Dark Romance für Zwischendurch
PraiseSchreibstil:
Im ersten Moment war ich etwas irritiert, weil sich der Schreibstil auf den ersten Seiten noch etwas unfertig anfühlte. Wie ein Anfang eben. Schon bald war der Lesefluss aber formvollendet ...
Schreibstil:
Im ersten Moment war ich etwas irritiert, weil sich der Schreibstil auf den ersten Seiten noch etwas unfertig anfühlte. Wie ein Anfang eben. Schon bald war der Lesefluss aber formvollendet und ich hatte keine Probleme der Geschichte zu folgen. Der Schreibstil ist geradeaus und schnörkellos und vermag es sehr gut, Situationen, die vielleicht etwas seltsam wirken mögen, recht anschaulich und meinungsfrei rüberzubringen. So ist man zwischendurch einfach Beobachter:in und lässt sich auf das ein, was man gerade liest. Vielleicht hatte es sogar manchmal etwas voyeuristisches, was ich sehr passend für die Geschichte fand.
Zur Geschichte allgemein:
Man nehme die Tropes Boss-Secretary, Age Gap und Forbidden Love und füge eine ordentliche Portion Dark Romance hinzu und schon hat man ein ziemlich gefülltes Buch wie ich finde. Es war krass, wie schnell ich akzeptiert habe, dass hier ein ganzes Potpourri an Tropes aufeinandertreffen und sich zu einer Geschichte zusammensetzen, die gar nicht mal so klassisch ist. Aber ich glaube, genau das macht den Reiz dieser Geschichte aus. Dass es irgendwo fast zu viel ist, es einem aber so authentisch und emotional erzählt wird, dass man gerne bereit ist, sich darauf einzulassen.
Charlie ist eine Frau, die hart arbeitet und bereit ist, für ihre Familie zu kämpfen. Das merkt man bereits auf den ersten Seiten. Auch, wenn es etwas gedauert hat, macht sie mit ihrem Freund Schluss und konzentriert sich auf sich selbst und ihre Familie, bestehend aus ihrer Schwester und ihrer Mutter. Als sie auf Emerson trifft, ist es verwirrend und spannend zugleich, denn Charlie ist scharfzüngig und mutig und gleichzeitig doch überraschend unterwürfig. Anfangs war ich von dieser Mischung in ihrem Charakter überfordert und hätte sie am liebsten angeschrien, jetzt doch aufzustehen. Das nicht mit sich machen zu lassen. Aber wie auch bei den anderen Protagonisten in dieser Geschichte, lässt die Autorin sich Zeit damit, uns Leser:innen gänzlich zu ihren Figuren durchdringen zu lassen. Wirkt Charlie auf den ersten Blick lediglich stark, vielleicht aber auch verlassen und verletzt, zeigen sich im Laufe der Geschichte noch ganz andere Seiten von ihnen. Und besonders eine kann sie nur mit Emerson ausleben.
Emerson ist ein wenig das Gegenteil von Charlie. Er steht offen zu seinen Vorlieben und seinem Leben, weiß eigentlich genau, was er will und hat mit seinen vierzig Jahren auch schon einiges mehr an Lebenserfahrung vorzuweisen. Aber auch das ist nicht alles. Denn eigentlich lebt er sehr zurückgezogen und versteckt sich ein wenig hinter seinen Vorlieben. Bloß nicht zu viel, bloß nichts Neues wagen, bloß nicht zu sehr leben. Er ist nicht direkt ängstlich, aber man merkt doch, dass er seine Comfort Zone kennt und ungern aus ihr hinaustritt.
Die Dynamik zwischen den beiden ist auf mehreren Ebenen interessant. Zum einen ist da natürlich der Age Gap. Und beiden ist dieser anfangs sehr deutlich bewusst. Gleichzeitig spielt er hier aber auch nicht eine so große Rolle wie in anderen Büchern, denn er ist nicht das einzige Problem, das sie haben. Was ich aber gut fand, war, dass es erwähnt wurde und klassische Situationen und Probleme diesbezüglich auftraten, die geklärt wurden. Zudem hat man gerade bei Charlie gemerkt, wie das Alter zwischen ihnen mit zunehmenden Gefühlen immer unwichtiger wurde. Im Hinblick darauf, dass so eine Beziehung in der Realität aber nicht nur Friede Freude Eierkuchen ist, hätte ich mir gewünscht, dass die beiden ein wenig mehr Weitsicht hinsichtlich ihrer Zukunft gezeigt hätten. Damit meine ich nicht, dass sie sich trennen sollten oder so, sondern einfach, dass mir die Gedanken dazu fehlten. Emerson hat nicht einmal darüber nachgedacht, was es für Charlie bedeutet, einen älteren Mann zu lieben, der schon an einem ganz anderen Punkt seines Lebens angekommen ist. Ebenso hat Charlie sich keine Gedanken darüber gemacht, was es für sie bedeutet. Allerdings hat Charlie sich sowieso nicht ganz so viele Gedanken um die Zukunft gemacht. Das muss ich doch ein wenig bemängeln.
