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Veröffentlicht am 07.08.2019

Aufbruch zu Neuem, Freieren!

Blumenspiel
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Genau mein Fall - so dachte ich beim ersten Blick auf das Buch. Das Szenario: Wir schreiben das Jahr 1909. Der junge Kunstschmied Heinrich kommt in einer privaten Extremsituation aus dem bergischen Engelskirchen ...

Genau mein Fall - so dachte ich beim ersten Blick auf das Buch. Das Szenario: Wir schreiben das Jahr 1909. Der junge Kunstschmied Heinrich kommt in einer privaten Extremsituation aus dem bergischen Engelskirchen nach Köln, wo er bei einer flüchtigen Bekannten aus der Heimat zur Untermiete wohnen kann. Sie hätte nichts gegen eine richtige Beziehung, aber Henri, wie sich der junge Mann bald nennt, hat nur Augen für die schöne Schneiderin aus der Nachbarschaft. Durch einen Zufall lernt er Hedwig, so heißt sie, kennen und entbrennt mehr und mehr für sie. Auch Hedwig ist ihm zugetan, doch in ihr lodert es - sie träumt von einem anderen, einem freien Leben und weiß auch schon, wo sie es finden wird: in einer Siedlung auf dem Monte Verità in Ancona in der Schweiz, wo ein neues Lebensmodell entwickelt wird.

Henri fühlt sich eigentlich in Köln sehr wohl, ist das Leben dort doch für ihn bereits der Inbegriff der Freiheit. Sowohl Hedwig, ein kölsch Mädsche, als auch seine Wirtin machen ihn mit den vielfältigen Facetten dieser Stadt bekannt und das Herz geht ihm über!

Doch als es Hedwig unwiderruflich in die Schweiz zieht, bleibt er an ihrer Seite, denn für ihn ist der Platz an ihrer Seite das Erstrebenswerteste in seinem Leben. Dort angekommen, erleben sie das neue Leben völlig unterschiedlich. Während Hedwig darin aufgeht, ist Henri ausgesprochen befremdet. Die Situation eskaliert...

Ich habe mich so gefreut auf den Roman, der meiner Heimatstadt Köln und dem interessanten Projekt in Ascona gleichermaßen ein Denkmal der Erinnerung setzt, doch leider wurde ich herb enttäuscht. Nicht durch den Stil des Autors, nein, dieser ist ausgesprochen gefällig und liest sich runter wie Öl und auch die in den Roman eingearbeiteten Informationen zur damaligen Zeit sind durchaus sind durchaus ungewöhnlich und damit spannend. Aber aus meiner Sicht wird hier kein Stimmungsbild, nichts Atmosphärisches transportiert, leider bleibt alles nur an der Oberfläche. Und der Monte Verità kommt als Hort der Laster und als sittenloses Gefüge rüber - und zwar defintiv nicht nur aus Henris Sicht! Leider ist es dem Autor - so finde ich - nicht gelungen, hier das Spannende, Neuartige der Kolonie, das sie für viele Suchende zu einem Ort der Sehnsucht werden ließ, zu transportieren. Viele Begriffe und Informationen werden nur erwähnt, aber nicht näher beleuchtet bzw. in die Handlung eingefügt.

Schade, ich hatte mir so viel versprochen von dieser Lektüre und bin jetzt richtiggehend enttäuscht!

Veröffentlicht am 06.08.2019

Absolut schräg

Letzte Rettung: Paris
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Ähnlich einem Sittenspiel aus vergangenen Zeiten beginnt diese Mutter-Sohn-Story, die als skurril zu bezeichnen eine Untertreibung wäre! Wobei der Autor Patrick de Witt tatsächlich weder Epochen ...

Ähnlich einem Sittenspiel aus vergangenen Zeiten beginnt diese Mutter-Sohn-Story, die als skurril zu bezeichnen eine Untertreibung wäre! Wobei der Autor Patrick de Witt tatsächlich weder Epochen noch Jahreszahlen nennt, wodurch man als Leser lediglich Vermutungen anstellen kann. Jedenfalls spielt sie nicht im Hier und Jetzt, denn außer Telefonen spielt die Kommunikationstechnologie keine Rolle und die Protagonisten reisen per Schiff - eine Zeitspanne zwischen beiden Weltkriegen oder auch nach dem Zweiten Weltkrieg erscheint mir denkbar.

