Liebte jede Zeile
Boys of Tommen 5: Taming 7Wieso diese Bücher so viele Seiten haben (wobei hier sind es nur 480)? Weil die Autorin unheimlich feinfühlig schreibt und die Figuren sehr sehr authentisch rüberbringt. Es braucht zwar ein paar Worte ...
Wieso diese Bücher so viele Seiten haben (wobei hier sind es nur 480)? Weil die Autorin unheimlich feinfühlig schreibt und die Figuren sehr sehr authentisch rüberbringt. Es braucht zwar ein paar Worte mehr, aber dafür bekommen wir Leser:innen einen genauen Einblick in die Köpfe der beiden Protagonist:innen. Auch ihre Gefühle werden für uns spürbar in jedem Detail. Noch dazu gibt die Autorin ihren Nebenprotagonisten viel Raum und lässt die Freundesgruppe zu einer festen Instanz werden, die zusammen wächst und Probleme überwindet. Ein tolles Gemeinschaftsgefühl entsteht, in das sich auch Claire und Gerard integrieren und von dessen damit einhergehenden Sicherheitsnetz sie die ganze Zeit umgeben sind. Dieses Buch zu lesen, fühlt sich dadurch einfach unheimlich gut und wohlbehütet und warm an, ganz ohne cozy Kleinstadt-Setting oder Cupcakes oder was auch immer. Und noch dazu sind Claire und Gerard total lustig zusammen. Der Humor, so kindisch und primitiv er auch sein mag, lockerte die Story für mich so oft passend auf, ich konnte gar nicht anders, als weiterzulesen.
Zur Geschichte allgemein:
Keine/r der/die die anderen Bücher gelesen hat, wird noch eine Erklärung brauchen, warum die Geschichte von Claire und Gerard unbedingt lesenswert ist. Für alle anderen aber schreibe ich es gerne nochmal aus: Claire und Gerard, von allen Gibsie genannt, sind seit dem Kindergarten beste Freunde. Noch enger befreundet sind sie, seit Gerards Vater und Schwester bei einem Unglück ums Leben gekommen sind. Seitdem schläft er jede Nacht bei Claire. Ihre Familien sind miteinander verbunden. Es gibt kein Klopfen an Haustüren mehr, kein „geh nach Hause“, kein „wir essen jetzt“, stattdessen einen eigenen Stuhl am Familientisch der anderen Familie. Da ist aber noch mehr, das Gerard beschäftigt. Ein dunkles Geheimnis. Natürlich denkt ihr jetzt:) Aber tatsächlich ist Gibsie immer noch Gibsie und lässt sich davon ganz anders beeinflussen, als man meinen würde.
Das Trope hier ist Best-Friends-to-Lovers, wobei die beiden eigentlich nie einen Hehl daraus machen, dass sie sich lieben. Aber vielleicht nicht körperlich? Jetzt, wo alle um sie herum plötzlich Pärchen sind, müssen sich auch Claire und Gerard damit auseinandersetzen, was sie wirklich füreinander sind. Eine Selbstfindungsreise und eine Zusammensindwirreise beginnt, die vornehmlich Claire vorantreibt, die nichts von Gerards Traumata weiß.
Das Ganze wird unheimlich berührend, mit viel Zeit, Detailverliebtheit und Authentizität erzählt. Obwohl alles so klar scheint, ist es eben doch alles nicht so klar, wenn zwei beste Freunde mehr füreinander sein könnten. Es gab Passagen, da habe ich mich gefragt, ob ich genervt bin von dem Hin und Her, dem Hinauszögern und Abwarten. Tatsächlich war das aber nie der Fall, weil man in den Nuancen erkannte, woran es noch hakt und weil sie trotz allem dennoch immer irgendwie Fortschritte machen.
Das Drumherum hat sehr geholfen, die Geschichte stets lebendig zu halten (plus des Humors. Die Sorgerechtsstreits der beiden sind zum Totlachen XD). Während die beiden nämlich eigentlich genug mit sich selbst und einander zu tun haben, gibt es da noch Lizzie, die regelmäßig die Freundestruppe aufmischt, weil sie Gerard hasst. Und Gerard damit immer wieder in einen Strudel zieht, der ihn ausbremst. Und es gibt natürlich die schönen Momente. Gemeinsame Erlebnisse in der Freundesgruppe, das Kind von Aiofe und Joey und ganz typische Teenagerevents wie ein Schulball.
Am meisten imponiert hat mir an der Geschichte glaube ich, dass hier das „Ich liebe dich“ vom Anfang zum Ende hin doch nochmal ein anderes wurde und das wir auf diese Reise mitgenommen wurden. Denn auch, wenn es eigentlich das Gleiche meinte, so hat man dennoch gemerkt, wie die beiden noch enger zusammengerückt sind und einfach noch eine Schippe draufgelegt haben, was es auch brauchte, um den Absprung zum Paar zu schaffen. Das passierte natürlich nicht einfach so, sondern durch harte Arbeit, bei der Gibsie sehr gefordert war. Sein Trauma wurde aufgearbeitet, seine Ängste ausgegraben und sein Herz freigemacht von all der Last, die ihn jahrelang gequält hat. Wieder hat die Autorin bewiesen, wie eine wirklich schlimme Realität trotzdem Teil einer Liebesgeschichte sein kann, die am Ende zu einem authentischen Happy End wurde.
Ob ich jetzt wie bei den anderen Pärchen lieber noch ein zweites Buch hätte haben wollen? Ich glaube, hier hat es einfach genau so, wie es jetzt war, gepasst, weil die beiden dann im Vergleich doch in sehr stabilen Verhältnissen leben. Waren die Geheimnisse erstmal auf dem Tisch und die Liebe definiert, gab es eigentlich nichts mehr, was die beiden aufhielt. Und so passte es perfekt:) Und auch perfekt für Gerard und Claire, denn eigentlich sind die beiden ein kleines Powerpärchen, das gerne Witze macht und so locker leicht sollte auch ihre Liebesgeschichte sein. Nur kam ihnen die Realität dazwischen:)
Fazit:
Was bleibt am Ende von dieser Geschichte? Ganz viel Herz. Und das Gefühl, dass Freundschaft wirklich ein Fundament sein kann – nicht als Übergangslösung, sondern als stabile, gelebte Verbindung, die auch dann noch trägt, wenn es wackelig wird. Claire und Gerard haben gezeigt, dass Liebe nicht immer aus einem plötzlichen Funken entsteht, sondern manchmal einfach schon längst da ist. Tief verwurzelt, gewachsen zwischen Alltagsmomenten, kindischem Humor und dem Teilen von Schmerz. Ich mochte, dass das Buch sich Zeit nimmt, um sichtbar zu machen, was in einem Menschen tief verankert sein kann, ohne deinem liebsten Menschen bewusst zu sein, und eben dieses vernünftig aufzuarbeiten. Kann einfach nichts bemängeln:)
5 von 5 Sterne von mir.