Profilbild von Talisha

Talisha

Lesejury Star
offline

Talisha ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Talisha über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2026

Lieber nur was trinken

Richtig gutes Essen
0

Nitanis "Leidenschaft für Literatur", wie es am Ende im Klappentext steht, kommt im Roman gar nicht rüber. Er erzählt davon einmal. Dass er ein Buch liest, das wird auch nur einmal erwähnt - irgendwann ...

Nitanis "Leidenschaft für Literatur", wie es am Ende im Klappentext steht, kommt im Roman gar nicht rüber. Er erzählt davon einmal. Dass er ein Buch liest, das wird auch nur einmal erwähnt - irgendwann über die Neujahrsfesttage scheint er gelesen zu haben. Ansonsten ist Nitanis Leben eintönig: er arbeitet viel, isst Instant-Nudeln, und spielt zuhause am Handy oder Computer rum. Mit seinem "Frauenbesuch" geht er entweder essen (Oshio) oder lässt sich bekochen (Ashikawa). Letzteres ist ihm lästig, aber genauso wie im Büro, getraut er sich nichts zu sagen, ausser dass es "lecker" ist.

Mit dieser japanischen Mentalität des "nicht sagen, was man denkt, nur nett nicken" kann ich gar nichts anfangen. Das ist mir zwar jeweils von Vornherein schon bewusst, wenn ich Romane von asiatischen Autor:innen lese - weshalb ich diese auch nur selten in die Hand nehme, ich muss aber innerlich jedes Mal den Kopf schütteln darüber. Auch dieser Roman von Junko Takase trieft von dieser speziellen Mentalität, aber er war trotzdem unterhaltend und auf eine gewisse Weise auch subtil humorvoll.

Die soziale Dynamik am Arbeitsplatz ist in "Richtig gutes Essen" zentral, wie es auch in hiesigen Breitengraden der Fall ist, aber halt eben zusätzlich mit diesem oben genannten grossen kulturellen Unterschied. Dennoch hätte ich hier der Büromannschaft eins um andere Mal gerne zugerufen: seid doch endlich mal offen und ehrlich! Sagt dem Chef, dass ihr nicht zum Essen mitkommen wollt und sagt Ashikawa, dass sie euch mehr unterstützen würde, wenn sie wie ihr abends länger arbeiten würde, anstatt so oft zu fehlen. Sagt ihr, dass sie viel zu oft Selbstgebackenes mitbringt. Dass sie ihre vielen Fehlstunden nicht mit Zucker und Mehl aufwiegen kann. Dass sie als Konditorin vielleicht glücklicher wäre als bei ihrer Arbeit im Büro.

Hinter die Fassaden der Charaktere sieht man nur bis zu einem gewissen Grad, aus unserer europäischer Sicht zumindest, vielleicht ist es ja für japanische Verhältnisse schon sehr offen geschildert. Das Ende des Romans lässt verschiedene Überlegungen zu, so dass man nicht weiss, ob Nitanis letzter Satz ernst gemeint ist und er das Gesagte umsetzen will oder nicht. (Falls ja: selbst Schuld!) Oshio fand ich von allen Figuren am ehrlichsten, obwohl ich ihr Benehmen auch nicht ganz verstand.

Was das richtig gute Essen angeht, erging es mir ein wenig wie Nitani: egal, was aufgetischt wurde, es liess mich erstaunlicherweise kalt, die Instantnudeln - eigentlich nur was für den Notfall - machten genauso wenig den Mund wässrig wie Ashikawas Torten, von zu Hause mitgebrachtes Bento oder das Essen in den Izakayas und anderen Restaurants. Das einzig Kulinarische, was mich neugierig gemacht hat: was ist das für ein Grüntee, der sogar spätabends getrunken wurde?

Fazit: "Richtig gutes Essen" ist ein für mich typisch japanischer Roman: er ist zwar unterhaltend, aber distanziert und beobachtend erzählt. Wäre der Roman eine Speisekarte im Restaurant: ich würde mir nur etwas zu trinken bestellen und beobachten, was die anderen so essen. So lässt sich der Roman gut lesen, wer mehr erwartet, soll doch lieber Zuhause bleiben und selbst kochen - oder sich wie Nitani Wasser für seine Instannudeln aufsetzen.
4 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 21.04.2026

Hat mich der Mann im Bild eben angeschaut?

