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Veröffentlicht am 12.08.2024

Tolles und wichtiges Buch mit vielen Denkanstößen

Kim Jiyoung, geboren 1982
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Kim Jiyoung ist Mitte dreißig und lebt in einem Vorort von Seoul mit ihrem Mann und ihrem kleinen Baby. Sie hat, wie es üblich ist, ihren Job aufgegeben um für ihr Baby voll als Mutter da zu sein. Bald ...

Kim Jiyoung ist Mitte dreißig und lebt in einem Vorort von Seoul mit ihrem Mann und ihrem kleinen Baby. Sie hat, wie es üblich ist, ihren Job aufgegeben um für ihr Baby voll als Mutter da zu sein. Bald verhält sie sich jedoch immer seltsamer: sie schlüpft in Rollen von Frauen aus ihrem Umfeld, ihre Persönlichkeit scheint sich zu spalten. Sie wird zum Psychiater geschickt, aus dessen Sicht die Geschichte rund um Kim erzählt wird.

Das Cover ist für mich schon sehr gut gestaltet, zeigt es doch eine Frau "ohne Gesicht". So fühlt sich auch die Protagonistin allzu oft. Außerdem sticht die Farbe Rot heraus und zeigt die Wichtigkeit und das Alarmierende der Geschichte.
Beim Lesen bleibt immer eine gewisse Distanz zur Protagonistin, auch die nüchterne Erzählweise des Psychiaters tragen dazu bei. Cho Nam-Joo möchte das Leid von Millionen Frauen auf der ganzen Welt aufzeigen - es soll hier gar nicht so sehr um die Geschichte von Kim Jiyoung als Person gehen. Sie steht vielmehr stellvertretend für das Frauenbild in der heutigen Gesellschaft, allen voran in Korea.
Der Psychiater zeichnet ein Bild von Kims Vergangenheit, ihrer Erziehung und ihrer Umwelt, aber auch von ihrem Eltern und deren Herkunft. Untermauert wird dies durch eingestreute Fakten und Statistiken, die der Erzähler immer wieder anführt. Von der koreanischen Gesellschaft und dem Land an sich wusste ich bis dahin nicht viel. Dies hat sich mit dem Buch geändert und man hat das Gefühl, um viele Jahrzehnte in der Zeit zurückgeworfen zu sein. Die Geschichte ist jedoch aktuell und wiederholt sich tagtäglich auf der ganzen Welt.
Kim macht, was von ihr verlangt wird: sie erfährt gute Bildung, heiratet, bekommt ein Kind. Alles in allem ein "normales" Leben, aber schnell merkt man, dass sie spätestens nach der Geburt kurz vor dem Zusammenbruch steht und unter dem Druck der Gesellschaft zerbricht.

Die Geschichte hat mich berührt und lässt mich nachdenklich, aber auch wütend zurück. Wir in Deutschland scheinen vermeintlich alles richtig zu machen, aber auch hier gibt es noch genügend Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen in der Gesellschaft. Über das Buch muss gesprochen und diskutiert werden, es behandelt ein so wichtiges Thema der heutigen Zeit. Von mir eine klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 08.08.2024

Wichtiges Buch über die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft

Drei Wünsche
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Drei Frauen um die dreißig treffen im Wartezimmer eines Frauenarztes zusammen. Rebecca möchte gerne ein Kind bekommen, möchte aber auch ihre Karriere behalten und voran treiben. Maxie hat als verheiratete ...

Drei Frauen um die dreißig treffen im Wartezimmer eines Frauenarztes zusammen. Rebecca möchte gerne ein Kind bekommen, möchte aber auch ihre Karriere behalten und voran treiben. Maxie hat als verheiratete Frau eine Affäre mit einem deutlich älteren Mann. Helena bekommt zwei Nachrichten, die ihr Leben durcheinander bringen und ihr bewusst machen, dass wir auf viele Dinge im Leben keinen Einfluss haben.

Da ich selbst vor dem Lesen gerade 30 Jahre alt geworden bin, habe ich mich erst recht gerne in die Geschichte gestürzt. Und was soll ich sagen - sie hat mich umgehauen!
Auf knapp 350 Seiten porträtiert Laura Karasek die Frauen der Genration Y in all seinen Facetten. Alle drei Protagonistinnen haben ihre Probleme: reicht meine Karriere mit 30 Jahren? Will ich ein Kind und Eigenheim? Fange ich nochmal ganz von vorne an und brauche ein Abenteuer?
Im ersten Teil werden die drei Protagonistinnen abwechselnd dargestellt, hauptsächlich in Form von Monologen. Man begleitet die drei Frauen bei ihren Handlungen und Gedanken als stiller Beobachter, was mir die Charaktere nochmal näher gebracht hat. Auf viele Situationen blickt man deshalb auch distanziert, weil man nur zuschaut als Leser. Laura Karasek gelingt es unheimlich gut, das alles so darzustellen, dass es nicht gekünstelt oder bewertend klingt. Vielmehr beschreibt sie es so, dass sich wahrscheinlich jede Frau in der ein oder anderen Situation wieder finden kann.
Helena, Maxie und Rebecca begegnen sich dann alle beim Frauenarzt und kommen ins Gespräch. Sie durchleuchten ihre jeweiligen Lebenssituationen und kommen in den Dialog - ohne den anderen etwas aufzudrängen oder sie in eine Schublade zu stecken.
Allgemein gefällt mir der Schreibstil von Laura Karasek unglaublich gut, unaufgeregt und sprachlich einmalig schafft sie es, die Geschichte sowohl der drei Frauen als auch der Frauenrolle in unserer Gesellschaft brillant zu erzählen. Im Buch wird viel mehr erzählt als die Geschichte von drei Frauen: es geht um die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft, den Druck, der auf Frauen lastet, um Alltagssexismus, Schubladendenken und vieles mehr. Oft habe ich mich in einigen Situationen und Gedanken der Protagonistinnen selbst wieder gefunden.

