss sich aber drauf einlassen, denn es ist zwischendurch schon echt etwas drüber und man kann dann nicht mehr so richtig von Lesegenuss reden.
Die Geschichte: 17-jährige fühlt sich verloren und ist scharf auf ihren Lehrer
Erzählt wird aus der Perspektive der 17-jährigen Waldo. Sie lebt in einfachen Verhältnissen und ist im Prinzip selbst für sich verantwortlich, weil ihre Mutter in einer Abwärtsspirale mit verschiedenen Kerlen gefangen ist. Waldo ist dadurch für ihr Alter relativ reif, allerdings nicht in Bezug auf ihr Sozialleben und ihre Sexualität, sondern eher in Bezug auf ihre Lebensumstände (Geld verdienen, Kosten tragen, selbst versorgen). Was Waldo nie will: uns gefallen. Sie isst den ganzen Tag Chips, macht komplett was sie will, interessiert sich nicht für Bildung oder Freundschaften. Eigentlich interessiert sie sich für gar nichts außer für ihren Lehrer Mr. Korgy und das auch eher sehr abrupt.
Man kann also nicht unbedingt darüber sprechen, ob man sie sympathisch oder nicht findet. Eher hatte ich irgendwann Mitleid mit ihr, weil sie in so vielen Süchten gefangen ist und sich selbst dabei noch nicht entdeckt hat. So ist das Buch auf eine Art und Weise ein Coming of Age-Roman, weil Waldo versucht, sich zu finden. Auf der anderen Seite aber auch nicht, weil das Ende dafür nicht passend genug ist. So meine Meinung. Aber dazu später mehr.
Waldo: Typischer Teenie unserer Zeit mit einem wirren Verständnis für ihren Körper und ihr Selbst.
Waldo ist eine Figur, die unheimlich viel destruktives Verhalten an den Tag legt. Und das, obwohl sie in ihren Gedanken immer wieder zeigt, dass sie eigentlich reifer, erwachsener handeln und agieren könnte. Stattdessen gibt sie sich dem hin, was von ihr erwartet wird und was sie von ihrer Mutter als Verhalten gelernt hat. Die Weisheiten ihrer Mutter werden für den Goldstandard genommen, so unsinnig sie auch klingen und so viele Argumente Waldo auch gegen sie hat.
Einerseits fand ich dieses destruktive Verhalten nachvollziehbar. Wie soll sie schließlich hinausfinden, wenn ihr Vorbild zweifelhaft ist und ihr Lehrer sie in allem bestärkt? Andererseits war es irgendwann sehr schwer und anstrengend zu lesen, wie sie sich selbst blockiert, runtermacht und ihr Leben gegen die Wand fährt. Noch dazu wurde es repetitiv. Viele Situationen wiederholen sich auf eine gewisse Art und Weise immer wieder. Es ist keine wirkliche Weiterentwicklung in Waldo zu spüren, obwohl sie sich auf eine ganz andere Art und Weise sehr wohl weiterentwickelt.
Ein bisschen schwierig ist Waldo vielleicht auch, weil sie immer wieder regelrecht alt wirkte. Auf jeden Fall älter als ihre 17 Jahre. Wenn man so las und die Biografie der Autorin ein bisschen im Kopf hatte, wirkte es gerade so, als hätte die Autorin sehr sehr viel von sich selbst in Waldo einfließen lassen, sodass es fast ein wenig autobiographisch wirkte. Das distanzierte Waldo aber irgendwie von mir. Ich konnte sie nicht mehr nur als Waldo sehen.
Mr. Korgy: Lehrer, Anfang 40 mit Frau und Kind lässt sich auf eine 17-jährige ein.
„Mit dir fühle ich mich jung“, so oder so ähnlich erklärt Mr. Korgy einmal seine Anziehung zu Waldo. Und ich finde, es ist eine schlechte Erklärung. Jedenfalls für das, was Waldo in ihre Beziehung hineininterpretiert. Ich habe lange hin und her überlegt, wie genau die Beziehung zwischen den beiden missbräuchlich ist und festgestellt: es geschieht gleich am Anfang. Mit den ersten Sätzen und Mr. Korgy ist derjenige, den man hier verachten muss. Aber das habt ihr euch bei dem Klappentext bestimmt schon gedacht.
Das Besondere an Mr. Korgys Figur ist glaube ich, dass Waldo ihn wie ein Experiment nutzt. Sie hat eine genaue Vorstellung davon, wie das mit Mr. Korgy (den sie übrigens immer nur so nennt, vermutlich, weil sie ihn also genau das betrachten will: ihren Lehrer) laufen soll. Und so ist sie die Initiatorin, die ihn „verführt“ und sich dann sehr in diese Beziehung hineinsteigert.