Zwei in einem Bild
0

Plötzlich verändert der auf dem Kunstwerk lesende Mann seine Haltung - das kann doch gar nicht sein! Hat er mich eben angeschaut oder geht meine Fantasie mit mir durch? Diese und ähnliche Fragen stellt ...

Plötzlich verändert der auf dem Kunstwerk lesende Mann seine Haltung - das kann doch gar nicht sein! Hat er mich eben angeschaut oder geht meine Fantasie mit mir durch? Diese und ähnliche Fragen stellt sich Claire, die neue Putzfrau im Museum, als sie in "ihrem" Raum putzt.

Wer von uns hat sich nicht auch schon vorgestellt, wie es ist, wenn in die Bilder an der Wand Bewegung kommt? Seit einigen Jahren gibt es solche bewegten Filme und multisensorische Kunstausstellungen, in denen wir das Leben im und neben dem Bild wahrnehmen können. Die schaue ich ich mir immer gerne an, weswegen auch klar war, dass ich "Zwei in einem Bild" unbedingt lesen möchte.

Morgan Pager geht mit ihrem Roman sogar noch einen Schritt weiter als die immersiven Ausstellungen: einige Tage, nachdem Claire sich die oben genannten Fragen stellte, lässt die Autorin ihre Protagonistin in das Bild hinein steigen und sich mit den abgebildeten Personen darauf unterhalten und noch viel mehr erleben.

Neben der Entdeckung weiterer Kunstwerke und ihrer Figuren beschäftigen sich die Protagonisten, Claire und Jean Matisse, auch mit dem Zeit- und Kulturunterschied von etwa hundert Jahren. Die Zeit, in der das Bild gemalt wurde und die Zeit, in der Claire lebt. Jean fragt sich zum Beispiel, welchen Nutzen dieses langeckige Kästchen, das die Menschen seit mehren Jahren in der Hand halten, wohl haben mag.

Die kleine Flucht aus dem Alltag, die wir uns manchmal wünschen, wird Claire von der Autorin gegönnt und auch wenn Claire oft einfach in den Bildern bleiben möchte, meistert sie es hervorragend in beiden Welten zu leben und trotzdem mit beiden Beinen in der Realität zu stehen.

Mir hat enorm gefallen, wie beide Seiten gleich gut gezeichnet wurden, die reale, Welt, in der Claire lebt, und die von Jean und Co. Ich würde gerne einige eindrückliche Beispiele nennen, doch dann müsste ich spoilern und das will ich nicht. Der Roman überrascht nämlich auch immer wieder durch neue Twists, die man nicht vorhersehen kann.

Wie immer bei solchen fantasievollen Geschichten bin ich jeweils extrem gespannt auf das Ende, auch das gelingt Morgan Pager perfekt. Mit diesem Roman ist ihr ein wundervolles Debüt gelungen, der Schreibstil und die Geschichte überzeugen.

Jede Person, die diesen Roman gelesen hat, wird Museen in Zukunft anders betreten und die darin hängenden Bilder genauer betrachten, denn vielleicht, vielleicht sitzt die Krawatte oder liegt das Halstuch der gezeichneten Figuren beim nächsten Besuch tatsächlich nicht mehr ganz akkurat oder das Buch ist nicht mehr auf derselben Seite aufgeschlagen...

Fazit: Ein toller, charmanter Roman, der noch sehr lange in Erinnerung bleibt!
5 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2026

Ein Jahreshighlight - toll erzählt

Kleopatra
0

Als Kind war ich mehrmals an einem Strand mit wunderbarem Sand, ganz rund waren die Sandkörner. Diesen kleinen Strand nannte man Kleopatra-Strand - nach einer ägyptischen Königin, die hier gebadet haben ...

Als Kind war ich mehrmals an einem Strand mit wunderbarem Sand, ganz rund waren die Sandkörner. Diesen kleinen Strand nannte man Kleopatra-Strand - nach einer ägyptischen Königin, die hier gebadet haben soll. Seither hab ich sie immer im Kopf, diese sagenumworbene Kleopatra.

Geschichten über die Pharaonin gibt es viele, meist von Männern des Patriarchats verfasst. Deshalb freute ich mich, dass Autorin Saara el-Arifi dieser Frau mit ihrem Roman eine weitere Stimme, eine weibliche Stimme gibt.

Zuerst gibt es eine Anmerkung der Autorin, das, was sonst im Nachwort stehen würde: was historisch verbürgt, was Fiction ist und ob vielleicht Orte oder Zeitpunkte verschoben wurden, damit ihre Erzählung stimmiger ist. Das hat mir schon mal sehr gut gefallen, so weiss man von Anfang an Bescheid.

