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Veröffentlicht am 17.08.2019

Identitäten

Niemandskinder
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Wer bin ich, woher komme ich und was hat all das mit meinem Stellenwert zu tun? In dem Land, in dem ich lebe, aber auch anderswo?

In seinem Roman "Niemandskinder" verwebt der Österreicher historische ...

Wer bin ich, woher komme ich und was hat all das mit meinem Stellenwert zu tun? In dem Land, in dem ich lebe, aber auch anderswo?

In seinem Roman "Niemandskinder" verwebt der Österreicher historische Entwicklungen und Ereignisse mit Geschehenissen neuerer Art, solchen, die seinem namenlosen Protagonisten der Gegenwart, einem möglichen Alter Ego, zustoßen. Er: ein Wanderer zwar nicht gerade zwischen den Welten, aber doch zwischen Österreich und Frankreich, konkret Paris.

Der sich gedanklich nie ganz von seiner einstigen Liebsten Samira, einer Französin mit marokkanischen Wurzeln, trennen konnte. Ihm begegnet in Österreich, im kleinen Ort seiner Herkunft, Marianne. Nicht persönlich, sondern in Form ihrer Geschichte. Einer Geschichte des Leidens und eines möglichen Stoffes für seinen nächsten Roman. Marianne nämlich ist kurz nach dem Krieg geboren und der Beziehung einer Österreicherin mit einem amerikanischen Soldaten entsprungen. Einem amerikanischen Soldaten.

Auch sie - wie vorher Samira - hadert mit ihrer Identität, wird von anderen aufgrund ihrer Erscheinung abgeurteilt, in eine Schublade gesteckt.

Sie möchte er finden, wobei sich ihre Geschichte mit der Samiras und nicht zuletzt mit der des Protagonisten vermengen und spätestens da wird es mir zu bunt. Oder zumindest zu unkonkret. Denn der durchaus faszininiere Parcours durch Vergangenheit und Gegenwart wird mir stellenweise zu ungenau, vielleicht auch einfach zu persönlich. Ich kann ihr - obwohl in gewählten Worten eindringlich dargestellt - nicht mehr folgen bzw. werde von ihr nicht erreicht. Ein wertvoller Roman, sicher - aber einer, den sich andere Rezipienten vornehmen sollten, möglicherweise solche, die offener sind für den doch sehr emotionalen, poetischen Umgang mit Geschichte und Gegenwart. Lesern, die den "Niemandskindern" bis zum Schluss folgen, in deren Spur bleiben können und nicht wie ich irgendwann ausscheren und sich in der Geschichte verlieren.

Veröffentlicht am 16.08.2019

Ophelia lebt sich ein

Die Spiegelreisende 2 - Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
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auf Pol und auf der Himmelsburg - oder doch nicht? Denn es ist sehr verwirrend für sie - nachdem sie sich nicht mehr als Bedienstete verstecken muss, sondern als sie selbst auftreten kann, geht ...

auf Pol und auf der Himmelsburg - oder doch nicht? Denn es ist sehr verwirrend für sie - nachdem sie sich nicht mehr als Bedienstete verstecken muss, sondern als sie selbst auftreten kann, geht ein Hauen und Stechen los, das sie sich so wohl kaum vorgestellt hat. Jeder gegen jeden - so scheint es. Und sie und ihr Verlobter Thorn mittendrin.

Abgesehen davon ist ihr Verhältnis immer noch mehr als kühl, was vor allem auf Thorns sehr eigenartiges Verhalten zurückzuführen ist.

Insidergerede meinerseits? Nun ja, aber wir befinden uns ja auch schon im zweiten Teil der Saga, also mittendrin im Epos um die Spiegelreisende von der Arche Anima und den Intendanten der Arche Pol. Anders kann man da kaum drauf zugehen, denn es ist, wie es ist: zu diesem Zeitpunkt steckt der Leser mittendrin und hat auf jeden Fall bereits die Entscheidung getroffen, sich auf diese Story voll einzulassen. Wer so weit gelesen hat, will auch die ganze Geschichte, also alle vier Teile.

Wobei diesmal Ophelias Verwandte von Anima anreisen und eine Hochzeit erwarten - aber wird diese tatsächlich stattfinden? Denn es sind eine ganze Reihe durchaus hochgestellter Personen aus der Himmelsburg verschwunden - die Lage spitzt sich immer weiter zu. Und wird Berenilde ihr Baby in Frieden gebären können? Fragen über Fragen - dabei so spannend zu lesen wie bereits der erste Teil.