Die andere Ebene war natürlich das Sexuelle. Ich kann ja einfach mal vorwegnehmen, dass es hier um gewisse Szenarien und ein Machtgefälle geht. Das Ganze war für mich fremd und gewöhnungsbedürftig, ich fand aber, dass es sehr gut rübergebracht wurde. An den richtigen Stellen wurde es aufgelöst, man hat stets gemerkt, dass die gegenseitige Liebe nichts mit ihrer sexuellen Praktik zu tun hat und es wurde stets darauf geachtet, dass Realität und Szenario gleichmäßig bespielt wurden. Ich weiß nicht, ob es so, wie ich es hier schreibe, einen Sinn macht. Aber wenn ihr es lest, wird es Sinn machen. Anders spoilere ich leider zu viel. Letztlich gefiel mir die Dynamik einfach und das Unbekannte kann durchaus unterhalten, wenn man sich etwas darauf einlässt.
Was man beim Lesen allerdings auf keinen Fall vergessen darf, dass die beiden über einige Passagen eine gewisse Art von toxischer Beziehung führen und dass man das nicht allzu sehr romantisieren darf, auch wenn es hier zur Geschichte passt. Also: Lest es, aber das bedeutet noch längst nicht, dass alles hier okay ist.
Was ich krass gut an der Story fand, war, wie die beiden sich im Laufe der Handlung entwickelt haben. Charlie wirkt anfangs auf den ersten Blick stark, aber umso länger man sie kennt, umso mehr Unsicherheiten werde aufgedeckt. Und zwar Schicht um Schicht von Emerson. Das war krass zu lesen, weil Charlie diese ziemlich gut versteckt hielt und man sie beim Lesen aus ihrer POV gar nicht so richtig wahrnahm. Aber so kann es eben auch im wahren Leben sein. Selbstbewusstsein, Selbstliebe und seinen Wert zu kennen sind Gefühle, die man nicht unbedingt selbst beeinflussen und einfach an- und abschalten kann. Es war sehr schön zu lesen, wie immer mehr ans Licht kam und wie Charlie dann dennoch Zeit brauchte, um das zu akzeptieren. Das wirkte auf mich sehr authentisch und verlieh der Geschichte unheimlich viel Tiefe.
Bei Emerson ist diese Entwicklung ein bisschen weniger stark. Aber eher, weil sich seine Probleme und Unsicherheiten viel offensichtlicher zeigten. Zum Beispiel in der Beziehung zu seinem Sohn oder eben zu Charlie. Auch er braucht seine Zeit und weiß seine Ängst gut zu verstecken. Mit ihrer unkomplizierten, neugierigen und offenen Art knackt Charlie ihn aber und genau das ist es ja, was wir alle so an Liebesgeschichten lieben, oder?
Die Backgroundstory mit dem “Salacious-Players-Club“ mochte ich ebenfalls sehr. Ich fand es super, wie aufklärend mit dem ganzen Thema sexuelle Praktiken und Vorlieben umgegangen wurde und wie easy es in die Geschichte von Charlie und Emerson eingewebt wurde. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, es sei zu viel oder zu unrealistisch. Das hatte aber auch damit zu tun, dass die beiden sich in großen Teilen des Buches eher mit sich selbst und nicht mit dem Club beschäftigen. Trotzdem spielt er eine große Rolle und bietet sicher in den nächsten Bänden noch so einige Dynamiken. Etwas schade fand ich nur, dass man durch diesen räumlichen Abstand recht wenig von Emersons Freunden mitbekam. Charlies Familie und Freunde meine ich jetzt ganz gut zu kennen, bei Emersons Kreis fehlt mit die Nähe. Seine Freunde werden nur ganz grob beschrieben, schwirren durch die Geschichte und kommen manchmal in Charlies Nähe geradezu unsympathisch rüber. Im Hinblick darauf, dass die nächsten Bände von ihnen handeln, hätte ich mir gewünscht, dass schon dieser Band mich neugieriger auf sie gemacht hätte. So bin ich eigentlich eher auf den Club an sich neugierig.
Ich glaube, dieser Kritikpunkt lässt sich an den anschließen, den ich zu der Zukunft der beiden hatte: Mir fehlte noch ein wenig das „Darüber hinaus“. Klar, es geht auch um Emersons Sohn, Charlies Familie und ihren Job, aber letztlich sind die beiden viel für sich geblieben und haben nicht so richtig beweisen müssen, dass ihre Beziehung auch alltagstauglich ist. Das finde ich immer etwas schade, wenn ich mir ein „Danach“ des Buches vorstellen soll. Aber natürlich kann man auch entgegnen, dass Dark Romance-Bücher sich von diesem Alltag meist eher entfernen und das Genre dies deshalb, anders als bei anderen Liebesgeschichten, nicht so sehr in den Fokus stellt. Deshalb ist es wirklich nur ein ganz kleiner Kritikpunkt.
Fazit:
Ich mochte die überraschende Tiefe der Geschichte. Die starke Dynamik zwischen den Protagonisten und ihre Entwicklung, die sich logisch bis zum Ende zog. Mir gefiel ist, wie hier Dark Romance Elemente ganz natürlich eingebaut wurden, geradezu aufklärend und ich war geflasht von den vielen Tropes, die dennoch ein stimmiges Gesamtbild abgeben. Ein wenig schade fand ich, dass die beiden Protagonisten doch sehr unter sich bleiben und man wenig Zugang zu den Nebenprotagonisten bekam. Aber das kann man auch auf das Genre schieben. Ansonsten eine wirklich tolle Geschichte, die ich sehr schnell gelesen habe!
4 von 5 Sterne von mir.