Ein brillantes und wichtiges Buch für jede Frau, in jeder Generation, zeigt es doch auf, was es heißt, heute Frau zu sein. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen!

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Veröffentlicht am 07.08.2024

Seichte Liebesgeschichte mit etwas Luft nach oben

Heartbreak
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Maries Freund verlässt sie ohne Vorwarnung nach einem Jahr Beziehung. Da sie ohnehin schon sehr introvertiert und verschlossen ist, ist das ein Schlag ins Gesicht. Die zweite Hauptfigur Tom, ein aufgehender ...

Maries Freund verlässt sie ohne Vorwarnung nach einem Jahr Beziehung. Da sie ohnehin schon sehr introvertiert und verschlossen ist, ist das ein Schlag ins Gesicht. Die zweite Hauptfigur Tom, ein aufgehender Stern am Musikhimmel, steht plötzlich allein und ohne Karriere da wegen eines Unfalls mit einem Hund bei einem Filmdreh. Marie und Tom finden durch Zufälle zueinander.

Im Laden hätte ich nicht sofort zu dem Buch gegriffen, weil das Cover für mich nicht heraussticht. Es passt aber zum Buch, da die Leuchtreklame und die Landschaft auf die Geschichte verweisen.
Ich hatte vorher noch nichts von Tarcan Bagci gelesen und war ganz gespannt, als das Buch in einem Podcast besprochen wurde. Vom Klappentext her hätte ich mir mehr vom Buch erhofft: eine Geschichte eines Neuanfangs, Liebe und Einsamkeit. Leider konnte mich das Buch in der Hinsicht nicht überzeugen. Man wird sowohl mit Tom als auch Marie nicht wirklich warm. Tom ist egozentrisch, ichbezogen und nicht wirklich zugänglich. Oft habe ich seine Taten und Sichtweisen nicht nachvollziehen können. Marie wirkt sympathischer, auch dass sie Medikamente gegen psychische Erkrankungen einnimmt, lässt sie in einem emotionaleren Licht dastehen. Sie ist verletzlich, schüchtern und braucht lange, bis sie einen Zugang zu Anderen findet. Als sich Marie und Tom begegnen dachte ich, jetzt nimmt die Geschichte mehr an Fahrt auf, Gegensätze sich an usw. Es passiert auch einiges an Absurditäten, Zufällen und Begegnungen. Dieser Teil hat mich mehr überzeugt. Aber auch hier fehlte mir der Tiefgang der Figuren und der Handlung. Man hätte als Leser noch viel weiter in die Emotionen eintauchen können.

"Heartbreak" ist eine schöne Geschichte, die man auch mal zwischendurch lesen kann, allerdings hat mich die Geschichte nicht sehr berührt oder hallt nach, weil sie mehr vor sich hin plätschert.

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Veröffentlicht am 06.08.2024

Verstörend, unbequem und wichtig

All das zu verlieren
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Adèle hat eigentlich das perfekte Leben: sie lebt mit ihrem Mann, der erfolgreicher Arzt ist und ihrem kleinen Sohn in einem guten Viertel in Paris. Sie selbst ist Journalistin bei einer großen Pariser ...

Adèle hat eigentlich das perfekte Leben: sie lebt mit ihrem Mann, der erfolgreicher Arzt ist und ihrem kleinen Sohn in einem guten Viertel in Paris. Sie selbst ist Journalistin bei einer großen Pariser Tageszeitung. Ihr Mann kümmert sich liebevoll um sie und ihren Sohn, macht ihr teure Geschenke und Reisen. All das reicht Adèle nicht. Sie langweilt sich und sucht das Abenteuer und den Kick in Alkohol, Drogen und besonders in Sex mit anderen Männern.