Frances und Malcolm Price leben vom mehr als üppigen Erbe des Ehemannes bzw. Vaters in Saus und Braus, bis dieses komplett aufgebraucht ist. Der Start in ein neues, auf gewisse Weise nicht minder dekadentes Leben in Paris steht an. Die ganze Story um die Schiffsreise des bankrotten Gespanns nach Frankreich und des dortigen Lebens im Kreise alter und neuer Bekannter - die ebenfalls alle einen gehörigen Knall haben, jeder auf seine Art - ist vollkommen absurd, in ihrer Absurdität jedoch durchaus schlüssig. Auch die Begleitung durch einen Kater namens "Kleiner Frank", laut Frances die Reinkarnation ihres längst verstorbenen Gatten ist stimmig und gewinnt innerhalb der Handlung zentrale Bedeutung. Auf recht unvorhersehbare Art und Weise, versteht sich - wie eben alles in diesem Werk unvorhersehbar und auch nicht unbedingt im klassischen Sinne logisch bzw. sofort einleuchtend ist. Doch dem Autor gelingt es, alles übersichtlich zu halten. Auch wenn am Ende so einiges offen bleibt. Gewissermaßen sogar das Wesentliche. Aber selbst das fügt sich stimmig ins Gesamtkonzept.

Eine richtig schräge, aber in sich ausgesprochen stimmige Geschichte, die einerseits fast etwas Märchenhaftes hat, andererseits wieder - auch wenn von einem Amerikaner verfasst - nur so vor britischem Humor strotzt. Ja, die Protagonisten Frances und ihr Sohn Malcolm sind völlig von der Rolle in einer Art, wie man es von den britischen Exzentrikern kennt. In diesen hat - so scheint es - der kanadische Autor Patrick de Witt seine Meister für das vorliegende Werk gefunden.

Ein unterhaltsames, stilistisch ausgefeiltes Werk, das gewissermaßen eine Karikatur seiner selbst ist. Obwohl viele Fragestellungen für den Leser offen bleiben - zumindest ging es mir so - gibt es einen klaren Schluss, der morbider nicht sein könnte. Etwas für Liebhaber von Werken wie Isabel Bogdans "Der Pfau". Wenn es hier auch noch um Einiges extremer zugeht - in vielerlei Hinsicht.

Ein kleiner, amüsanter Roman, der mit seiner Leichtigkeit, ja Unbekümmertheit in gewissen durchaus prekären Situationen fasziniert und ein passendes Geschenk für viele Gelegenheiten ist, wobei man den Adressaten schon gut kennen sollte. Es sollte jemand sein, der für Späße der gehobenen und zugleich extremen Art, aber auch für Extravaganzen und vor allem für Überraschungen zu haben ist. Denn eines ist dies sicher nicht - ein Buch für Jedermann!

Veröffentlicht am 04.08.2019

Mallorca für Nachdenkliche

Und dieses verdammte Leben geht einfach weiter
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Timon und Sunny sind beste Freunde und wollen sich nach dem Abitur auf Mallorca entspannen. Das bedeutet in ihrem jungen Alter: so richtig abfeiern! Unterwegs treffen sie auf Jonas, der völlig verzweifelt ...


Timon und Sunny sind beste Freunde und wollen sich nach dem Abitur auf Mallorca entspannen. Das bedeutet in ihrem jungen Alter: so richtig abfeiern! Unterwegs treffen sie auf Jonas, der völlig verzweifelt scheint und es - wie sich später herausstellt - auch ist. Aus gutem Grund. Sie nehmen ihn mit nach Malle und Timons erste Aktion dort ist, Jonas' Leben zu retten, aus dem dieser freiwillig scheiden wollte. Danach ist natürlich nicht mehr viel mit Party. Nicht nur wegen Jonas. Denn auch Timon und Sunny haben ihr Päckchen zu tragen und - wie sich zeigt - Geheimnisse voreinander. Es dauert eine Weile, bis sie sich einander öffnen und Jonas ist daran nicht ganz unbeteiligt.

Drei junge Menschen, die sich - nach einer ordentlichen Anlaufzeit, natürlich - gegenseitig stützen und dadurch zusammenwachsen - ein schöner Gedanke. Was mir gefällt: die Geschichte hat durchgehend Ecken und Kanten, nichts wird idealisiert, nichts ist "fertig" - wie das Leben eben. Das Leben in einer, nein, drei Extremsituationen, zu denen es aber durchaus kommen könnte, denn das Leben ist ja oft dramatischer und extremer als jede Fiktion!

Ich jedenfalls bin begeistert von diesem Jugendbuch, das ich dennoch nicht jedem Leser empfehle, denn es ist schwere Kost. Als Elternteil, Freund oder Pate sollte man vielleicht dieses Buch vorher selbst lesen bzw. sich Gedanken darüber machen, ob es zu dem Adressaten passt. Wenn das der Fall ist, wird es auf jedenfall eine ungeheure Bereicherung sein, so viel kann ich versprechen! Oder man kauft es bei Interesse direkt für sich selbst, das wird mit Sicherheit niemand bereuen.

Ein einfühlsam, aber nicht zart oder sanft geschriebenes Werk - wobei es durchaus zarte und sanfte Momente gibt, die jedoch immer wieder mit dem Holzhammer unter- bzw. abgebrochen werden - vom Leben selbst. Dass dieses - das Leben eben - unser größter Freund und unser stärkster Feind gleichermaßen sein kann - das illustriert Autor Hansjörg Nessensohn in diesem Roman aufs Eindringlichste.

Ein aufwühlendes und ausgesprochen gelungenes Werk!

Veröffentlicht am 31.07.2019

Hinter der Kulisse

Sunset Beach - Liebe einen Sommer lang
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Sunset Beach, Kalifornien: Reiche Kids am Strand, die ständig mit ihren Autos rumkurven und deren größtes Problem es ist, vor Schulbeginn einen Parkplatz zu bekommen. So kamen mir Abby und ihre Freunde ...

Sunset Beach, Kalifornien: Reiche Kids am Strand, die ständig mit ihren Autos rumkurven und deren größtes Problem es ist, vor Schulbeginn einen Parkplatz zu bekommen. So kamen mir Abby und ihre Freunde zu Beginn des Romans vor - dass sie nun ins letzte Schuljahr kommen und für ihren Abschluss büffeln müssen, scheint Nebensache zu sein.

Denn es schwirren zu viele Hormone in der Luft herum. Auch Leo, der noch in Trauer um seinen Vater und gerade von der Ostküste, rübergezogen, wird gleich davon infiziert. Vielmehr ist es Abby, die ihm sofort den Kopf verdreht. Dabei muss er sich doch eigentlich mit ganz anderen Angelegenheiten befassen, bspw. damit, seinen steinreichen Stiefvater - ja, seine Mutter hat tatsächlich schon wieder geheiratet - kennenzulernen und sich um seine Zwillingsschwester Allegra, die eine ernsthafte Depression hat, zu kümmern.

Auch die so beliebte und ziemlich oberflächlich scheinende Abby hat ihre Problemchen, zu denen nun noch der aufdringliche Leo hinzukommt.

Ein Setting, wie es für einen oberflächlichen Urlaubsschmöker gemacht scheint! Doch wenn der Leser sich damit zufriedengeben möchte, hat er nicht mit der Autorin Kira Licht gerechnet, die sich einfach die Freiheit nimmt, in jedes Genre - auch in Teenieromanzen - Botschaften und eine gewisse Tiefe hineinzubringen. Sie vermittelt Werte wie auch Empathie mit einer Leichtigkeit - man könnte auch sagen, Lässigkeit - die ihresgleichen sucht. Die man quasi gar nicht bemerkt - nur nach der Lektüre ist etwas mit dem Leser passiert. Und zwar denkt er über das Gelesene nach und nicht nur einmal.

Dieser Roman ist - wie alle Bücher von Kira Licht - alles andere als Fast Food. Nur ist sie eine der seltenen Autor*innen, die die Gabe haben, ihre durchaus ernsten Gedanken und Inhalte in ein dermaßen gefälliges Format - eines, das beim Lesen runtergeht wie Öl - zu packen und ihre Leser damit quasi aus dem Hinterhalt zu überfallen! Ich liebe ihren Stil und ihre intelligente Leichtfüßigkeit und hoffe, dass ich mich noch auf viele Werke aus ihrer Feder freuen kann!

Veröffentlicht am 31.07.2019

Ausgesprochen ungemütlich

Wo die Freiheit wächst
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Nein, in Köln war es während des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht gemütlich! Es war die Stadt in Deutschland, die am häufigsten Bombenangriffe erleiden musste, nämlich insgesamt 262 Mal. Wenn man sich ...

Nein, in Köln war es während des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht gemütlich! Es war die Stadt in Deutschland, die am häufigsten Bombenangriffe erleiden musste, nämlich insgesamt 262 Mal. Wenn man sich das vergegenwärtigt, wundert man sich nicht mehr, dass fast jede Woche irgendwo auf dem Gelände der Stadt im Zuge von Bauarbeiten eine Fliegerbombe gefunden wird und entschärft werden muss.

1942: Wir begegnen Lene, die in Nippes lebt, einem Stadtviertel im Norden Kölns, nicht allzu weit entfernt von der Innenstadt. Sie ist sechzehn und die Zweitälteste von insgesamt fünf Geschwistern. Ihr ältester Bruder Franz ist an der Ostfront, in Russland, ihr jüngerer Bruder ist vierzehn und ein begeisterter Hitlerjunge. Dann gibt es noch zwei ganz kleine Mädchen. Der Vater wird vermisst, die Mutter hat bereits einen neuen Partner.

Lene macht eine Ausbildung zur Friseuse und schreibt Briefe - an ihre Freundin Rosi, die in Detmold in den Arbeitsdienst verschickt wurde, an den Bruder an der Front und irgendwann auch an Erich, den sie nach langen Jahren wiedergetroffen hat und jetzt ziemlich toll findet. Und sie erhält Antworten.

Mit Lene erleben wir den Alltag in Köln, der alles andere als erbaulich ist: ständige Bombenangriffe, die vielen Verluste sind fast schon an der Tagesordnung. Immer mehr Juden müssen ihre Wohnungen verlassen und immer mehr von ihnen sieht man in Züge steigen.

Und immer mehr zweifeln am Nationalsozialismus, allen voran Erich. Aber auch Lene ist nicht überzeugt davon. Aber offen darüber reden kann sie nicht.

Es werden viele Themen angesprochen in dem Roman wie Euthanasie, politische Häftlinge, ältere Menschen in Kriegszeiten, Mangelernährung und vieles mehr. Aber es gab Gegenwehr. Auch unter jungen Leuten. In Köln nannten sie sich Edelweißpiraten und sie waren sehr mutig. Und manche erhalten die Quittung dafür. Auch Lene wird zu einer von ihnen.

Der Leser erfährt, wie es den Menschen so ergeht und sieht, dass es keinen Alltag ohne Krieg gibt. Der Krieg hat wirklich alle Menschen in Deutschland in seinem Griff und man kann ihm nicht entrinnen.

Was aber nicht heißt, dass es überhaupt nichts Schönes gibt, allerdings relativieren sich die Dinge. Es gibt Freundschaft, Liebe, überraschende kleine und große Gesten von Mitmenschen. Ja, die kann man auch in Zeiten erleben, die dunkler nicht sein können.

Frank M. Reifenberg schildert eindringlich und ergreifend das Leben der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Wobei diese viel näher an der Armee war, als man es sich heute vorstellen kann: durch die Soldaten, die es fast in jeder Familie gab, aber auch durch die feindlichen Angriffe.

Ein sehr, sehr trauriges, aber sehr wichtiges Buch, in dem die Stimmung, das Atmosphärische eine große Rolle spielt. Starker Tobak, aber ich bin froh, dass ich es lesen durfte. Als Kölnerin habe ich einen unglaublich tiefen Einblick in die jüngere Vergangenheit meiner Stadt erhalten und ich wünsche einem jeden, dass es auch zu seinem Herkunftsort einen solch großartigen Roman über die dunklen Zeiten des Zweiten Weltkriegs gibt. Es war ein Riesengewinn und ein großes Geschenk, ihn zu lesen!