Sehr zu empfehlendes Jugendbuch was sich auch schwierigen Themen nähert…
Um 180 GradFür eine im jugendlichen Leichtsinn und durch Gruppendynamik begangene Dummheit wird der vierzehnjährige Lennard zur Rechenschaft gezogen. Während seine Kumpels durch Beziehungen bzw. reiche Eltern recht ...
Für eine im jugendlichen Leichtsinn und durch Gruppendynamik begangene Dummheit wird der vierzehnjährige Lennard zur Rechenschaft gezogen. Während seine Kumpels durch Beziehungen bzw. reiche Eltern recht glimpflich davonkommen, hat seine Mutter die Idee einer Lesepatenschaft im Altenpflegeheim. Für ein Jahr wöchentlich einmal soll er der alten Frau Silberstein Gesellschaft leisten, indem er ihr vorliest. Verständlicherweise ist er darüber nicht begeistert und lässt seinen Unwillen die alte Dame auch spüren. Körperlich geschwächt und müde durchschaut sie jedoch mit ihrem blitzscharfen Verstand sowie ihrer Lebenserfahrung Lennard sofort und es gelingt ihr damit, sein Vertrauen zu gewinnen. Beide Seiten nähern sich an und beginnen voneinander zu lernen. Und Frau Silberstein hat eine wichtige Botschaft: sie ist eine Überlebende des Holocaust…
Neben diesem „Hauptthema“ gibt es noch viele Aspekte im Leben eines Jugendlichen die dieses Buch so vielschichtig machen wie beispielsweise die Probleme der Pubertät und die erste Liebe, Konflikte unter Freunden und in der Familie (neben den ganz normalen Familienstreitigkeiten auch Alter und Demenz) als auch ein unüberlegter Diebstahl.
Das Buch hat mich richtig in seinen Bann gezogen. Es ist faszinierend Lennart dabei zu begleiten wie er einen regelrechten Reifeprozess durchlebt. Der Kontakt zu Frau Silberstein, die keine näheren Verwandten mehr hat, bringt ihn dazu, manche Dinge mit anderen Augen zu sehen und zu werten.
Sehr behutsam und gefühlvoll beschreibt Julia C. Werner die Annäherung und den positiven Einfluss Frau Silbersteins auf Lennart hat. Die - leider oft - oberflächlichen Interessen bzw. Lebenseinstellungen der Jugendlichen werden hier mit seinen Freunden Samuel und Pascal sehr deutlich.
Der Schreibstil als auch die Formulierungen sind für ein Jugendbuch sehr gelungen. Es wird nicht mit „erhobenem Zeigefinger“ diktiert, sondern der Leser wird (unmerklich) eingeladen sich in die (Gefühls)Welt Lennards zu versetzen. Ich denke, dies ist eine sehr wichtige Grundlage für ein Buch, das die jugendlichen Leser ansprechen soll, das Buch zu Lesen weil man möchte – und nicht, weil man muss.
So wichtig wie es ist, dass sich die nachfolgenden Generationen mit dem schwierigen Thema Krieg und Holocaust auseinandersetzen, genauso wichtig ist es meines Erachtens, sie damit auch nicht zu überfordern. Ein striktes Faktenwissen, wie teilweise im Geschichtsunterricht praktiziert erscheint mir dazu ungeeignet. Meiner Meinung nach, spricht dieses Buch die beabsichtigte Zielgruppe viel besser an und das vorgeschlagene Alter ist gut geeignet, jedoch ist es auch für Erwachsene empfehlenswert.
Mich hat „Um 180 Grad“ sehr berührt und ich empfehle es sehr gerne weiter!!