Die Romanbiografie beginnt um 51 v. Chr., kurz bevor Kleopatras Vater stirbt. Kleopatra ist eine Ptolemäerin und erbt den Thron von ihrem Vater. Sie, nun Pharaonin, erzählt ihr Leben selbst und wendet sich manchmal selbstreflektiv an die Leserschaft. Etwa damit, dass sie erst zu spät bemerkte, dass der Eunuch Potheinos, der bereits ihrem Vater diente, genau wie ihre Schwester Arsinoë, ein falsches Spiel spielt.

Dieser Erzählkniff hat mir mir sehr gut gefallen, es ist ein wenig so, als ob sie auch heute noch lebt und ihre Sicht auf die Zeitzeugen mit uns teilt. So ähnlich berichtet es dann auch der Epilog, der zur ganzen Geschichte passt.

Die Autorin zeigt eine sehr menschliche Kleopatra. Eine selbstironische, humorvolle, nachdenkliche und liebende Frau, die Mutter, Königin, Staatsoberhaupt, Geliebte, Schwester ist und laut Familiendynastie auch Göttlichkeit verkörpern soll. Nur ist ihre Gabe, die Heilkunst, für ihre Geschwister keine Göttergabe, was ihr zu schaffen macht. Trotzdem interessiert sie sich sehr für die Heilkunst, wendet ihre Gabe an und lernt viel darüber. Besuche in der Bibliothek von Alexandria - für sie kein Ort, sondern ein "Baum des Wissens" - sind für sie ganz normal. Kein Wunder ist sie am Boden zerstört, als die berühmte Bibliothek abbrennt. Kleopatra setzt alles daran, dass sie so schnell wie möglich wieder aufgebaut wird. Auch ihre Partner Julius Caesar und Marcus Antonius werden nicht nur als römische Herrscher, sondern als Menschen mit Gefühlen dargestellt. In Zukunft werde ich jede Steinstatue von den beiden mit anderen Augen ansehen.

Von Beginn weg hat mich Saara el-Arifi mit ihrem süffigen Schreibstil, der modernen Sprache und der - trotz bekannten - fesselnden Handlung in den Bann gezogen. Sie schreibt bildhaft, so dass man sich das Geschehen nur zu gut vorstellen kann.

Die Freude ist gross, wenn man schon am Beginn des Jahres so einen tollen Roman gelesen hat, der am Ende des Jahres garantiert noch als Jahreshighlight Bestand hat.

Fazit: Stark erzählt - und somit ein Lese-Highlight, das man kaum aus der Hand legen kann.
5 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2026

Zweimal Rudolf - auf ihren Spuren in Bern und Zürich

Lindt & Sprüngli (Lindt & Sprüngli Saga 2)
0

Der zweite Band der "Lindt & Sprüngli"-Trilogie beginnt in Bern. Fortan werden die Kapitel abwechselnd zwischen Bern und Zürich hin- und herspringen.

In Zürich geht die Geschichte der Familie Sprüngli ...

Der zweite Band der "Lindt & Sprüngli"-Trilogie beginnt in Bern. Fortan werden die Kapitel abwechselnd zwischen Bern und Zürich hin- und herspringen.

In Zürich geht die Geschichte der Familie Sprüngli weiter, die Fabrikation wird an die Werd verlegt und Sohn Rudolf, der nach seinen Lehrjahren in Paris wieder nach Zürich zurückkehrt, verliebt sich in Marie Schifferli, eine Katholikin. Damit die beiden heiraten können, steht ein Konfessionswechsel an. Annerösli arbeitet noch immer im Laden, und endlich findet auch sie noch ihr Glück.

In Bern erleben wir zuerst das Aufwachsen der Kinder des Apotheker Lindt: Fanny, Rudolf und weitere Geschwister. Im Gegensatz zum Sprüngli Rudolf hat der Lindt Rudolf mehr Probleme mit seinem Vater, der enttäuscht ist, dass sein ältester Sohn nichts aus sich machen und schon gar nicht studieren will. Aus Rudolf Lindt wird alsbald Rodolphe, so nannte ihn bereits seine welsche Nanny, und nicht nur ihretwegen ein Name, den er gerne annimmt, sondern auch, weil er nach der Schulzeit einige Jahre bei seinen Verwandten, der Familie Kohler, in Lausanne verbringt und in deren Schokoladenfirma mitarbeitet.