Adèle steht buchstäblich am Abgrund, sie versucht, ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter gerecht zu werden, aber auch ihr Leben im Rausch mit Alkohol, Drogen und dem Sex mit anderen Männern aufrecht zu erhalten. Man wird nicht so wirklich warm mit ihr, vielleicht auch deshalb, weil ihr Leben sich von den meisten der Leser so sehr unterscheidet. Ich wurde in Adèles Strudel mitgerissen aus verschiedensten Emotionen: ihrer Zerrissenheit, ihrer Sucht und ihrer Verzweiflung. Als Leser ist man abgestoßen von ihrer Stumpfheit und Sucht, andererseits auch fasziniert, weil es eben so verstörend und unbequem ist. Man verzweifelt regelrecht mit, weil man Adèle gerne schütteln möchte, dass der Sex und die Körperlichkeit eben nicht reichen und ihren Hunger auf mehr stillen werden. Manche Passagen kann man beim Lesen kaum aushalten und ich musste das Buch auch ein paar Mal beiseite legen, weil es verstörend war.
Das Buch ist im ersten Teil aus Adèles Sicht geschrieben, was einen als Leser noch mal mehr abholt und in ihr Leben zieht. Da das Buch keine richtigen Kapitel hat, war es mitunter ein bisschen holprig zu lesen. Der zweite Teil steht dann im Kontrast dazu, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Das Ende konnte mich leider nicht wirklich überzeugen, weil es offen ist und zu viel Spielraum für Interpretationen lässt.

Vom Klappentext her hätte ich eine andere Geschichte erwartet. Für mich war es überraschend, dass es vorrangig um Adèles Nymphomanie geht, ein wichtiges Thema, von dem ich so noch kein Buch gelesen habe. "All das zu verlieren" ist kein einfaches Buch, nichts zum "Mal-eben-Lesen" oder für zwischendurch. Es hallt nach und lässt den Leser nachdenklich zurück, aber gerade da liegt der Reiz, es trotzdem nicht zur Seite zu legen.

Von mir eine Leseempfehlung für alle, die kein einfaches Buch suchen und gerne von menschlichen Abgründen lesen.

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Veröffentlicht am 05.08.2024

Spannungsgeladener Thriller mit unerwarteten Wendungen

SCHWEIG!
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Ein Tag vor Heiligabend: Esther hat eigentlich genug um die Ohren, das Weihnachtsfest mit ihrer Familie vorzubereiten. Sie plagt allerdings das schlechte Gewissen, ihre jüngere Schwester Sue nach deren ...

Ein Tag vor Heiligabend: Esther hat eigentlich genug um die Ohren, das Weihnachtsfest mit ihrer Familie vorzubereiten. Sie plagt allerdings das schlechte Gewissen, ihre jüngere Schwester Sue nach deren Scheidung allein zu lassen. Sue wohnt allein in einem riesigen Haus mitten im Wald. Kurzerhand macht sich Esther auf den Weg, "nur mal kurz" vorbeizuschauen. Die Schwestern kommen nach langer Zeit wieder ins Gespräch - und dabei kommen immer mehr Details und Konflikte aus der Kindheit und der Beziehung der beiden ans Tageslicht. Die Lage spitzt sich zu und eine Person wird das Haus nicht lebend verlassen...

Schon des Covers wegen war ich von dem Buch begeistert. Die Bäume mit ihren Wurzeln spiegeln perfekt die Kulisse des Thrillers wieder - und dass die Probleme ganz tief in der Erde versteckt sind.
Das Buch ist abwechselnd aus der Sicht von Sue und Esther geschrieben. Hier liegt auch die Besonderheit für mich: jede der Schwestern hat ihre Kindheit und ihre Beziehung zueinander völlig unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet. Esther, manipulativ, narzisstisch und fordernd, möchte als große Schwester alles richtig machen und "sorgt" sich vermeintlich um jeden - man erfährt jedoch, dass sie stets die Kontrolle über alles und jeden haben möchte. Sue erscheint zunächst sympathischer, jedoch trägt auch sie zu der mehr als toxischen Beziehung bei.
Judith Merchant gelingt es unglaublich gut, die düstere Atmosphäre zwischen den beiden Schwestern zu umschreiben. Nach und nach wird die Toxizität sichtbar, die seit frühester Kindheit zwischen den beiden steht. Der Spannungsbogen ist unheimlich gut gelungen und ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Lage spitzt sich immer weiter zu und als Leser wartet man gespannt auf das Ende, das jedoch anders ausfällt als man am Anfang erwartet.
Der Schreibstil ist gut zu lesen, da die Kapitel jeweils aus der Ich-Perspektive dargestellt sind, bekommt man so auch direkte Einblicke in Esthers und Sues Sicht. Ich habe immer wieder beim Lesen geschwankt, wer von beiden nun eigentlich Schuld an der Beziehung ist. Da sich die Konflikte in der Kindheit und als Erwachsene immer weiter aufschlüsseln, fällt das zunehmend schwerer. Vor allem das Ende hat mich umgehauen!

Von mir eine klare Empfehlung für alle, die einen psychologisch spannenden und gut konstruierten Thriller suchen.

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