Diese intelligente Fantasygeschichte macht wirklich Spaß, denn sie spinnt die politischen Intrigen von uns Erdenbürgern weiter bis ins Unendliche - Autorin Christelle Davos gelingt es aufs Prächtigste, politische Ränge und Verschwörungen, aber auch Alleingänge zu karrikieren und in eine andere Welt zu übertragen. Ein Epos, das nicht nur Jugendliche lieben werden, sondern alle, die sich gerne mal die ein oder andere neue Welt erschließen - wenn diese schlüssig und sinnvoll konstruiert ist und mit Stil und Humor dargeboten wird. All das schafft Christelle Davos mit ihrer Spiegelreisenden!

Veröffentlicht am 12.08.2019

Hauptsache Sex!

Großmutters Haus
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Das lernt Malina von ihrer Großmutter Kristyna, die ihr Alter genießt, lebt, wie sie will und ganze Armaden williger Herren - oder soll ich sagen, Kerle - in ihr Bett lässt. Wenn ich richtig verstanden ...

Das lernt Malina von ihrer Großmutter Kristyna, die ihr Alter genießt, lebt, wie sie will und ganze Armaden williger Herren - oder soll ich sagen, Kerle - in ihr Bett lässt. Wenn ich richtig verstanden habe, allerdings hintereinander, nicht gleichzeitig. Malina hat ihre Großmutter seit Jahren nicht mehr gesehen, dachte eigentlich, sie sei tot. Eine Sendung Kristynas an die Enkelin bringt diese wieder zurück in ihr Leben - sie begibt sich auf die Suche und findet Kristyna an einem faszinierenden Ort: in einem Haus mitten im Wald, einem kleinen Idyll sozusagen.

Malina fühlt sich fast wie in einem Märchen, gefangen von der Oma und ihrem Umfeld. Kristyna, Herrin über eine Cannabis-Plantage, soll als lebensklug, weise und wegweisend rüberkommen - Malina, die gerade an einem Scheideweg angelangt ist, erfährt in den zwei Wochen, die sie bei ihr verbringt, von ihr, wo es langgeht - im wahrsten Sinne des Wortes. Die Anregungen der Älteren laufen alle darauf hinaus, maximalen Genuss zu erzielen. Sozusagen Sex aus allen Lebenssituationen herauszufiltern.

Eine Frau, die so lebt, so denkt? Man sollte sich vor Augen halten, dass hier ein Mann schreibt, der sich an das Tiefste, das Innerste von gleich zwei Protagonistinnen heranwagt. Der also in die Frauen - eine jung, die andere schon älter - hineinschaut. Aus meiner Sicht ist ihm das nicht gelungen. Überhaupt gar nicht. Ich finde, er schreibt so, wie ein Mann eine Frau sehen und haben will. Denn Kristyna denkt und spricht wie ein lustbetonter Mann. Oder wie das Klischee eines solchen. Und Malina ist eine mehr oder weniger gefügige Elevin. Finde ich. Und ärgere mich ziemlich über diesen Roman, der zwar einige schöne Sätze, aber keine - für mich - wertvollen Gedanken, Erfahrungen, Erkenntnisse und/oder Botschaften enthält.

Veröffentlicht am 11.08.2019

Jelena - Lena - Füchschen - Elena - Baba

Die Leben der Elena Silber
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Das sind die Namen, mit denen die Protagonistin im Laufe ihres Lebens benannt wird - abhängig von den Zeiten und denen, die sie ansprechen. Geboren 1902 wurde sie Jelena getauft und Lena genannt, ...

Das sind die Namen, mit denen die Protagonistin im Laufe ihres Lebens benannt wird - abhängig von den Zeiten und denen, die sie ansprechen. Geboren 1902 wurde sie Jelena getauft und Lena genannt, "Füchschen" war der Kosename ihrer großen Liebe für sie, zu Elena wurde sie in Deutschland. Und "Baba" war sie für ihre Enkel - ein Name, den sie hasste.

93 Jahre alt ist sie geworden - ein langes Leben, dennoch beginnt ihr Enkel Konstantin erst lange nach ihrem Tod zu recherchieren über sie und die Vergangenheit seiner Familie, die aus Berlin, wo Elena, ihre vier Töchter und deren Familien nach dem Krieg jahrzehntelang lebten, über Leningrad, Moskau und Nishni Novgorod bis nach Gorbatow an der Wolga zurückführt. Dort stand Elenas Wiege, dort wurde ihr Vater 1905 als früher Revolutionär aus dem Weg geräumt.

Mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Tod versucht Konstantin ihrem Leben, seiner Familiengeschichte, nachzuspüren? Was wurde aus seinem Großvater, dem Deutschen Robert Silber, der nach dem Krieg spurlos verschwand? Warum versteht sich seine Mutter nicht mit ihren Schwestern? Wie erging es seiner Großmutter als Kind, als junger Frau im fernen Russland, in der Sowjetunion? Und warum weiß er kaum etwas über die Verwandten in Berlin, in seiner Stadt? Einige wenige der vielen Fragen, die ihn umtreiben.

Der Autor Alexander Osang pflegt einen eindringlichen und gleichzeitig unterhaltsamen Stil. Trotz erheblicher Längen und gelegentlicher Redundanzen fiel mir die Lektüre leicht. Nur im Nachhinein habe ich mich gefragt, was denn nun genau die Erkenntnis aus diesem Roman ist. Erschütternd war es für mich zu erkennen, dass ich keine gewonnen habe! Ich bin Elena und ihrer zerfahrenen, zerfaserten Familie emotional kaum näher gekommen und bin mir sicher, dass sie und Konstantin ebenso wie die anderen Menschen um sie herum schon bald wieder aus meiner Wahrnehmung verschwinden werden. Ein gefälliger Roman ohne Botschaft. Ich bereue nicht unbedingt, ihn gelesen zu haben, aber andererseits war es auch kein Gewinn.

Veröffentlicht am 11.08.2019

Eine Reise ganz, ganz weit in den Norden Europas

Insel der blauen Gletscher
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nämlich nach Spitzbergen macht der Leser dieses opulenten Romans - und noch viel mehr! Was dahintersteckt? Nun, die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen - zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart.

So ...

nämlich nach Spitzbergen macht der Leser dieses opulenten Romans - und noch viel mehr! Was dahintersteckt? Nun, die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen - zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Gegenwart.

So gibt es gleich zwei Protagonistinnen: die junge Emilie, die wir 1907 im heimatlichen Elberfeld, heute Wuppertal antreffen, wo die Tochter eines Industriellen von einem interessanteren, abenteuerlicheren Leben träumt und schließlich tatsächlich als Teilnehmerin einer Gruppe von Forschern in Norwegen landet - allerdings muss sie dafür in die Rolle ihres jüngeren Bruders Max schlüpfen.

Auf der anderen Seite steht Hanna, die 2013 in Bayern von einem Tag auf den anderen vor den Trümmern ihres Ehelebens steht: ihr Mann Thorsten, mit dem sie zwei erwachsene Kinder hat, hat sie aus heiterem Himmel verlassen und sich mit einer jungen Gespielin auf eine einjährige Segeltour begeben. Auch sie zieht es nach Norwegen: sie entschließt sich, in ihren früheren Beruf als Reisereporterin zurückzukehren und nimmt einen Auftrag für einen Bericht über Spitzbergen an.

Der Leser wird pausenlos mit Sprüngen zwischen Gegenwart und Vergangenheit konfrontiert - die Kapitel beleuchten abwechselnd die Geschicke von Hanna in den 2010ern und die von Emilie im Jahr 1907. Ein Wechsel, der durchaus gelungen ist. Vor allem über die Umstände, aber auch über den Zeitgeist, der vor dem 1. Weltkrieg herrschte, erfährt man so einiges. Auch der Kontrast der damaligen Strukturen und Einschränkungen für Frauen in Deutschland zur vergleichsweisen Freiheit eines männlichen &

34;Forscherlebens&

34; ist wirklich sehr gut, bildhaft und einfühlsam dargestellt.

Der Roman hätte aus meiner Sicht gut ein paar Figuren weniger haben können, um sich mehr auf die wirklich Wichtigen und deren Geschichten zu konzentrieren. Auch sonst fand ich, dass die Prioritäten an manchen Stellen ungünstig gesetzt waren. Für mich war der Teil um Emilie mit großem Abstand der interessantere, auf den ich mich aufgrund der wunderbar recherchierten, atmosphärisch geschilderten Details aus früheren Zeiten immer sehr gefreut habe. Hanna mit ihrem plötzlich - hier sprechen wir von einigen wenigen Tagen - erfolgten kompletten Lebenswandel hat mich eher irritiert. Zudem hätte mich das Schicksal und die Entwicklung einiger Figuren - Emilies fortschrittliche Tante Fanny und ihr Bruder Max, mit dem sie zeitweise die Identität tauschte, waren hier sehr vielversprechend - vor allem 1907 interessiert, dies wurde ein wenig unter den Tisch gekehrt.

Insgesamt aber ein packender und mitreißender Roman mit viel Herz, der Freunden und vor allem Freundinnen langer Schmökerabende herzlich zu empfehlen ist!