Während man Waldo Gedanken mitbekommt, bleibt Mr. Korgy einzig erzählt aus ihrer Perspektive und damit fast ein pures Klischee. Er agiert so, wie man sich das vorstellt: nimmt alles mit, was für ihn angenehm ist, und sagt zu Waldo genau das, was sie hören will. Sein Ziel: Waldo UND seine Frau und Kind haben. Erst mit der Zeit wird er immer mehr und mehr zu einem armseligen Häufchen Elend.
Was ich ganz komisch an ihm fand: er zeigte fast gar keine Angst vor dem Auffliegen der Affäre. Keine Bedenken, kein Blick in die Zukunft. Es schien fast, als würde er einfach an allem vorbeimarschieren, was schwierig werden könnte, damit die Handlung nicht von sowas aufgehalten werden könnte. Damit Waldo genug Zeit hat, um ihre „Entwicklung“ zu zeigen.
Das fand ich an vielen Stellen problematisch: es läuft zu glatt. Sie werden nicht gesehen, nicht von Mitwissenden verpetzt, die Ehefrau hegt keinen Verdacht. Es ist fast, als wäre alles okay so und das ist gerade im Hinblick auf Waldo problematisch gewesen, denn so fehlte jedwede Instanz, die ihr hätte ins Gewissen reden können. Oder meinetwegen auch Mr. Korgy.
Zwischen Feminismus und Anti-Age-Gap-Romance?
Hinterher habe ich intensiv darüber nachgedacht, inwieweit dieses Buch feministisch ist. Und bitte entschuldigt jetzt schonmal vorab, wenn ich irgendwas übersehen oder falsch interpretiert habe. Ich kenne mich nur laienhaft in dem Feld aus. Fakt ist aber, dass dieses Buch für mich nur begrenzt feministisch war. Ich fand es (auch wenn es nicht angenehm zu lesen war) gut, dass alles so roh dargestellt wurde. Gerade das „Ekelige“, wie Waldo es nennt. Es wird nichts beschönigt, der Körper der Frau wird komplett beschrieben. Mit allem, was an ihm anstrengend ist, was an ihm ekelig ist und was geschniegelt und gestriegelt werden muss, bevor man einem Mann unter die Augen treten „kann“. Das zielte definitiv darauf ab uns zu zeigen, wie verquer unsere Welt in diesen Bereichen mit Weiblichkeit umgeht.
Waldo hingegen handelte für mich gar nicht feministisch. Ich glaube, sie sollte ein wenig aufzeigen, dass man auch ohne Mann kann bzw. sich den Mann holen kann, den man will und dann auch die volle Kontrolle über ihn haben kann. Allerdings ist Waldo so kaputt, dass sie das etwas ungewöhnlich angeht und am Ende auch nichts beweist. Das ist jedenfalls meine Meinung. Am Ende hakt sie zwar ganz klassisch ab, was das Buch als offene Erzählstränge aufgegeben hat, sie hat aber nicht erkannt, worauf es wirklich ankommt. Hat sich mal wieder an etwas geklammert, was man ihr beigebracht hat. Auch das wäre sicherlich anders gelaufen, wenn da irgendwer gewesen wäre, der/die ihr auch andere Meinungen mitgegeben hätte.
Was das Buch aber definitiv macht, ist, aufzuzeigen, wie wenig romantisch eine Age-Gap-Romance sein kann. Authentisch wird hier gezeigt, wie wenig zwei so unterschiedlich alte Menschen zusammenpassen. Was sie allerdings etwas romantisiert ist, wie es ist, diese Beziehung aus der Bubble hinein in die Wirklichkeit zu tragen. Denn die beiden zeigen sich niemals vor Bekannten.
Und eine ganz kleine Anmerkung noch: vlt. übt dieses Buch auf jeden Fall Kritik an der heutigen Gesellschaft auf, in der Teenies sozialisiert werden. Das fängt beim Konsum von Fast Food an (wohl eher ein amerikanisches Thema) und geht bis zum Fast Fashion-Shopping, Handysucht, ständiger Verfügbarkeit und weniger Beziehung zum eigenen Körper. Ein vlt. etwas Klischeeschaftes Bild, in das sich Waldo nahtlos einfügt.
Fazit:
Ich finde es echt schwierig, dieses Buch zu beurteilen, weil es eben nicht gefallen will, sondern aufzeigt, wie ekelig, wie unschön, wie unromantisch etwas sein kann. Was ich aber sagen kann ist, dass mir nicht so gut gefallen hat, dass die Storyline recht eindimensional blieb, sich vieles wiederholte und Waldo für mich am Ende auch keine richtige Entwicklung durchgemacht hat. Sie hat nicht zu sich gefunden, sondern mit etwas Glück nur den Anfang gemacht. Zukunft ungewiss.
Von mir gibt es 3 von 5 Sterne.