In seiner Heimatstadt Bern wartet seine beste Freundin Binia Haab auf ihn. Binia, ein Mädchen aus der Matte, die nicht schlecht staunt, als Rudolphe bei ihnen unten eine alte Fabrik aufkauft und dort seine Schokoladenmanufaktur einrichtet. Er testet an der Schokoladenherstellung herum, verändert mit Hilfe seines Mechanikers Köbi mehrere Maschinen. Bis dann eines Tages das Conchieren endlich so gelingt, wie er sich das vorgestellt hat und er eine zart schmelzende Schokolade in den Händen hält, vergehen viele Jahre voller Arbeit und Testen.

Der Höhepunkt von "Zwei Rivalen, ein Traum" war für mich aber der, als die beiden Namensvetter in Zürich aufeinandertreffen. Rivalen sind sie nicht, zumindest noch nicht in diesem zweiten Band, grosse Träume haben aber beide.

Da ich eine Lesung zu diesem zweiten "Lindt & Sprüngli"-Band besuchte, und Bilder von der Firma Kohler in Lausanne, von Rodolphes Fabrik in der Matte in Bern und welche vom damals neuen Zürcher Standort in der Werd, gesehen habe, konnte ich mir die Schauplätze sehr genau vorstellen.

Fazit: Wie bereits im ersten Band fliegt man durch die Geschichte, da Lisa Graf einen tollen Schreibstil hat und sehr unterhaltsam erzählt.
4 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.03.2026

Wiener Schmäh ja, aber viel zu ausführlich

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels
0

Ich mag es sehr, wenn ich Vea Kaiser an einer Lesung zuhören kann. Sie spricht so lebendig von ihren Figuren und liest grandios, dass man einfach Lust bekommt, ihre Bücher zu lesen. Endlich hab ich dies ...

Ich mag es sehr, wenn ich Vea Kaiser an einer Lesung zuhören kann. Sie spricht so lebendig von ihren Figuren und liest grandios, dass man einfach Lust bekommt, ihre Bücher zu lesen. Endlich hab ich dies auch geschafft, aber ich glaube, meine Buchauswahl hab ich nicht so gut getroffen. Vielleicht hätte ich es eher mit dem "Rückwärtswalzer" oder "Makarionissi" probieren sollen, denn diese beiden Romane sind kürzer als "Fabula rasa", das mit 576 Seiten aufwartet.

Alles hörte sich gut an und fühlte sich beim Lesen am Anfang auch so an. Doch dann merkt man, dass tatsächlich Jahrzehnte vergehen und von den Jahren dazwischen fast ausnahmslos alle erzählt werden.

Der Roman beginnt in den 80er Jahren mit einer jungen Angelika Moser, die das Wochenende in Wiens Kneipen und Clubs krachen lässt und Montags verschlafen in ihrem Büro im Grand Hotel Frohner zur Arbeit antritt.

Die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter, ihre besten Freundin Ingi und die zu, im Laufe der Jahre, mehreren männlichen Lebensabschnittsgefährten werden ausführlich abgehandelt. Ebenso wie die Arbeitsbeziehung zu ihrem Chef, dem Hoteldirektor und auch die zum Junior. Und ganz vieles anderes, oft Nebensächliches, wird lang und breit erzählt.

Alles war so detailhaft und zu ausführlich erzählt, dass die Geschichte deswegen bald langweilig wirkte und mich nicht zu fesseln vermochte. Angelika und andere Charaktere fand ich anfangs noch spannend, aber mit der Zeit ging sie mir auf den Geist und ich konnte oder wollte sie auch nicht mehr richtig fassen.

Angelika beginnt relativ früh dem Direktor zu helfen und eigene Rechnungen zu manipulieren, aber Jahrzehnte vergehen, bis ihr Vergehen auskommt. Im Buch liegen dazwischen gefühlte 500 Seiten, aber das Ende wird im Vergleich zu allem anderen nur äusserst kurz und auf sehr wenigen Seiten abgearbeitet. Der Clou hier liegt wohl an der Geschichte, an Angelikas Leben, selbst und nicht, dass ihr Betrug auffliegt. Das hab ich laut dem Klappentext anders verstanden.

Fazit: Der Wiener Schmäh kommt rüber, keine Frage, doch eine kürzere Zeitspanne wäre hier, für meinen Geschmack, von Vorteil gewesen. Ich werde irgendwann zu einem der oben genannten Bücher greifen und hoffen, dass sie mich mehr überzeugen und unterhalten als "Fabula rasa".
3 Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere